Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat den Hirtenstab gegen das Aktivisten-Megafon eingetauscht. Heiner Wilmer polemisiert offen gegen die AfD. Aus dem Vatikan bekommt er dafür ein paar ordentliche Ohrfeigen.
picture alliance/dpa | Michael Kappeler
„Sprachlos“ sei er. Das sagt Heiner Wilmer, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nach dem fulminanten Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt.
Man wünscht sich, das wäre wahr. Leider ist es das nicht.
Denn natürlich hat der professionelle Katholik, im Hauptberuf Bischof von Münster, sehr viel gesprochen. Viel zu viel, und fast nur dummes Zeug. Die AfD sei „nachweislich nationalistisch und völkisch eingestellt“. Für dieses Gedankengut gebe es weder im Christentum noch im Judentum oder im Islam Platz. Die Kirche werde widersprechen und sich nicht zurückziehen. So redet Deutschlands oberster Hirte beim sogenannten St.-Michael-Empfang des Katholischen Büros in Berlin.
Hätte er doch nur geschwiegen.
Kampagnenchef statt Seelsorger
Schon vor der Wahl hatte Wilmer die Bürger aufgefordert, ihr „Gewissen zu schärfen“. Apodiktisch verkündete er:
„Migranten stören nicht.“
Sowas kann man sagen – wenn man keine Frau ist, nicht in öffentlichen Freibädern schwimmen geht, keine schulpflichtigen Kinder hat und den Bundeshaushalt für eine größere Küche hält.
Aber all das trifft auf einen katholischen Bischof ja zu.
Die AfD, sagte Wilmer weiter, attackiere Menschenwürde, Freiheit und Demokratie und „hintergeht unsere demokratische Staatsform als solche“. Eine direkte Wahlempfehlung will er das trotzdem nicht nennen. Natürlich nicht. Der Herr Bischof stellt sich nur vor das Wahllokal und flüstert jedem Bürger mahnend zu: „Jeder nur ein Kreuz.“
Das ist Kanzel-Politik aus den dunkelsten Zeiten der katholischen Kirchengeschichte. Diese Tradition ist Gott sei Dank überwunden, aber Bischof Wilmer findet sie weiter toll.
Ein Kardinal liest den Bischöfen die Leviten
Die beredte Sprachlosigkeit sprudelt also aus dem Linksaktivisten Wilmer nur so heraus. Das Ganze passiert gerade mal einen Tag, nachdem in Rom eine bemerkenswerte Kritik an den deutschen Bischöfen laut wurde. Die Rede ist von
„Missbrauch der geistlichen Autorität zu politischen Zwecken“.
Der Vorwurf kommt nicht von irgendwem. Gerhard Ludwig Kardinal Müller war mal Präfekt der Glaubenskongregation. Der Inhaber dieses Amtes ist maßgeblich für die Überwachung und Wahrung der katholischen Glaubenslehre auf der ganzen Welt verantwortlich. Den Job hatte Joseph Kardinal Ratzinger 23 Jahre lang gemacht, bevor er dann zum Papst gewählt wurde.
Müller spricht also aus einem absolut profunden katholischen Amtsverständnis heraus. Bischöfe, mahnt er seine deutschen Kollegen, dürfen moralische Prinzipien benennen, Menschenwürde verteidigen und unmenschliche Behandlung von Ausländern verurteilen. Sie dürfen ihre geistliche Vollmacht aber nicht für oder gegen eine politische Partei in Wahlkämpfen missbrauchen.
Wer regiert, sollen die Wähler entscheiden; den Schutz der Demokratie übernehmen die Verfassungsorgane.
Besonders scharf widerspricht Müller der pauschalen Unterstellung, eine ganze Partei mitsamt ihrer Millionen Wähler teile völkisches Rassedenken. Kein Bischof dürfe AfD-Wähler mit solchen allgemeinen Anschuldigungen sehenden Auges aus der Kirche treiben.
Die Aufgabe der Kirche bestehe darin, Menschen zu Christus zu führen – nicht zu irgendeiner politisch erwünschten Wahlentscheidung.
Berlin contra Rom
Der Kardinal im Vatikan redet über das Seelenheil. Der Bischof in Deutschland redet über Landtagswahlen.
Dieser Streit steht beispielhaft dafür, wie schnell die deutsche Funktionärskirche sich immer weiter von der Weltkirche entfernt. Schon länger versteht sich der deutsche organisierte Katholizismus als – über die Kirchensteuer komfortabel finanziertes – Sondermodell mit eigener Moral und eigener Machtarchitektur.
Und jetzt auch mit eigener Parteipräferenz.
Die deutschen Katholiken graben dabei einen immer tieferen und breiteren Graben zwischen sich und Rom. Der „Synodale Weg“ erklärte 2022, auch praktizierte gleichgeschlechtliche Sexualität sei keine Sünde und nicht „in sich schlecht“. Der Weltkatechismus solle entsprechend umgeschrieben werden.
Ein Jahr später verlangte das deutsche Reformparlament die Überprüfung der – ausschließlich Männern vorbehaltenen – Priesterweihe. Dabei hatte Papst Johannes Paul II. ausdrücklich und verbindlich festgestellt, dass die Kirche keinerlei Vollmacht besitzt, Frauen zu Priestern zu weihen. Die deutschen Katholiken antworteten auf eine endgültig formulierte Lehrentscheidung des weltweiten Oberhaupts aller Katholiken trotzig mit einem Arbeitskreis, der das päpstliche Votum offen in Frage stellt.
Auch beim geplanten dauerhaften Synodalgremium musste Rom die Notbremse ziehen. Der Heilige Stuhl stellte 2022 klar, dass der deutsche „Synodale Weg“ weder neue Leitungsstrukturen noch neue Lehren und Moralvorstellungen verbindlich einführen darf. Solche Alleingänge verletzten die kirchliche Gemeinschaft und gefährdeten die Einheit. 2024 musste zusätzlich festgeschrieben werden, dass ein nationales Gremium weder über der Bischofskonferenz stehen darf – noch auch nur auf gleicher Höhe mit ihr.
Das sind keine kleinen Missverständnisse. Das ist ein Richtungskampf. Die deutsche Kirche will den Katholizismus an deutsche Feuilletons, deutsche Parteitage und deutsche Identitätsdebatten anpassen. Die Weltkirche folgt ihr nicht.
Deutschlands Katholische Kirche verwechselt ihren gewaltigen Kirchensteuerapparat mit theologischer Autorität.
Zeitgeist rein, Gläubige raus
Gleichzeitig leeren sich die Kirchen. Vielleicht ja auch: deshalb.
Im vergangenen Jahr sind offiziell mehr als 307.000 Menschen aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Seit 2021 beträgt der Verlust mehr als 1,9 Millionen Gläubige. Nur noch 19,2 Millionen Deutsche sind Mitglied der Katholischen Kirche.
Statistisch besucht von 15 Katholiken nur ein einziger einen Gottesdienst.
Missbrauchsskandale, Kirchensteuer und allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft sind natürlich wichtige Gründe für diesen Niedergang. Doch die galoppierende und radikal einseitige Politisierung der Katholischen Kirche in Deutschland beschleunigt den Niedergang.
Wer Polit-Aktivisten sucht, findet sie in Parteien, NGOs, staatsfinanzierten Subventionstheatern und öffentlich-rechtlichen Talkshows. Dafür braucht niemand einen Bischof.
Die Kirche hat etwas, das keine Partei anbieten kann: Sakramente, Vergebung, Transzendenz und die Hoffnung auf ewiges Leben. Ausgerechnet diesen Schatz vergräbt die deutsche Amtskirche unter Positionspapieren zum Klima, zu Geschlechtsidentitäten, zur Migration und zur Demokratieförderung. Statt das Evangelium predigt sie den Newsletter einer regierungsnahen Stiftung – und wundert sich, dass sonntags die Leute wegbleiben.
Bischof Wilmer will keine AfD-Wähler. Kardinal Müller erinnert ihn daran, dass ein Hirte seine Schäfchen nicht nach Parteibuch sortiert. Es steht zu befürchten, dass die deutschen Bischöfe die Mahnung aus Rom – wieder einmal – nicht hören wollen. Sie definieren sich weiter als geistlicher Begleitservice des Zeitgeistes. Sie wollen jeden modischen Trend segnen und Millionen Gläubige im Wortsinn abkanzeln.
Wer das tut, braucht sich über den Exodus seiner Kirche nicht zu wundern. Er organisiert ihn.



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