Haltung ist zum Rauschmittel eines Milieus geworden, das sich im Kampf gegen die AfD gegenseitig seiner moralischen Überlegenheit versichert. Mit dem Leben der Bürger hat dieses Ritual rein gar nichts gemein. Die Menschen reagieren auf dieses Spektakel mit immer größerer Abneigung und Abscheu.
Eine der berühmtesten Szenen aus Francis Ford Coppolas ‚Apocalypse Now‘ spielt am Morgen nach einem amerikanischen Angriff auf ein vietnamesisches Dorf. Hubschrauber haben die Küste unter Wagners „Walkürenritt“ zusammengeschossen, Napalm legt sich über die Landschaft. Zwischen Rauch, Feuer und Verwüstung steht Lieutenant Colonel Bill Kilgore, gespielt von Robert Duvall, scheinbar vollkommen unberührt von dem, was um ihn herum geschehen ist. Während andere Schutz suchen, richtet er sich auf und spricht über den Geruch des Napalms am Morgen.
Für Kilgore ist dieser Geruch mit einem Gefühl von Triumph verbunden. Der Krieg hat seine Wahrnehmung so gründlich verschoben, dass die Zerstörung selbst zum Rauschmittel geworden ist. Wo der Zuschauer verbrannte Erde sieht, riecht Kilgore den Sieg. Coppola verdichtet darin den Größenwahn eines Milieus, das sich in seiner eigenen Macht berauscht und den Unterschied zwischen tatsächlichem Erfolg und dem Gefühl des Erfolgs komplett verloren hat.
Linke Haltungsarmada
Dieses Milieu schreitet ebenso selbstgefällig wie Kilgore seine Haltungsmeilen ab. Es gefällt sich längst in der Rolle eines neuen Widerstands. Man inszeniert sich schamlos als Erbe der Weißen Rose und behandelt politische Gegner gleichzeitig wie Ungeziefer. Von „Ratten“ ist die Rede, von „Schädlingen“, von Menschen, die wieder in ihren „Löchern“ verschwinden oder zurückgetreten werden sollen. Parteien sollen verboten, Medien finanziell ausgetrocknet, Kanäle von Werbeeinnahmen abgeschnitten und abweichende Stimmen aus jedem öffentlichen Raum gedrängt werden.
Der eigene ausgeprägte Vernichtungswille wird dabei als hehrer Demokratieschutz verkauft, dem sich alles und jeder unterzuordnen hat. Wer sich hier nicht eingeladen fühlt, wer nicht mitmarschiert, wer auch kurz mal nachfragt, ob das alles so ganz richtig ist, ist der Feind. Je brutaler die Sprache und je radikaler die Forderung nach Ausschluss, desto größer der moralische Rausch. Man hält sich selbst für die letzte Bastion der Menschlichkeit und ist nicht einmal mehr in der Lage zu erkennen, wie hemmungslos man selbst Andersdenkende darunter entmenschlicht. In dieser Welt bedeutet das keinen Widerspruch.
Genau dort ist der Großteil des deutschen Kultur- und Aktivistenbetriebs im Kampf gegen die AfD angekommen. Seit Jahren folgt unmittelbar eine Aktion auf die nächste, jede begleitet vom Anspruch, diesmal ein besonders starkes Zeichen gesetzt zu haben. Ein regelrechter Staat im Staat, in weiten Teilen an der Titte des süßen Staatsgelds hängend, beschäftigt sich mit nichts anderem mehr als damit, Haltungsbotschaften abzusondern.
Währenddessen wächst die AfD unverdrossen immer weiter. In Sachsen-Anhalt liegt sie inzwischen in Umfragen bei deutlich mehr als 40 Prozent. Im Bund kratzt sie an der 30er-Marke. Das hält die Haltungsgemeinschaft nicht davon ab, ihre immer gleichen Rituale immer wieder aufzuführen. Immer wieder. Immer und immer wieder. So stellt man sich die Hölle vor.
Bildet Chöre
Dazu kam Herbert Grönemeyer Ende August, wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, nach Magdeburg, um gemeinsam mit rund 350 Sängern aus neun Chören im Dom gegen rechts anzusingen. Die Veranstaltung sollte für Zusammenhalt stehen und fand zugleich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem ausdrücklich „geschützten Rahmen“ statt. Ein gesellschaftlich sehr weißes alt- und neulinkes Milieu versicherte sich dort seiner gegenseitigen Verbundenheit und Haltung, während ein beträchtlicher Teil jener Gesellschaft, die angeblich erreicht werden soll, draußen blieb.
Grönemeyer ist für diese Form der politischen Selbstberauschung Idealbesetzung. 2019 erklärte er vor 14.000 Zuschauern in Wien, wenn Politiker schwächelten, liege es „an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat“. Anschließend brüllte er sein „Keinen Millimeter nach rechts“ ins Mikro. Der damalige SPD-Außenminister Heiko Maas bedankte sich ausdrücklich. Im Februar 2026 entdeckte Grönemeyer die Tierwelt als politisches Vokabular. Bei einem Konzert in Dortmund sprach er von „rechten Ratten und rechten Rassisten“ und erklärte, die bürgerliche Gemeinschaft müsse zusammenstehen, bis sie wieder „in ihren Löchern verschwinden“. Zwei Strafanzeigen folgten. Die Staatsanwaltschaft Dortmund entschied nach Prüfung, kein Ermittlungsverfahren einzuleiten.
Wenige Monate später erhielt Grönemeyer den Deutschen Nationalpreis für sein Engagement für demokratische Werte. Die Laudatio hielt unter anderem der ehemalige SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel. Die Deutsche Nationalstiftung würdigte ausdrücklich Grönemeyers Kampf gegen „Ausgrenzung, Hass und Hetze“. Man kann im Deutschland des Jahres 2026 ganz offensichtlich Menschen sprachlich in die Nähe von Ratten rücken und kurz darauf für den Kampf gegen Hetze ausgezeichnet werden. Wow. Man muss nur zuverlässig auf derjenigen Seite stehen, die sich ihre moralischen Zertifikate gegenseitig reihum ausstellt.
Derer Beispiele gibt es zahllose. Von Jan Böhmermann über Dunja Hayali bis Hape Kerkeling hängt man sich gegenseitig Haltungsorden, -kreuze und -medaillen an und um, sodass sich hierzu die Redewendung „5 Tonnen Blech“ etabliert hat.
Wenn das Theater gleich das Gericht mitspielt
Wo Gesang nicht genügt, wird Recht gesprochen. Das Hamburger Thalia Theater verwandelte sich hierunter im Februar für drei Tage in einen Gerichtssaal. Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“ verhandelte unter realitätsnahen Gerichtsbedingungen unter anderem ein mögliches AfD-Verbot. Rund 35 wirkliche Juristen, Ankläger, Verteidiger und weitere Beteiligte standen auf der Bühne. Die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin leitete das Verfahren. Schauspieler waren ausdrücklich nicht vorgesehen. Das Publikum bestand aus den typischen Vielfalt-über-alles-weißweißamweißesten-Alt-68ern und ihren politisch Gleichgesinnten (ja, ein kleinerer Ausschnitt anbei, aber der deutlich größere im YouTube-Video zur Veranstaltung macht es keineswegs besser).
Am Ende verlangte die Jury wenig überraschend mehrheitlich die Prüfung eines AfD-Verbots. Für ein unmittelbares Verbot fand sich keine Mehrheit. Hingegen sprach sie sich dafür aus, die Partei von staatlicher Finanzierung auszuschließen. Der politisch-kulturelle Betrieb hatte sich damit sein eigenes Gericht gebaut, seine Richter bestellt und die Opposition auf die Anklagebank gesetzt. Das weißweiße Publikum spendete bei der Forderung nach Prüfung eines Verbots Applaus.
Für die besondere Würze sorgte die Finanzierung. Das Thalia Theater gehört zu 100 Prozent der Freien und Hansestadt Hamburg. Für 2025/26 waren allein 32,65 Millionen Euro institutionelle Zuwendungen aus dem Hamburger Kernhaushalt vorgesehen. Der „Prozess gegen Deutschland“ wurde zusätzlich durch die Kulturstiftung des Bundes und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Ein nahezu vollständig vom Staat getragenes Theater simuliert einen Prozess gegen die größte Oppositionspartei des Bundes und lässt anschließend darüber abstimmen, ob dieser Partei staatliches Geld entzogen werden sollte. Mehr politisches Gesamtkunstwerk bekommt man für Steuergeld kaum.
Wahre Heimatliebe einer Nichtdeutschen
Die Schauspielerin Sandra Hüller gehört ebenfalls zum wandernden Ensemble. Bereits am Vorabend der Thüringer Landtagswahl 2024 sollte sie bei der „konzertanten Wahlerinnerung im Galaformat“ des Kunstfests Weimar auftreten. Die Veranstaltung „Come As You Are“ wollte ausdrücklich ein politisches Zeichen setzen. Hüller sagte kurzfristig aus persönlichen Gründen ab, war zuvor jedoch fest angekündigt worden. Das dazugehörige Projekt „Bevor wir kippen“ bespielte den Theaterplatz über zwei Wochen rund um die Landtagswahl.
Auch dort war die viel beschworene Zivilgesellschaft finanziell erfreulich solide aufgestellt. Veranstalter des Kunstfests ist das Deutsche Nationaltheater und Staatskapelle Weimar, Staatstheater Thüringen. Allein 2024 kamen für das Kunstfest 650.000 Euro vom Freistaat Thüringen und 250.000 Euro von der Stadt Weimar. Der gesamte Theaterbetrieb erhielt im selben Jahr mehr als 32 Millionen Euro öffentliche Zuwendungen.
Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 ist Hüller nun tatsächlich dabei. Gemeinsam mit Christian Friedel und weiteren „Prominenten“ (die aber kaum ein Mensch kennt) unterstützt sie die Kampagne „Wahre Heimatliebe ist“, die eine absolute Mehrheit der AfD verhindern soll. 200.000 Euro werden nach Angaben der Organisatoren aus privaten Spenden für politische Werbung ausgegeben.
In dieser Woche erklärte Hüller dann der Süddeutschen Zeitung: „Ich persönlich identifiziere mich nicht als Deutsche.“ Sie sehe sich als „thüringische Europäerin oder europäische Thüringerin“. Deutschland bedeute für sie aufgrund ihrer Geburt eine Verantwortung. Die Frau, die anderen Bürgern im ostdeutschen Wahlkampf unter der Überschrift „Wahre Heimatliebe“ politisch ins Gewissen redet, möchte sich selbst also nicht einmal als Deutsche identifizieren. Heimatliebe dient in diesem Milieu nur zur Gebrauchsanweisung für andere. Wie sagte Ricky Gervais in seiner wohl milliardenfach angesehenen Golden Globe Rede? „Ihr tut alle so ‚woke‘ (moralisch überlegen), aber die Firmen, für die ihr arbeitet … Wenn der IS einen Streaming-Dienst starten würde, würdet ihr euren Agenten anrufen, oder?“
Immer dieselbe lahme Vorstellung
Allein die vergangenen zweieinhalb Jahre ergeben inzwischen ein kleines Festivalprogramm. Anfang 2024 formierten mehr als 1.700 Organisationen in Berlin die Aktion „Wir sind die Brandmauer“. Nina Chuba und andere Künstler traten auf. Nach Angaben der Veranstalter kamen Hunderttausende. Schwer zu sagen. Politisch Genehmes wird zahlenmäßig immer gern extrem aufgeblasen, wohingegen zur angenehmen Coronamaßnahmen-Demo unter Ballweg in Berlin angeblich nur ein Kegelclub aufgereizt ist (Achtung, Übersetzung, als Stilmittel erlaubt).
Anfang 2025 folgte die Prominentenkampagne „#NICHTokay“. Schauspieler, Musiker und andere bekannte Gesichter blickten in Schwarz-Weiß-Videos in die Kamera und erklärten den Bürgern: „Es ist nicht okay, die AfD zu wählen.“ Die Initiatoren machten damit ausdrücklich die Wahlentscheidung von Millionen Bürgern zum Gegenstand öffentlicher moralischer Belehrung.
Fast gleichzeitig unterzeichneten Hunderte Schauspieler und andere Prominente einen offenen Brief gegen Union, FDP und BSW, nachdem ein Unionsantrag zur Migrationspolitik mit AfD-Stimmen eine Mehrheit im Bundestag bekommen hatte. Daniel Brühl, Jella Haase und zahlreiche weitere Unterzeichner erklärten den Vorgang zum „historischen Tabubruch“ und verlangten die Aufrechterhaltung der Brandmauer.
In Sachsen-Anhalt organisiert sich gerade zusätzlich ein Bündnis unter dem Namen „Kultur ist Vielfalt und Heimat“. Museen und weitere Kulturinstitutionen wenden sich gegen die kulturpolitischen Vorstellungen der AfD. Die Sprecherin und Magdeburger Museumsdirektorin Annegret Laabs erklärte dem SWR, bei einem Erfolg der Partei könnten Theater ihre Spielpläne vergessen und Museen ihre bisherige Kunst nicht mehr zeigen. Das Bündnis plant Veranstaltungen und Straßenaktionen. Zu seinen Trägern beziehungsweise Unterzeichnern gehören zahlreiche öffentlich getragene Einrichtungen und Stiftungen.
„Ich bin meine eigene Zielgruppe“
Am 5. September, einen Tag vor der Wahl, kommt in Magdeburg noch das „Demokratiefestival“ des Bündnisses „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ hinzu. Mehr als 300 Organisationen gehören zum Bündnis. Sebastian Krumbiegel und Kerstin Ott stehen im Programm; Luisa Neubauer soll bei der vorausgehenden Demonstration sprechen. Wieder werden Bühne, Musik und moralische Selbstvergewisserung zu einer politischen Veranstaltung unmittelbar vor einer Wahl zusammengespannt.
Sebastian Krumbiegel gehört seit Jahren zum festen Personal dieser Haltungsshows. Er erklärte, er sei „froh über eine gut vernetzte Antifa“, werde mit zunehmendem Alter „radikaler“ und bezeichnete AfD-Politiker ausdrücklich als sein „Feindbild“. Nach den ostdeutschen Landtagswahlen verbreitete er die Behauptung, ein Viertel der AfD-Wähler seien „richtige Hardcore-Nazis“, und bellte anschließend: „Hey Leute, fuck you, ihr habt hier nichts zu melden!“ Im ZDF reichte 2026 die Kritik eines Zuschauers an seinen Antifa-Parolen für die Gegenfrage: „Bist du Faschist, oder was?“ Krumbiegels treffendster Satz über diesen ganzen Haltungsbetrieb stammt allerdings von ihm selbst: „Ich bin meine eigene Zielgruppe.“
Diese Haltungsindustrie-Veranstaltungen unterscheiden sich nur sehr marginal in Namen und Besetzung. Ihr Publikum stammt weitgehend aus demselben gesellschaftlichen Biotop, ihre Botschaften kreisen um dieselben Begriffe. Niemand muss dort noch irgendwie überzeugt werden. Man versichert sich gegenseitig, demokratisch, weltoffen und vielfältig in seiner ganzen, spießeigenen Weißnuancigkeit zu sein. Wer außerhalb dieser hermetisch abgeschlossenen Blase lebt, bekommt vor allem mitgeteilt, wie er zu wählen und welche politischen Vorstellungen er moralisch zu verwerfen hat.
— ARD +ZDF- die zentralen Missstandsverantwortlichen (@Stiefellecken24) February 17, 2026
Das erklärt auch den merkwürdigen Monoklang dieser Veranstaltungen. Sie richten sich gar nicht mehr an jene Millionen Menschen, deren politische Entscheidungen ihnen angeblich solche Sorgen bereiten. Wer steigende Sozialabgaben bezahlt, sich über Energiepreise ärgert oder in einer Kommune die Folgen unkontrollierter Migration erlebt, findet seine Lebenswirklichkeit in diesen Inszenierungen nicht wieder. Er begegnet stattdessen einem absolut selbstzufriedenen Milieu, das ihm regelmäßig erklären will, dass man den eigenen Augen nicht trauen kann, dass sein Unbehagen falsch adressiert ist und seine daraus gezogene Wahlentscheidung schon mal erst recht.
Die Akteure leben dabei häufig in Strukturen, deren Existenz vom bestehenden politischen System erheblich sicherer getragen wird als die Existenz eines Handwerksbetriebs oder eines mittelständischen Unternehmens. Theater und Kulturinstitutionen, die Filmwirtschaft erhalten Milliarden aus öffentlichen Haushalten. Der Bund spart an dieser Stelle demonstrativ nicht. Unter Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wurde der Kulturetat trotz angespannter Haushaltslage erneut angehoben: von rund 2,33 Milliarden Euro 2025 auf 2,57 Milliarden Euro 2026.
Besonders kräftig wächst die Filmförderung, die auf 250 Millionen Euro nahezu verdoppelt wurde. Funktionäre öffentlich finanzierter Einrichtungen treten als politische Mahner auf. Künstler beziehen ihre gesellschaftliche Bedeutung zu erheblichen Teilen aus einem Kultur- und Medienbetrieb, dessen Institutionen wiederum stark staatlich finanziert sind. Wer an diesen Strukturen hängt, besitzt durchaus einen materiellen Grund, Veränderungen als konkrete Bedrohung seiner Lebensgrundlage zu betrachten.
Die private Hilfspolizei des richtigen Denkens
Campact ist hier ein anderer Fall. Die Organisation bekommt nach eigenen Angaben weder direkt noch indirekt staatliche Gelder und finanziert sich aus privaten Spenden. 2025 nahm Campact 26,25 Millionen Euro ein. Die fehlende Staatsfinanzierung macht ihre aktuelle Rolle allerdings nicht weniger bemerkenswert.
Für Sachsen-Anhalt gibt Campact 620.000 Euro für eine Kampagne zum „strategischen Wählen“ aus. 13.500 Plakate werden aufgehängt, daneben laufen Anzeigen und Postwurfsendungen. Campact empfiehlt ausdrücklich, die Zweitstimme SPD oder Grünen zu geben. Die Organisation bezeichnet sich trotzdem weiterhin als überparteilich. Das Geld stammt aus einem „NoAfD-Fonds“, in den nach Campact-Angaben mehr als 75.000 Menschen eingezahlt haben.
Gleichzeitig kümmert Campact sich inzwischen darum, welche Medien durch Werbung Geld verdienen sollen. Für eine „Schwarmrecherche“ suchte die Organisation rund 60 von ihr als „Hetzkanäle“ bezeichnete YouTube-Angebote aus, darunter nach eigenen Angaben besonders einflussreiche AfD-nahe Kanäle. Rund 15.000 Unterstützer meldeten knapp 40.000 ausgespielte Werbeanzeigen. Campact kontaktierte etwa 90 Unternehmen und forderte Konsequenzen. Knapp 30 kündigten anschließend an, die ausgewählten Kanäle auf Sperrlisten zu setzen oder einen solchen Schritt zu prüfen.
Die nächste Aktion läuft bereits. Campact hat zwölf Medien zu „Empörungsmedien“ erklärt und Dossiers über sie veröffentlicht. Neben Tichys Einblick stehen dort die NachDenkSeiten, Weltwoche und Nius. Mit bezahlten Anzeigen will Campact dafür sorgen, dass eigene Texte bei Suchanfragen nach diesen Medien prominent erscheinen. Die Organisation betreibt damit nicht mehr nur Gegenrede. Sie versucht, Werbegeld von missliebigen YouTube-Angeboten fernzuhalten, indem es Unternehmen mehr oder weniger subtil unter Druck setzt und bei Suchmaschinen den Informationsraum rund um missliebige Medien mit der eigenen Bewertung besetzt.
Die Haltungsszene braucht die Außenwelt inzwischen fast nur noch als Projektionsfläche. Im Inneren herrscht ein geschlossenes System der gegenseitigen Bestätigung: Künstler bestätigen Aktivisten, Aktivisten bestätigen Kulturfunktionäre, Kulturveranstaltungen liefern die Kulisse. Die Bevölkerung darf zusehen, zahlen und soll sich von diesen Haltungshamplern beschimpfen und belehren lassen.
In dieser Blase spielt Sauerstoff offenbar nur noch eine untergeordnete Nebenrolle. Sonst könnte nach Jahren der gegenseitigen Selbstbewirtschaftung irgendwann die Frage aufkommen, warum immer mehr Geld, Kampagnen und öffentlich finanzierte „Demokratieförderung“ gegen rechts mit immer neuen Höchstständen für die blaue Schwefelpartei zusammenfallen. Man könnte daraus Schlüsse ziehen. Man kann aber natürlich auch weitermachen wie bisher, tief die eigene Haltungswolke inhalieren und Menschen als „Ratten“ beschimpfen. Der Geruch am Morgen bleibt dann derselbe. Nur nach Sieg riecht er längst nicht mehr.




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein