Pflegekassen vor dem Kollaps: Im Oktober ist das Geld alle

Die Pflegeversicherung rutscht in akute Zahlungsnot. Schon im Oktober reichen die laufenden Einnahmen nicht mehr, für 2027 fehlen zehn Milliarden Euro. Trotz deutlich gestiegener Beiträge steht das System vor dem nächsten Milliardenloch.

picture alliance / dts-Agentur

Die deutsche Pflegeversicherung nähert sich dem Zustand, für den ein privates Unternehmen längst beim Insolvenzgericht vorstellig werden müsste. „In wenigen Monaten ist das Geld alle“, warnt Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. Bereits im Oktober sollen die laufenden Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die Pflegeleistungen vollständig zu finanzieren. Bis zum Jahresende fehlen nach Berechnungen des Verbandes noch einmal rund 500 Millionen Euro.

Dabei ist die Pflegeversicherung längst mit Milliarden aus dem Bundeshaushalt vollgepumpt worden. Allein 2026 erhält sie ein Darlehen über 3,2 Milliarden Euro. Trotz dieser Finanzspritze erwartet der GKV-Spitzenverband für das Gesamtjahr noch ein Defizit von 1,2 Milliarden Euro. Ohne das Darlehen beliefe sich das tatsächliche Loch auf 4,4 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr waren bereits 770 Millionen Euro Defizit aufgelaufen. Die Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um elf Prozent, die Beitragseinnahmen lediglich um 3,9 Prozent.

Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt dieser Bankrotterklärung. Zum 1. Januar 2025 hatte die damalige Bundesregierung den Beitragssatz zur Pflegeversicherung gerade erst um 0,2 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent erhöht. Kinderlose zahlen seither 4,2 Prozent. Die Beitragserhöhung sollte jährlich rund 3,7 Milliarden Euro zusätzlich einbringen. Der Bundestag hielt damals unter Berufung auf die Bundesregierung ausdrücklich fest, mit dem höheren Beitrag sei die Finanzierung der gesetzlichen Leistungen ab 2025 wieder gesichert. Keine zwei Jahre später lautet die Übersetzung von „gesichert“: Im Oktober reicht das Geld nicht mehr.

Für 2027 fehlen schon zehn Milliarden Euro

Und 2026 ist lediglich das Vorspiel. Für das kommende Jahr erwartet der GKV-Spitzenverband einen zusätzlichen, bislang ungedeckten Finanzbedarf von zehn Milliarden Euro. Rund 7,5 Milliarden Euro davon entfallen auf das prognostizierte Defizit, der Rest wird benötigt, um die Betriebsmittel der Pflegekassen wieder auf ein Niveau zu bringen, das ihre Zahlungsfähigkeit absichert.

Die Bundesregierung kennt das Problem seit langem. Schon Ende 2025 beschloss Schwarz-Rot, die Pflegeversicherung 2026 mit einem Darlehen über 3,2 Milliarden Euro zu stützen. Dieses Geld muss die Pflegeversicherung nach derzeitiger Rechtslage zwischen 2029 und 2033 an den Bund zurückzahlen. Die aktuelle Finanzkrise wird damit teilweise durch neue Schulden in die kommenden Jahre verschoben.

Auch das Versprechen einer großen Pflegereform begleitet die Politik seit Monaten. Nina Warken hatte als Gesundheitsministerin angekündigt, die Reform solle zum 1. Januar 2027 in Kraft treten und ihr Entwurf rechtzeitig vor der Sommerpause vorliegen. Im Mai hieß es sogar noch, das Gesetz solle vor der Sommerpause durch den Bundestag. Daraus wurde nichts. Der von Warken hinterlassene Entwurf hat bis heute nicht einmal das Bundeskabinett passiert. Ihr Nachfolger Carsten Linnemann will ihn nun teilweise umarbeiten. Während Berlin also weiter an der Reform schraubt, schreibt die Pflegeversicherung rote Zahlen.

Die Zahl der Leistungsbezieher hat sich verdoppelt

Ein erheblicher Teil der Kostenexplosion ist politisch verursacht. Seit Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs 2017 ist die Zahl der Leistungsempfänger massiv gestiegen. Nach einer vom GKV-Spitzenverband in Auftrag gegebenen Untersuchung verdoppelte sich die Zahl der Pflegebedürftigen seitdem von rund drei auf fast sechs Millionen. Der Anteil der Pflegebedürftigen an den gesetzlich Versicherten erhöhte sich zwischen 2017 und 2024 von 4,6 auf 7,6 Prozent. Nach Einschätzung des Verbandes erklärt sich der starke Anstieg wesentlich aus dem damals großzügiger ausgestalteten Zugang zu Pflegeleistungen.

Die Kosten liefen entsprechend davon. 2016 gab die soziale Pflegeversicherung rund 31 Milliarden Euro aus. 2025 waren es bereits 73,82 Milliarden Euro. Allein die Ausgaben für Pflegegeld stiegen von 11,74 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 21,01 Milliarden Euro 2025.

Besonders dreist wirkt der Alarmruf angesichts einer Rechnung, die seit Jahren offenliegt: Der Bund hat die Pflegeversicherung immer wieder zur Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben herangezogen und damit den eigenen Haushalt entlastet. Allein aus der Corona-Zeit stehen nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes noch rund 5,2 Milliarden Euro aus. Weitere 5,3 Milliarden Euro jährlich zahlen die Pflegekassen inzwischen für die Rentenbeiträge pflegender Angehöriger – eine Aufgabe, die der Verband dem Bundeshaushalt zurechnet. Der GKV-Spitzenverband formuliert es inzwischen selbst unmissverständlich: Die Beitragszahler „subventionieren hier Jahr für Jahr den Bundeshaushalt in Milliardenhöhe“. Würde der Bund seine Corona-Schulden begleichen und diese Rentenbeiträge übernehmen, wären für 2027 mehr als zehn Milliarden Euro zusätzlich verfügbar – ziemlich genau die Summe, die nun zur Stabilisierung der Pflegeversicherung fehlt.

Für Pflegebedürftige wird die Misere gleichzeitig immer teurer. Wer im ersten Jahr in einem Pflegeheim lebt, muss nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes im Bundesdurchschnitt inzwischen mehr als 3.000 Euro monatlich aus eigener Tasche aufbringen. Der Verband fordert deshalb, dass die Länder endlich die Investitionskosten der Heime vollständig übernehmen. Das könnte Pflegebedürftige nach seiner Berechnung um rund 500 Euro im Monat entlasten.

Die Pflegeversicherung ist damit zum Musterfall deutscher Sozialpolitik geworden. Beiträge werden erhöht, Milliarden geliehen und Reformtermine verschoben. Im November 2024 erklärte die Bundesregierung noch, die nächste Beitragserhöhung sichere die Finanzierung. Im August 2026 meldet der Spitzenverband „Alarmstufe Rot“ und kündigt an, dass die laufenden Einnahmen bereits im Oktober nicht mehr reichen.

Carsten Linnemann hat das Gesundheitsministerium erst Ende Juli übernommen. Die Rechnung auf seinem Schreibtisch stammt aus vielen Jahren verfehlter Politik. Wegmoderieren lässt sie sich nicht mehr. Zehn Milliarden Euro zusätzlicher Finanzbedarf für 2027 bedeuten, dass Schwarz-Rot innerhalb weniger Monate entscheiden muss, wer bezahlt: die Beitragszahler, der Steuerzahler oder die Pflegebedürftigen über geringere Leistungen. Das bisherige Verfahren, immer neues Geld in das alte System zu schieben, ist bereits an seinem eigenen Ergebnis gescheitert.

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Kommentare ( 24 )

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Malte
36 Minuten her

Die Sozialzwangsversicherung jenseits einer Basisversorgung ist auf allen Ebenen gescheitert. Rente, KV, PflV, alle pleite. Und warum? Weil der Bund in allen Versicherungszweigen die Versorgungsträger zwingt, versicherungsfremde Leistungen zu erbringen, denn merke: Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass ein Politiker vorhandene Liquidität nicht ausgibt. Einzige Lösung: es gibt in allen Versicherungszweigen eine Basiversorgung. Die Beiträge werden auf niedrigem Niveau gedeckelt. Die Ausgaben werden den Einnahmen angepasst, nicht umgekehrt. Wer ein höheres Absicherungsniveau möchte, kann und soll sich extra versichern. Die Pflegeversicherung setzt zudem erhebliche Fehlanreize. Prof. Raffelhüschen hat mal erklärt, es handele sich um ein gigantisches Erbschaftsbewahrungsprogramm… Mehr

Ho.mann
37 Minuten her

„Pflegekassen vor dem Kollaps“ Sind in den Reihen der millionenfach eingeschleusten Fachkräfte keine billigen Pflegekräfte zu finden? Ups, ich habe vergessen, dass deren Pflege für unsere Volkstreter oberste Priorität hat. Wobei die illegal Gepflegten ohnehin noch eher dafür sorgen, dass die Zahl der Pflegebedürftigen zunimmt.

Stormaner
44 Minuten her

Die Pflegerversicherung ist ein Selbstbedienungsladen für die diversen kommerziellen Akteure, insbesondere die Kirchen und Wohlfahrtsverbände als Betreiber der stationären und ambulanten Pflege. Die Pflegeheime werden dabei trotz fehlenden Personals ständig nachbelegt und die Pflegebedürftigen bekommen trotz steigender Ausgaben der Pflegekasse und steigender Eigenanteile nicht die Pflege, derer sie bedürfen. Die Betreiber wollen natürlich nur helfen und stopfen sich dabei die Taschen voll. Mir sind allerdings auch diverse Fälle bekannt, bei der Personen mit dem Pflegegrad 1 oder 2 das Pflegegeld als eine Art Lastenausgleich bzw. Zusatzrente kassieren und der Lebenspartner bzw. die Partnerin die notwendigen Unterstützungsmaßnahmen durchführt, die eigentlich innerhalb… Mehr

Walzerfee
33 Minuten her
Antworten an  Stormaner

Meine Eltern sind in dieser Situation. Allerdings ist meiner Mutter mit über achtzig das kaum noch zuzumuten. Und soo viel Pflegegeld ist es nicht, ein Heimplatz wäre erheblich teurer. Die ganze Wahrheit steckt allerdings in Ihrem letzten Satz. Geld wäre schon da, wenn man es nicht für ideologische Projekte ausgeben würde. Und für Leute, die nie einbezahlt haben. Eine Versicherung ist für die Leute, die mit der Versicherungsgesellschaft einen Vertrag haben. Sonst funktioniert das nicht.

Talleyrand
49 Minuten her

Wir haben die höchsten Staatssteuereinnahmen seit Menschengedenken und können unsere Alten nicht pflegen? Da sind offensichtlich wirklich Flachzangen am Werk. Wenn nicht Schlimmeres und Kriminelles.

Joerg Gerhard
53 Minuten her

Wenn ich allein in der Familie sehe, wer alles seit Jahren eine Pflegestufe hat und fuer welche banalen Leistungen dann noch extra Kohle rausgeballert wird, ist es ein Wunder, dass ueberhaupt noch Geld da ist.
Es fehlen finanzielle Beduerftigkeitspruefung und/oder massiv hoehere Eigenanteile, dann wuerde sich einiges erledigen.

Kraichgau
1 Stunde her

also,halten wir fest,erst finanziert der Staat mit Pflegeeinnahmen fremde Aufgaben,dann wird mittels Schulden diese Lücke wieder ausgeglichen.
Und DANN wird erklärt,das System funktioniert nicht und muss über höhere Beiträge gestützt werden…..
also stiehlt der Finanzminister dreist aus der Kasse und schiebt die Schulden der Allgemeinheit zu 🙂

Karl Heinz Nusser
1 Stunde her

Ich habe gehört, Andrea Nahles (SPD-Fachfrau) wird die Einrichtung in Kürze organisieren. Sie hat bekanntlich Erfahrung (Arbeitslosenkasse) mit der Verzögerung eines Kollaps. Es wird dann sicher noch eine kleine Weile dauern. Alternativ könnte man unseren Klingbeil (Zahlen interessieren ihn nicht) installieren. Das Problem Kollaps stellt sich nur, wenn man mit Zahlen arbeitet. Wenn man die Einnahmen nicht mehr den Ausgaben gegenüber stellen würde, hätten wir ein funktionierendes Sozi-Modell (auch eine Art feministische Formel). Die Sozis sind schon am basteln.

Gerhard-66
1 Stunde her

In dem Kontext Werweise Ich nur an Heinz Bude..

„Wir haben gesagt, wir müssen ein Modell finden, um Folgebereitschaft herzustellen“https://www.welt.de/kultur/plus250658831/Corona-Aufarbeitung-Einblicke-in-die-zynische-Welt-der-Angstkommunikation.html
„Es bleibt nicht mehr genug für alle“https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus249659716/Heinz-Bude-ueber-Deutschland-Es-bleibt-nicht-mehr-genug-fuer-alle.html

Wie Bestellt so Geliefert..:-)

Rob Roy
1 Stunde her

Die Zahl der Pflegefälle hat sich in den letzten Jahren erhöht, aber offiziell keineswegs überproportional. Die Kosten für Pflegeheime sind zum Teil abartig gestiegen – diese werden jedoch vor allem über den Privatanteil bezahlt.
Was also hat der Staat mit den Sozialabgabe der Pflegeversicherung gemacht? Kann es sein, dass damit sachfremde Leistungen bezahlt wurden?
Oder haben wir durch den „Familiennachzug“ schlagartig viele migrantische Senioren bekommen, die nun bereits alle Pflegegeld erhalten? Und aber schön aus Statistiken herausgerechnet werden, damit man es nicht merkt?

Buck Fiden
1 Stunde her

Das Geld ist alle. Aber ganz sicher nicht das von Nina Warken, was in ihre Tasche geht, so als Salär.

verblichene Rose
40 Minuten her
Antworten an  Buck Fiden

Quelle Internet: Die monatlichen Bruttobezüge von Nina Warken (CDU) belaufen sich auf insgesamt 32.198,62 Euro.
Das reale monatliche Nettoeinkommen beträgt dennoch schlappe 17.230 Euro, dank steuerfreier Pauschalen und ohne gesetzliche Rentenabgaben. Ganz schön sportlich, oder?