Nackt fürs Klima – in Berlin braucht selbst FKK eine politische Botschaft

Hunderte Menschen fahren am Wochenende unbekleidet durch Berlin. Sie demonstrieren für Toleranz, Vielfalt, Umweltschutz und die FKK-Kultur. Dabei geht Nacktsein andernorts noch ganz ohne politische Schlagseite.

IMAGO / Sabine Gudath

Berlin ist am Wochenende dem Ursprung der Menschheit ein Stück nähergekommen: dem Nacktsein. Allerdings wäre Berlin nicht Berlin, wenn man es dabei belassen hätte.

Einfach blankziehen und dabei Fahrrad fahren? Das wäre für Berliner und Menschen, die in der Regenbogenstadt leben zu eintönig.

Beim ersten „World Naked Bike Ride“ in Berlin fuhren am Sonntag Hunderte Menschen unbekleidet durch die Hauptstadt. Die Polizei sprach von rund 500 Teilnehmern, Medienberichte von bis zu 700. Mehr als 30 Kilometer führte die Strecke vom Mauerpark durch die Stadt und am Regierungsviertel vorbei in Richtung Schönefeld.

Dabei ging es selbstverständlich nicht nur ums Nacktsein. Die Tour sollte zugleich für Toleranz, Selbstakzeptanz, Vielfalt, Umweltschutz und die FKK-Kultur werben. Man wolle einander „ohne Masken“ begegnen – an diesem Tag offenbar möglichst auch ohne alles Weitere.

Nackt sein ja – aber richtig

Jörg Meier, 70 Jahre alt und einer von zwölf Ordnern, verteilt vor dem Start Flyer mit den Verhaltensvorschriften, wie der Tagesspiegel berichtet. Wildpinkeln: verboten. Kinky- und Fetisch-Utensilien: ebenfalls verboten.

Eine Veranstaltung, bei der niemand etwas anhat, braucht eine Kleiderordnung.
Am Ende findet die Veranstaltung eben doch in Deutschland statt. Ohne Regeln und Regulierung geht hier gar nichts. Nackt sein ist erlaubt. Falsch nackt sein eben nicht.
Man kann dem Deutschen zwar die Hose nehmen, seine Regeln und Vorschriften jedoch nicht.

Vielfalt – aber bitte in männlich

Auch mit der angekündigten Vielfalt ist das so eine Sache. Nach Beobachtung des Tagesspiegels waren die Radfahrer überwiegend männlich und über 50 Jahre alt.
Menschen, die dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden und sich auch so identifizieren, waren zwar vertreten, aber deutlich in der Minderzahl.
Jüngere Frauen haben anscheinend direkt das Weite gesucht und sich kaum blicken lassen.

Die Vielfalt, die in Berlin oberste Priorität hat, war trotzdem gewährleistet: Die älteren Herren sahen untenrum gewiss nicht alle gleich aus.

Maximale Transparenz im Regierungsviertel

Besonders passend gewählt war die Route am Regierungsviertel vorbei. Dort wird sich schließlich leidenschaftlich mit der Frage beschäftigt, wie transparent der Bürger noch werden kann.

Klarnamen im Netz werden immer wieder gefordert und auf europäischer Ebene wird seit Jahren über die sogenannte Chatkontrolle gestritten. Der gläserne Bürger ist längst keine Dystopie mehr. Die nackten Radfahrer in Berlin fanden am Sonntag die einfachere Lösung: Hose runter und zeigen, was man hat.

So muss niemand länger auf eine Reform des Informationsfreiheitsrechts warten. Ein Ausflug auf die Straßen von Berlin genügt.

Der Harz kann das schon länger

Ganz neu ist das Zeigen der Geschlechtsteile in der Öffentlichkeit außerhalb der Sauna allerdings nicht. Um das zu erkennen, muss Berlin den Blick nur über die eigene Stadtgrenze ausrichten.

Im Harz gibt es bereits seit 2010 einen offiziellen Nacktwanderweg. Der Harzer Naturistenstieg bei Wippra gilt als Deutschlands erster offiziell ausgewiesener Weg dieser Art. Nach einer Überarbeitung ist die Strecke heute gut fünf Kilometer lang.

Das Prinzip ist dort einfach. Menschen gehen wandern. Manche davon nackt. Schilder weisen darauf hin, dass einem unbekleidete Wanderer begegnen können. Wer Kleidung trägt, darf den Weg trotzdem benutzen. Eine politische Befragung am Wanderparkplatz, warum die FKK-Wanderer die Route textilfrei ablaufen wollen, findet nicht statt.

Im Harz darf man links, rechts, oben oder unten auf dem Stimmzettel wählen. Auch darf man gegen Atomkraft oder für Atomkraft sein. Gegen „Klimaschutz“ oder für „Klimaschutz“. Das unterscheidet den Harz möglicherweise am stärksten von Berlin.

Der Harzer zieht sich aus und wandert durch den Wald. Der Berliner zieht sich aus, steigt aufs Fahrrad und erklärt vorher, welche gesellschaftlichen Verhältnisse er damit verändern möchte. Jede Region pflegt eben ihre Traditionen.

Man könnte sagen: Im Harz ist Nacktheit ein Freizeitvergnügen. In Berlin braucht sie eine klare politische Ausrichtung. In Berlin müssen die Menschen für etwas stehen: Am besten für die Regenbogenflagge, Toleranz und den „Klimaschutz“.

Ob dafür eine 30 Kilometer lange Fahrradtour durch Berlin notwendig ist, ist eine andere Frage.



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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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Anti-Merkel
23 Minuten her

Wenn das es ok macht, muss ich mir vielleicht einmal deren Methoden aneignen… Bank überfallen fürs Klima (1% der erbeuteten Summe wird an den Klimaschutz gespendet).
Gegen Kriegstreiber-Merz protestieren nicht weil er einen Völkermord gegen alle Russen plant, sondern weil ein Völkermord gegen alle Russen auch LGBTQ-Russen einschließt.
GEZ nicht bezahlen, weil irgendein ÖR-Moderator irgendwann einmal nicht genug gegendert hat.

Teiresias
31 Minuten her

Any publicity is good publicity – sagt man.
Angesichts solcher Bilder habe ich da Zweifel.
Linker Irrsinn desavouiert sich zunehmend selbst.

Last edited 28 Minuten her by Teiresias
EinBuerger
39 Minuten her

Ich lebe nicht in der Berlin. Deshalb wundere ich mich, dass das funktioniert: FFK und Burka. Und dass es hier nicht zu stärkeren Kämpfen kommt. Dass beide Fraktionen scheinbar nebeneinanderherleben können.