Nächster Industrie-Schock: Bosch streicht 900 Stellen in Nürnberg

Bosch will bis 2029 rund 900 von 1.800 Stellen im Nürnberger Werk streichen. Der Abbau kommt zu bereits angekündigten rund 22.000 Stellen hinzu. Deutschlands Autoindustrie verliert weiter industrielle Substanz.

IMAGO/Panama Pictures

Was bleibt von einem Industriestandort, wenn innerhalb von drei Jahren jeder zweite Arbeitsplatz verschwindet? Bosch hat angekündigt, im Nürnberger Werk bis 2029 rund 900 der derzeit etwa 1.800 Stellen abzubauen. Nach Angaben von BILD kommen diese Stellen zu den bereits angekündigten rund 22.000 Arbeitsplätzen nochmals hinzu, die der Konzern streichen will.

Für Nürnberg ist die Nachricht das vorläufige Ergebnis einer Entwicklung, vor der Betriebsrat und IG Metall seit Monaten warnen. Bereits im Juli war von massiven Abbauszenarien bis hin zu einer möglichen Werksschließung die Rede. Die bestehende Standortsicherung läuft zum 31. Dezember 2026 aus. Seit 2007 hatten die Beschäftigten nach Angaben der IG Metall durch Einschnitte bei Entgelt und Arbeitszeit dazu beigetragen, Produktion und Beschäftigung am Standort zu sichern.

Das Nürnberger Werk hängt stark am klassischen Antrieb, gefertigt werden vor allem Komponenten für Verbrennungsmotoren, darunter Hochdruckpumpen für Benzineinspritzsysteme. Hinzu kommen Produkte für Brennstoffzellen. Bosch begründet den Stellenabbau mit dem Umbau der Automobilindustrie, wachsendem Preis- und Wettbewerbsdruck, dem stagnierenden Weltmarkt und einer rückläufigen Nachfrage in Europa. Auch die Brennstoffzellentechnik entwickelt sich nach Unternehmensangaben schwächer als erwartet.

Die Nürnberger Belegschaft hat den Preis für die Standortpolitik schon lange vor der jetzigen Entscheidung bezahlt. Seit Jahren werden Zugeständnisse gemacht, Arbeitszeiten verändert, Kosten gesenkt, Stellen aufgegeben. Noch am 21. September gingen rund 500 Beschäftigte auf die Straße und verlangten neue Produkte sowie eine belastbare Zukunft für das Werk. Eine Woche später folgt die Ansage aus der Konzernzentrale: Bis 2029 soll ungefähr jeder zweite Arbeitsplatz verschwinden.

Und Nürnberg ist nur der nächste Schauplatz. Ende Juni 2026 beschäftigte Bosch weltweit 406.225 Menschen, 6.549 weniger als noch zum Jahresende 2025. In Deutschland verschwanden innerhalb von sechs Monaten 4.036 Stellen, die Beschäftigtenzahl sank auf 118.932. Besonders stark baut Bosch in seiner Mobilitätssparte ab – also ausgerechnet in jenem Geschäft, das über Jahrzehnte zu den industriellen Fundamenten des Konzerns und des deutschen Automobilstandorts gehörte.

Bosch beziffert deren jährliche Kostenlücke inzwischen auf rund 2,5 Milliarden Euro. Als Ursachen nennt das Unternehmen den Strukturwandel zur Elektromobilität, hohen Preis- und Wettbewerbsdruck, erhebliche Überkapazitäten sowie eine Nachfrage, die sich zunehmend in Regionen außerhalb Europas verlagert. Für Bosch Mobility hatte der Konzern zuletzt einen weiteren Abbaubedarf von etwa 13.000 Stellen angekündigt, insbesondere an deutschen Standorten und mit unterschiedlichen Zeitplänen bis 2030.

Der Verband der Automobilindustrie geht inzwischen davon aus, dass die Branche bis 2035 rund 225.000 Arbeitsplätze gegenüber 2019 verlieren könnte. Etwa 100.000 Stellen seien bereits verschwunden. Allein für die Jahre bis 2035 erwartet der Verband weitere rund 125.000 verlorene Arbeitsplätze. Seine frühere Prognose musste der VDA im Mai 2026 um 35.000 Stellen nach oben korrigieren.

Besonders hart trifft dieser Prozess die Zulieferer. Zwischen 2019 und 2025 verloren sie nach Angaben des VDA in Deutschland rund 74.000 Arbeitsplätze. Das entspricht fast einem Viertel der Beschäftigung in diesem Bereich. Die Herstellung elektrischer Antriebe benötigt weniger Bauteile und weniger Arbeitsaufwand, zugleich entstehen neue Arbeitsplätze nach Einschätzung des Verbandes immer häufiger außerhalb Deutschlands.

Der VDA nennt hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, hohe Arbeitskosten, Bürokratie und die strangulierende europäische Regulierung als Treiber des Stellenabbaus. Die Folgen stehen inzwischen in den Personalstatistiken der Unternehmen: Zehntausende Industriearbeitsplätze sind bereits verschwunden, weitere Abbauprogramme laufen.

Für Nürnberg läuft zugleich die bisherige Standortsicherung aus. Im Juli beklagte die Arbeitnehmervertretung, Bosch habe keine ausreichenden Zusagen für neue Produkte gemacht. Dabei verfügt das Werk über Erfahrung im industriellen 3D-Druck, in der Hochgeschwindigkeitsmetallbearbeitung, der Produktionsautomatisierung und im Sondermaschinenbau. Nach dem Abbau bleiben von heute 1.800 Beschäftigten noch ungefähr 900 übrig. Bosch muss erklären, welche Zukunft es für einen derart zusammengestrichenen Standort überhaupt noch gibt.

Mit diesen Stellen verschwinden Fähigkeiten, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Fertigungsketten zerfallen, Zulieferer verlieren Aufträge, Facharbeiter suchen sich andere Branchen oder andere Standorte. Produktionswissen lässt sich nach einem solchen Abbau kaum auf Knopfdruck zurückholen. Wenn Deutschland irgendwann wieder entdeckt, dass ein Industrieland auch Industrie braucht, kann ein großer Teil davon längst anderswo produzieren.

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