Michel Friedman und die große Bayreuther Moralinszenierung

Bayreuth wollte seiner Vergangenheit gedenken und bot Michel Friedman die Bühne für eine weitere Selbstinszenierung. Statt den heutigen Antisemitismus und seine Ursachen zu benennen, belehrte er ein längst bekehrtes Publikum, diffamierte politische Gegner und machte aus Wagners Festspielen ein Hochamt der Hypermoral.

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Michel Friedmann und Katharina Wagner bei der Eröffnung der Bayreuther Richard Wagner Festspiele 2026

Richard Wagner hat zwar zwei Komödien hinterlassen – neben dem „Meistersinger“ sein Jugendwerk „Das Liebesverbot“ – aber keine Farce. Diese Lücke füllt die Leitung der Festspiele jedoch Jahr für Jahr mit einiger Verlässlichkeit. So wurde etwa für die Jubiläumsfestspiele 2026 im Sommer 2024 ein pompöses Jubiläumsprogramm angekündigt, das Aufführungen aller kanonischen Werke („Holländer“ bis „Parsifal“ sowie Beethovens 9. Sinfonie) und die erstmalige Aufnahme von Wagners selten (in Bayreuth noch nie) gespielter früher Oper „Rienzi“ ins Festspielprogramm vorsah.

Kurz darauf stellte man dann im Rahmen eines Kassensturzes jedoch fest, dass dies überhaupt nicht bezahlbar ist. Man hatte sich keinesfalls nur marginal verkalkuliert, denn der „Ring des Nibelungen“ wird in diesem Jahr lediglich in einer von künstlicher Intelligenz unterstützten Billigversion aufgeführt und auf Aufführungen von „Tristan“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ muss in dieser Saison ganz verzichtet werden. Anschließend wurde auch noch die Gesellschaft der Freunde brüskiert, die angeboten hatte, die Festspiele mit einer Million Euro zusätzlich zu unterstützen, um zumindest Teile des ursprünglich angekündigten Programms zu retten. Nach einer außergewöhnlich skandalfreien Saison 2025, die fast etwas zu langweilig war, reihen sich die diesjährigen Festspiele in die etablierte Tradition ein.

Die Aufregung drehte sich diesmal um die Rede des bekannten Frankfurter „Publizisten, Juristen, und Philosophen“ (laut seiner Netzseite) Michel Friedman, der die Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen mit neuen Büchern „beglückt“, die aber – trotz ihrer unterschiedlichen Titel wie „Streiten? Unbedingt!“, „Mensch!: Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“, „Fremd” oder „Schlaraffenland abgerannt“ – eigentlich immer das gleiche Thema haben: den Autor selbst.

Die Festspielleitung hatte für den 26. Juli, den Eröffnungstag der Festspiele, ein Gedenkkonzert geplant, in dessen Rahmen unter anderem Michel Friedman sprechen sollte. Angesichts des ausgeprägten Antisemitismus von Richard Wagner und anderen Mitgliedern der Familie bzw. des Familienzirkels, sowie der Verbindung zwischen der Wagner-Familie und Adolf Hitler war es nachvollziehbar, auch diesen Aspekt zu beleuchten. Ob Michel Friedman jedoch die am besten geeignete Person dafür ist, kann bezweifelt werden.

Laut der „Süddeutschen Zeitung“ beschloss die Festspielleitung Anfang Juni, die Veranstaltung in den August zu verschieben. Begründet wurde dies mit „Sicherheitsbedenken, insbesondere auch im Zusammenhang mit dem zeitlichen Abstand zwischen Festakt und der Premiere von ‚Rienzi‘“. Wer die Debatte der letzten Jahre über die begrenzten Finanzmittel und die absurd gestiegenen Sicherheitsstandards des Festivals verfolgt hat, kann von dieser Begründung keinesfalls überrascht sein, zumal auch eine wichtige Premiere anstand.

Ein Festival wie Bayreuth beinhaltet zudem immer auch ein gewisses Maß an Improvisation, allein schon aufgrund der regelmäßig erforderlichen Umbesetzungen. Es war jedoch höchst ungeschickt, ausgerechnet Friedman zunächst einzuladen und dann wieder auszuladen. Mitte Juni griff die Süddeutsche Zeitung – wodurch getrieben, soll der Fantasie der Leserschaft überlassen werden – begierig das Thema auf und veröffentlichte mehrere Artikel, darunter ein „Essay“ mit dem bezeichnenden Titel „Deutsche Frechheit“, sowie ein Interview mit dem Betroffenen. Es gibt doch nichts Schöneres, als einen Skandal zu fabrizieren – gerade, wenn es sich um ein so heikles Thema handelt. Wie angesichts der aufflammenden Empörungswelle zu erwarten war, musste die Festspielleitung nachgeben und die Veranstaltung doch auf den 26. Juli legen.

Michel Friedman scheint sich nicht besonders für Oper zu interessieren – so war zumindest immer mein Eindruck. Wie er lebe auch ich in Frankfurt, sogar im selben Stadtteil, und besuche die hiesige Oper regelmäßig. In den letzten dreißig Jahren habe ich dort bestimmt 350 Vorstellungen besucht. Bei jeder Wagner-Serie (auch bei den im Jubiläumsjahr 2013 konzertant aufgeführten Frühwerken) war ich dabei. Noch nie ist mir dabei Michel Friedman begegnet. Auch in Bayreuth haben sich unsere Wege noch nie gekreuzt, obwohl ich dort bereits gut 100 Aufführungen besucht habe. Natürlich kann es sich dabei um Zufall handeln.

Einige Aspekte des Werkes Wagners scheint er sich jedoch angelesen zu haben, womit wir jetzt auf seine Rede zu sprechen kommen. Um es vorwegzunehmen: Sie enthielt nichts Neues. Zu Beginn führte er einige allseits bekannte Zitate Wagners auf, die dessen Antisemitismus belegen, und beklagte dann die angebliche Abschottung Bayreuths gegenüber diesen Aspekten der Vergangenheit. Er sprach von einem sehr tiefen, schwarzen Loch, das „bis fast Ende des 20. Jahrhunderts“ bestanden habe. Damit meint er das Bestreben, die Verstrickung in den NS-Apparat zu vertuschen. Als Beleg dafür führte er ein Zitat von Wieland Wagner aus dem Jahr 1951 an, in dem die Wagner-Brüder darum baten, bei den Festspielen von politischen Gesprächen abzusehen. „Hier gilt’s der Kunst.“

Wie bei Friedman üblich, verzichtet er auf entlastende Zwischentöne. Den Wagner-Brüdern war es beim Neuanfang nach dem Krieg nämlich sehr wichtig, dass Bayreuth nicht wieder zum Sammelpunkt für rechte Bewegungen wird, wie sie es in den 1920er- und 1930er-Jahren erlebt hatten. Außerdem führt er Hans Globke als Beleg an. Dieser war von 1953 bis 1963 Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer, obwohl er an dem Kommentar zu den „Nürnberger Rassegesetzen“ beteiligt war. Dies ist ebenfalls allgemein bekannt. Die Peinlichkeit, auf das Kabinett Adenauer und auf ein 75 Jahre altes, aus dem Kontext gerissenes Zitat der Wagner-Brüder zurückzugreifen, um eine aktuelle Diskussion anzustoßen, schien Friedman dabei entgangen zu sein.

Die Beschäftigung mit dem Schatten des Dritten Reichs hat in der Familie Wagner und im Expertenkreis schon viel früher eingesetzt, als von Friedman suggeriert. Bereits in den Siebzigerjahren wurde damit begonnen, die Archive zu öffnen. Erinnert sei an die Diskussion im Rahmen des Interviews, das der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg 1974 mit Winifred Wagner führte und das damals große Wellen schlug, sowie an die Bücher von Gottfried und Friedelind Wagner, die sich sehr früh kritisch mit ihrer Familie auseinandersetzten. Sicherlich wird die Diskussion seit der Übernahme der Leitung durch Katharina Wagner offener geführt.

Alles, was Friedman zu den Verflechtungen und Sünden der Wagners anführt, ist also bereits hinlänglich bekannt und in zahlreichen Büchern bis zum Überdruss dokumentiert. Friedman erweckt jedoch den Eindruck, er sei der große Mahner, der nun diesen Prozess der Aufarbeitung nun, wenn nicht anschiebt, dann doch gegen vermeintliche Widerstände vorantreibt, was durch seine Religionszugehörigkeit quasi autorisiert wird. „Ich stehe als deutscher Jude hier auf dem Hügel in Bayreuth. Eingeladen, ausgeladen, wieder eingeladen.“ Er nutzt dies, um in die bekannte Rolle des Mahners vor dem Antisemitismus zu schlüpfen und um Einfluss auf politische Entwicklungen in diesem Land zu nehmen. Dabei kommt ihm die durch die ungeschickte Ausladung zugewiesene Opferrolle gerade recht.

Bürgerliche Mitte unter der Last der Hypermoral

Um die Funktion Friedmans in einen größeren Kontext einzuordnen, seien zunächst einige allgemeine Bemerkungen gestattet. Markus Vahlefeld, Alexander Grau und andere haben aufgezeigt, wie eine übersteigerte Moral in Fragen dder sozialen und Gendergerechtigkeit, des Klimaschutzes, der Nazi-Vergangenheit etc. – Grau spricht in diesem Zusammenhang von „Hypermoral” – zum Kampfmittel im linken Kulturkampf und im „Marsch durch die Institutionen” geworden ist, mit dem die Linken diese Republik gekapert haben.

Da die bürgerliche Mitte notwendigerweise daran scheitern muss, diesen ins Groteske gesteigerten moralischen Anforderungen, die ohne jeglichen vernünftigen ethischen Rahmen gestellt werden, gerecht zu werden, ist sie schon lange in die Defensive geraten. Um in einem solchen Umfeld überleben zu können, hat sie sich ein Konstrukt von Ersatzmechanismen geschaffen, mit denen die Behandlung von Moralfragen quasi institutionalisiert wird. Fragen der Moral werden an autorisierte Experten delegiert.

So hat man etwa in Unternehmen, Stiftungen und ähnlichen Einrichtungen ein dichtes Netzwerk aus Diversity- und Gleichstellungsbeauftragten geschaffen, an die moralische Fragen wie bei einem „Ablasshandel“ delegiert werden. Der Besuch eines Diversity-Trainings entlastet Mitarbeiter, Vorgesetzte und deren Vorgesetzte. Jeder profitiert. Man kann es „abhaken“ und das reibungsfreie Befolgen dieses Mechanismus hat vielleicht sogar Auswirkungen auf die Entlohnung. Um für die Gefahren des Antisemitismus zu „sensibilisieren“, werden Kinder und Jugendliche zu Besuchen in Konzentrationslagern „delegiert“, bei denen sie zumeist hoffnungslos überfordert sind. Für viele Lehrkräfte ist dies die einfachste und unverfänglichste Methode. Diese Reihe von Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen (unter dem Regime der Hypermoral wird alles zur Moral!). Um in diesem Bild zu bleiben: Personen wie Michel Friedman übernehmen die Funktion einer „Auslagerungsstelle“ für die Aufklärung über Antisemitismus.

In seiner Rede schiebt er die Verantwortung für den Antisemitismus in diesem Land letztlich der eingangs erwähnten bürgerlichen Mitte zu, denn an diese richtete er sich. Das Paradoxe dabei ist, dass er einer Gruppe predigt, die ohnehin schon bekehrt ist. Hier zeigt sich, wie unredlich Friedman vorgeht, denn er scheut einen ungeschminkten Blick auf die Ursachen des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Zwar spricht er auch von Judenhass bei „Linksextremen“, weicht aber der Frage aus, wo denn im linken politischen Spektrum (zu dem man ihn wohl auch zählen muss), diese Haltung zum Antisemitismus beginnt. Er müsste dann auch die unheilige Allianz zwischen den linken politischen Kräften und dem Islam thematisieren.

Schließlich war es doch die unkontrollierte Flüchtlingswelle nach 2015, die den in Deutschland und Europa zunehmenden Antisemitismus befördert hat. Die Begriffe „Islam” und „Migration” sucht man in seiner in der „SZ“ abgedruckten Rede jedoch vergeblich. Die einzige Partei im politischen Spektrum der Bundesrepublik, die diese Fragen explizit anspricht, die AfD, erwähnt er zwar nicht namentlich, bezeichnet sie aber pauschal als antidemokratisch. Ja, er bezeichnet sie als „Nazipartei“, wobei er sich feige hinter einem Zitat von Hendrik Wüst versteckt und damit gut jeden dritten Deutschen diffamiert, der sie mittlerweile wählen würde bzw. sich vorstellen könnte, sie zu wählen.

Was für eine groteske Verharmlosung der Schrecken des Naziregimes!

Friedmans Diskurstil ist bekanntermaßen gekennzeichnet durch mehr oder weniger geschickt gesetzte kleinere oder größere logische Fehler sowie durch die bewusste Fehlinterpretation bestimmter Begriffe. In der Summe führt dies dann in der Regel zu grotesk unsinnigen Feststellungen. Die auf YouTube verfügbare Parodie seines Diskursstils von Mathias Richling trifft den Kern dieser Methode exakt. Seine Bayreuther Rede ist gespickt mit Beispielen. Betrachten wir beispielsweise seinen „Beweis“ der These, dass man in Deutschland alles sagen könne, was man wolle: „In diesem Land kann jeder sagen, was er will. Er kann auch behaupten, dass er nicht sagen kann, was er will. Wenn ich dann sage, was ich sagen will, und Kritik formuliere, heißt es: Das ist der Beweis: Man kann nicht sagen, was man sagen will.“

Er spricht über ein Land, das mittels willkürlicher Begriffe wie „Hass“ und „Hetze“ Meinungskanäle kontrolliert und die Bürger kriminalisiert. Ein Land, in dem alternative Medien von öffentlichen Stellen bis aufs Blut bekämpft werden und in dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk und einige vom Staat finanzierte NGOs den zulässigen Meinungskorridor definieren und somit den Bereich „Hass und Hetze“ abgrenzen. Ein Land, in dem Bürger mit ernsthaften juristischen, sozialen und beruflichen Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie sich außerhalb dieses Korridors bewegen. Gewiss, beim Waldgang darf man natürlich sagen, was man will.

Auf eine ausführliche Kommentierung des vogelwilden Durcheinanders aus angelesenem Halbwissen, das Friedman in seiner Rede zusammenstellt, muss hier verzichtet werden. Einige seiner Gedankenassoziationen sind derart abstrus, dass sie einen sprachlos machen. Was soll man etwa zu folgender Verkettung sagen: „Hitler benutzte die Musik, um die kulturelle Identität Deutschlands zu bestimmen. Wenn 49 Prozent aller jungen Menschen nach Umfragen der Hans-Böckler-Stiftung nicht einmal mehr wissen, was Auschwitz ist, wie sollen sie dann etwas lernen können? Und ihr wollt das Geld für die Bildung kürzen, in diesem Land, euer Ernst?“ Bereits die erste Aussage ist fragwürdig. Aber was hat sie mit Auschwitz (Achtung: Friedman-Keule!) zu tun? Bildung ist wieder etwas ganz anderes! Dann der Appell: „Euer Ernst?“ – Wie subtil der Schuldkomplex doch geschürt wird! Mit seinem oberflächlichen Assoziations-Bingo ist Friedman der unangefochtene Meister.

Wie er sich die weitere Vorgehensweise in Bayreuth vorstellen könnte, war zu erwarten. Er wünscht sich, „dass in diesem Festspielhaus, im nächsten Jahr (…) im Foyer eine Dauerausstellung über die antisemitische Biografie des Musikers Richard Wagner Realität werden würde.“ Doch was käme danach, wenn diese Forderung erfüllt würde? Würde die Ausstellung dann jedes Jahr erweitert werden? Denn für Friedman würden Schuld und Sühne nie enden. Dabei ignoriert er, wie sehr sich Bayreuth bereits von seiner Vergangenheit gelöst hat. Katharina wird wohl der letzte Spross der Familie sein, der eine Leitungsfunktion in den Festspielen hat. Im Grunde ist es bereits ein Festspielbetrieb wie viele andere auch, denn sie hat sich grundsätzlich von der Vergangenheit ihrer Familie distanziert. Der Mythos Bayreuths – im Positiven wie im Negativen – hat sich zu einem Großteil verflüchtigt.

Abgesehen von den Schauern, die einem bei den typischen Lapsus Friedmans in Fragen der Logik und bei Fakten über den Rücken laufen, hört man diese Rede mit einem Gefühl des Anachronismus. Sind diese versteinerten Moralpredigten nicht mittlerweile überholt? Ist es sinnvoll, einer ohnehin überforderten bürgerlichen Mitte eine „untilgbare“ Schuld aufzubürden? Kann dabei etwas Sinnvolles herauskommen, zumal die Adressaten alle lange nach 1945 geboren wurden? Die Festspiele werden nur überleben, wenn die genialen Werke Wagners im Mittelpunkt stehen. Es soll an ein Wort des Wagner-Experten Martin Geck erinnert werden: „Wer Wagners Werk allzu entschlossen mit seiner verzerrten Rezeption durch Nationalismus und Nationalsozialismus gleichsetzt, mystifiziert in zwei Richtungen: Er lenkt von stärkeren gesellschaftlichen Kräften ab, auf die sich der Nationalsozialismus stützen konnte, und verweigert sich zugleich der Einsicht, dass es Abendland, Zivilisation, Moderne nur als Ganzes gibt.“

Wie bei seinen Büchern stand auch in der Rede Michel Friedman wieder einmal im Zentrum. Es war keine große Rede, aber eine exzellent vorgetäuschte.

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