Antisemitismus: Ramelow kritisiert Linkspartei

Bodo Ramelow kritisiert seine Partei für deren antisemitische Schlagseite. Doch zum einen erstarrt die deutsche Erinnerungskultur zunehmend zu einem performativen Betroffenheitskult; zum anderen hat die Linkspartei die Affinität linker Ideologie zum islamischen Terror nie ehrlich aufgearbeitet.

picture alliance / dts-Agentur | -

Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, dem anschließenden Geiseldrama und dem Krieg im Gazastreifen ist die antisemitische Schlagseite linker Ideologie mit neuer Wucht hervorgebrochen.

Linke Studenten, die für Gaza den Campus besetzen und jüdische Kommilitonen belästigen und bedrohen, oder auch der an Absurdität nicht zu überbietende Slogan „Queers for Palestine“, unter dem sich Menschen für Islamisten einsetzen, die unter islamistischer Herrschaft umgehend ermordet würden: alte Verschwörungstheorien um das „Finanzjudentum“ erweisen sich als bestens kompatibel mit postkolonialer woker Attitüde. Die Verifizierung der Hufeisentheorie und die verblüffende Nähe zu rechtsextremem Judenhass scheinen da nicht weiter zu verunsichern.

Vor diesem Hintergrund geraten in Deutschland altgediente Linkspolitiker in die Kritik, die sich dem offen israel- und judenfeindlichen Kurs der Linkspartei nicht anschließen. So auch Bodo Ramelow, der sich bereits mehrfach gegen Antisemitismus in den Reihen seiner eigenen Partei gewandt hat.

Nun mahnte er gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland eine intensivere Holocaust-Erinnerungskultur an und bezog sich dabei auf eine Studie der Jewish Claims Conference, die 2025 Schlagzeilen gemacht hatte. Die internationale Studie, die den Wissensstand der Bevölkerung zum Holocaust in acht Ländern abfragte, legte auch in Deutschland immense Wissenslücken offen. Demnach konnten fast 40 Prozent der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren keine korrekten Angaben zum Holocaust machen, jeder zehnte Erwachsene in Deutschland kannte dieser Studie zufolge die Begriffe Holocaust oder Schoah nicht.

Das ist bedeutsam, da sich Anhänger und Wähler der Linkspartei ganz maßgeblich aus jüngeren Alterskohorten rekrutieren. Ist hier bereits das Wissen in der gesamten Altersgruppe gering, ist nicht zu erwarten, dass Sympathisanten der Linkspartei hier informierter sind.

Das mangelnde Wissen über den Holocaust ist auf den ersten Blick erstaunlich. Schließlich beginnt das deutsche Schulsystem teilweise bereits in der Grundschule mit der Thematisierung dieses Kapitels der deutschen Geschichte; in der Sekundarstufe dann beschäftigen sich Schüler intensiv damit, oftmals nicht nur im Fach Geschichte, sondern auch im Politik- und Deutschunterricht.

Auf den zweiten Blick aber können die Ergebnisse der Studie ebenso wenig erstaunen wie die in der Linken zunehmend verbreitete Haltung.

Die deutsche Erinnerungskultur ist vor allem darauf ausgerichtet, ein diffuses Schuldbewusstsein zu verfestigen. Nicht Faktenwissen wird priorisiert, sondern eine von persönlicher Betroffenheit gekennzeichnete emotionale Haltung.

Diese Ausrichtung zeitigt mehrere Konsequenzen: Je weiter das historische Geschehen in die Ferne rückt, desto größer wird die Gefahr, Verharmlosung des Holocaust oder gar seiner Leugnung auf den Leim zu gehen – denn belastbares Faktenwissen ist kaum vorhanden, gern verknüpft mit dem Eindruck, dass auch gar nicht genauer nachgefragt werden soll. Dieser Tabucharakter bietet einen hervorragenden Nährboden für Verschwörungstheorien: Will man uns hier etwa etwas verheimlichen?

Zudem lässt sich persönliche Betroffenheit kaum noch hervorrufen, wenn die Zeitzeugen unter den eigenen Angehörigen verstorben sind und wenn es keine Holocaustüberlebenden mehr gibt, die in Schulklassen ihre Eindrücke vermitteln – ein Instrument, das ganze Schülergenerationen geprägt hat.

Konzepte, die als Immunisierung gegen menschenfeindlichen Totalitarismus und Antisemitismus gedacht waren, erweisen sich damit letztlich als Bumerang: Da keine Anpassung der Vermittlung an veränderte Gegebenheiten erfolgt, erstarrt das Holocaustgedenken naturgemäß zu einer leeren Hülle und zu Lippenbekenntnissen, deren Inhalten sich niemand verpflichtet fühlt.

Das gilt auch für die Sorge, den einzigartigen Charakter des Holocaust zu verwässern, indem man ihn auch abseits der konkreten deutschen Gegebenheiten kontextualisiert und Parallelen zu anderen Menschheitsverbrechen aufzeigt.

Die Weigerung, dies zu tun, führt dazu, dass in einer zunehmend von Menschen mit Migrationshintergrund geprägten Gesellschaft ein spezifisch deutsches Bewusstsein – abgesehen davon, dass der Gedanke einer Kollektivschuld ohnehin abwegig ist –, schlicht nicht verfängt.

Genau diese Gemengelage spiegelt sich in der antisemitischen Schieflage der Linkspartei wider: Jüngere Generationen deutscher Linker fühlen sich einer dezidiert deutschen Verantwortung nicht mehr verpflichtet, während sie zugleich den Schulterschluss mit zumeist muslimischen Migranten suchen, in denen sie die neue „unterdrückte“ Klasse sehen, die es zu befreien gilt, und der man solidarisch verbunden ist – eine Klasse, die erstens in ihrer eigenen Opferidentität bestätigt und bestärkt wird, die zweitens dem Holocaust nicht mit besonderer Betroffenheit begegnet und die drittens selbst von einem nicht weiter hinterfragten und als legitim angesehenen Antisemitismus geprägt ist.

Hinzu kommt die Verbindung zwischen linkem und palästinensischem Terror, die sich in Deutschland vor allem in den siebziger Jahren deutlich zeigte, die aber bis heute nicht ehrlich aufgearbeitet wurde.

Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob der Appell, sich auf dem im Juni geplanten Parteitag der Linkspartei mit diesem Thema auseinanderzusetzen, in ein von Ramelow erwünschtes Ergebnis münden wird.

Während Ramelow sich dazu bekennt, in seiner Partei ausharren und die Diskussion „mitgestalten“ zu wollen, trat ausgerechnet der Antisemitismusbeauftragte des Landes Brandenburg im März 2026 aus der Linkspartei aus. Andreas Büttner hatte sich außer Stande gesehen, den Beschluss der niedersächsischen Linken mitzutragen, die unter anderem der israelischen Regierung einen Genozid vorwarfen und „Antizionismus“ zum Programm erhoben.

Es ist angesichts dessen nicht davon auszugehen, dass die antiisraelischen und antisemitischen Kräfte in der Linkspartei hier dem Drängen einer vornehmlich älteren Politikergeneration nachgeben werden. Wahrscheinlicher ist, dass jene, die an einer strikten Verurteilung jeder Form von Antisemitismus festhalten wollen, weiter aus der Partei gedrängt werden.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 14 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

14 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
karlotto
35 Minuten her

Mangeldes Wissen über de Holocaust ?
Es gibt doch kein historisches Ereignis , das uns , wie die “ Endlösung“ täglich vor Augen geführt wird.

Retlapsneklow
51 Minuten her

Die Holocaust-Erinnerungskultur war nie etwas anderes als ein politisches Instrument, die Kritik am zionistischen System Israels als antisemitisch zu verunglimpfen.

Israel versucht alles, um das religiöse Judentum, den Staat Israel und den Zionismus der Führenden als eine unauflösbare Einheit erscheinen zu lassen. Jede Kritik am seit mehr als 100 Jahren expandierend raubenden, Palästinenser unterdrückenden und verdrängenden Zionismus wird damit zum Antisemitismus berufen.

Ethisch-moralisch, ja menschlich, ist Israel so kaputt, dass eine andere Erinnerungskultur global längst begonnen hat, die nicht zum Vorteil Israels gereicht.

Haba Orwell
29 Minuten her
Antworten an  Retlapsneklow

Jeffrey Sachs meint dazu: >>>“Trump und Netanjahu: Zwei Verrückte, die Gott spielen„<<< – Weiter schreibt er umfassend über Psychopatien der beiden Herren. Aus dem Wikipedia-Artikel zum Autor: > „… Sachs, der sich zum Judentum bekennt,[5] erwähnt die jüdische Kultur und Erziehung als wichtige Faktoren seiner Persönlichkeit. Er wuchs in der jüdischen Gemeinde in Detroits wohlhabendem Vorort Oak Park, auf …“ Aus den Aussagen des jüdischen Professors: > „… Mehrere angesehene Psychologen und Psychiater haben Trump anhand der standardisierten Hare-Skala auf Psychopathie untersucht und Werte ermittelt, die deutlich über dem diagnostischen Grenzwert liegen. … Psychopathie lässt sich am besten als Mangel an Gewissen oder Mitgefühl… Mehr

LiKoDe
55 Minuten her

Ältere Mitglieder der Linken werden von den vielen neuen Mitgliedern der Partei einfach überstimmt und sterben letztlich ohnehin aus.

Personen mit einem tatsächlich linken Weltbild, das sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, historischen Sachverhalten und dem Wissen vom Gegensatz von Kapital und Arbeit bildet, fand/findet man bei Grünen gar nicht, bei der SPD immer weniger, bei den Linken kaum mehr und auch beim BSW gerade noch ansatzweise.

Hier stellt sich wohl ein, was George Santayana sagte: „Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist man verurteilt, sie zu wiederholen.“

Wilhelm Roepke
1 Stunde her

Ob braune oder rote Sozialisten: Antisemiten waren sie immer schon.

OJ
1 Stunde her

Erst kuschelt die Linkspartei mit Terror-Fans und antisemitischen Querfrontlern, dann kommt Ramelow im Moral-Schlafanzug daher und wundert sich. Lächerliches Theater – die einen hassen Israel, die anderen heucheln Betroffenheit.
Echt erbärmlich❗

Endlich Frei
2 Stunden her

Meine Ansicht:
Die Linke hat eine „Marktlücke“ entdeckt: Junge, muslimische – häuftig antisemitisch eingestellte – Doppelpasswähler.

Millionenfach in Deutschland vorhanden, die Umma ist stark wachsend – was liegt für sie näher eine Partei zu wählen, die verspricht sich um ihre „Werte“ zu kümmern ???

Im Grunde genommen ist genau das die Partei, die der Bundesverfassungsschutz beobachten und verbieten müsste. Aber er ist bekannterweise nur eine untergeordnete Behörde und daher – unter Anweisung der herrschenden Ideologie in der Regierung – ausschließlich mit Möglichkeiten des Verbots der Opposition beschäftigt.

Last edited 2 Stunden her by Endlich Frei
BeastofBurden
2 Stunden her

Alles richtig, aber irgendwie auch müßig. Nicht nur in Kreisen der Linkspartei grassiert der Antisemitismus. Nicht nur die millionenfach importierten „ärgsten Feinde“ (Lagerfeld) — nun sind sie halt da — leben hierzulande ihren von frühester Kindheit antrainierten Hass auf Juden aus. Auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft fallen alle Hemmungen. Man sehe sich nur einmal an die Kommentare im TE-Artikel zur Blockade der Straße von Hormus an. Der Kommentarteil ist völlig überrannt von Individuen, die einzig Israel und Juden für alles verantwortlich machen, das momentan negative Schlagzeilen produziert. Einer schreibt Der Angriffskrieg wäre nicht mal enstanden würde die jüdische… Mehr

Schweigender Gast
45 Minuten her
Antworten an  BeastofBurden

Warum ist man ein Antisemit, dem die Tür gewiesen werden oder der zumindest geschnitten und sozial ausgegrenzt werden muss, wenn man den Krieg Israels zusammen mit den USA gegen den Iran unter dem Motto „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen, um nie wieder zurückzukehren“ kritisiert?

yeager
2 Stunden her

„Nazi“ („Nationalsozialist“ vermeiden Linke lieber) wird letztlich nur noch als Diffamierung des politischen Gegners benutzt, als Kistenteufel um Wähler von „rechten“ Parteien abzuschrecken. Denen die das nutzen ist es gerade recht, dass der Begriff diffus ist, an Symbolen statt Handeln festgemacht wird, denn sonst müsste man sich eventuell damit auseinandersetzen inwieweit man selbst eben nicht den Anfängen wehrt, sondern eifrig Parallelen zieht.

Haba Orwell
2 Stunden her

> Genau diese Gemengelage spiegelt sich in der antisemitischen Schieflage der Linkspartei wider: Jüngere Generationen deutscher Linker fühlen sich einer dezidiert deutschen Verantwortung nicht mehr verpflichtet Es ist Verantwortung den Juden gegenüber, die man nicht 1:1 mit dem Staat Israel insbesondere mit der Politik von Netanjahu, Ben-Gvir & Co vermengen sollte: >>> Yakov Rabkin: Über den jüdischen Widerstand gegen den Zionismus <<< Gerade aus dieser Verantwortung müsste man den militanten Staat kritisch sehen. Was ist mit der Verantwortung den Arabern gegenüber, dessen Land der Brite Balfour einfach so verschenkte, wobei von dieser Schenkung immer mehr Umfang beansprucht wird? (Zuletzt –… Mehr

Last edited 2 Stunden her by Haba Orwell
Deutscher
2 Stunden her

Ramelow? Ein lupenreiner Antidemokrat. Unvergessen sein von Merkel flankierter Putsch gegen den rechtmäßigen MP von Thüringen.

Was so einer sagt, geht mir meilenweit am – nun, Sie wissen ja….

Last edited 2 Stunden her by Deutscher