Wie die Gesundheitsreform die Regierung in den rasenden Stillstand treibt

15 Milliarden Euro fehlen den Kassen. Der Staat zahlt zu wenig für Bürgergeld-Empfänger. Den Fehlbetrag sollen jetzt Beitragszahler durch höhere Beiträge und Patienten, Ärzte und Kliniken durch weniger Vergütung ausgleichen. Für Bürgergeld-Empfänger und Migranten bleibt alles so wie es ist.

picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Ganz Deutschland stellt sich die bange Frage, kommt es zum Showdown in der Regierung? Glauben zumindest die Medien? In Wahrheit stellt am Dienstag um 14 Uhr offiziell die Expertenkommission ihre Reformvorschläge vor. Es ist allgemein bekannte Tatsache, dass das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch steht, weil die gesetzlichen Krankenkassen die ausufernden Kosten nicht mehr stemmen können. Den gesetzlichen Krankenkassen fehlen allein im Jahr 2026 beachtliche 15 Milliarden Euro.

Jetzt hat die Expertenkommission ein Sparprogramm vorgelegt, das alle trifft, Versicherte, Versicherungen, Ärzte, Kliniken. Viele Vorschläge sind schlichtweg falsch und folgen der Maxime der Regierung, nach der die deutschen Bürger nur noch eine Funktion, nur noch eine Pflicht und nur noch ein Recht haben, sich immer tiefer von einer Regierung in die Tasche greifen zu lassen, die Politik gegen die Interessen des eigenen Volkes macht, das eben Kuchen essen soll, wenn es sich kein Brot mehr leisten kann.

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So soll es höhere Zuzahlungen der gesetzlich Versicherten bei Krankenhausaufenthalten und rezeptpflichtigen Medikamenten geben, soll die Mitversicherung des Ehepartners wegfallen, eine Tabaksteuer her, bei Kliniken gespart werden. Weiß die Kommission eigentlich, wie es in den Kliniken aussieht, dass es vorkommen kann, dass Kopfkissenbezüge den Patienten zum Abtrocknen gereicht werden, weil es an Handtüchern fehlt?

Sicher ist es sinnvoll, die Vielfalt der gesetzlichen Krankenkassen, die eben auch eine Vielzahl an Verwaltungen bedeutet, zu reduzieren. Doch schon beim Wegfall von Sonderleistungen müsste man genauer hinschauen, denn so verzichtbar Globuli sein mögen, so sind nicht im gleichen Maße alle Massagen verzichtbar.

Doch das alles stellen nicht die Hauptprobleme der Reform dar, sondern der Kern des Vorschlages besteht in der vollständigen Finanzierung der Gesundheitskosten von Bürgergeld-Empfängern aus Steuermitteln, denn laut Bild zahlen die „gesetzlichne Krankenkassen derzeit für die Stütze-Empfänger 10 Milliarden Euro pro Jahr, weil der Staat nicht ausreichend zuschießt“. Bei einer Schieflage von 15 Milliarden Euro bedeutet das zwei Drittel des Fehlbetrages. Doch Sozialismus-Ministerin Bas stellt sich gegen den Vorschlag. Inhaltliche Gründe existieren nicht, nur der eine Grund, dass die 10 Milliarden Euro aus ihrem Etat kommen und sie dann anderswo Einsparungen vornehmen müsste.

Die Ministerin, die Asozialität mit Sozialität verwechselt und die Arbeiter und Handwerker scharenweise zur AfD treibt, pokert. Nach den üblichen Spielformen wird es darauf hinauslaufen, dass Bas’ Etat auf die eine oder andere Weise erhöht wird, damit sie zustimmt. Man kann ja noch eine weitere Steuer einrichten, zum Beispiel den Deutschlandpakt fürs Nichtstun ins Leben rufen oder die Pendlerpauschale reduzieren oder die Einkommensteuer erhöhen bei gesenktem Spitzensteuersatz.

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Doch aus Falschem wird nichts Richtiges. Der katastrophale Fehler, den die Regierung Klingbeil-Merz begeht, ist in doppelter Weise systemisch. Denn erstens gibt es keinen Fehler im Sozialsystem, weil unser heutiges Sozialsystem der Fehler ist, und zweitens bringt es nichts und schadet eher in einem grundsätzlich falschen System, Fehler beseitigen zu wollen, weil man dadurch nur Fehler durch Fehler ersetzt. Unter den Voraussetzungen des Systems wird selbst die beste Idee zum Übel, weil es die Probleme nur verlagert.

Seit den achtziger Jahren ist klar, dass die Sozialsysteme von Gesundheit über Arbeit bis zur Rente reformiert werden müssen, weil sich die Gesellschaft grundsätzlich verändert. Doch keine Regierung hat es gewagt, an die Herkules-Aufgabe zu gehen, aus Angst von Verbänden und Wählern bestraft und von Gerichten ausgebremst zu werden. Es existiert nichts Undankbareres als eine Reform von Sozialsystemen – und es liegt nicht in der Natur von Politikern, sich undankbaren Aufgaben zu widmen. Die Ampel, namentlich die SPD hat dieses ohnehin schon reformierungsbedürftige Sozialsystem noch zusätzlich durch die Einführung des Bürgergeld-Systems in die Schieflage gestoßen.

Lächerlich und demagogisch ist es, das Bürgergeld-System im Prinzip beizubehalten, es nur umzubenennen in Grundsicherung und ein paar kosmetische Retuschen vorzunehmen, die dann gewaltig propagandistisch aufgeblasen werden. Das Ganze erinnert an die katholische Kirche im Spätmittelalter. Jedem Papst im 15. Jahrhundert war klar, dass die Kirche einer grundlegenden Reform bedarf, aber jeder Papst hat die Aufgabe jeweils seinem Nachfolger hinterlassen, während zugleich aufgrund der desolaten Finanzen die Einnahmen erhöht wurden durch die Ablass-Bewirtschaftung. Die immer wieder verschobene Reform im 15. Jahrhundert führte dann im beginnenden 16. Jahrhundert zur Reformation.

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Was also dringend notwendig ist, ist eine umfassende, eine globale Reform der Sozialsysteme als Ganzes, die kombiniert werden muss mit einer Reform der Wirtschaftspolitik, der Bildung und der Migration. Wird diese Aufgabe nicht komplex und universell als Reform der Systeme an sich angegriffen, wird jedes Reförmchen innerhalb der Subsysteme von Systemen die Situation nur verschlimmbessern.

Doch diese Regierung ist zu dieser drängenden Reform, einer wahrhaften Reformation aus einem einfachen Grund nicht in der Lage: Ihr fehlen Orientierung und Kompass. Sie haben sich vollständig im Wald ihrer politischen Spielchen verlaufen und sehen den Wald vor Bäumen nicht. Während Deutschland die Zeit davon läuft, spielen sie „Ach, wie schön ist Neu-Versailles“.

Um auf Bärbel Bas zurückzukommen. Bisher hat sie außer seltsamen Reden auf Juso-Kongressen und Reform- und Reförmchen-Verweigerung nichts zustande gebracht. Sie als überfordert zu bezeichnen, wäre indes ungerecht, weil es in dieser Regierung kein Alleinstellungsmerkmal von Frau Bas darstellt.

Aber lehnen wir uns zurück, nehmen wir eine Tüte Popcorn, solange wir uns Popcorn noch leisten können – und Lars Klingbeil keine Popcorn-Steuer eingeführt hat – und schauen wir uns die neue Folge unserer täglichen Daily Soap „Sturm der Reformen“ an.

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Kommentare ( 24 )

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OJ
18 Minuten her

Kann es sein, dass viele, sehr viele Frauen in der Führungspolitik völlig inkompetent sind ❓

EditorialGhost
53 Minuten her

Zum Glück sind Bürgergeld- und Asylleistungsempfänger von der Reform ausgenommen. Man stelle sich die Tumulte in den Wartezimmern vor, wenn außer einer Notversorgung die Behandlung verweigert wird. Eine Ausnahme gäbe es dann nur, wenn Säbel, Messer und sonstiges Operationsbesteck vom Patienten selbst mitgebracht werden.

suesssauer
1 Stunde her

Bei Breitbart soll es folgenden Titel geben: EU Parliament conference hears ‚continent on track for civil war‘. Will there be a EU in 50 years?

Pumpernickel
1 Stunde her

Ich fordere eine jährliche Beitragserhöhung von mind. 5%, Abschaffung der beitragsfrei versicherten Ehepartner, Anhebung der Zuzahlungen auf mind. 20 EUR je Medikament und 50% auf Heilmittel. Dazu noch Abschaffung der BMG und uneingeschränkte Beitragspflicht für Mieteinahmen, Kapitaleinkünfte, Sparguthaben und Lottogewinne. Gilt selbstverständlich nur für Beitragszahler, für den Rest sollte es verbesserte Leistungen wie z.B. Zahnimplantate und Facharztbesuche ohne Wartezeiten geben.

Und wenn man schon so fröhlich dabei ist: Rente mit 75 ist auch noch drin und warum kleckern wenn man kotzen kann, MwSt- Satz vereinheitlichen (wegen der Bürokratie) auf 25%.

Krieg ich jetzt auch 12.000 €/monatl für meine Expertise?

Dundee
1 Stunde her

Wer diesen Krankenkassenwahnsinn noch bezahlt ist selber Schuld, dass er immer mehr dafür bezahlt – für immer weniger Leistung ! Krankenhäuser verschwinden, beim Arzt bekommt man keinen Termin oder erst dann wenn man von selber wieder gesundete oder an der Krankheit verstarb. Währenddessen bekommen Migranten, die nie irgendwo einzahlten und nie irgendwo einzahlen werden, neue Zähne ! Alle schimpfen über dieses System – aber bezahlen es ! Echt jetzt ! Wie blöde kann man sein ? Ihr zahlt sowieso so lange bis Ihr nicht mehr zahlen könnt ! Und dann zahlt Ihr nicht mehr – weil Ihr einfach nicht mehr… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Dundee
Kurz
1 Stunde her

Wir haben eine „Zweiklassen-Medizin“. Warum nicht DREI? Privatversicherte, Beamte und dann die Arbeitnehmer. Alle zahlen in eine Krankenversicherung ein. Der Gedanke von Versicherungen ist nicht schlecht: „Viele zahlen ein Wenig ein, damit Wenigen in der Not geholfen werden kann.“ Nun, wenn ich 45 Jahr lang 500€ (mit Arbeitgeberanteil) monatlich einzahlte, komme ich so auf ca. 300000.-€ Beitrag. Wenn ich dann behandelt werde wie jemand der noch nie was eingezahlt hat und weiter „gemolken“ werde, empfinde ich das als sehr ungerecht. Machen sie bitte drei Klassen. Geben sie mir einen VIP-Ausweis und kürzen sie bei denen die nichts, oder nur wenig… Mehr

corsen
1 Stunde her
Antworten an  Kurz

Ihr VIP Ausweis wäre bei Pflegebedürftigkeit in einigen Jahren, bei Motorradunfall oder Herzklappen-OP in wenigen Monaten abgelaufen, sprich, die 300.000 Euro verbraucht. Auch wenn Sie den „Gedanken Versicherung“ nicht schlecht finden, haben Sie Solidargemeinschaft nicht verstanden. Ich wundere mich übrigens, dass von der Kommission nicht der Vorschlag kommt, dass die üblichen Raser, Fleischesser, Raucher, Skifahrer usw….noch mehr Beiträge zahlen sollen.

Last edited 1 Stunde her by corsen
EditorialGhost
32 Minuten her
Antworten an  Kurz

Sie haben die Verzinsung vergessen. 500 Euro mit beispielsweise 3 Prozent verzinst ergäbe ein Endkapital von über 570 Tsd. Dazu fehlen den Verantwortlichen die nötigen Fähigkeiten, und das Geld der Versicherten wird auf abenteuerliche Weise zweckentfremdet.

H.Bernhard
1 Stunde her

93 gesetzliche Krankenversicherungen in Deutschland, vom Steuerzahler mit Milliarden alimentiert. 93 mal Vorstands- und Direktionsgehälter in Millionenhöhe. 93 mal Dienstwagenflotte. 93 mal Verwaltung, Vertrieb, Marketingkosten. 93 mal Immobilien/Bürokosten. 93 mal sonstige Overheadkosten. Alles von den Versicherungsnehmern und Steuerzahlern subventioniert. Und diese Kommission verliert kein Wort darüber…? Ich glaub ich spinne. Deutschland, zerfressen von Lobbys und Lobbyisten. Es wird so Zeit für den Politikwechsel.

MaxT.Junior
54 Minuten her
Antworten an  H.Bernhard

Aber es ist doch schon was getan, wenn 19 Mrd. eingespart werden, indem Leistungserbringer schlechter vergütet werden bei gleicher Qualität der Leistung und steigenden Gehältern der Angestellten.

Sabine Ehrke
1 Stunde her

 ‚Ihr fehlen Orientierung und Kompass. Sie haben sich vollständig im Wald ihrer politischen Spielchen verlaufen und sehen den Wald vor Bäumen nicht.‘ Doch, sie haben Orientierung, sie haben einen Kompass und sie sehen sehr wohl den Wald. Denn alles was sie tun, tun sie wissentlich in purer, bösartiger Absicht!

Dr. Rehmstack
2 Stunden her

Bei diesem sehr guten Artikel stellt sich die Frage, warum diese offensichtlich notwendigen Reformen seit Jahrzehnten nicht angegangen, geschweige denn durchgeführt worden sind. Ich denke die einzig gültige Erklärung hierfür ist, dass dieses System, UnsereDemokratie, eben nicht in der Lage ist, Reformen durchzuführen, die einen Teil der Bevölkerung nachteilig betreffen würden, die aber demokratierechtlich und/oder medienwirksam eine relative Mehrheit haben; und dazu dieses:“Eine Demokratie bricht irreparabel, sobald die, die auf Kosten der anderen leben, eine absolute, relative oder auch nur effektive Mehrheit haben“ (gefunden bei Danisch). Demokratie ist nunmal die Tyrannei der Mehrheit über die Minderheit.

corsen
1 Stunde her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Wenn man wirklich etwas für das Land machen möchte, könnte man am Anfang seiner Legislaturperiode viel ändern, siehe Kanzler Schröder. Aber dann wird es mit der Wiederwahl schwierig.
Ein einfaches Beispiel, ich würde am ersten Tag GEZ in vier Tranchen, also in vier Jahren abschaffen. Jedes Jahr 25 Prozent weniger. Können sich alle drauf einstellen, fertig. Wem das nicht gefällt, der kann mich nach vier Jahren abwählen.

Zebra
2 Stunden her

Hätte nicht gedacht, daß die Schildbürgerstreiche (erstmals 1597) überall Platz greifen und das Hauptziel der Politik heute in Deutschland sind.