Deutschland, der Störenfried im europäischen Stromnetz

Deutschlands Energiewende produziert Strom im Überfluss – aber zur falschen Zeit. Mittags wird er verschenkt, abends teuer importiert. Ein System, das Überfluss und Mangel zugleich schafft.

picture alliance/dpa | Jan Woitas

Deutschlands gewendetes Energiesystem produziert immer häufiger genau das Falsche – zu viel Strom nur eben zur falschen Zeit. Die Folge ist massiver Strommüll: Zur Mittagszeit drücken Solaranlagen gewaltige Strommengen ins Netz. Der Markt wird regelrecht überschwemmt. Die Preise fallen bis teilweise unter null. Strom wird dann nicht nur verschenkt. Dann muß sogar Geld gezahlt werden, damit ihn überhaupt jemand abnimmt.

Das ist das typische Bild der vergangenen Tage:

screenshot/ agora-energiewende.de

An den vergangenen beiden Tagen gab es Datenprobleme, deswegen wurden die Verläufe nicht vollständig abgebildet. Das hängt hoffentlich nicht mit den schlechten Nachrichten zusammen, die diese Daten vermitteln.

Das Bild demonstriert Deutschlands Energiewendewahn: benötigt wurden am Sonntag Mittag um 12:00 Uhr eine elektrische Leistung von 65 GW. Von den konventionellen Kraftwerken kamen 14,38 GW an elektrischer Leistung, von den 30.000 Windrädern kamen vergleichsweise lächerliche 5 GW und die etwa 6 Millionen Fotovoltaik Anlagen lieferten 52,819 GW. Allerdings nur um die Mittagszeit. Dann fällt die Kurve recht steil ab; kein Wunder: Die Sonne geht wieder unter. Dann ist wieder Schluß mit Strom von der Sonne.

Um die Mittagszeit war wieder zu viel Strom vorhanden, der ins benachbarte Ausland verklappt werden mußte. Das ließen sich die Nachbarländer wieder gut bezahlen. 10 Euro/MWh mußte der deutsche Stromkunde drauflegen, damit Nachbarn den Strommüll abnahmen.

Die dünne rote Linie signalisiert den Verbrauch zum jeweiligen Zeitpunkt. Das ist wichtig, weil Strom ein besonderer Saft ist: Es läßt sich nicht speichern wie Getreide, Zucker oder Kohle. Er muß in genau dem Augenblick produziert werden, in dem er verbraucht wird. Das hat erhebliche Folgen für das Stromsystem und die Versorgung.

Dieses in einem Industrieland extrem hirnrissige Spiel auf Basis der sogenannten „Energiewende“ geht jetzt im kommenden Frühjahr und vor allem im Sommer wieder verstärkt los. Um die Mittagszeit Stunden mit kräftigem Sonnenschein. Die mittlerweile fast sechs Millionen Photovoltaikanlagen pumpen zu viel Strom hinaus, Strommüll, den zu dieser Zeit kaum jemand in den Mengen benötigt.

Aber schon im Laufe des Nachmittags nimmt die Stromproduktion drastisch ab – auch nicht wirklich unerklärlich, weil die Sonne untergeht, aber äußerst kritisch für die Stromversorgung. Denn Strom sollte zu jedem Zeitpunkt verfügbar sein, zumindest in einem Noch-Industrieland.

Photovoltaikanlagen erzeugen ihre Leistung nahezu ausschließlich zur Mittagszeit. Die Einspeisung steigt steil an und erreicht zur Mittagszeit Spitzenwerte von 25 bis 35 Gigawatt. In dieser Phase kann die Stromproduktion den tatsächlichen Bedarf übersteigen. Die Folge ist ein Überangebot am Markt.

Dieses Überangebot wirkt sich direkt auf die Preise aus. An der Strombörse sinken sie in solchen Situationen deutlich – in Extremfällen sogar unter null. Das bedeutet: Strom wird nicht nur verschenkt, sondern es wird zusätzlich Geld gezahlt, damit Abnehmer in den Nachbarländern ihn überhaupt abnehmen.

Nur wenige Stunden später kehrt sich die Situation um. Mit dem Abfall der Solarproduktion am Nachmittag entsteht ein steiler Einbruch in der Stromerzeugung. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage hoch oder steigt weiter an. Besonders am Abend, wenn Haushalte aktiv werden, erreicht der Strombedarf seinen Tageshöchstwert – während die Solarproduktion vollständig auf null fällt.

Für das Stromsystem bedeutet das wachsende Schwierigkeiten. Konventionelle Kraftwerke, also jene Gas- und Kohlekraftwerke, müssen diese Schwankungen ausgleichen. Nur die können hoch- und wieder heruntergefahren werden. Windräder nicht, wenn kein Wind weht.

Sie werden mittags heruntergefahren und müssen innerhalb kurzer Zeit wieder hochgefahren werden. Diese Betriebsweise ist technisch anspruchsvoll, verursacht höhere Kosten und erhöht den Verschleiß der Anlagen. Gleichzeitig sind diese Kraftwerke unverzichtbar, da sie die Versorgung in Zeiten geringer erneuerbarer Einspeisung sichern. Und ihr Betrieb wird immer teurer, weil die Kosten nur auf wenige Stunden umgelegt werden können.

Auch auf europäischer Ebene hat dieses System weitreichende Folgen. Aus Deutschland drücken zur Mittagszeit große Mengen Strom in die Netze. Nachbarn wissen häufig selbst nicht, wohin damit. Verschiedene Länder wie Polen, Tschechien und die Niederlande etwa wehren sich gegen deutschen Stromimperialismus bereits mit Grenzen in den Netzen, mit teuren Phasenrichtern, die Strom sperren können. Damit werden die eigenen Netze geschützt.

Am Abend hingegen wird Strom importiert – dann zu deutlich höheren Preisen. Besonders Frankreich spielt hier eine zentrale Rolle. Das Land verfügt über einen hohen Anteil an Kernenergie und kann vergleichsweise stabil und planbar Strom erzeugen.

Doch auch Frankreich beobachtet die Entwicklungen im europäischen Strommarkt zunehmend kritisch. Die Preisbildung erfolgt nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip, bei dem das teuerste Kraftwerk den Preis bestimmt. In der Praxis sind das häufig Gaskraftwerke. Dadurch entstehen hohe Strompreise, auch wenn ein großer Teil des Stroms deutlich günstiger produziert wird – etwa durch Kernkraft.

Frankreich fordert seit Jahren Reformen des europäischen Strommarktes. Ziel ist es, die Preisbildung stärker von nationalen Produktionsstrukturen zu entkoppeln und stabile Erzeugungsformen besser abzubilden. So werden im Nachbarland Bewegungen immer stärker, die einen Austritt Frankreichs aus dem Strombinnenmarkt fordert. Denn dieses verrückte Import- Export-Spiel hat eine weitere Folge: Der Strom im Nachbarland wird teurer.

Die Entwicklungen der letzten Tage zeigen exemplarisch, wie sich diese strukturellen Probleme im Alltag auswirken. Ein System, das stark von Wetter und Tageszeit abhängt, produziert zwangsläufig starke Schwankungen. Mittags entsteht ein Überangebot, das den Strompreis kollabieren lässt. Am Abend entsteht ein Mangel, der Importe notwendig macht. Fatal für ein Industrieland, in dem Strom permanent günstig zur Verfügung stehen muß. Strom lässt sich nur begrenzt in großem Maßstab speichern. Massive Stromspeicher sind nicht in Sicht.

Ein Stromsystem, das mittags Strom vernichten muss und abends zu wenig hat, ist alles andere, nur kein stabiles, sondern ein hochriskantes System.

Aber Deutschland hat ja Energiewende.

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Kommentare ( 11 )

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Jan Frisch
37 Minuten her

Nun, das ist nur das naheliegende Ergebnis, wenn man linken Hippiegeistern die Energiepolitik überlässt. Die wähnen sich ganz offensichtlich in einer Art riesigen Hippiekommune, und da kann man natürlich gemeinschaftlich zur Mittagszeit die Waschmaschine anwerfen, aber dass das bei einer Wirtschaftsnation mit 83 Millionen Menschen nicht funktionieren kann, bewegt sich weit außerhalb der Auffassungsgabe der besagten Hippies.

Kassandra
6 Minuten her
Antworten an  Jan Frisch

Alles weist darauf hin, dass „die Wirtschaftsnation“ nicht mehr sein soll – oder?

Egge940
1 Stunde her

Man merkt dass der Autor immer noch sehr im alten Energiesystem verhaftet ist. Die Schwankungen der Einspeisung der erneuerbaren erzeugen einfach ein Preissignal was derzeit dazu führt, dass massenhaft Großbatterien gebaut werden.Diese sind zusammen mit den Erneuerbaren immer noch günstiger als teurer fossiler Strom, dessen Preis zudem geopolitisch extremen Schwankungen unterworfen ist und uns erpressbar macht. Leider können wir Verbraucher diese Preissignale noch nicht nutzen, da der Smart Meter Ausbau massiv von den Netzbetreibern ausgebremst wird. Aber es wird nach und nach.

Holger Douglas
1 Stunde her
Antworten an  Egge940

Nein, der kann nur rechnen und kennt Größenordnungen. Vorstellungen, auch mit noch so großen Großbatterien Schwankungen im Bereich von dreiviertel des Strombedarfes auszugleichen und gar über Wintermonate hinweg zu speichern sind bis auf weiteres Illusion. Aufgabe: Berechnen Sie notwendige Kapazitäten für Batterien und Kosten! Energie speichert man immer noch chemisch und nicht elektrisch.

Last edited 1 Stunde her by Holger Douglas
Shipoffools
51 Minuten her
Antworten an  Egge940

Mit Verlaub.Wer bezahlt Ihren Sold? Haben Sie zuviel Quaschnig, Kämpfert oder Lesch sich durch die Nase gezogen?
Sie wissen es doch besser. Batteriespeicher.
Wie lange halten die??
Kleiner Tipp. Die Gesamtkapazität bemisst sich in Minuten. Zur vollen Stunde reicht es leider nicht.
Trösten Sie sich, bis zum Niedergang befinden Sie sich auf Seiten der Mehrheitsschlafschafe in guter schlechter Gesellschaft.

H. Priess
26 Minuten her
Antworten an  Egge940

Großbatterien die eine Stadt mit 15 000 Einwohnern 4 Stunden lang versorgen kann? Batteriespeicher sind das unsinnigste was man sich in der Energieerzeugung denken kann!

Kassandra
21 Minuten her
Antworten an  Egge940

Erzählen Sie uns mehr über Ihre „Großbatterien“ – wo überall wird gebaut – und ab wann sind die einsatzfähig?

Klaus D
1 Stunde her

Deutschlands Energiewende produziert Strom im Überfluss – aber zur falschen Zeit….das stimmt so auch nicht ganz! Würden die anderen länder tagsüber wenn das der fall ist ihre stromproduktion runterfahren was leicht möglich wäre könnten sie unseren strom kaufen. Aber dortigen stromerteugern/anbieter wären ja doof das zu tun denn dann würden sei kein geld verdienen sondern „die“ deutschen.

Shipoffools
49 Minuten her
Antworten an  Klaus D

Warum sollten Die das tun?? Um den Irren, der auf der Autobahn den Geisterfahrer gibt den Weg frei zu machen?

M. Stoll
2 Stunden her

„Deutschlands Energiewende“ war von Anfang an ein planwirtschaftliches Projekt, bei dem die staatlichen Akteure besonders plump in den Markt eingriffen.
Am Ende wundern sich diese Sozialisten/Maoisten wieder, warum die Kugel Eis explodiert ist, während der Rest der Welt Deutschland mitleidig belächelt.
Marktwirtschaft bedeutet immer Wachstum, Wohlstand und auch Freiheit.
Planwirtschaft/Sozialismus endet immer in der Katastrophe, auch wenn man sie grün tarnt.

merlin999
2 Stunden her

Was solls. Die wollen es nicht verstehen was für einen Müll sie fabrizieren und auch zusammen reden.
Und bei der Bildung werden sie es auch in Zukunft nicht verstehen.