Dänemark will Bau von Kernkraftwerken prüfen

Dänemark merkt, was Berlin verdrängt: Wind als Rückgrat heißt auch Wetter als permanentes Risiko. Weil Nachbarn nicht ewig ausgleichen, prüft Kopenhagen jetzt wieder Kernenergie – ausgerechnet als „grüne“ Stabilitätsreserve. Die Ideologie bekommt deutliche Risse, der Realitätscheck beginnt. Von Wolfgang Kempkens

IMAGO

Das bis dahin schwerste nukleare Unglück zerstörte am 28. März 1979 Block 2 des US-Kernkraftwerks Three Mile Island. Das sorgte für ein Umdenken in Dänemark, das bis dahin in seinem Kernforschungszentrum auf der Halbinsel Risø den Bau eines eigenen Kernkraftwerks vorbereitet hatte. 1985, noch vor dem weltweit zweiten großen Reaktorunglück in Tschernobyl, beschloss das Parlament des Landes, auf diese Option zu verzichten. Seitdem ist Windenergie angesagt. Doch die ist wetterabhängig, ebenso wie Solarenergie, ein weiteres Standbein der Stromversorgung Dänemarks.

Das hat dem Land zu denken gegeben. Es hat jetzt beschlossen, zu prüfen, ob dieses Risiko durch den Einsatz von Kernenergie zu beseitigen ist, ohne die Klimaziele zu gefährden. „Grüne Energie aus Sonne und Wind wird auch in Zukunft das Rückgrat der dänischen Energieversorgung sein, aber wir sehen auch, dass sie allein nicht ausreichen kann“, sagt Lars Aagaard, Minister für Klima, Energie und Versorgung. „Deshalb müssen wir offen dafür sein, ob andere Technologien uns in Zukunft mit grüner Energie versorgen können. Kleine modulare Kernreaktoren könnten hier eine Option sein.“

Copenhagen Atomics, angesiedelt in der dänischen Hauptstadt, entwickelt genau solche kleinen Kernkraftwerke und rechnet sich Chancen aus, im eigenen Land zum Zuge zu kommen, um zum einen die – dort mit rund zehn Prozent allerdings relativ geringe – Abhängigkeit von fossilem Strom zu beenden und zum anderen wetterbedingte Lücken in der Stromversorgung zu stopfen.

Derzeit produziert Dänemark etwa 58 Prozent seines Strombedarfs mit Onshore- und Offshore-Windenergieanlagen. Die gewaltigen Schwankungen des Wind- und damit des Stromangebots gleichen weitgehend die Nachbarn aus. Schweden liefert Atomstrom, Norwegen grünen Strom aus Wasserkraft und Deutschland vor allem Strom aus fossilen Kraftwerken. Im eigenen Land gleicht Dänemark einen Teil der Schwankungen mit seinen Kohle-, Erdgas- und Biomassekraftwerken aus.
Doch auf einige Nachbarn ist auf Dauer möglicherweise kein Verlass. Norwegen fürchtet schon, angesichts der Zunahme des Strombedarfs von Rechenzentren und Elektromobilität mit seiner Wasserkraft auf Dauer nicht auszukommen. Geplant sind zahlreiche kleine Kernkraftwerke. Für die erste Anlage läuft bereits das Genehmigungsverfahren. Und Deutschland wird einerseits selbst immer abhängiger von Windstrom und sucht andererseits seine Kohlekraftwerke abzuschalten. Lediglich auf Schweden wird sich Dänemark verlassen können.

Zwar gibt es auch eine Verbindung in die Niederlande, doch die dient vor allem dem Export von überschüssigem dänischem Windstrom. Das gleiche gilt für Viking Link, ein Unterwasserkabel, das Großbritannien mit dänischem Windstrom versorgt. Erschwerend kommt für Dänemark dazu, dass das Land zwei getrennte Netze hat, obwohl es so klein ist. Sie können untereinander nur kleine Mengen an Energie austauschen. Der Export von Windstrom ist zudem ein heikles Geschäft. Wenn der Wind heftig weht ist das Angebot so groß, dass Dänemark seinen Strom manchmal nur loswird, wenn es ihn zum Nulltarif abgibt oder noch zuzahlt.

Wolfgang Kempkens studierte an der Techni­schen Hochschule Aachen Elektrotechnik. Nach Stationen bei der „Aache­ner Volkszeitung“ und der „Wirtschaftswoche“ arbeitet er heute als freier Journalist. Seine Schwer­punkte sind Energie und Umwelt.

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