Daniel Günther unter der Lupe der biblischen Sündenfallgeschichte

Die über 3000 Jahre alte Geschichte vom biblischen Sündenfall ist eine erstaunliche Hilfe, die Destruktivität des gegenwärtigen Moralismus in Politik und Gesellschaft in aller Schärfe zu verstehen.

picture alliance/dpa | Frank Molter

In der grundlegenden Menschheitserzählung vom Paradiesgarten tritt die Schlange auf und zerstört das Miteinander der Menschen mit zwei tückischen Verdrehungen:

  • Erstens: Die Schlange behauptet, dass es gut sei, wenn der Mensch vom Baum der Schwarz-Weiß-Erkenntnis von Gut und Böse isst (1. Mose 3,4); wenn der Mensch genau weiß, was gut und böse ist, dann braucht er nicht mehr aufwendig und abwägend im Grau des Alltags gemeinsam nach Antworten zu suchen.
  • Zweitens: Die Schlange stellt das Essen von dem Baum der Schwarz-Weiß-Denke von Gut und Böse unter die Verheißung der Vergöttlichung des Menschen. „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,4).

Der CDU-Ministerpräsident und Katholik Daniel Günther tritt in der Politik-Unterhaltungs-Show bei Markus Lanz als jemand auf, der in Medienfragen fundamentalistisch genau weiß, was gut und böse ist. So redet er sich in folgende Schwarz-Weiß-Behauptungen hinein: solche Portale missliebige, bestimmte

Er selber ist gut.
Medien, die ihm nicht passen („Nius und solche Portale“) sind böse.

Er selber ist ein Vertreter von „unsere Demokratie“.
Diese Medien sind „Feinde der Demokratie“.

Die „Zivilgesellschaft“ im Kampf gegen solche Portale und „Exzesse“ ist wertvoll.

Dagegen ist alles, was bestimmte Medien veröffentlichen, wertlos: „Also, wenn ich mir Nius-Artikel angucke, mit denen ich irgendetwas zu tun habe, da kann ich nur sagen, da stimmt in der Regel nichts drin. Das ist einfach vollkommen faktenfrei.“ Komischerweise hat Günther bisher noch niemals eine Unterlassungsklage eingereicht.

Er selber ist das Gesicht der guten CDU und der Hüter des Qualitätsjournalismus.
Dagegen sind seine CDU-Kollegen, die „solche Portale“ lesen und sogar teilen, verachtenswert: „Selbst Abgeordnete unserer Fraktion, die gucken sich so einen Quatsch an (…) Und es gibt Abgeordnete meiner Union, die solche Portale lesen, die so etwas teilweise auch weiterschicken, die so etwas in WhatsApp-Gruppen verteilen. Ich glaube, wir müssen viel, viel mehr aufwachen, dass das unsere Gegner und auch die Feinde von Demokratie sind.“ An dieser Stelle zersetzt Günther mit seiner moralinsauren Schwarz-Weiß-Denke sogar seine eigene Partei.

Daniel Günther hat Körbeweise vom Baum der Erkenntnis gegessen. Und deshalb lässt er raushängen, dass er gegenüber den vermeintlichen Pseudojournalisten „solcher Portale“ der bessere Mensch sei, der in quasigöttlicher Position befugt ist, ohne Urteile des Bundesverfassungsgerichts die Keule der Zensur und des Verbietens über diese Journalisten schwingen zu dürfen.

Der Schwarz-Weiß-Denker Günther ist auf der richtigen Seite und macht keine Fehler. So sagt er einige Tage nach seinem Zensurauftritt bei einer CDU-Parteiveranstaltung unter dem Applaus seiner Parteigenossen: „Alles, was ich in der Sendung gesagt habe, hat sich aus meiner Sicht in den vergangenen anderthalb Wochen eins zu eins bestätigt.“ Menschen, die durch den Baum der Erkenntnis wie Gott geworden sind, brauchen keine Selbstzweifel zu haben, selbst wenn ihre Aussagen das Grundgesetz und die Realität mit Füßen treten.

Im biblischen Mythos stellt sich allerdings umgehend heraus, dass die Schlange nicht recht hat, sondern ein „Diabolos“, ein „Durcheinanderwerfer“, ist. Das Essen vom Baum des moralischen Wissens ist der schnellste Weg aus dem Paradies hinaus. Der Mensch in seinem anmaßenden Wissen um Gut und Böse wird gerade nicht wie Gott, sondern landet ähnlich wie die Schlange mitten im „verfluchten Ackerstaub“ (vgl. 1. Mose 3,17).

Jenseits von Eden schlagen sich die Menschen in Besserwisserei ihre unfehlbaren Deutungen und Wahrheiten um die Ohren. Kein moralisches Lernen mehr. Kein Hören auf den anderen. Keine Selbstkritik. Kein gemeinsames Ringen um die Wahrheit. Wer nur böse und schlecht ist, wer nur „Quatsch“ schreibt, wer ein „Feind der Demokratie“ ist, den kann Günther öffentlich diffamieren, verachten und lächerlich machen, den kann oder muss er mit der Macht seines Amtes gesellschaftlich aussortieren.

Der Weg aus dem Paradiesgarten hinaus führt direkt ins Moralgefängnis des eigenen Gottseins und Gutseins. Doch statt vor den Gitterstäben des Moralgefängnisses zu erschrecken, preist man diese Gitterstäbe noch als „Brandmauer“, die einem vor dem Bösen schützen. Die Schlange, der „Durcheinanderwerfer“, hat auf voller Linie gesiegt.

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