Zerbrechliches Ich

Kaum hat die veröffentlichte Erregung die Street-View-Autos gestoppt, mit denen Google unsere Straßen und Hausfassaden aufzeichnet und weltweit verfügbar macht – und schon denkt der große Datenbruder über fliegende Augen nach, die wie große, brummende Hummeln über unsere Hinterhöfe und Terrassen schwirren und damit auch den letzten schäbigen Rest unserer Privatheit auf alle Bildschirme der Welt zerren könnten. Fliegende Drohnen mit Kameras, so billig wie ein Dacia mit Klimaanlage, sind die Entwicklung eines jungen Unternehmens aus dem braven Siegerland. 

Man kann damit auch Waldbrände verhindern, Fahrraddiebe jagen, Leben retten oder auch nur Immobilienangebote veranschaulichen, selbstverständlich so dreidimensional, wie manche gerne ins Schlafzimmer der Nachbarin gucken würden. Es ist die nur vorerst neueste Erfindung der Kommunikationswelt, bei der das Gute so nah liegt und das Böse gleich dahinter lauert. Unsere Persönlichkeit, unser Ich, ist umso verletzlicher geworden, je mehr wir über elektronische Kanäle kommunizieren und von stationären oder fliegenden Kameras beobachtet werden; je dichter das Netz kleinster Informationsfäden uns umschlingt und je tiefer in unsere kleinen und großen Geheimnisse eingedrungen wird.

Selbst scheinbar hinter ausgeklügelten Firewalls geschützte Unternehmen liegen mit ihren Vertraulichkeiten, vom Konstruktionsplan bis zur Buchhaltung, wie ein offenes Buch da, wenn nur ein ernsthafter Hacker darin blättern will. Vorbei ist die romantische Zeit der attraktiven Romeo-Agenten aus Pankow, der lockenden Honey-Traps, der magenkranken John-le-Carré-Agenten und knallharten Bond-Typen. Der jüngste Agentenaustausch zwischen US-Geheimdiensten und ihren russischen Gegenspielern in Wien hat nostalgischen Charakter; wie filmreif lag doch einst der Nebel dicht über der Glienicker Brücke.

Heute werden unsere Kopierer per Fernüberwachung zur Zweitkopie veranlasst; unsere Handys nur zugelassen, wenn der Polizei der Zugriff garantiert ist, und unsere E-Mails, gelöschte wie gesendete, im Server der Unternehmen für zehn Jahre aufbewahrt.

Casanova vor dem Online-Portal

Wir sorgen uns um unsere Kinder, die so scheinbar ahnungslos ihre kleinen Sünden in Facebook und anderswo offenbaren. Dabei leben wir alle nur in einer zerbrechlichen Blase: Wir Spanner per Tastatur hoffen, dass unsere Klicks auf peinliche Internet-Seiten nicht in der Personalabteilung auflaufen oder zu unserem Persönlichkeitsprofil hinzugefügt werden, das sonst nur von seriösen Recherchen geprägt ist; wir Nomaden im Netz glauben, dass unsere heimlichen Grenzübertretungen nicht direkt bei den Häschern des Finanzamts abgebildet ‧werden; wir Casanovas vor dem Online-Portal vertrauen blind unserem Serviceprovider, dass sich unser virtuelles ‧Liebesgestammel nicht ganz böse beim Scheidungsrichter materialisiert.

Wir wollten unsere bürgerlichen Restfreiheiten per Gesetz schützen. Aber nach den Attentaten vom 11. September 2001 haben weltweit die Sicherheitsbehörden die Dämme eingerissen, die unsere Kommunikation, unsere Computer, unsere Daten schützen. Wer will schon den Killern von al-Qaida auf dem Blackberry die Kommunikationswege schützen, mit deren Hilfe sie ihre mörderischen Bomben in unsere Städte transportieren? Die Technik läuft ohnehin den Gesetzen immer weiter voraus – das Luftverkehrsgesetz ist für Flugzeuge gemacht, nicht für drohnenschwärmende Paparazzi. Weil es kein Leben als Eremit ohne DSL-Anschluss mehr gibt, zieht sich das Netz zu um unser Ich. Daher gestehe ich, auf allen Kanälen, meine Ratlosigkeit ein.

(Erschienen am 07.08.2010 auf Wiwo.de)

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