Heiner Geißler ist gestorben – ein Kämpfer vor dem Herrn

Wer Gegensätze formuliert und benennt, schafft Klarheit und damit das Fundament für eine Brücke zwischen Gegensätzen. Heiner Geißler konnte das wie kaum einer. Mit ihm geht ein Pfeiler jener CDU, die es nicht mehr gibt.

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Heiner Geißler nutzte das Wort als scharfes Schwert. Er hat Wunden geschlagen, seine härtesten Schläge führte er wohl imaginär als Kerben im Schwertgriff.

1977 verantwortete Geißler eine Broschüre, in der er viele „linke“ und liberale Künstler und Politiker der Bundesrepublik Deutschland und ihre klammheimlichen Rechtfertigungen der Anschläge der RAF als „Sympathisanten des Terrors“ beschuldigte. Darunter Helmut Gollwitzer, Heinrich Albertz, Günter Wallraff, Herbert Marcuse und Bundesinnenminister Werner Maihofer. Mit dieser scharfen Trennlinie entzog er der RAF das linksgefühlige Unterstützungsklima für die Terroristen.

Das Aufheulen der Getroffenen nahm er in einer besondern Körperhaltung hin: Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, leicht vornübergebeugt, verschmitzt lächelnd.
Er war der schwarze Ritter, der allein auf die Gegner der CDU einschlug, der ihnen buchstäblich Paroli bot.

1983 sprach Geißler von der SPD als „Fünfte Kolonne der anderen Seite“, mit der der Ostblock gemeint war, als es um die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa ging. Klar, dass die SPD das nicht gerne hörte – sie war längst in einen gefühligen Pazifismus abgedriftet, der die Wirkungen der eigenen Schwäche nicht wahrhaben wollte.

Es ist Heiner Geißlers Verdienst, mit seiner extrem zugespitzten Rhetorik politische Umschwünge erzeugt zu haben wie den Nato-Doppelbeschluss gegen die Hundertausende von Demonstranten auf der Bonner Hofgartenwiese. Seine Beiträge heute noch mal zu lesen, macht einen sprachlos.

In einer Bundestagsdebatte zum NATO-Doppelbeschluss nahm Geißler zu einem Spiegel-Interview Stellung, in dem die Grünen-Abgeordneten Otto Schily und Joschka Fischer den ihrer Ansicht nach durch die Raketenstationierung drohenden Atomkrieg mit Auschwitz verglichen hatten:

„[…], die Massenvernichtung in Auschwitz gedanklich in Verbindung zu bringen mit der Verteidigung der atomaren Abschreckung eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats, dies gehört ebenfalls in das Kapitel der Verwirrung der Begriffe und der Geister, die wir jetzt bestehen müssen. Herr Fischer, ich mache Sie als Antwort auf das, was Sie dort gesagt haben, auf folgendes aufmerksam: Der Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.“

Der politische Kampf war sein Metier. Ohne ihn wäre Helmut Kohl nicht Bundeskanzler geworden. Er war derjenige, der die Revolution gegen die bleierne Regierung Schmidt/Genscher inszenierte.

Er formulierte einmal: Revolutionen macht man heute nicht mehr, indem man Bahnhöfe oder Telegrafenämter besetzt. Revolutionen macht man, indem man Begriffe besetzt. Und Begriffe besetzte er, drehte sie um, wandte sie gegen die Gegner. Im Bundestagswahlkampf des Jahres 1983 setzte Geißler das Zitat „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ aus Bertolt Brechts Drama Leben des Galilei[8] gegen die SPD ein.

Willy Brandt warf ihm am 12. Mai 1985 vor, „seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land“ zu sein.

Kommt Ihnen das Wort Hetzer irgendwie aktuell vor?

Geißler war eine andere CDU. Er vertrat eine Partei als Generalsekretär und später Minister, die noch kämpfen konnte. Die auch kämpfen wollte. Er ist in dieser Phase seines Lebens das ideelle Gegenbild zur derzeitigen CDU und ihrer Vorsitzenden. Angela Merkel kämpft ja nicht um Begriffe und Positionen – sie paßt sich an. Und mit ihr die ganze CDU.

Geißler niemals. Er übte Kritik an der Verleihung des Friedensnobelpreises 1985 an International Physicians for the Prevention of Nuclear War, da deren Vizepräsident, der sowjetische Gesundheitsminister Jewgeni Tschasow, Dissidenten in psychiatrische Anstalten einweisen ließ. In der heutigen deutschen Politik undenkbar.

Geißler hatte auch eine andere Seite. 1976 formulierte er die neue Soziale Frage – die Tatsache, dass die schnell steigenden Ausgaben für Soziale Sicherung eine Umverteilungsorgie der Mittelschicht darstellt, aber keine Wirkung für die wirklich Verarmten und Leisen der Gesellschaft hatte. Das Buch hat 40 Jahre später noch bedrückende Relevanz, wenn auch mit leicht geänderter Fragestellung. Als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit von 1982 bis 1985 steht er für die Neuordnung des Kriegsdienstverweigerungs- und Zivildienstgesetzes, das Erziehungsgeld, den Erziehungsurlaub, die Anerkennung von Erziehungsjahren in der Rentenversicherung, die Reform der Approbationsordnung und den Arzt im Praktikum sowie die Einrichtung der Bundesstiftung „Mutter und Kind“.: Geißler war ein Gestalter der Politik mit analytischer Schärfe und rhetorischer Begabung. Er begann bei den Jesuiten, hat dort viel gelernt – bitter ironisch auch in eigener Sache.

Er verließ den Orden nach vier Jahren wieder, bevor er dauerhaft die Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam hätte ablegen sollen: „Mit 23 Jahren habe ich gemerkt, ich kann zwei – also mindestens eins – dieser Gelübde nicht halten. Die Armut war es nicht.“

Wehe wen sein Schwerhieb traf. Das konnte auch in den eigenen Reihen geschehen. Sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender wurde infrage gestellt, als er 1995 die CDU, auf die Rolle Helmut Kohls anspielend, als „führerkultische Partei“ bezeichnete. Er hatte schwarze Konten geführt, und trat von seinen Ämtern zurück.

Die CDU war mit ihm und seinen Gefährten wie Alfred Dregger, Franz-Josef Strauß, Walter Wallmann eine andere Partei in einer anderen Zeit. Es gibt sie nicht mehr. Hier hat Geißler gegen Ende seines Lebens eine seltsame Gefühlswandlung erlebt, die viele nicht verstanden haben. Es war eine Hinwendung zu „linken“ Positionen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. 2007 trat er der globalisierungskritischen Organisation attac bei. Irgendwie hat er den Orden Jesu doch nie verlassen.

Seine Schärfe, die auch dazu beitrug, dass Konflikte sich entluden, zeigte sich bei verschiedenen Tarifkonflikten, bei denen er mehrfach als Schlichter tätig war. In den Jahren 2010 und 2011 wirkte er zuletzt als Schlichter im Konflikt um das Bahnhofsbauprojekt Stuttgart 21. Vielleicht funktioniert es so: Wer Gegensätze formuliert und benennt, schafft Klarheit und damit das Fundament für eine Brücke zwischen Gegensätzen.

Seine Rede war oft verletztend, herabsetzend. Aber sie hat solche Klarheit für zukünftige gemeinsame Lösungen geschaffen. Er hat keine Nachfolger in der CDU. Die Verschwiemelung der Wortes und das Zermümeln im Munde, wie es schon Helmut Kohl pflegte, war seine Sache nicht.

Er war ein Mann des Schwertes.

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Kommentare

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  • Andreas Donath

    Ich weiß: De mortuis nil nisi bene. Und Heiner Geißler möge in Frieden ruhen. Doch mag ich in den Kanon der Geißler-Lobpreisungen nicht ohne Weiteres einstimmen.

    Manche verwechseln einen kritischen Denker mit Hofierung des Zeitgeists. Das war zumindest charakteristisch für den mittleren bis späteren Geißler, der diesen Zug allerdings smart und sympathisch zu verkaufen wusste. Echte kritische Geister zeichnen sich dagegen stets durch Distanz zum jeweiligen Zeitgeist aus.

    Der Mann hat vieles in der CDU mit initiiert, was diese später auf Merkel-Kurs geführt hat. Natürlich war er rhetorisch ein anderes Kaliber als die linkisch-verdruckste Kanzlerin. Politisch-inhaltlich ist er für mich indes einer der Wegbereiter des Merkelismus gewesen. Stark linkslastig, alles ist machbar, Herr Nachbar, alles eine Frage des Sozialen und der Pädagogik, und gut ist, was unserer – gerne linksgestrickten – Moral entspricht.

    Und nein, Geißler war ein Weggefährte aber kein Gefährte von Dregger, Wallmann und Strauß – er war eher deren innerparteilicher Gegenspieler. Geißler, Süssmuth und Blüm waren die ersten namhaften Protagonisten der weltanschaulichen Entkernung der Unionsparteien. Als damaligem CDU-Mitglied war mir dieses Trio stets suspekt, allerdings wirkte Geißler bei Weitem nicht so muffig wie diese um jeden Preis modern wirken wollende Frauen-Unions-Riege um Süssmuth und später Böhmer.

  • Luisa

    Im Bundestagswahlkampf des Jahres 1983 setzte Geißler das Zitat „Wer die
    Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und
    sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ aus Bertolt Brechts Drama
    Leben des Galilei[8] gegen die SPD ein.
    Heiner Geissler – ein kluger Kopf, ein Humanist, ein grosser Politiker, der fuer konstruktive Diskussionen sorgte, ein liebenswuerdiger „schlauer Fuchs“.
    Danke, Roland Tichy, fuer Ihren Nachruf.

  • Fritz Goergen

    Heiner Geißler war von Anfang an Kapitalismuskritiker auf der Linie der katholischen Soziallehre. Zu diesem Ausgangspunkt ist er am Ende wieder schärfer zurückgekehrt als lange Zeit dazwischen. Es ist nicht nötig, dass Sie aus Gefühlswandlung Gefühlsduselei machen – oder?

  • Peter Gramm

    R.I.P.
    Ein Kapitalismuskritiker und Parteiangehöriger einer Partei die dem Kapitalismuis frönt ist von uns gegangen.

  • Fritz Goergen

    Noch mal lesen hilft.

    • nokia pure

      Ich habe den Artikel mehrmals gelesen und komme zu keinem anderen Schluss als wie zuvor. Seine Wandlung wurde von sehr vielen gut verstanden und war keine „seltsame Gefühlswandlung“, sondern gründete auf Einsicht, Empathie und dem Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft.

  • Cornelius Angermann

    Heiner Geissler – Gott hab ihn selig!
    Alles, was in diesem Artikel genannt wurde, trifft auf das aktuelle Heute genauso zu:
    die Künstler und Pseudointellektuellen, die linken Politiker sind wiederum die Sympathisanten des (muslimischen) Terrors, den sie kleinreden und hinwegtransformieren wollen.

    Die SPD ist wiederum die Fünfte Kolonne der anderen Seite, die heute Islam heißt.

    Und die CDU ist immer noch eine führerkultische Partei, die blind dem Parteivorsitzenden folgt, wobei dieser heute weiblich, SED-ausgebildet und offenbar völlig losgelöst von jeglicher Verantwortung gegenüber den Deutschen ist.

    Ein Mann mit Scharfsinn und Weitblick, auch wenn manche seiner letzten Einlassungen zur Weltpolitik vielleicht zu sehr Altersmilde hindurchscheinen ließen.

    Ein Mann des Schwertes, wie wir ihn heute so nötig brauchten – nun hat er uns verlassen.

  • shade

    »Wer Gegensätze formuliert und benennt, schafft Klarheit und damit das Fundament für eine Brücke zwischen Gegensätzen.«

    Ein sehr schönes und überzeugendes Bild, Herr Tichy!

    Und welche politische Ingenieursleistung ist Frau Merkel zu verdanken? Den Grundablass einer Talsperre zu sprengen?