Dynamit aus dem Westen

Nicht nur in der Türkei: Weltweit wehrt sich eine westlich orientierte Mittelschicht gegen religiöse und staatliche Bevormundung.

Die Proteste in Istanbul und Ankara gegen den autoritären und religiös geprägten Kurs der Regierung finden nicht hinten in der fernen Türkei statt, da, wo es uns nicht schert. Es ist schon fast Teil der deutschen Innenpolitik: Rund 2000 Moscheen in Deutschland sowie rund 1000 angegliederte Vereine und Sozialeinrichtungen der “Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB)” unterstehen der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des türkischen Religionsministeriums, das direkt beim Ministerpräsidialamt angegliedert ist. Von dort erfolgt Auswahl und Bezahlung der Prediger, die kurzzeitig nach Deutschland entsandt werden und kaum mit der Lebenswirklichkeit ihres neuen Umfelds in Kontakt treten können – schon weil sie nicht deutsch sprechen. So wird Traditionspflege betrieben und auf die Integrationsbereitschaft der drei Millionen Türken bis hin zur Rolle der Frau massiv pro-türkischer Einfluss genommen. Kritiker sehen in der DITIB den langen Arm des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und das Bemühen, die Migranten türkischer Herkunft in Deutschland abzukapseln, statt zu integrieren. Die Folge ist, dass es in vielen deutschen Moscheen und sich isolierenden Familien rückständiger zugeht als etwa im weltoffenen, modernen und dynamischen Istanbul; das zurückgebliebene südöstliche Anatolien erlebt eine Scheinblüte weit im Westen, in Duisburg-Rheinhausen, Berlin-Neukölln und in Köln-Ehrenfeld. Der Protest in Istanbul ist auch eine Chance für mehr Integration in Deutschland.

Dabei ist Erdogans Politik nicht eindeutig. Da ist seine liberale Wirtschaftspolitik, die der Türkei innerhalb weniger Jahre Wachstum und Dynamik beschert hat, die viele Länder am Südrand der Europäischen Union alt aussehen lässt. Gleichzeitig versucht Erdogan eine religiöse Restauration, um so auf der Woge der Islamisierung mitzuschwimmen, die in vielen Nachbarländern vorherrschend wird. Mit autoritärer Politik will er seine persönliche Macht erhalten, mit der er Reformen weitertreibt und gleichzeitig die rückständigen Teile der islamischen Bevölkerung an sich bindet. Die Wahlerfolge scheinen ihm recht zu geben – er treibt die Türkei in die wirtschaftliche Moderne, ohne den zurückgebliebenen Teil des Landes zu verlieren.

Es ist ein Phänomen, das auch mehr oder weniger ähnlich in Russland, China und Ländern Afrikas zu beobachten ist: Der Entfesselung der Märkte folgt aber die Befreiung der Menschen. Globalisierung und Liberalisierung der Wirtschaft infizieren die strukturkonservativen Gesellschaften. Mit dem wachsenden Wohlstand steigt auch eine neue Mittelschicht auf, die westliche Werte übernimmt: Sie wendet sich von traditionellen Strukturen und religiöser Bevormundung ab, fordert Teilhabe weit über demokratische Wahlen hinaus, verlangt Rechtssicherheit, Umweltschutz und Emanzipation. Es sind junge Menschen, gut ausgebildet, mit dem Verlangen nach dem individualistischen Lebensstil westlicher Prägung. Sie kommen aus der traditionellen Welt und sind kosmopolitisch vernetzt. Dass Erdogan jene verhaften lässt, die auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Texte und Bilder “posten”, zeigt, wie brutal das alte polizeistaatliche Verlangen nach Kontrolle über Land und Leute mit einer neuen globalen Lebenswirklichkeit kollidiert. Chinas Internet-Polizei hat in diesen Tagen sogar jene Bilder verboten, die einen Mann, vor vier gigantischen Badewannen-Enten stehend, zeigt. Es ist eine Pop-Ikonografie, die sofort dechiffriert wird: Unter den Enten stecken die Panzer, die 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens die Studenten zu Tode walzten.

Nun kann Erdogan, wie Putin in Russland, den türkischen Aufbruch in die Moderne im Tränengas ersticken. Oder aber die bunte Türkei mit Istanbul als London des Orients und seinen westlichen Werten bricht sich Bahn. Diese Bahn führt übrigens direkt nach Europa und zur Aufnahme in die Europäische Union.

(Erschienen auf Wiwo.de am 08.06.2013)

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