Das Fest des Konsums

Ausgrenzung ist kein Rezept für eine Gesellschaft. Politik, richtig verstanden, verlangt, dass wir uns streiten - aber so, dass wir auch zueinander finden – trotz unterschiedlicher Positionen in Einzelfragen. Lassen wir uns Weihnachten nicht vermiesen.

© Mario Tama/Getty Images

Es war einmal, da war Weihnachten das Fest der Geburt Christi, das zweithöchste Fest der Christenheit. (Das muss man heute schon dazu sagen, denn das Fest der Geschenke hat Ostern im Bewusstsein vieler längst auf Platz Zwei verdrängt).

Längst ist für die Mehrheit Weihnachten das Fest des Konsums. Das ist die zweitbeste Lösung und damit nicht die Schlechteste. Schenken und Beschenkt-werden bringt Freude, es gehört zum Leben. Ein schöner Brauch, auch wenn die erste Hälfte verloren gegangen ist: Uns wurde der Erlöser geschenkt, singen die Gläubigen. Für alle anderen ist Schenken davon geblieben.

Aber seit einigen Jahren ist auch darin ein Stück Feindseligkeit eingebaut. Konsum wird politisch aufgeladen, der Kaufakt und damit auch der des Schenkens wird überhöht und damit gleichzeitig vergiftet. Es hat harmlos angefangen, und es war nichts Falsches am Fair gehandelten Kaffee. Es folgten Engel, die korrekten Konsum anzeigen sollten, und Siegel, die Böses vom Guten trennen. Wer heute noch Pelz trägt, trägt auch seinen Mut zu Markte. Er ist politisch unkorrekt, ihn mit Farbe zu überschütten, gilt als besonders mutig und tatkräftig.

Es ist wie ein später Sieg jener irre geleiteten politischen Gruppe aus den 60ern, für die alles politisch ist, auch das Private, selbst mit wem wir schlafen, selbstverständlich. Nichts darf ausgelassen werden bei der ständigen Kontrolle.

Das hat einen vorläufigen Höhepunkt erreicht – selbst Werbung wurde politisch geächtet. Wer wo wirbt, soll politisch kontrolliert werden, forderte der leitende Mitarbeiter einer Werbeagentur und organisierten einen Boykott gegen ihrer Meinung nach „unangemessene Meinung“. Abgesehen davon, dass es ungesetzlich ist und bedenklich, wenn Wirtschaftsmacht schamlos benutzt wird, sich die eine Meinung zu kaufen oder die andere zu unterdrücken.

Unternehmensberater Hasso Mansfeld hat dieser Tage im Gespräch mit Alexander Wallasch eine interessante Frage aufgeworfen: Darf ich noch Nutella essen, wenn ich weiß, dass dem Nazi aus meinem Ort Haselnusscreme doppelt so gut schmeckt, weil sie so schön braun ist? Darf ein „Nazi“ (welch ein Verharmlosung dieser leichtfertige Sprachgebraucht längst ist, steht auf dem Blatt der politischen Dummheit) BMW fahren, darf ihm Bier ausgeschenkt werden? In Regensburg wird längst auf politisch korrekten Getränkeausschank geachtet; dort muss man wohl auch auf jedes Wort achten, das man am Tresen spricht: Spießig. Kleinkariert. Kindisch.

In Hamburg drohte in dieser, seiner 57. Saison bei der Verbreitung von Freude an Kinder, dem Betreiber eines Kinderkarussells der Konzessionsentzug für den Weihnachtsmarkt, weil seine Spielzeugautos das Kennzeichen „HH-88“ trugen – HH steht nicht mehr für Hansestadt Hamburg, sondern für Heil Siewissenjaschon, und die arme 8 steht im Alphabet für das böse H. Sie lachen? Es ist wirklich so weit gekommen. Hoffentlich heißen Sie nicht Hans und H mit irgendwas. Sonst wird’s gefährlich.

„Schon eine falsche Kaufentscheidung bringt einen vor das Antifa-Gericht. Geht es so weiter, müssen sich Firmen bald dafür rechtfertigen, wer ihre Produkte konsumiert“, schreibt Jan Fleischhauer auf Spiegel-Online in einem Bericht, der mich betrifft. Denn wir konnten beobachten: Viele Leser informierten uns, wie sie auf den Boykott-Aufruf gegen Tichys Einblick reagierten: Mit Gegenboykott, und das hat auch zu unserem Erfolg beigetragen: Automarken wurden gemieden, die Bahncard gekündigt. Konsum wurde so zur Solidaritätsaktion, und dafür bedanke ich mich. Es ist die Reaktion auf diese seit Jahren betrieben Politisierung unseres gesamten Lebens.

Wer seine Kinder ordentlich kämmt, muss damit rechnen, im Kindergarten als Nazi-Vater oder -Mutter gebrandmarkt und unter Beobachtung gestellt zu werden. Die Schule als Schutzraum ist längst aufgegeben, politische Indoktrination an der Tagesordnung. Alle sollen umerzogen und auf Linie gebracht werden, und wenn es die Wahl der Schokoladenmarke ist – auch die kann politisch korrekt sein oder eben verräterisch.

Die vorherrschende öffentliche Meinung wird immer übergriffiger. Das Private wird zurückgedrängt, immer mehr Lebensäußerungen politisiert. Viele Gläubige besuchen deshalb ihre Kirchen nicht mehr – die Predigt wird zur Belehrung in politischen Alltagsfragen, zu denen bei Gott die Bibel keine Aussage trifft. Viele evangelischen Kirchen sind längst sektiererische Veranstaltungen des rotgrünen Weltgeistes. Zunehmend greift diese Haltung auch auf die katholische Kirche über. Beide Kirchen tragen die düsteren Vorzeichen ihrer religiösen Selbstaufgabe.

Politik, oder was man dafür hält, darf immer nur ein Teil unseres Lebens sein, und zwar ein kleiner. Sonst geht ein Riss durch Freundschaften, Familie, Gemeinschaften. Ausgrenzung ist kein Rezept für eine Gesellschaft. Politik, richtig verstanden, verlangt, dass wir uns streiten – aber so, dass wir auch zueinander finden – trotz unterschiedlicher Positionen in Einzelfragen.

Wir sollten das Gemeinsame betonen, nicht das Trennende.

Lassen Sie sich Weihnachten nicht vermiesen.

Schenken und Beschenkt-werden ist eine Geste von Freundschaft und Liebe. So soll es bleiben. Völlig unkorrekt. Einfach von Herzen.

Tichys Einblick wünscht Ihnen Frohe Weihnachten

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