Und wie blond ist Dein Nazi-Kind?

Alarm: "Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als Kinder anderer Eltern. Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind."

Screenshot Baby und Familie

Vorab etwas in eigener Sache: Auch wenn man sich als Journalist vielleicht intensiver als andere tagesaktuellen Themen zuwenden muss, heißt das nicht, dass man automatisch abgestumpfter wäre. Im Gegenteil, die Chance, dass einem hin und wieder sprichwörtlich die Spucke wegbleibt, steigt sogar noch. So wie in diesem nun folgenden Wolf-im-Schafspelz-Fall.

Das Schaf ist hier die beliebte und eigentlich an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Apotheker-Zeitung „Baby & Familie“. Wer würde bei diesem Werbeblättchen etwas anderes erwarten als beschauliche Artikelchen zum Lifestyle von Eltern und Kleinkindern, gespickt noch mit Werbung für die passenden Mittelchen gegen alle Wehwehchen? Inklusive liebenswerter Bebilderung – Grafiken und Fotografien als Apotheken-Eyecatcher für die ganz Kleinen und als Gratis-Greifreflex für Eltern und Kinder.

Pusteblume! Tatsächlich konnte man in der Februarausgabe 2016 etwas nachlesen, das an Perfidie kaum zu überbieten ist. Und das die Frage aufwirft, warum sich da mutmaßliche Wellen der Empörung der Leser nicht zu einem veritablen Tsunami entwickelten, der die verantwortliche Redaktion einfach hinweggefegt hat.

Aufruhr im Kopf

Auf dem Titel der Ausgabe wird der Artikel „Aufruhr im Bauch“ beworben. Eltern kennen das, wenn das Bäuerchen nicht kommen will und Baby nicht schlafen kann. Der Artikel, um den es hier aber gehen soll, hätte wohl am ehesten mit „Aufruhr im Kopf“ beworben werden müssen.

Titel im Heftchen: „Gefahr von Rechts“, Kitas würden immer öfter Hilfe suchen, weil sie es mit „rechten Eltern“ zu tun hätten. Nein, nicht der Glatzenvati mit dem Baseballschläger, sondern, so heißt es dort: „…es beginnt nicht immer im Extremen. Rechts-sein hat viele Formen. Die Abgrenzung, was extrem ist und was nicht, ist schwierig.“ Tatsache sei, so weiter, „dass diese Gesinnung in der Mitte der Gesellschaft ihren Ursprung hat.“ Und diese Mitte der Gesellschaft träfe man eben auch auf dem Spielplatz oder in der Kita. Frage der Redaktion also an den Leser: „Wie sich verhalten, wenn (…) Ideologien und Diskriminierung in den Kindergartenalltag eindringen?“

Sie ahnen es, hier soll es primär um diese Scheiss-Nazi-Eltern aus der Mitte der Gesellschaft gehen und weniger um deren arme ideologisierte Kinder. Ehrlich, man muss mehrfach heftig durchatmen, um den dann über fünf dieser Dünnpapierseiten greifenden Kita-Säuberungsprozess durchzulesen.

Weiter in Baby & Familie. Weiter mit der „Gefahr von Rechts“. Weiter bei, Sie ahnen es ja längst, einer zugeschalteten „Expertin“ der Amadeu-Antonio-Stiftung. Nein, diese Mal nicht die Chefin des Hauses, Anetta Kahane, die in DDR-Pankow wohl selbst eigene Kita-Erfahrungen gemacht hatte, sondern zu Kahanes Kollegin Heike Radvan, Leiterin der „Fachstelle Gender und Rechtsextremismus“. Die erklärt der Redaktion des Apothekenblättchens: „Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als Kinder anderer Eltern. Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind.“ Oh je, achten Sie also darauf, dass ihre Kinder möglichst ADHS haben und färben sie deren blonden Haare schwarz – dazu aber später noch.

Zöpfe und lange Kleider sind Nazi-pfui

Diese Kinder wären meist von klein auf daran gewöhnt, ihren Alltag geheim zu halten. Atmen Sie bitte durch, es wird nicht besser: Sie tragen „vielleicht bestimmte Kleidermarken.“ erklärt wiederum eine andere Rechtsextremismusforscherin. Es gibt in diesem Artikel ihrer drei. Und diese hier meint sicher nicht die West-Jeans. Es ist ein Jammer. Zu den beiden ersten gesellt sich dann noch eine Diplom-Sozialarbeiterin Eva Prausner, die findet: „Jemand, der sich damit nicht auskennt, bemerkt dies nicht unbedingt.“ Es ist furchtbar, wenn sie dann als Fachfrau weiter erklärt, „akkurat geflochtene Zöpfe und lange Röcke“ wären so ein Warnsignal und Hinweis auf rechte Eltern. Weiter: Kinder solcher Eltern würden keine amerikanischen Schriftzüge auf ihrer Kleidung tragen.

So geht es über Seiten weiter. Es braucht hier alle Geduld und Ruhe, Ihnen als Leser das weiter zu schildern, was einem hier den Mageninhalt so zielgenau nach oben befördern möchte.

Das ist DDR 2.0 So schrieb die Bundesregierung auf einer Website zum Thema:
„Erklärtes Ziel war die Erziehung des Kindes zu einer ’sozialistischen Persönlichkeit‘. (…) Eltern konnten sich nur schwer gegen die Indoktrination wehren. Vor allem dann, wenn sie ihre Kinder in Wochenkrippen untergebracht hatten. Das wurde mitunter nötig, wenn Arbeits- und Wegezeiten, schlechte Versorgung und mangelnde Dienstleistungen den Eltern kaum Zeit ließen, sich entsprechend um ihre Kinder zu kümmern. Die Einflussmöglichkeiten der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder waren dann ohnehin begrenzt.“

DDR? Oder doch auch Bundesrepublik 2016? Wie wäre es mit „Integration von Kindern muslimischen Glaubens“? So berichtet ein Kindergartenerzieher auf der Internetseite zum Kindergartenhandbuch des renommierten Erziehers Martin Textor: „Nur wenige Migranteneltern kommen zu Eingewöhnungs- oder Entwicklungsgesprächen, zu Elternabenden oder anderen Elternveranstaltungen. Selbst den Tür- und Angel-Gesprächen entziehen sie sich. (…) Wir wissen, dass die Lebenswelt dieser Eltern und Kinder, ihre Kultur und Religion, ihre Werthaltungen und Einstellungen ganz anders sind als die unsrigen.“

Aber dazu kein Wort im Apothekerblättchen. Lieber schwadroniert man weiter, wie diese Adolfs und Evas ihre stillen gehorsamen Kindchen in die Kita schleusen, um dann selbst über ein Elternengagement für die nächsten tausend Jahre das Kita-Zepter zu übernehmen: „Die Eltern sind nett und engagiert. Sie bauen persönliche Beziehungen auf und übernehmen gerne Ämter im Elternbeirat.“ erzählt die Soziologin Köttig. Ja, das ist tatsächlich schlimm. Schlimmer: diese hinterlistigen Eltern hätten es sogar schon erreicht, dass einmal ein schwuler Erzieher von den Eltern abgelehnt worden sei.

Nazibraut Melanie

Ein zweiter, farblich abgehobener Plot – der Artikel will ja raffiniert sein – erzählt die jammervolle Geschichte der Tochter einer gewissen rechtslastigen Melanie. Die ist allein erziehend und arbeitslos – ja, man möchte „Hilfe!“ schreien oder laut loslachen – jedenfalls besagte Melanie sei nun gottseidank bekehrt worden von den Erzieherinnen: „Es gab viele Gespräche mit der (allein erziehenden) Mutter, in deren Verlauf sie immer einsichtiger wurde.“ Nein, es braucht nicht viel Fantasie, um sich diese Einsicht erzeugenden Gespräche vorzustellen.

Also immerhin gut, das kein Nazi-Mann an der Seite der Frau war, der hätte möglicherweise diese Einflussnahme noch zu Ungunsten von Melanie und Kind verhindern wollen. Oder man stelle sich einmal vor, dieses neue grüne Elternmodell mit mehreren Eltern, vorgeschlagen von Volker Beck, würde schon greifen und die wären aber alle aus so einer ostdeutschen Nazi-Kommune entwichen, also Betreiber irgendeines Lebensborns 2.0. Dann wäre ja alles völlig hoffnungslos.

Na klar, auch die muslime Mutter mit Kopftuch und traditionellen Familienmodell ist nicht so leicht zu überzeugen, wie die dummrechte Melanie, die ihren „Frust und Sozialneid“ an den ihr fremden Menschen auslässt. „Wenn auch nur am Küchentisch.“ Am Ende entschuldigt sich unsere Melanie dann aber ganz brav bei der Mutter eines Migrantenkindes, das von ihrem Früchtchen mit vom Küchentisch aufgeschnappten Beleidigungen bedacht wurde. Halleluja.

Nein, schreibt Autorin Julia Lang von Baby & Familie aber dann doch noch: „Die Geschichte von Melanie ist kein Beispiel für rechtsextreme Familien. Vielmehr zeige sie, wie schon eine rechte Haltung zu einer Atmosphäre der Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit führen könne.“

Liebe Redaktion: nehmt bitte Valium

Der Artikel ist durchillustriert (Grafik: Claudia Meitert) mit Frauen und Mädchen mit geflochtenen blonden Zöpfen. Also: blond, blöd, böse. Hier wird nun wirklich kein rassistisches Klischee mehr ausgelassen. So hochqualitativ die Illustration, so widerlich rassistisch die Intention dahinter. Dabei sind die Sorgen und Probleme dieser überbelegten Kitas durchaus ernst zunehmen. Tausende von unterbezahlten Frauen und wenige Männer bemühen sich tagtäglich, die Sorgen und Nöte der Kleinsten ernst zu nehmen und diesen ihren oft von existenziellen Sorgen der Eltern kontaminierten Alltag so erfreulich wie möglich zu gestalten.

Auch die umfangreiche Integration hunderttausender neu eingereister muslimer Kinder in die freiheitliche deutsche Gesellschaft soll hier beginnen, fordern fast einhellig die Politiker. Ein Mammutprojekt für die Erzieher. Nun sollen diese überlasteten Fachleute auf Wunsch der Apothekerzeitung Baby & Kind unter Mithilfe der Expertin der Amadeu-Stiftung noch Experten für Rechtsextremismus werden, indem sie sich die Akkuratesse geflochtener blonder Zöpfe genauer anschauen und nachsehen, ob der Nazi-Vati das amerikanische Label aus der Jeans geschnitten hat? Herrje, liebe Baby&Kind-Redaktion: Kamillentee reicht bei Euch leider nicht mehr aus, auch keine kalten Wadenwickel: Nehmt bitte Valium. Und nehmt es reichlich.

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