„Wie Sisyphos, bis man zerbricht.“ – Wenn Väter abgezockt werden

Gleichberechtigung der Geschlechter zählt zu einem der obersten gesellschaftlichen Ziele. In vielen Bereichen ist dies für die Frau noch nicht gänzlich gegeben. Bei den eigenen Kindern ist es der Mann, der eklatant benachteiligt und zum bloßen Bittsteller degradiert wird.

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Die Trennung erfolgte zunächst einvernehmlich, da hatte man gerade ein Haus gebaut. Man einigte sich auf ein geteiltes Sorgerecht. Aus beruflichen Gründen war die Tochter aber nur an jedem zweiten Wochenende bei David. Die Stimmung sollte, wie er sagt, erst 2012 kippen, als er seine jetzige Lebensgefährtin kennen lernte. Von diesem Zeitpunkt an stiegen auch die Unterhaltsforderungen für die Tochter und die Exfrau. Zeitgleich kam es zu den ersten Problemen bzgl. des Umgangs mit der Tochter. „Die Waffe der Männer ist das Geld. Die Waffe der Frau ist das Kind.“, hätte ihm sein Anwalt einmal gesagt. Seine Waffe wäre jedoch durch die Verbindlichkeiten das Haus betreffend, die einseitig auf ihm lasteten, schwach ausgeprägt gewesen. 600 Euro zahlt er bis heute allein dafür monatlich. Das sei selbst mit einem Richtergehalt viel Geld, zumal er jetzt noch zwei weitere kleine Kinder zu versorgen hätte. In der Folge kam zu diversen Rechtsstreiten auch bzgl. des Trennungsunterhaltes, der Davids Ex stets nicht hoch genug erschien. Das Thema Arbeit hatte sie unterdessen gänzlich für sich abgehakt. In den alten Beruf mochte sie nicht zurück, auch nicht in Teilzeit und mit der Selbständigkeit sei das auch so eine Sache, wenn man alleinerziehend ist. Stattdessen hätte sie auf die besondere Betreuungsbedürftigkeit der Tochter verwiesen. Heute arbeitet sie Teilzeit in ihrem Wunschberuch als Kosmetikerin.

Auch hier ergibt sich, wie auch in den anderen Fällen, ein komisch ambivalentes Bild einer Frau, die das eigene Kind einerseits, wie David sagt, „überbehütet“, die ihre Kraft aus der besonderen Bindung zum Kind im Abgrenzung zum Vater zieht und die andererseits vor „Kollateralschäden“ nicht zurückzuschrecken scheint. Wenn es dem Vater schadet, so erscheint es mir nach all den vielen Gesprächen, nimmt man es nicht zuletzt in Kauf, dass das eigene Kind zu Schaden kommt.

Auch im Falle von David höre ich von den Schikanen, die ich in verschiedenen Geschmacksrichtungen auch aus den anderen Fällen kenne. Von dem Hustensaft, der dem kranken Kind nicht mitgegeben wurde, damit der Vater am nächsten Tag einen eigenen kauft oder zu wenig oder nicht passender Kleidung, die dann aufgestockt werden musste, bis hin zu Vorwürfen, David würde sich nicht anständig um die Hygiene des Kindes speziell im Genitalbereich kümmern, was in der Konsequenz dazu führte, dass er und seine jetzige Lebensgefährtin seit dem nach jedem Wochenende eine penible Überprüfung durchführen, die für alle Beteiligten wohl eher als unangenehm einzustufen ist. Da brachte auch der Hinweis des zuständigen Richters, ob man das denn wirklich in der Akte vermerkt haben wolle, wenn das Kind das später lesen könnte, wenig, um die Mutter zum Einlenken zu bewegen.

Dass das eigene Kind am meisten leidet, scheint nicht ersichtlich, oder wird, so scheint es, zumindest in Kauf genommen. Seine Tochter sei, wie er selber sagt, ein ängstliches, unsicheres Kind. Sie hätte große Probleme mit dem Trennungskonflikt, dem alle Scheidungskinder ausgesetzt sind. Dem Druck, beiden Elternteilen gefallen zu wollen und niemanden zu verletzen. „Kinder in dem Alter“, sagt David, „verstehen noch nicht, dass man, auch wenn sich die Eltern untereinander nicht mehr mögen, man als Kind trotzdem noch beide Elternteile mögen kann.“ Dass dieser Konflikt zur uneträglichen Zerreißprobe für ein Kind wird, wenn der eine Expartner den anderen zusätzlich noch schlecht macht, sollte vor diesem Hintergrund klar sein. Mit sieben Jahren hat Davids Tochter infolge von Angstzuständen bereits eine kinderpsychatrische Behandlung hinter sich. Zu dem Zeitpunkt war sie fünf. Ein Einlenken der Mutter gab es dennoch nicht.

„Wann kommt für eine Frau, der Punkt, an dem es genug ist, an dem man erkennt, dass man sich nur selbst und vor allem das Kind unglücklich macht und dass es das nicht wert ist, egal welchen Greuel, ob berechtigt oder unberechtigt, man gegen den Expartner hegt?“, frage ich ihn.

Für David fehle es bei seiner Ex an einem Korrektiv im eigenen sozialen Umfeld. Jemanden, der ihr sagt, dass ihr Verhalten an mancher Stelle vielleicht nicht richtig sei. Auch eine Mediation scheiterte, weil es auch vier Jahre nach der Trennung für seine Ex vor allem um die Trennung der Eltern und nicht um das Kind ging. Darum, alll die Vorwürfe loszuwerden, die immer noch im Kopf herumschwirrten.

Als ich David auf seine Gefühle anspreche, sagt er, dass es ihm schlecht damit gehe. Nach fünf Jahren bekäme er immer noch dann und wann Post vom Anwalt, die ihn jedes Mal aus dem Alltag reißen würde. Oft würde einem immer wieder von Neuem bewusst werden, wie wenig man am Leben des eigenen Kindes teilhat. Von der Einschulung seiner Tochter erlebte er nur den öffentlichen Teil. „Den Teil, wo man es nicht verhindern konnte, dass ich da bin.“ Besonders schlimm sei all das im Kontrast zu dem Leben mit den eigenen Söhnen, von denen der Älteste langsam beginnt, Fragen zu stellen. Seine Tochter sei halt schon irgendwie das Problemkind.

David ist darüber sehr traurig. „Ich hätte sie gerne zu einer modernen, emanzipierten jungen Frau erzogen, die mutig durch die Welt geht.“ Dafür fehle es ihm jedoch an Einfluss. Es sei schlimm, wenn einem jemand am Herzen liegt und man trotzdem nichts für ihn tun könne. Dabei, sagt er, hätten Eltern von Trennungskindern ja noch eine viel größere Aufgabe als andere Eltern. Das Problem sei jedoch, dass sie oft das schlechtere Team seien. Von der Hochstilisierung der Patchwork-Familie hält David deshalb nicht viel. Die Probleme würden sich ganz klar auch in seine jetzige Familie tragen. Das beginne schon bei Kleinigkeiten, weil die Kinder schlichtweg anders sozialisiert und erzogen sind. Was die Tochter bei der Mutter darf, ist bei ihm nicht erlaubt. Schon allein aufgrund der zwei kleinen Brüder kann David da keine Ausnahme machen. Seine Tochter erfahre dadurch zwei vollkommen unterschiedliche Erziehungsstile. Eine weitere Belastung und Verunsicherung für das Kind.

Wie alle Väter, mit denen ich spreche, frage ich auch David zum Schluss, ob ihn all das verändert hätte. Er sagt, sein Familienbild wäre immer noch stark vom bürgerlichen Ideal, aus dem er selbst stamme, geprägt, aber er sei in vielen Dingen auch liberaler geworden, dadurch, dass er selbst irgendwann von dieser Ideallinie abgewichen sei. Man hätte ab da auch einen kritischeren Blick auf andere Dinge entwickelt und grundsätzliche Werte, die man vorher hatte, hinterfragt.

Seine Tochter sieht er immer noch nur an jedem zweiten Wochenende. Die Übergabe erfolgt auf der Straße. Seine Ex wolle das so.

„Aber sie ist doch meine Tochter …“

Einer der bewegendsten Fälle für mich, ist der von Kai, 40 Jahre alt, Industriemeister aus Wernigerode. Er ist der Einzige, dessen echten Namen ich nennen darf. Unser Gespräch dauert fast drei Stunden, Zwischenzeitlich wird seine Stimme brüchig und ich frage mich, wie ich dem, was er mir alles erzählt hat, auch nur annähernd gerecht werden kann.

Als Kai seine Ex kennen gelernt, ist sie 19 und er 21. Sie trennen sich nach sieben Jahren. Er gestaltet sein Leben, baut sich ein Haus. Sie ist beeindruckt und man kommt sich in dem halben Jahr nach der Trennung wieder näher. Kurze Zeit später wird sie schon schwanger. Das Kind ist gewollt. Dann kehren die alten Verhaltensmuster zurück. Mit 30 bzw. 31 trennt man sich einvernehmlich, da ist Kais Tochter zwei Jahre alt. Heute ist sie elf und die Trennung neun Jahre her. Was Kai seitdem erlebt hat, kann man gelinde gesagt als emotionale Hölle bezeichnen, die schon unmittelbar nach der als so harmonisch wahrgenommenen Trennung begann, als seine Exfreundin einen Tag vor dem vereinbarten Umzug völlig unvermittelt das Haus ausgeräumt hatte. Auch das gemeinsame Sorgerecht konnte nichts daran ändern. Er wird wie so viele Väter zum bloßen Bittsteller degradiert, der von der Gunst der Mutter des Kindes abhängig ist. Absprachen werden nicht eingehalten, wenn er das Kind holen will, ist es oft krank. Sukzessive wird es von ihm entfremdet.

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