SV Werder Bremen cancelt einen Aufsichtsratskandidaten

Der Bundesliga-Absteiger SV Werder Bremen zeigt im Canceln eine Spitzenleistung. Die Unterstellungskampagne einer linksradikalen Fan-Gruppe führt zur Entfernung eines parteilosen Aufsichtsratskandidaten – zugunsten der Ehefrau eines SPD-Politikers.

IMAGO / Nordphoto
Fans von Werder Bremen mit Antifa-Flagge

Eigentlich müsste der Traditionsclub SV Werder Bremen andere Sorgen haben. Der Club ist soeben in die zweite Liga abgestiegen und findet sich dort gerade mal auf Platz 7 wieder. Die glorreichen Zeiten sind damit erst einmal für längere Zeit vorbei: dass man 1963 zu den Gründungsvereinen der Bundesliga gehörte, 1965, 1988, 1993 und 2004 Deutscher Meister, dann 2010 zum sechsten Mal Pokalsieger wurde und 1992 den Europapokal der Pokalsieger gewann.

Nun standen am 5. September Neuwahlen zum Aufsichtsrat an. Vier von sieben Aufsichtsräten mussten neu gewählt werden. So weit, so gut – so weit, so normal. Dass es ein Gerangel um die Posten gab, ist ebenfalls normal. Ungewöhnlich freilich ist, dass ein zunächst aussichtsreicher Bewerber von der Kandidatenliste gestrichen wurde, weil er von der linken Ultra-Szene als „rechts“ angeschwärzt wurde.

Und das ging so: Oliver Harms (53), ein in Deutschland und China erfolgreicher Unternehmensberater, hatte den Hut in den Ring geworfen und war bereits in die Kandidatenliste aufgenommen worden. Zwei Tage vor der Mitgliederversammlung wurde er aber vom siebenköpfigen Wahlausschuss von der Liste gestrichen.

Auslöser für diese Aktion war eine Anzeige der Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ gegenüber dem Wahlausschuss. Diese Ultras unterstellten dem – übrigens parteilosen – Bewerber Oliver Harms ab Juni 2021 Sympathien für rechtes Gedankengut und Nähe zur AfD. Möglicherweise ist Oliver Harms aber auch deshalb ins Fadenkreuz der Ultras geraten, weil es in Bremen einen „Querdenker“ namens Jürgen Harms gibt. 

Der Wahlausschuss hörte Oliver Harms jedenfalls an und exekutierte den Ausschluss von Harms aus der Bewerberliste dennoch umgehend. Konkret verließ sich der Ausschuss also auf die linksorientierte Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ und deren Kommuniqué über einen angeblich heiklen E-Mail-Verkehr zwischen Harms und einem namentlich nicht näher genannten Kriminologen. Der Dachverband der Bremer Fanklubs twitterte denn auch: „Wir als DV distanzieren uns von der Kandidatur von Oliver R. Harms. Er widerspricht den Werten unseres Vereins und sollte somit als Kandidat für den Aufsichtsrat nicht infrage kommen.“

Was hatte Harms „verbrochen“? Er hatte sich per Mail mit einem Kriminologen, der sich mit dem Thema Fußball beschäftigt, ausgetauscht. In einer E-Mail habe sich Harms positiv auf zwei Autoren bezogen, die sich beide großer Beliebtheit in rechten Kreisen erfreuen. Einer dieser Autoren ist der Hamburger Politikwissenschaftler Dr. Karsten D. Hoffmann. Über Hoffmanns Buch habe Harms geschrieben, es sei „bemerkenswert.“ Dem nicht genug: Weil das inkriminierte Buch unter anderem (!) über den Kopp-Verlag vertrieben wird, war für die Denunzianten klar: Harms ist rechts. Außerdem sei Karsten D. Hoffmann in der Vergangenheit AfD-Politiker in Rotenburg gewesen, und der habe regelmäßig über eine Gesellschaft, die sich aus seiner Sicht bedrohlich nach links verschieben würde, „fabuliert“, heißt es in dem Schreiben von „Infamous Youth“. Die Ultra-Gruppierung betonte ferner: „Ohne das antifaschistische Engagement der Werder-Fans würden sich Personen aus dem neonazistischen Spektrum noch heute im Stadion wohlfühlen.“ Denn schließlich sei Werder schon lange für Aktionen wie „Klare Kante gegen Rechts“ bekannt. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald etwa verkündete 2018: „Jeder AfD-Wähler sollte schon wissen, dass es ein Widerspruch ist, Werder gut zu finden und die AfD zu wählen.“ 

Und das Ergebnis: Harms wurde natürlich nicht gewählt, er stand gar nicht mehr auf dem Wahlzettel. Nachgerückt ist und gewählt wurde Ulrike Hiller. „Erstmals eine Frau“, wurde betont. Ulrike Hiller war schon vor ihrer Wahl erfreut: „Ich würde mich freuen, wenn der Aufsichtsrat durch mich diverser wird.“ Nun ja, von wegen divers: Frau Hiller war von 2012 bis 2019 auf SPD-Ticket Staatsrätin, und sie ist die Ehefrau des seit 2019 amtierenden Bremer Bürgermeisters und Präsidenten des Senats Andreas Bovenschulte (SPD).

Mittendrin als Mitspieler: der Weser-Kurier

Die in Bremen maßgebliche Tageszeitung Weser-Kurier hat das Spiel brav mitgemacht. Sie hat die Anschuldigungen gegen Harms nicht ein einziges Mal auf den Prüfstand gestellt, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet. Sie hat zum Beispiel zu folgenden Fragen nicht recherchiert: Wie kommen die Ultras an den E-Mail-Austausch zwischen Harms und „einem Kriminologen“? Wer ist dieser „Kriminologe“? Warum wird der Titel des Buches von Karsten Hoffmann („Gegenmacht: Die militante Linke und der kommende Aufstand“) nicht genannt, seine Kernaussagen nicht wiedergegeben und nicht gesagt, dass dieses Buch eben auch bei Amazon, Buecher.de, Weltbild.de oder beck-shop.de vertrieben wird? Wer ist der zweite Autor, den Harms angeblich lobt? Warum wird Hoffmann nicht befragt, zum Beispiel warum er bereits 2017, dem Jahr des Einzugs der AfD in den Bundestag, aus der AfD ausgetreten ist?

Das war kein Ruhmesblatt des Weser-Kuriers. Am 25. August 2020 war das noch anders. Damals hatte der Weser-Kurier klar und deutlich über die Werder-Ultras informiert: „Die Angehörigen der etwa 450 bis 600 Personen starken Ultra-Szene stammen laut Innenbehörde größtenteils aus dem nichtextremistischen Spektrum … Personelle Überschneidungen zwischen der gewaltorientierten linksextremistischen Szene und der Ultra-Szene wiesen die Ultra-Gruppierungen ‚Infamous Youth‘ und ‚Caillera‘ auf.“

Über die Motivation der linkextremistischen Täter hatte der Weser-Kurier geschrieben: „Linksextremisten eint laut Innenbehörde das Ziel, die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu überwinden und ein herrschaftsfreies oder kommunistisches System zu errichten … Zur Erreichung der eigenen Ziele werde die Missachtung der Grundwerte der freiheitlichen demokratischen Grundordnung akzeptiert … Neben dem zentralen Aktions- und Themenfeld ‚Antifaschismus‘ und ‚Antirepression‘ seien zuletzt auch die Themenfelder ‚Antigentrifizierung‘ und ‚Klimaschutz‘ Schwerpunkte gewesen. Im Rahmen des Aktionsfeldes der Antigentrifizierung wurden Immobilien- und Wohnungsunternehmen angegriffen.“

Am 4. September 2021 weiß der Weser-Kurier zu berichten: „Bremer Behörden wissen wenig über gewaltbereite Linke. Der Bremer Senat schöpft sein Bild über gewalttätige Linksextremisten im Wesentlichen aus polizeilichen und nachrichtendienstlichen Quellen. Wissenschaftlich ist das Phänomen bisher nicht angegangen worden.“ 

Basis für diese Meldung wiederum ist eine aktuelle große Anfrage der Bremer FDP-Fraktion um deren Fraktionsvorsitzende Lencke Wischhusen zum Thema Linksextremismus. In der 17 Seiten umfassenden Antwort räumt der Bremer Senat am 31. August ein, dass Bremen zu den „Brennpunkten des gewaltorientierten Linksextremismus in Deutschland gehört“ und zeitgleich: „Zum Linksextremismus in Bremen gibt es keine abgeschlossenen oder laufenden sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte.“ Und jetzt wieder zu Autor Dr. Karsten Hoffmann: Diese Antwort bzw. diese Meldung ist besonders aberwitzig, weil es gerade Hoffmann ist, der linksextreme Gewalt mit seinem Buch „Gegenmacht“ analysiert und differenziert aufgelistet hat. Die Anfrage behandelt nämlich genau die Fragen, die Hoffmann in seinem Buch aufgeworfen hat: Mobilisierungspotential, Rückschlüsse aus Tatzeiträumen, Rolle der Alt-Aktivisten und der Hochschulen … Also entweder ist der Senat ganz zufällig zu denselben Schlüssen gekommen wie Hoffmann – oder einer der Mitarbeiter dort hat Hoffmanns Buch gelesen. Man kommt aus dem Stauen nicht heraus in diesem Bundesland, das seit 2019 nicht klassisch-hanseatisch, sondern rot-grün-dunkelrot regiert wird.

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Kommentare ( 19 )

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Bummi
8 Tage her

Das gab es doch auch in der DDR. Da war so ein Verein der Staatssicherheit, BFC Dynamo. Was ist nun anders in Bremen?

Trivium
10 Tage her

Die Politisierung des Bundesligafussballs nach links schreitet unaufhaltsam voran, gerade in Bundesländern, die rotrotgrün regiert werden und Werder Bremen ist nur die Spitze des Eisbergs. Zudem hatte mal vor einiger Zeit der Vorstand des SVW die Möglichkeit erwogen, Parteimitgliedern der AfD keine Dauerkarten verkaufen zu wollen, dass muss man sich mal vorstellen… Und was den Weser Kurier betrifft, mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun, null Kritik an den Senat , die hier mittlerweile überbordende Kriminalität von Migranten wird entweder relativiert oder gleich gänzlich verschwiegen, überall in der Stadt linksradikale Graffiti ala ACAB /1318 etc. Und vor dem Rathaus… Mehr

LieberNichtGruen
10 Tage her

„Wir als DV distanzieren uns von der Kandidatur von Oliver R. Harms. Er widerspricht den Werten unseres Vereins und sollte somit als Kandidat für den Aufsichtsrat nicht infrage kommen.“….wenn man so einen indoktrinierten Bockmist propagiert, ja dann hoffen wir auf weitere Abstiegsrunden der grünen Brühe.

Last edited 10 Tage her by LieberNichtGruen
Roland Mueller
11 Tage her

Fachliche und persönliche Qualität in der Vereinsführung sind keine Dinge, um die man bei Werder besorgt ist. Auf die „richtige Haltung“ kommt es an, denn schliesslich kann jeder gute Verein in Anlehnung an den Witz vom Faulenzer, den jedes gute Unternehmen vertragen kann, mindestens eine Lusche an der Spitze vertragen.

Cethegus
11 Tage her

Meinungsfreiheit in Deutschland, lang ist es her…
und das Beste, so wirklich kratzt das auch keinen, es geht ja angeblich nur um die pöse, pöse AFD!!!

Andreas aus E.
12 Tage her

Ab in Bezirksliga mit denen, auf daß sie sich im Pokal mit ebenso unterklassigem St. Pauli messen können.

Montesquieu
12 Tage her

Der überwiegende Teil der Werder-Fanszene ist linksextrem/antifantenartig durchwirkt. Das hat, wie bei vielen anderen Fußballclubs in den alten Bundesländern auch (z.B. beim BVB), dort Tradition.
In Bremen kommt hinzu, dass das gesamte städtische Milieu (abgesehen von der Parallelgesellschaft der Clans, die es sich in Bremen gut gehen lassen) genauso links ideologisiert ist.
Ein nicht wenigstens der SPD angehöriger Unternehmer kann froh sein, wenn er nicht geteert und gefedert die Werderaner Geschäftsstelle verlässt. 😉

Sonny
12 Tage her

Habe ich schon in anderem Zusammenhang geschrieben: Der linke Faschismus breitet sich rasant schnell aus. Jeder, der jetzt noch meint, er wäre nicht betroffen, sollte recht gut über seine linke Schulter schauen, was er so sagt, liest und macht. Wer ins Fadenkreuz dieser Inquisition gerät, ist erledigt, denn die Helfershelfer haben so gut wie alles unterwandert. Und dann reicht schon ein einziger Inquisitor, um jemanden fertig zu machen. Wie man bei Werder sieht, braucht man dafür nicht mal harte Fakten und Beweise. Aber die Quittung hat der SV ja schon bekommen. Es geht also nicht mehr um Fußball, sondern um… Mehr

Last edited 12 Tage her by Sonny
Hannibal Murkle
12 Tage her

Noch mehr Berichte aus der linken Szene: „… Auf einen Kanalarbeiter etwa sollen die mutmaßlichen Linksextremisten im Januar 2019 so lange eingeschlagen und -getreten haben, bis dieser das Bewusstsein verlor. Das Opfer zog sich Brüche zu, seither fixieren Metallplatten sein Gesicht. Während andere den Mann malträtierten, soll Lina E. mit einem Reizgasspray Passanten am Eingreifen gehindert haben. Laut Anklage habe sie sinngemäß gerufen: „Der ist ein Nazi, der verdient das.“ …“ https://www.welt.de/vermischtes/article233681764/Prozess-gegen-Lina-E-Der-ist-ein-Nazi-der-verdient-das.html „… Der Mann sei dann mit einem Sprung in seinen Rücken zu Fall gebracht und gewürgt worden. Das Opfer habe vielfache Schläge bekommen, mit den Fäusten und einem… Mehr

Hannibal Murkle
12 Tage her

„… Basis für diese Meldung wiederum ist eine aktuelle große Anfrage der Bremer FDP-Fraktion um deren Fraktionsvorsitzende Lencke Wischhusen zum Thema Linksextremismus. In der 17 Seiten umfassenden Antwort räumt der Bremer Senat am 31. August ein, dass Bremen zu den „Brennpunkten des gewaltorientierten Linksextremismus in Deutschland gehört“ …“ Neben Berlin – unter RRG ist es wohl so üblich. Apropos RRG: „So schlimm würde es mit der Linken schon nicht? Von wegen“ https://www.welt.de/politik/bundestagswahl/article233660476/Regierungsbeteiligung-So-schlimm-wuerde-es-mit-der-Linken-schon-nicht-Von-wegen.html „… Die Antwort der Linkspartei darauf ist verblüffend: Sie will den Verfassungsschutz abschaffen. Offenbar hält sie nichts von dem Schluss, den die Väter des Grundgesetzes aus der Weimarer Republik… Mehr