Am 5. Februar 2026 läuft das letzte große Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland aus: der New-Start-Vertrag. Damit sind die Obergrenzen für die nuklearen Arsenale der beiden Atommächte hinfällig. Die Debatte um nukleare Rüstung bzw. einen atomaren Schutzschirm für Europa hat begonnen – und auch Deutschland erreicht.
picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann
Seit Putin mittlerweile über fast vier Jahre hinweg einen unbarmherzigen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine führt und seit Trump im Januar 2025 seine zweite Amtszeit als US-Präsident angetreten hat, ist sicherheitspolitisch und militärstrategisch nichts mehr, wie es die drei Jahrzehnte davor war. Die Art der Kriegsführung hat sich geändert (siehe Drohnen), die Rüstungsindustrie boomt, Europa bzw. die EU-Länder stehen militärisch ziemlich nackt da, Deutschland ohnehin. Topaktuell nun: Am 5. Februar 2026 läuft der 2010 geschlossene New-Start-Vertrag (START = Strategic Arms Reduction Treaty) aus und damit das letzte große Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland. Damit sind die Obergrenzen für die nuklearen Arsenale der beiden größten Atommächte hinfällig.
Was das für eine neue Hochrüstung der beiden militärischen Supermächte mit ihren je gut fünftausend nuklearen Sprengköpfen verheißt, ist schwer zu sagen. Auswirkungen kann es auch haben auf die „kleinen“ Atommächte: China (600 Sprengköpfe), Frankreich (290), Großbritannien (225), Indien und Pakistan (je 160 bis 180), Israel (80 bis 400?) und Nordkorea (50).
Die Debatte um nukleare Rüstung bzw. um einen atomaren Schutzschirm zumal für Europa hat jedenfalls begonnen und aktuell auch Deutschland erreicht. Bundeskanzler Merz (CDU) ließ am Donnerstag, 29. Januar, verlauten: Man erwäge, zusammen mit EU-Verbündeten eigene Atomwaffen zu entwickeln, um Europas Atomschirm über den französischen und britischen Schirm hinaus zu erweitern und den Vorrat der USA in der Region zu stärken. „Gespräche finden statt“, sagte Merz und fügte hinzu, dass die Diskussionen erst in ihrer Anfangsphase seien. Die Initiative zur Errichtung eines nuklearen Abschreckungspakt habe bei den Briten und Franzosen bereits im Sommer 2025 Zustimmung gefunden. Damit sollen „extreme“ Bedrohungen für den Kontinent angesichts der russischen Aggression abgewehrt werden können.
Manfred Weber, EVP-Chef im EU-Parlament, meint, die Staats- und Regierungschefs der EU seien angesichts der Krise in den Beziehungen zwischen den USA und Europa aufgerufen, die Idee eines europäischen nuklearen Schutzschirms voranzutreiben. Weber begrüßt den Vorschlag des französischen Präsidenten Macron dafür – was völlig neu ist –, das französische Atomwaffenarsenal zur Verfügung zu stellen.
Derweil kommt von unerwarteter Seite Zuspruch. Josef („Joschka“) Fischer (Grüne), deutscher Außenminister von 1998 bis 2005, sagte im Tagesspiegel: „Ich hielte es für einen großen Irrtum, wenn Deutschland die atomare Bewaffnung als nationale Herausforderung sähe.“ Fischer aber fährt fort: „Europa muss das machen, denn die amerikanische Schutzgarantie ist ab sofort ungewiss … Deutschland sollte nie wieder alleine agieren, nie wieder. Wir brauchen unsere europäischen Partner.“
Der Teufel steckt nicht im Detail, denn es geht um Grundsätzliches
In den 1950er Jahren strebten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr im Rahmen der NATO an, um der Bedrohung durch die Sowjetunion zu begegnen. Es kam bekanntermaßen nicht dazu; die „Siegermächte“ hätten das auch zu verhindern gewusst. Gleichwohl wurden in der damaligen Bundesrepublik ab Herbst 1953 US-Atomwaffen stationiert; von bis zu 1.500 war die Rede. Atomwaffen gab es ab 1958 auch in der ehemaligen DDR. Vermutlich wurden insgesamt 31 Kernwaffenlager eingerichtet. Sie standen unter sowjetischer Kontrolle.
Über Zahl, Typ und Standort der auf deutschem Boden stationierten US-Atomsprengköpfe kursieren aktuell unterschiedliche Vermutungen. Nach Angaben der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) sollen auf dem Fliegerhorst Büchel in der Pfalz noch bis zu 20 B61-Atomsprengköpfe stationiert sein, wobei im Zuge der „atomaren Teilhabe“ deutsche Tornadoflugzeuge als Trägersysteme dienen könnten.
Deutschland allein für sich kann indes keine Atommacht werden, weil es sich historisch und völkerrechtlich dazu verpflichtet hat. Unter anderem stehen dem der von Deutschland mitunterzeichnete Atomwaffensperrvertrag von 1969, bestätigt im 2+4-Vertrag von 1990, entgegen. Ganz abgesehen davon, dass eine Atommacht Deutschland die „Siegermächte“, ferner Polen usw. nicht akzeptierten.
Tatsache ist aber auch, dass sich Europa über Jahrzehnte hinweg unter dem atlantischen Schutzschirm wohlfühlte, die „Friedensdividende“ genoss und die eigene Verteidigungsfähigkeit abbaute. So entstand eine Abhängigkeit, die Trump zugunsten einer Neuorientierung der USA auf den pazifischen Raum aufzukündigen droht. Was übrigens nicht gänzlich neu ist, denn bereits Obama tendierte dorthin.
Das Meinungsbild im Volk
Die Haltung der Menschen in Deutschland zur Frage einer deutschen Nuklearrüstung ist gespalten, aber doch etwas im Fluss. Wobei die entsprechenden Befragungen nicht auf die europäische Variante, sondern auf die irreale Vorstellung abzielen, ob Deutschland selbst Atommacht werden solle.
Im März 2025 waren sich die Deutschen mehrheitlich sicher, dass Deutschland keine eigenen Nuklearwaffen haben sollte. Damals sprachen sich 57 Prozent der Befragten gegen deutsche Atomwaffen aus, mittlerweile sind es nur noch 48 Prozent. Das hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Civey für das Nachrichtenportal t-online mit 5000 Teilnehmern ergeben. Insgesamt 38 Prozent der Befragten befürworten eine eigene atomare Bewaffnung des Landes sogar ausdrücklich.
Große Unterschiede in der Antwort auf die Frage „Sollte Deutschland Ihrer Meinung nach eigene Nuklearwaffen besitzen?“ gab es zwischen alten und neuen Bundesländern. Während in den neuen Bundesländern eine Mehrheit (66 Prozent) gegen deutsche Atomwaffen ist, sind die Befragten im ehemaligen Westen anderer Meinung. Den Zahlen zufolge befürworten in den alten Bundesländern 42 Prozent der Befragten deutsche Atomwaffen.
Eine andere Befragung kam im April 2025 zum Ergebnis, dass 34 Prozent der Deutschen es „voll und ganz“ bzw. „eher“ befürworten würden, wenn Deutschland Atomwaffen besäße. Spanier gaben für sich diese Antwort mit einem Anteil von 37 Prozent, Italiener mit einem Anteil von 32 Prozent, Franzosen mit 64 und Briten mit 55 Prozent (Quelle: YouGov Eurotrack; befragt wurde vom 4. bis 17. April 2025).
Noch etwas früher, im Februar 2024, ergab eine Forsa-Umfrage: 64 Prozent der Bürger sind gegen den Bau einer deutschen Atombombe, 31 Prozent sprechen sich dafür aus. Im Vergleich zum Februar 2024 hat sich die Zahl der Befürworter allerdings um vier Prozentpunkte erhöht. Auffällig ist der regionale Vergleich: 78 Prozent der Ostdeutschen, aber nur 61 Prozent der Westdeutschen sprechen sich gegen eigene Atomwaffen aus. Am höchsten war der Widerstand bei den Anhängern der Linken (74 Prozent), den Grünen (68 Prozent) und der AfD sowie der SPD (je 65 Prozent). Am ehesten befürworten die Wähler von CDU/CSU den Bau einer deutschen Atombombe: 41 Prozent sind dafür, 55 Prozent dagegen.
Die entscheidenden Fragen
Wenn es denn einen europäischen Atomschirm geben soll: Wer steuert welche Waffen bei? Wer verfügt darüber? Wer hat die Kommandogewalt? Welches Europa ist überhaupt gemeint? Das EU-Europa? Das Europa der NATO-Mitglieder? Das passt nicht zusammen. Denn vier EU-Länder sind nicht Mitglied der NATO: Österreich, Irland, Malta, Zypern. Dazu kommen sieben europäische Länder, die Mitglied der NATO, aber nicht Mitglied der EU sind: Albanien, Island, Montenegro, Nordmazedonien, Norwegen, Türkei, Vereinigtes Königreich.
Da werden kreative Antworten gesucht werden müssen. So wie sich das EU-Parlament, die EU-Kommission, der EU-Rat darstellen, wird daraus kaum etwas. Zumal die EU kein Bundesstaat mit einer zentralen Gewalt ist, sondern allenfalls ein dysfunktionaler bürokratischer Wasserkopf.
Frankreich und Großbritannien vereinbarten derweil im Juli 2025 qua „Northward“-Erklärung eine engere Atomwaffen-Kooperation. Sie wollen ein Zeichen europäischer Eigenständigkeit setzen. Fraglich ist allerdings mit Blick auf Frankreich, ob es die Force de frappe mit dem atomgetriebenen Flugzeugträger Charles de Gaulle, atomgetriebenen U-Booten und interkontinentalen Trägerraketen teilen würde. Über Jahre hinweg galt, was der von 2017 bis 2021 amtierende französische Generalstabschef François Lecointre 2020 klipp und klar erklärt hatte, nämlich dass Frankreich seine nuklearen Waffen nur zum eigenen Schutz einsetzen würde. Das mag mittlerweile (siehe oben) etwas anders klingen. Aber was gilt ab Mai 2027?
Wie auch immer: Es führt kein Weg daran vorbei, dass sich Europa auch nuklear auf die Hinterbeine stellt. Denn es bleibt die Erfahrung: Eine Atommacht greift man nicht so einfach an.



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Brauchen? Die Frage stellt sich anders: Wenn ja, dann wie?
Und das „Wie“ beantwortet sich anhand des „ewigen“ Streits zwischen Franzosen und Deutschen um die Projektführung. Dassault Av. kommt mit Airbus nicht zusammen usw. usw. Und dann wird von einer EU-Atombombe fabuliert.
Wer jetzt auf den Aufmarsch der US-Streitkräfte rund um den Iran sieht, der weiss, was die EU bräuchte, um sich gegen Russland zu verteidigen. Noch Fragen?
„Seit Putin mittlerweile über fast vier Jahre hinweg einen unbarmherzigen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine führt…“
Aber was die ukrainischen Politiker mit den Bürgern mit russischen Wurzeln, und oft auch anderen Minderheiten in der Ukraine gemacht haben, das war gedeckt durch das Völkerrecht???
Na ja jedem seine Meinung.
Die EU, was wahrscheinlich mit Europa gemeint ist, da ansonsten ja auch Weißrußland und Rußland mit dabei wären, ist ja nicht einmal ein Staat. Ich wüßte schon gern die eigene Armee auch unter einem souveränen eigenen Oberbefehl, es stört ja schon, wie sich die restlichen Alliierten da aktuell immer wieder einmischen.
Es gibt auch keine europäischen Interessen oder Strategien, da die strategische Lage der Nationen in Europa zu verschieden ist, Deutschland als reine Landmacht, Frankreich und UK mit Überseebesitzungen und großen Flotten zBsp.
Nun fragen sie Herr Krause, braucht Europa einen nuklearen Schutzschirm? Vor wem gegen wen? Europa braucht endlich Frieden, dann brauchen wir keinen Atomboben Terror mehr. Die Deutschen waren immer die, die schon seit hunderten von Jahren aus ihren Siedlungdgebieten vertrieben wurden durch den „russichen und französichen Faschismus“ aus den Rheingebieten bis hin zur Krim (Krimgoten) 13 Millionen vertrieben nach dem 2WK aus Osteuropa. Der 2WK begann schon vor 225 Jahren mit den Kriegen von Zar Alexander I, und Napoleon I: Es sind schon seit damals seit 225 Jahren die gleichen Kriegursachen in Europa. der Imperialismus der Großmächte Russland, Frankreich, England,… Mehr
Bei TE sieht man jetzt die Sterne. Die ersten zwei Fotos sind voll davon. Das eine mit Bomber, das andere mit Bombe vdL. Jetzt mal im Ernst: Es gibt keine Atomwaffen. Kernspaltung ist ein sich selbst aufbauender, relativ langsamer Prozess und führt im Extrem zur Kernschmelze (Implosion) und niemals zur Explosion. Implosion und Explosion schließen sich physikalisch einander aus. Für diesen Prozess braucht es große, schwere Bauwerke, in denen dieser stattfinden kann. Zu groß und zu schwer um sie in einer Bombe unterzubringen. Also gibt es sowas nicht. Physik ist ein Naturgesetz und bleibt konstant – auch wenn man selber… Mehr
Der militärische Papiertiger EUdSSR braucht weder einen nuklearen Schutzschirm noch eine herbeiphantasierte Europäische Armee. Soweit mir bekannt ist die Litauen Brigade immer noch nicht komplett. So what!? Was sollen diese Großmachtsträume von militärischen Zwergen und Dilettanten? Nicht daß Flintenuschi auch noch den falschen Knopf drückt!
„Seit Putin mittlerweile über fast 4(?) Jahre hinweg einen unbarmherzigen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine führt“ ??? – Irrtum !!! seit 12 Jahren seit 2014 „Braucht Europa einen eigenen nuklearen Schutzschirm?“ – und weiter? „Europa“? Schutzschirm? – was ist das? Was Europa und die Welt brauchen ist die Vernichtung und Verbot aller atomaren Waffenpoptentiale in der Welt – was nicht geschehen wird. Atomare Aufrüstung ist keine Überlebenoption der Menschheit. Sonst wird Oswald Spengler Recht behalten „Der Untergang des Abendlandes“(1911) – „Oswald Spengler droht aus dem Grabe Recht zu behalten“ Sonst wird V.L. Berger(1928) Recht behalten „Wenn die Völker gegenüber den… Mehr
> Bundeskanzler Merz (CDU) ließ am Donnerstag, 29. Januar, verlauten: Man erwäge, zusammen mit EU-Verbündeten eigene Atomwaffen zu entwickeln, um Europas Atomschirm über den französischen und britischen Schirm hinaus zu erweitern Noch so eine EUdSSR-Spinnerei, von diesem Möchtegerne-Imperium. Je eher diese totalitäre Satrapie aufgelöst wird, desto besser. Es ist übrigens laut Dugin der zweite von 5 verschiedenen Westen, so wie diese Failed Zivilisation zersplitterte – allerdings irgendwie auch der dritte und vierte: https://www.voltairenet.org/article223645.html > „… Westen N° 2: Die Europäische Union, die verstanden hat, dass sie nicht einmal ein kleiner Verbündeter ist: politisch kastriert, von der Ukraine bis Grönland. …… Mehr
Der Merz – meint Ihr, der hat wirklich vertieftestes Wissen, was es dafür braucht? Die EU, Deutsche und Franzosen bekommen doch kein einziges gemeinsames Rüstungsprojekt auf die Beine, siehe Eurofighter und Rafale.
Aber ja doch.
Natürlich braucht Europa einen Schutzschirm. Das wären dann Luftabwehrsysteme, Flawaffen und Raketenabwehrsysteme, und das ganze natürlich in ausreichender Zahl.
Nukleare Luftabwehr gibt es meines Wissens nicht, jedenfalls noch nicht.
Oder sind mit dem Begriff „Schutzschirm“ Atomraketen gemeint? Nuklearwaffen, die dann eingesetzt werden, wenn die gegnerischen Raketen schon unterwegs sind?
Massive Vergeltung, Kalter Krieg wie zur Zeit des Koreakrieges? Bunkerbau und Eiserner Vorhang?
SEID IHR DENN ALLE VERRÜCKT GEWORDEN?
Zustimmung. Es gab aber sehr wohl nukleare (bzw. nuklear bestüclbare) Flugabwehr-Raketen zum Einsatz gegen feindliche Bomberströme: Nike-Hercules.
Eine in Anbetracht der Lage und der tatsächlichen Probleme und ihres Ausmasses fürwahr “ interessante“ Frage. Matürlich ausgehend davon, dass Putin abgeschreckt werden muss, was bedeutet, dass er “ Europa“ ! angreift. Was bedeutet, dass das aktuelle Potential nicht ausreicht. Für was genau ? Und das Ganze bei Regimes in einigen Ländern, deren Aktivitäten unter anderem auch hier regelmässig kritisch beschrieben werden. Wenn auch weniger als Vorsatz und Teil eines Planes, Transformation genannt, sondern als bedauerliches Unvermögen. Erfreulich, dass die treue Verbundenheit zur Union trotz allem erkemnbar bleibt. Von den Petitessen abgesehen, wer da was und wann entscheiden müsste, wobei… Mehr