Die Süddeutsche Erdgasleitung ist fast fertiggestellt und soll die Kraftwerke des Mittleren Neckar zukünftig versorgen. Erdgas gilt als klimafreundlich – doch wie sieht es mit der Energiesicherheit und Wirtschaftlichkeit aus?
Ein Teil der „Energiewende“; die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) ist jetzt im Dezember betriebsbereit, meldete Terranets BW. Anfang 2027 soll sie Gas transportieren, zunächst Erdgas, später dann die Energiewende-Utopie Wasserstoff. Zwischen Heidelberg und Heilbronn liegen sämtliche Rohre der Süddeutschen Erdgasleitung im Boden. Auf dem 61 Kilometer langen Abschnitt stehen noch Druckprüfungen, Verfüllarbeiten sowie Reinigung und Trocknung an.
Zwischen Heidelberg und Leimen wurden in 15 Monaten Weinberge, Felder, ein Steinbruch und ein Landschaftsschutzgebiet auf rund drei Kilometern unterbohrt. Parallel werden Glasfaserkabel verlegt. Rund 40 Prozent der beanspruchten Flächen sind laut Betreiber rekultiviert und zurückgegeben. Bis Sommer 2027 soll die Wiederherstellung abgeschlossen sein; Bäume und Gehölze werden dann im Herbst angepflanzt.
Die insgesamt 250 Kilometer lange SEL soll Erdgas aus dem überregionalen Netz bis in den Mittleren Neckarraum transportieren. Die Trasse führt von Lampertheim in Hessen über den Raum Heidelberg, Heilbronn, Ludwigsburg und Esslingen weiter über Göppingen und Heidenheim später bis nach Bissingen in Bayern. Sie dürfte schließlich rund eine Milliarde Euro kosten, fast ein Nichts in Zeiten, in denen Schulden fast nur noch in Milliarden gezählt werden. Finanziert wird die Leitung durch Netzentgelte, also den Gaskunden.
Das zuletzt sichtbare Zeichen einer Energiewende ins Nichts. Dafür wird gerade die Energieversorgung des Ballungsraumes Mittlerer Neckar geopfert, die sowohl für Bewohner als auch Industrie wichtig war. Still, politisch bejubelt – aber mit Folgen, die weit über die Stadt hinausreichen.
Kohlekraftwerke lieferten jahrzehntelang zuverlässig Energie
Die steinkohlebefeuerten – also mit böser Energie – betriebenen Kessel in den Kraftwerken im Mittleren Neckarraum werden abgeschaltet und stillgelegt. Die letzten Kohleschiffe sind bereits Ende des vergangenen Jahres neckaraufwärts gefahren und haben ihre letzte Kohleladung in die Kohlebunker der Kraftwerke entleert, so wie sie das jahrzehntelang getan haben.
Diese Kraftwerke lieferten jahrzehntelang Strom und Wärme preiswert, verlässlich, planbar, unabhängig vom Tagespreis einer Energie.

Im Kohlekraftwerk Stuttgart-Münster wurde bereits im Oktober des vergangenen Jahres das neue Heizkraftwerk in Betrieb genommen. Dessen Kessel werden nicht mehr wie bisher mit Kohle befeuert, sondern mit Erdgas. Auch die Kraftwerke in Altbach und Heilbronn werden umgebaut und sollen künftig mit Erdgas betrieben werden. In Altbach ist der Kohleblock HKW 2 weiterhin vorhanden; der HKW 1 bereits seit 2017 in Netzreserve. In dem weithin sichtbaren Kraftwerk Heilbronn ist Kohleblock 7 seit dem 1. März 2026 in der Netzreserve und weiterhin einsetzbar. Die neue GuD-Anlage soll im dritten oder vierten Quartal 2027 kommerziell starten.
Ein Kohlekraftwerk war ein Ort mit Substanz. Der Brennstoff lag vor der Tür. Wochen, manchmal Monate im Voraus. Selbst wenn Märkte verrückt spielten, selbst wenn Preise explodierten – der Kessel lief weiter. Vor allem: Der Energievorrat für mehrere Wochen lag direkt neben dem Kraftwerk in Form von Steinkohlehalden. Binnenschiffe transportierten die meist aus Kolumbien stammende Steinkohle von Rotterdam oder Amsterdam Rhein und Neckar aufwärts bis direkt an die Kraftwerke. Preiswert, günstig, jederzeit verfügbar. Im Industrieland Baden-Württemberg war dies entscheidend. Das Land hat keine eigenen Energieressourcen, keine Kohle, kein Gas, kein Öl. Aber es hatte Kraftwerke mit Vorrat, die gut gefüllten Kohlelager neben den Kraftwerken, das waren die Energievorräte. Die verschwinden jetzt. Damit endet eine Epoche, die Baden-Württemberg über Jahrzehnte zuverlässig mit billigem Strom und Fernwärme versorgt hat.
Viele Faktoren beeinflussen die Gas-Energieumwandlung
Was jahrzehntelang als Fundament einer sicheren, planbaren Energieversorgung galt, wird derzeit abgewickelt: die kohlebefeuerte Strom- und Wärmeerzeugung entlang des Neckars. An ihre Stelle sollen moderne Gas- und Dampfturbinen treten. Sie gelten als effizient, flexibel, klimafreundlicher. Doch sie haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind vollständig abhängig von einem Brennstoff, der nicht vor Ort liegt, nicht lagerfähig ist und dessen Preis und Verfügbarkeit politisch wie geopolitisch extrem volatil sind und von dem man immer weniger weiß, woher er künftig kommen soll.
Erdgas, von dem immer weniger klar ist, woher es kommen soll und vor allem, wie teuer das sein wird. Die derzeitige Erdgaskrise macht dies nur allzu deutlich. Erdgaskraftwerke sind wahre Gasschlucker. Aus den großen Gasleitungen schießen gigantische Mengen in die Brenner, um den Dampf in den Kesseln auf rund 500 Grad zu erhitzen und auf einen Druck von etwa 60 bar zu bringen wie in Stuttgart-Münster.
Bis zu 16 Prozent des gesamten Erdgasverbrauchs in Deutschland verschwinden derzeit in den Kraftwerken. Deutschland bezieht sein Erdgas inzwischen aus vielen Richtungen, aber keine davon ist wirklich stabil oder gar günstig. 2025 importierte Deutschland rund 1000 Terawattstunden Gas. Die wichtigste Quelle ist derzeit Norwegen mit rund 44 Prozent Anteil. Dieses Gas kommt über Pipelines. Die Niederlande sind mit etwa 24 Prozent an den Gaslieferungen beteiligt, Belgien mit rund 21 Prozent.
Die Tücken des LNG-Gases
Dabei handelt es sich überwiegend um Transitgas, also angelandetes und regasifiziertes LNG-Gas oder Pipelinegas etwa aus Norwegen. Von den deutschen LNG-Terminals kommen lediglich 106 Terrawattstunden, das sind gut 10 Prozent der Importe. Der Verbrauch lag bei rund 860 Terawattstunden, davon verbrauchten 60 Prozent Industrie und 40 Prozent Haushalt und Gewerbe. Gleichzeitig aber exportiert Deutschland rund 220 Terawattstunden weiter in die Nachbarländer. Deutschland ist längst eine Durchleitstation im europäischen Gasnetz geworden.

Die deutschen LNG-Terminals lieferten 2025 den überwiegenden Teil des Gases aus den USA, laut Bundesnetzagentur rund 96 Prozent. Das auf minus 160 Grad abgekühlte und damit verflüssigte Erdgas sichert zwar Mengen, aber keinen Preis. Es ist ein global gehandeltes Gas, das jeweils dorthin fließt, wo gerade am meisten gezahlt wird. In Krisenzeiten konkurriert Europa mit Asien. Politische Konflikte, blockierte Seewege oder neue Sanktionen schlagen sofort durch.
Zudem ist ein beliebtes Spiel der LNG-Tanker auf hoher See zu warten, bis die Gaspreise steigen und dann erst anzulanden und die Ladung zu löschen. Dies sichert den Händlern viele Millionen Dollar mehr. Gastransitland Deutschland bedeutet aber auch: Steigt die Nachfrage in einem Nachbarland, steigen auch hier die Preise. Kommt es zu Engpässen auf dem Weltmarkt, schlägt das unmittelbar auf das deutsche Netz durch. Die nationale Steuerbarkeit sinkt.
Ein zentraler Baustein sind jene Gasspeicher. Sie gelten als Sicherheitsanker, sind es aber tatsächlich nur eingeschränkt. Denn Gasspeicher sind keine staatlichen Reserven. Sie gehören unterschiedlichen Marktakteuren und werden nach deren Regeln bewirtschaftet. Gas wird eingespeichert, wenn es günstig ist und wenn der Preis steigt. Sinkende Speicherstände bedeuten nicht automatisch physische Knappheit an Erdgas, sondern steigenden Preisdruck.
Bedeutet Fortschritt weniger Energiesicherheit?
Jetzt steigt die Spannung. Denn je leerer die Speicher, desto stärker muss jede zusätzliche Nachfrage unmittelbar am Markt zum jeweils aktuellen Preis gedeckt werden. Gas ist eine Gerade-rechtzeitig-Energie. Anders als Kohle oder Öl kann es nicht in großen Mengen direkt am Kraftwerk gelagert werden. Moderne Gas-kraftwerke benötigen kontinuierliche, sehr hohe Durchflussmengen. Stoppt der Gasstrom oder wird er sehr teuer, wirkt sich das sofort auf die Strompreise und Wärmeversorgung aus. Jetzt hängt also auch Baden-Württemberg mit seinen neuen umgebauten Gaskraftwerken direkt an diesen globalen Entwicklungen.
Die erstaunliche Definition von Fortschritt: Funktionierende Kohlekraftwerke sollen verschwinden, für ihren Ersatz werden neue Kraftwerke und neue Leitungen gebaut – und anschließend hofft man auf bezahlbares Gas und irgendwann auf Wasserstoff. Die Kohle lag am Kraftwerk. Man konnte den Vorrat sehen, vermessen und seinen Verbrauch kalkulieren. Die neue Versorgung hängt stärker an einem Geflecht aus Pipelines, Flüssiggasterminals, internationalen Lieferverträgen und politischen Entscheidungen. Für diesen Tausch wird viel Geld ausgegeben, ohne dass eine ins-gesamt günstigere und krisenfestere Versorgung nachgewiesen wäre. Eine Industriegesellschaft gibt einen handfesten Sicherheitsvorteil auf und lässt sich dafür eine Wasserstoffzukunft versprechen. Die Rechnung für diese Wette bekommen Haushalte und Unternehmen schon heute.
Besonders kühn ist, ausgerechnet Gas zum immer wichtigeren Rückgrat der Stromversorgung zu machen, während Netz- und Speicherbetreiber vor Lücken in der Wintervorsorge warnen. Nach ihrer Analyse können Importe rund drei Terawattstunden täglich liefern; an sehr kalten Tagen kann der Bedarf auf sechs steigen. Den Rest müssen Speicher leisten, deren Lieferfähigkeit mit sinkendem Füllstand abnimmt. Die aktuelle Versorgung gilt zwar als stabil. Trotzdem sollen künftig zusätzliche Kraftwerke auf denselben Brennstoff zugreifen, den bei Kälte auch Heizungen und Industrie benötigen.
Die „Energiewende“-Politik feiert jeden fertiggestellten Leitungsabschnitt der Süddeutschen Erdgasleitung als Erfolg. Nur lässt sich durch ein noch so modernes Rohr weder ein fehlender Gasvorrat noch ein unbezahlbarer Liefervertrag wegpumpen.



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