Habecks einstiger Energiewende-Vollstrecker Patrick Graichen, dessen grünes Netzwerk TE 2022 aufdeckte, räumt ein, dass Deutschlands abgeschaltete Kernkraftwerke günstigen Strom geliefert hätten. Schon vor seinem jüngsten Auftritt galten für ihn in der Ukraine andere Maßstäbe als für Deutschland.
Screenprint: Youtube/R21
Patrick Graichen hat entscheidend dabei geholfen, dass Deutschland seine letzten funktionierenden Kernkraftwerke abzuschaltet und damit günstige und sichere Enegerie nachhaltig zerstört. Jetzt verkündet der frühere Staatssekretär von Robert Habeck mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun gehabt haben will, dass diese Kraftwerke Strom zu günstigen Kosten hätten liefern können. Jahrelang verhöhnten die Grünen jeden, der auf verlässliche Kernenergie verwies. Nach Abschaltung und Zerstörung der Reaktoren will jetzt einer der Architekten dieses ideologischen Irrwegs ihre Vorzüge entdecken.
„Natürlich hätten wir, wenn wir 2023 die Dinger weiter hätten laufen lassen, noch mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten gehabt“, erklärte Graichen am Mittwoch bei einer Veranstaltung der Denkfabrik R21 in Berlin. Natürlich. Aus Graichens Mund klingt das so, als habe er gerade festgestellt, dass Wasser nass ist. Dabei hat dieser Mann als Staatssekretär mitentschieden, dass Deutschland mitten in einer großen Energiekrise auf vorhandene Kraftwerke verzichtete und auf deren Zerstörung hingewirkt. Ihre Leistung stand bereit. Heute fehlen diese Kapazitäten, während neue Gaskraftwerke Milliarden kosten und die Industrie wegen unbezahlbarer Stromkosten reihenweise ins Ausland abwandert.
Als FAZ-Moderator Christian Geinitz fragte, ob der Atomausstieg ein Fehler gewesen sei, lachte Graichen; „Alle wollen jetzt von Graichen das Ja hören. – Nein, das werde ich Ihnen jetzt nicht geben.“ Ein Eingeständnis verweigert er. Unternehmen, deren Investitionen an den Energiekosten scheitern, haben weniger zu lachen als dieser feiste fett vom Steuerzahler alimentierte grüne Wohlstandsvernichter. Graichen beharrt auf dem Risiko schwerer Reaktorunfälle; der Ukrainekrieg habe seine Skepsis noch einmal verstärkt.
Die Technikhistorikerin und Kernkraftbefürworterin Anna Veronika Wendland hielt Graichen vor, dass die Grünen während der Energiekrise 2022 die historische Chance gehabt hätten, sich von ihrem Anti-Atom-Dogma zu verabschieden. Während sie von Bürgern und Unternehmen immer größere Opfer für ihre Klimapolitik verlangten, waren sie selbst nicht einmal bereit, den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke zu akzeptieren. Graichen wollte davon nichts wissen. Er schob die Verantwortung auf die Union, ohne deren Zustimmung eine Verständigung über den Weiterbetrieb angeblich nicht möglich gewesen sei. Die große Verantwortung der Union und Angela Merkel sollte dabei tatsächlich keineswegs kleingeredet werden. Dennoch haben die Grünen das Zerstörungswerk unter Rotgrüngelb vollendet.
Habeck führte das Wirtschaftsministerium, Graichen war sein mächtiger Energie-Staatssekretär. Die einen konnten den Atomausstieg gegen alle Warnungen vollenden; schuld daran, dass er nicht verhindert wurde, sollen nun die anderen sein. So bequem hat sich das grüne Führungspersonal seine eigene Geschichtsschreibung eingerichtet. Natürlich.
Der Vollstrecker grüner Energiepolitik
Graichen war aber kein unbeteiligter kleiner Beamter, den eine Entscheidung von oben überraschte. Er hatte im Umfeld von Jürgen Trittin Karriere gemacht, war persönlicher Referent von Rainer Baake gewesen, stieg zum Direktor der Agora Energiewende auf und wechselte Ende 2021 in Habecks Ministerium. Mit ihm zog ein über Jahre entwickeltes energiepolitisches Programm unmittelbar ins Machtzentrum ein. Atomausstieg und Heizungsgesetz gehörten zu den Großprojekten. In der Energiekrise 2022/23 hätte die Regierung angesichts explodierender Preise jede Möglichkeit zusätzlicher Stromproduktion prüfen müssen. Stattdessen ließ sie die letzten drei Reaktoren nur befristet bis zum 15. April 2023 weiterlaufen. Eine dauerhafte Abkehr vom Ausstieg war für Habeck und Graichen politisch ausgeschlossen.
Später warfen die von *Cicero* veröffentlichten Ministerialunterlagen die Frage auf, wie ergebnisoffen die fachlichen Argumente zum Weiterbetrieb überhaupt geprüft worden waren. Graichen verteidigte seine damalige Einschätzung vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss. Jetzt bestätigt er selbst einen wirtschaftlichen Vorteil des Weiterbetriebs: zusätzlichen Strom zu günstigen Grenzkosten. Was den Bürgern vorher als unzumutbarer Rückfall in die Vergangenheit verkauft wurde, kann Graichen inzwischen in einem Nebensatz einräumen. Einen eigenen Fehler erkennt er darin weiterhin nicht.
Tichys Einblick hatte den Graichen-Clan früh aufgedeckt
Die deutsche breitere Öffentlichkeit lernte Graichen erst 2023 im Zuge der Trauzeugenaffäre gründlicher kennen. Leser von Tichys Einblick wussten da längst, welche personellen Verflechtungen sich hinter der Fassade angeblich unabhängiger Klimaexpertise verbargen. TE hatte den Graichen-Clan und die Strukturen der grünen Lobby bereits Anfang 2022 offengelegt – zu einer Zeit, als der neue Staatssekretär von großen Medien noch als fachkundiger Modernisierer gefeiert wurde.
Am 18. Januar 2022 erschien Marco Gallinas Recherche „Die Ampel lädt zum Büffet“. Er beschrieb das familiäre Geflecht um Patrick Graichen: Schwester Verena arbeitete beim Öko-Institut und war stellvertretende BUND-Vorsitzende. Ihr Ehemann Michael Kellner war Parlamentarischer Staatssekretär im selben Wirtschaftsministerium wie sein Schwager. Bruder Jakob arbeitete ebenfalls beim Öko-Institut. Ministerium, Umweltverband, staatlich beauftragte Forschungseinrichtung – an wichtigen Knotenpunkten fanden sich Angehörige desselben politischen Milieus, bis hinein in die Familie.
Am 11. Februar 2022 untersuchte Gallina den „Clan- und Lobbyklüngel“ in den Ministerien; am 13. Februar folgte „Die Trittin-Connection: Wie unser Land in die Fänge grüner Lobbys geriet“.
Dort wurde nachvollziehbar, wie Rainer Baake, Jochen Flasbarth, Graichen und weitere Vertreter dieses Netzwerks zwischen staatlichen Spitzenämtern und grünem Lobbybetrieb wechselten. Die Agora entwickelte Konzepte für den Umbau des Landes; ehemalige und spätere Agora-Leute saßen an den Schaltstellen, an denen über seine Umsetzung entschieden wurde. TE vertiefte diese Verbindungen im April 2023 in einer umfangreichen Serie. Diese Recherchen machten den grünen Filz lange vor der bundesweiten Affäre sichtbar.
Verwandtschaft beweist keinen Rechtsbruch. Doch wie unabhängig bleiben Entscheidungen, wenn Angehörige desselben Milieus Ministerien, Verbände und staatlich finanzierte Institute besetzen? TE stellte diese Frage früh.
Der Trauzeuge kostete das Amt – die Energiepolitik blieb
Im Frühjahr 2023 wurde bekannt, dass Graichen an der Auswahl für die Leitung der Deutschen Energie-Agentur beteiligt gewesen war, obwohl sich sein enger Freund und Trauzeuge Michael Schäfer um den Posten bewarb. Die persönliche Beziehung war im Auswahlverfahren nicht rechtzeitig offengelegt worden. Weitere Fragen entstanden wegen Förderentscheidungen zugunsten des BUND, dessen stellvertretende Vorsitzende Graichens Schwester war. Im Mai 2023 versetzte Habeck seinen wichtigsten Vertrauten in den einstweiligen Ruhestand.
Der Staatssekretär fiel, seine politische Hinterlassenschaft blieb. Die Kernkraftwerke waren abgeschaltet, die Heizungspläne auf dem Weg, das grüne Netz aus Behörden, Stiftungen und Lobbyorganisationen unbeschädigt. TE hatte längst gezeigt, dass dieser Fall weit über einen Trauzeugen hinausging.
Wie langlebig die Strukturen sind, zeigten wir gerade erst im Oktober 2026: Der langjährige Staatssekretär Jochen Flasbarth wechselt an die Spitze der European Climate Foundation, die früher die Agora mitfinanzierte und Projekte mit Fördergeld aus Flasbarths bisherigem Ministerium betrieb. Der Seitenwechsel illustriert die Verflechtungen von politischer Macht und Klimalobby.
Ausgerechnet Graichen soll in der Ukraine für transparente Personalwahl sorgen
Die Fortsetzung seiner Karriere liefert eine Ironie, die man kaum erfinden könnte. TE berichtete bereits am 29. November 2024, dass Graichen in den Aufsichtsrat des ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenergo berufen wurde. TE hielt auch fest, welche Aufgabe den neu berufenen unabhängigen Aufsichtsräten nach Angaben des Unternehmens zuerst zufallen sollte: die transparente, wettbewerbliche Auswahl eines neuen Vorstandsvorsitzenden.
Der Mann, dessen Mitwirkung an einem Auswahlverfahren mit seinem Freund und Trauzeugen ihn in Deutschland das Amt kostete, sitzt nun in einem Gremium, das eine Führungsperson transparent auswählen soll. Der gescheiterte deutsche Staatssekretär ist wieder für Personalentscheidungen zuständig. Man packt sich nur noch an den Kopf.
Ukrenergo gehört vollständig dem ukrainischen Staat und betreibt das überregionale Stromnetz. Die Bundesregierung erklärte später auf parlamentarische Anfrage, sie sei an der Berufung nicht beteiligt gewesen; Graichens Tätigkeit wurde beamtenrechtlich angezeigt und mit Auflagen freigegeben. Das macht die Ironie dieser Personalie nicht kleiner.
Und da hockt auch gleich der nächste Widerspruch: Der ukrainische Stromsektor ist in hohem Maße auf Kernkraft angewiesen. Während russische Angriffe die Energieinfrastruktur zerstören, bilden die noch betriebenen Reaktoren eine tragende Säule der Versorgung. Graichen ist Aufsichtsrat des Netzbetreibers, nicht des Kernkraftwerksbetreibers. Aber er muss sich mit einem System befassen, dessen Überleben und Stabilität maßgeblich von einer Energiequelle abhängen, die er in Deutschland zu beseitigen half.
Kernkraft für Europa, Atomausstieg für Deutschland
Graichen klang im März 2026 plötzlich anders als jener Staatssekretär, der den deutschen Atomausstieg verteidigt hatte. In einem Interview mit der WirtschaftsWoche forderte er, Europa solle „den alten Kampf Erneuerbare gegen Atomkraft beerdigen“. Beide sollten gemeinsam rasch mehr als 80 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Kernenergie durfte auf einmal Teil der Lösung sein. Ist es nicht komisch? Natürlich.
Das ist politisch geradezu atemberaubend. In Deutschland wurden die letzten Reaktoren unter dem begleitenden hyänenartigen Jubelgeschrei der Grünen zerstört, gerade weil die Anti-Atom-Bewegung ihre zentrale Glaubensfrage nie preisgeben wollte. Kaum ist Graichen nicht mehr verantwortlich, empfiehlt er Europa eine Energiepolitik, die Kernkraft ausdrücklich einschließt.
Bei R21 begründete Graichen seine fortbestehende Ablehnung deutscher Kernkraftwerke nun mit der Gefahr eines russischen Angriffs auf Nuklearanlagen. Aber die Ukraine betreibt ihre Reaktoren selbst im Krieg weiter, weil sie auf deren Leistung angewiesen ist.
Deutschland hat sie in Friedenszeiten und fernab von Tsunamis in Hochrisikoerdbebengebieten wie in Japan abgeschaltet und auf den dringend benötigten Strom verzichtet, den Graichen heute selbst als vergleichsweise günstig anerkennt. Ausgerechnet die Gefahren, denen die Ukraine ausgesetzt ist, sollen also nachträglich den deutschen Atomausstieg rechtfertigen.
Patrick Graichen demonstriert mit seinem Auftritt die ganze Arroganz eines politischen Funktionärs, der sich für unfehlbar hält und die Frage nach persönlicher Verantwortung für die Zerstörung der sicheren und bezahlbaren Energieversorgung einer einst funktionierenden Industrienation für eine Unverschämtheit. Dieser Mann hat bis heute nicht begriffen, dass ein öffentliches Amt mit Rechenschaftspflichten verbunden ist. Seine Selbstgefälligkeit ist angesichts der Folgen seiner Politik eine Verhöhnung derer, die dafür bezahlen und bezahlen und bezahlen müssen.
Dass ein solcher Mann noch immer als energiepolitischer Experte hofiert wird, ist ein unglaublicher Skandal.






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