Nah bei den Menschen? Aber nicht bei allen!

Die Diakonie will Ausdruck christlicher Nächstenliebe sein. Eine langgediente Angestellte, die ihr Leben der Versorgung von Alten und Kranken gewidmet hat, wird jedoch hochkant rausgworfen, wenn sie sich zur AfD bekennen. Heuchelei im Endstadium.

picture alliance/dpa | Sina Schuldt

Alle wissen es: am Sonntag, dem 6. September, entscheidet sich das Schicksal Deutschlands. Der Feind steht rechts und längst schon vor der Tür, die Frage ist: woran erkennt man ihn? Früher war das leicht zu beantworten, „Zeit“, „Spiegel“ und FAZ hatten uns aufgeklärt, so dass wir wussten: der Feind trägt Springerstiefel und polierte Glatze, die Feind*in lange, möglichst blonde Zöpfe.

Aber Springerstiefel sind aus der Mode gekommen, Zöpfe erst recht, und Glatze ist nichts Besonderes mehr, die trägt inzwischen jeder dritte Mann. Die Faschisten haben sich gemausert, angepasst. Sie geben sich lässig, tarnen sich als ganz normale Bürger, gehen zur Wahl und zitieren das Grundgesetz, obwohl der Verfassungsschutz ihnen das verbietet.

Doch damit kommen sie nicht durch. Denn Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie, passt auf. Als Theologe lässt er sich nichts vormachen, er blickt den Menschen ins Herz und reißt ihnen die Maske vom Gesicht. Wer für die AfD eintritt, hat er erklärt, muss gehen. Deswegen begrüßt er die Entscheidung, Martina Müller, Mitarbeiterin seit vielen Jahren, kündigen zu lassen. Diese Entscheidung hatte die mission:lebenshaus gGmbH gefällt – ein Tochterunternehmen des Vereins für Innere Mission in Bremen und damit Teil der Diakonie. TE hat berichtet.

Ein anderer Antifaschist, der große Stalin, war vorausgeeilt, als er die Arbeitslosigkeit einfach dadurch beseitigte, dass er den Arbeitslosen die Unterstützung strich. Schuch macht es ähnlich: indem er die AfD-Sympathisantin rauswirft, schafft er den Tatbestand, auf den er sich beruft, um seinen Rauswurf zu begründen. Jürgen Möllemann hätte das eine pfiffige Idee genannt.

Nächstenliebe für alle! lautet das Motto der Diakonie – das man wie alle Motti aber nicht wörtlich nehmen darf, denn für alle gilt es ja gerade nicht. Zumindest nicht für Leute, die sich dagegen wehren, ihre Heimat an Messerstecher auszuliefern. Dann sind sie nämlich keine Menschen mehr, wie Stanislaw Tillich, ehemals Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, herausgefunden hat. Rüdiger Schuch findet das offenbar auch, jedenfalls handelt er danach.

Die Diakonie kann sich so etwas leisten. Als Marktführer*in der Pflegeindustrie, der letzten Wachstumsbranche eines sterbenden Landes, ist sie eine Großmacht. Souverän ist, wer den Notfall beherrscht, heißt die alte Regel, und Notfall herrscht in einem Land, in dem die Anspruchsteller in der Mehrheit sind, ständig. Not ist nötig, meint die Diakonie, und verteidigt ihren Besitzstand gegen unerwünschte Mitbewerber.

Zurzeit sind das die Städte und Gemeinden. Da sie für den Notstand zahlen müssen, wollen sie über das, wofür sie zahlen, auch bestimmen. Rüdiger Schuch hält das für falsch, für einen schweren Fehler. Der barmherzige Samariter mochte den Mann, der unter die Räuber gefallen war, noch selber waschen, pflegen und versorgen; heute, meint Schuch, sei das ein antiquiertes Modell. Heute lasse man so etwas von anderen machen, vor allem aber auch: von anderen bezahlen.

Die Nächstenliebe, hatte Annette Kurschus als Ratsvorsitzende der EKD verkündet, komme erst da an ihre Grenzen, wo sie zur Selbstaufgabe zwingt – eine Grenze, die wir, wie sie ergänzte, aber längst noch nicht erreicht hätten. Sofern sie mit dem „Wir“ sich selbst gemeint hat, stimmt das auch. Als Lebenszeitbeamtin mit Pensionsanspruch, mit Dienstwohnung, Dienstwagen und Dienstpersonal dürfte sie von der Selbstaufgabe ziemlich weit entfernt sein. Weiter jedenfalls als die anderen, die Mühseligen und Beladenen, die ihren Aufwand zu bezahlen haben.

Das ist das Geheimnis der deutschen Wohlfahrtsindustrie: sie kennt nicht nur die starken und die schwachen Schultern, sondern auch die eifrigen Hände, die beim Umladen von der einen auf die andere Schulter behilflich sind und sich dabei die Finger vergolden. Sie haben aus der Nächstenliebe einen Beruf, aus der Hilfsbereitschaft einen Markt und aus der Philanthropie einen falschen Titel gemacht. Sie sprächen immer noch für die da unten, wie Georges Clemenceau über diese Schicht gespottet hatte, lebten aber wie die da oben. Deswegen ist diese Klasse in Deutschland so beliebt. Sie ist ein Produkt der staatlich organisierten Wohlfahrt und wächst beständig.



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