Für den angeschlagenen grünen NRW-Justizminister Benjamin Limbach wird die Richter-Affäre um Carsten Günther zur persönlichen Demütigung. Der Jurist, dessen Aufstieg Limbach einst verhindern wollte, soll nun Präsident des Bundesverwaltungsgerichts werden.
picture alliance/dpa | Christoph Reichwein
Carsten Günther soll Präsident des Bundesverwaltungsgerichts werden. Union und SPD unterstützen seine Nominierung für die Spitze eines der fünf obersten Bundesgerichte. Für Nordrhein-Westfalens grünen Justizminister Benjamin Limbach besitzt diese Personalie eine besondere Brisanz: Günther ist genau jener Richter, den Limbachs Ministerium bei der Besetzung des Präsidentenpostens am Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen zunächst überging. Aus dem Auswahlverfahren wurde eine jahrelange Affäre, die bis vor das Bundesverfassungsgericht führte.
Das Verwaltungsgericht Münster stoppte die Besetzung und warf Limbachs Ministerium eine „manipulative Verfahrensgestaltung“ vor. Wenige Wochen später kassierte auch das Verwaltungsgericht Düsseldorf die Personalentscheidung. Limbachs Auswahl verstoße gegen den Grundsatz der Bestenauslese, weil sie auf einer rechtswidrigen „Überbeurteilung“ seiner Kandidatin beruhe. Der Grund war für einen Justizminister einigermaßen bemerkenswert: Limbach hatte eine Beamtin aus dem Innenministerium selbst überbeurteilt, obwohl ihm dafür schlicht die Zuständigkeit fehlte.
Damit wird zugleich der Präsidentenstuhl in Münster schon wieder frei. Nordrhein-Westfalen muss ein neues Auswahlverfahren durchführen. Nach der Limbach-Affäre sollen die Regeln für solche Spitzenbesetzungen inzwischen verschärft werden. Vorgesehen sind unter anderem verbindliche Bewerbungsfristen und stärker formalisierte Auswahlverfahren. Ob es was nützt? Das wird man feststellen.
Für Limbach fällt die Wiedervorlage seiner Richteraffäre in eine ohnehin beschädigte Amtszeit, in der das Vertrauen in seine Führung des Justizressorts schon mehrfach erschüttert wurde.
Besonders schwer wog der Streit um die Cum-Ex-Ermittlungen in Köln. Mehr als ein Jahr bemühte sich der Hamburger Untersuchungsausschuss um brisantes Material aus den dortigen Verfahren. Fristen verstrichen. Limbach schob die Verantwortung öffentlich auf die Staatsanwaltschaft Köln und erklärte im Rechtsausschuss, sein Ministerium sei zu spät oder gar nicht über die stockende Herausgabe informiert worden. Schließlich ließ er eigene Mitarbeiter nach Köln schicken, die Daten abholen sollten.
Dann wurde bekannt, dass Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker den Ablauf intern erheblich anders beschrieben hatte. Nach Recherchen von WDR und NDR hatte ihre Staatsanwaltschaft Unterlagen bereits im März und Mai 2023 an Limbachs Ministerium geschickt. Damit stand die Frage im Raum, warum Düsseldorf die vorhandenen Informationen nicht längst an Hamburg weitergeleitet hatte. Im Landtag wurde ausdrücklich die Glaubwürdigkeit des Ministers zum Thema.
Am Ende erreichten auch zwei Laptops mit rund 700.000 sichergestellten E-Mails den Hamburger Untersuchungsausschuss. Dort sorgte ihr zwischenzeitlicher Aufbewahrungsort später für einen eigenen Streit. Die Vorgeschichte führte jedoch unmittelbar zurück nach Nordrhein-Westfalen: Um die Herausgabe genau dieses Materials hatte es zuvor monatelanges Gerangel mit Limbachs Ministerium gegeben.
Brorhilker verließ 2024 schließlich die Justiz. Sie beklagte mangelnden politischen Willen bei der Bekämpfung großer Finanzkriminalität. Den Konflikt mit Limbach nannte sie hierbei nicht als Grund für ihren Rückzug; seine geplante Neuordnung ihrer Abteilung habe sie allerdings nicht als Unterstützung empfunden. Für Nordrhein-Westfalen bedeutete ihr Ausscheiden den Verlust jener Staatsanwältin, deren Ermittlungen Deutschland bei der juristischen Aufarbeitung des milliardenschweren Cum-Ex-Komplexes weit nach vorn gebracht hatten.
Wenige Wochen später steht nun wieder Carsten Günther vor Limbachs Tür. Über die Wahl des neuen Präsidenten des Bundesverwaltungsgerichts soll im Oktober der Richterwahlausschuss entscheiden. Ihm gehören 16 vom Bundestag gewählte Mitglieder und die Justizminister der 16 Länder an. Einer dieser Justizminister heißt Benjamin Limbach.
Auch bei einem der größten Kriminalitätsprobleme Nordrhein-Westfalens fiel Limbach durch einen besonderen sprachlichen Veitstanz auf. Den Begriff „Clankriminalität“ hält er für stigmatisierend und spricht lieber von „Organisierter Kriminalität“. Ausgerechnet im Land mit seit Jahren dokumentierten kriminellen Großfamilien, eigenen Clan-Lagebildern des LKA und einem Innenminister, der das Phänomen ausdrücklich beim Namen nennt, beschäftigt sich der Justizminister zunächst mit der möglichen Zumutung des Begriffs. Noch im März 2026 machte sich Limbach im Landtag über „Clanstrukturen“ als vermeintlichen Lieblingsbegriff der AfD lustig. Herbert Reul hatte schon Jahre zuvor vor genau dieser Sprachakrobatik gewarnt: Jahrzehntelang habe man aus Angst vor Stigmatisierung zu wenig getan, während die Clans „fröhlich weitergearbeitet“ hätten.







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