„Die Zeiten des Paradieses sind vorbei“ – außer bei Merz’ Friseurrechnung

„Die Zeiten des Paradieses, in denen jeder Wunsch möglich war, sind vorbei“, sagt Friedrich Merz den Bürgern. Für seine eigene Frisur galt das offenkundig nicht. Über 12.500 Euro ließ das Kanzleramt in drei Monaten für Styling abrechnen. Bezahlt vom Steuerzahler, die Merz dieses Paradies ermöglichen.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Manchmal dauert es, bis eine Nachricht ihre volle Sprengkraft entfaltet. Wie bei einem chemischen Gemisch. Jeder einzelne Stoff ist bereits giftig. Doch wenn die Bestandteile zusammenfließen, entsteht eine hochexplosive Verbindung. Genau so liegt der Fall hier.

Für sich genommen ist schon der Satz des Kanzlers unerquicklich genug: „Die Zeiten des Paradieses, in denen jeder Wunsch möglich war, sind vorbei.“ Für sich genommen ist ebenso die Abrechnung des Kanzleramts höchst unerquicklich: 12.501,30 Euro für „Visagisten/Kosmetiker/Friseure“ in kaum drei Monaten. Bringt man beides zusammen, wird aus Peinlichkeit politische Selbstentlarvung.

Denn dieser Satz war ja keine beiläufige Floskel. Er war eine Ansage an die Bürger. An jene Menschen also, die ihren Friseurbesuch selbst bezahlen müssen, ihre Rechnungen selbst tragen, ihre steigenden Belastungen in Folge von katastrophal schlechter Politik selbst schultern und nicht auf die Idee kämen, die eigene Haarpflege zur öffentlichen Aufgabe zu erklären.

Merz sprach vom Ende des Paradieses für die anderen. Für sich selbst schien in dieser Frage jedoch weiter Ausnahmezustand zu herrschen. Denn seine eigene Erscheinung wurde eben nicht aus privatem Vermögen gepflegt, sondern aus dem Geldtopf der Steuerzahler. Genau darin liegt die ganze Verkommenheit dieses Vorgangs.

Jeder normale Mensch zahlt den Friseur selbst. Punkt. Er kann die Rechnung nicht dem Staat aufladen, weil die Frisur vorzeigbar sein soll. Er kann sie auch nicht steuerlich absetzen, weil der Seitenscheitel professionell sitzen muss. Aber genau dieser Abstand zwischen normalem Leben und politischer Selbstbedienung ist es, der den Fall so brisant macht. An die Menschen da unten predigt man Bescheidenheit, oben lebt man weiter fett aus deren Taschen in der Selbstverständlichkeit des Apparats. Unten soll verstanden werden, dass nicht jeder Wunsch erfüllbar ist. Oben wird die eigene Frisur behandelt, als gehöre sie zur Grundversorgung des Regierungsbetriebs.

Der gekränkte, nachtragende Merz
Der Kanzler der zweiten Wahl - wie Friedrich Merz mit Deutschland abrechnet
Noch deutlicher wird die Fallhöhe, wenn man die frommen Appelle von Merz daneben legt: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten.“ Er legte nach: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Und als wäre das nicht genug, erklärte er: „Ich würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen.“ Das ist der Ton, in dem Merz dem Land begegnet: mehr arbeiten, effizienter arbeiten, weniger Ansprüche stellen, weniger Schonräume erwarten. Für Millionen Bürger gilt bei ihm stets die Pflicht. Bei sich selbst werden dann ganz andere Maßstäbe angelegt. Für die eigene Frisur hingegen offenbar die Kür auf Staatskosten. Und das ist in einem Wort: verkommen.

Dazu kommt sein Gerede über Kranktage. Merz rechnete vor, Beschäftigte kämen im Schnitt auf 14,5 Krankentage. Dann stellte er die Frage: „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Auch das ist bezeichnend. Gegenüber normalen Arbeitnehmern tritt dieser Kanzler als moralischer Antreiber auf. Er beäugt ihre Fehlzeiten, problematisiert ihre Schutzrechte und stellt ihre Lebenswirklichkeit unter Verdacht. Doch für die eigene Inszenierung gibt es keinerlei Zurückhaltung. Dort verschwindet plötzlich jede Strenge. Dort fließt das süße Geld, das man immer schamloser dem verachteten Steuerzahler aus der Tasche zieht.

Genau deshalb ist diese Geschichte mehr als eine lächerliche Friseurrechnung. Sie ist ein Charakterbild dieser politischen Klasse. Nicht die Summe allein ist der Skandal, obwohl auch die Summe schon schamlos genug ist. Der eigentliche Skandal ist die Kombination aus Moralpredigt und Selbstbedienung.

Merz verlangt Verzicht, wenn andere verzichten sollen. Er verlangt Disziplin, wenn andere diszipliniert werden sollen. Er verlangt längere Arbeit, weniger Schonung und mehr Leistungsbereitschaft, während die eigene Eitelkeit so selbstverständlich aus öffentlichen Mitteln bedient wird, als sei das die natürlichste Sache der Welt.

So entfaltet diese Nachricht ihre volle Wirkung erst im Zusammenhang. Der einzelne Satz ist giftig. Die einzelne Rechnung ist giftig. Zusammen aber werden sie explosiv. Denn plötzlich steht die Wahrheit nackt im Raum. „Die Zeiten des Paradieses, in denen jeder Wunsch möglich war, sind vorbei“ – außer bei meiner Frise, die ihr bezahlt.

Treffender kann man den Zustand dieser Berliner Republik kaum beschreiben. Der Bürger soll sparen, schlucken, leisten und stillhalten. Der Kanzler gönnt sich aus dem Steuertopf den Feinschliff und erklärt dem Land dabei noch, das Paradies sei beendet. Nein: beendet ist es nur unten. Oben lässt man sich noch immer geschniegelt durchfinanzieren.


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Kommentare ( 69 )

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69 Comments
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M.Peter
11 Tage her

Frau Taxidis,
Sie bringen es auf den Punkt:
Uns predigt der Kanzler „Wasser“, während er selbst den teuersten und erlesensten „Wein“ trinkt.
Wer von solchen „Moralaposteln“ regiert wird, ist nur noch zu bedauern, und kann sich nur noch wünschen, dass diese „politischen Heuchler“ möglichst bald ihr „blaues Wunder“ erleben.

MartinKienzle
15 Tage her

Da die BRD-Statthalter um Merz (https://www.youtube.com/watch?v=hIu80oSC728 ab Minute 3:25) stets impertinenter sowie wohlfeiler auftreten, ist davon auszugehen, dass wir uns in einer geschichtsträchtigen Zeit dahingehend befinden, dass das Besatzerkonstrukt BRD vor dem Untergang steht!

Last edited 15 Tage her by MartinKienzle
Juergen P. Schneider
15 Tage her

Die ausgeplünderten Bürger sind nicht die Opfer unverschämter und inkompetenter Politiker. Sie sind ausweislich ihres Wahlverhaltens deren Komplizen. Es kommt in kriminellen Kreisen öfter vor, dass ein besonders dämlicher Komplize um seinen Anteil an der rechtswidrig gemachten Beute gebracht wird. So geht es seit Jahrzehnten dem treudoofen deutschen Wahlvolk.

Ceterum censeo Berolinem esse delendam
15 Tage her

Bei manchen Visagen hilft auch kein noch so hoch bezahlter Visagist mehr.

Peterson82
16 Tage her

Keine Sorge Herr Merz, ich bin genau die Bevölkerungsgruppe die sie inzwischen verachten. Jemand der nachrechnet, für sich feststellt dass reinknüppeln sich aufgrund der Steuer nicht mehr lohnt und sein Arbeitspensum soweit reduziert wie es persönlich am besten in die eigenen Lebensumstände passt. Denn warum soll ich meine kostenlose Freizeit mit Arbeit vergeuden die mir Geld einbringt damit es von den Sozis an Andere gegeben wird.

H. Priess
16 Tage her

Sieht er nicht hübsch aus? So richtig niedlich, daß man ihn knuddeln möchte so dolle, daß er rot anläuft und ihm die Luft weg bleibt? Oder wie Otto einst sagte: Du bist schön, schön bist du, schön doof! Was soll die künstliche Aufregung, jeder weiß, daß er Recht hat. Wenn wir so weiter machen, und das werden wir, werden sehr viele Leute eine work life balance erleben die sie nie haben wollten. Sie werden über viel, sehr viel Freizeit verfügen die sie dann mit schreiben von Bewerbungen und mit warten auf dem Jobcenter verbringen dürfen. Die für den Staat arbeiten… Mehr

Blauracke
16 Tage her

Zusammenfassend ist der Venushügel ein natürlich behaarter Bereich, dessen Behaarung jedoch häufig aus ästhetischen Gründen entfernt oder in Form gebracht wird (wikipedia). Jetzt hab ich es begriffen. Daher der Spitzname….🤢

Laktomap
16 Tage her

Ich muss ausnahmsweise einem Artikel auf Ihrer Seite und den Kommentaren widersprechen. Friedrich Merz erntet bei mir genau so wenig Sympathien wie bei anderen klar denkende Bürgern. Aber er ist immer noch der (leider) aktuelle Vertreter der Bundesrepublik. Er muss auch spontan vor die Kamera und da muss, wie jeder in der Produktion kennt, vorher zumindest mal abgepudert werden, sonst glänzt er wie ein Gummibärchen. Das heißt, es muss auf Abruf ein Maskenbildner da sein, mit ihm reisen etc. Wenn ich Gehalt, Spesen, Kilometergelde, Sozialabgaben (Arbeitnehmer und Arbeitgeberanteil), sowie die verdammten Steuern zusammenrechne, finde ich einen Jahresaufwand von 50.000€ nicht… Mehr

Lucius de Geer
15 Tage her
Antworten an  Laktomap

Also, um etwas Puder aufzutragen, damit der nicht zu natürlich rüberkommt vor der Kamera, muss rund um die Uhr ein „Maskenbildner“ hinterherwackeln – meinen Sie das? Darüber müssen Sie doch selber lachen, oder? Wirtschaftsleute stehen auch immer wieder irgendwo vor der Kamera, haben die auch immer einen Hofbarbier dabei? Wäre mir neu. Und glauben Sie, dass Helmut Schmidt oder Kohl ebenso einen Kosmetikkult gemacht haben? Wäre mir ebenfalls neu. Noch etwas: Sicher haben Sie schon von diesen Softwarefiltern bei modernen Kameras gehört, die locker alles Unerwünschte ausgleichen. Also alles Quark – es geht hier nur um die abartige Eitelkeit dieser… Mehr

Mausi
16 Tage her

„in denen jeder Wunsch möglich war“: Das gilt weder für die Abgeordneten, noch den Staat. Dort gilt unverändert wünsch‘ Dir was. Schließlich haben die Steuerzahler in D (Bürger und Unternehmen) noch genügend Vermögen, das abgeschöpft werden kann. Kein Rückzug bei Abgaben und Steuern, wenn es um Spritpreise geht, Heuchelei, wenn es um den Splittingtarif geht. Ich möchte gar nicht wissen, was diese beiden Maßnahmen an Mehrsteuern in die Kassen spülen werden. Vielleicht sollte Der Bund jedes Jahr Notstände difinieren, die das „Abschöpfen“ von Übergewinnsteuern ermöglichen. Zudem ist das ein Schritt Richtung Planwirtschaft. Und gleichzeitig geht es gegen die Ehe, die… Mehr

Last edited 16 Tage her by Mausi
giesemann
16 Tage her

Merz-Agenda 2030:  „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten.“ Ein anderer BKler sagte dazu: Ha, ha, ha, haaa … . Dem seine Partei rudert nun eifrig gegen. Den Wind. Man hat Witterung aufgenommen, der Gestank.