Ach, Europa

Stilfragen? Der französische Präsident Emmanuel Macron löst nach der für seine Partei desaströsen EU-Wahl das Parlament auf und setzt Neuwahlen an. Bundeskanzler Olaf Scholz antwortet auf die Frage, ob er das für die SPD vernichtende Wahlergebnis kommentieren wolle, schnoddrig mit „Nö“. Über Unterschiede im großen und im kleinen.

picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Französischer Sinn für die große Geste und deutsche Kartoffeligkeit? Stilfragen.
(Nicht nur, natürlich. Macron bleibt Präsident, auch wenn das Wahldesaster weitergeht. Scholz aber dürfte nach Neuwahlen nicht mehr Kanzler sein.)

Egal: es gibt sie noch, die Unterschiede im Nationalcharakter, obzwar oft nur noch als Klischee. Die großartige französische Küche? Davon spürt man wenig, wenn man nicht gerade in hochklassige Restaurants in Lyon oder Paris geht. Ansonsten scheint es am wichtigsten zu sein, dass der Gast sich nicht einfach irgendwo hinsetzt, so nach Lust und Laune. Oder nach einem Getränk vor 19 Uhr verlangt. Mittags aber sind die Straßen leer, dann ist der Franzose zuhause bei Muttern, die Zutaten, die man auf den Märkten erwerben kann, sind wirklich Spitzenklasse. Und erst der Käse!

Nun, Frankreich verdankt die Kunst des Kochens Italien. Caterina de‘ Medici aus Florenz, durch Heirat mit Heinrich II. ab 1547 Königin von Frankreich, hat dort die Gabel eingeführt, den Franzosen Tischmanieren beigebracht und mit ihren italienischen Köchen die französische Küche revolutioniert. Voilà. So ist Europa! Beglückend und befruchtend. (Wenn man mal von den Kriegen und anderen Kleinigkeiten absieht.)

Doch wir wollen heute einfach nur schwärmen angesichts der Ergebnisse der Wahlen zum EU-Parlament. Hat es da wirklich einen Rechtsruck gegeben? Oder haben womöglich viele der Wähler anstelle eines sogenannten EU-Parlaments in Wirklichkeit Europa gewählt, Europa in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und, nunja, Vielfalt? Die meisten von ihnen möchten nicht von einer von Größenwahn geplagten Kaste reglementiert werden, die in alle möglichen Lebensbereiche der Europäer eingreifen will, an der Lösung des größten Problems jedoch scheitert, nämlich die Grenzen wirkungsvoll gegen außereuropäische Migration aus anderen Kulturen zu schützen. Denn wenn es so weiterläuft, kann man davon ausgehen, wie Herwig Birg, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung an der Uni Bielefeld, bereits 1998 konstatierte, „dass nicht nur Deutschland als Nation verschwindet, sondern ganz Europa als Kulturraum“.

Und das wäre verdammt schade. Europa ein ganzes großes Kalifat mit strengen Sitten und Gebräuchen? Mit Kindsbräuten, Vollverschleierung der Frauen, ohne Freiheit, ohne Meinungsfreiheit, patriarchalisch-reaktionär und arm? Welch Verlust.
Und welch Verrat an der christlichen Tradition, die mit dem Verbot der Cousinenehe die Dominanz der Familienclans beendete und Individualismus begünstigte, der den persönlichen Ehrgeiz beflügelte, der Europa erfolgreich gemacht hat.

Was wären wir ohne unsere Traditionen, unsere Kunst- und Kulturschätze, unsere zivilisierenden Institutionen, und last but not least ohne all unsere nationalen Eigenheiten, die noch nicht dem Globalismus zum Opfer gefallen sind? Die Briten sind aus der EU ausgestiegen, aber nicht aus Europa. Sie halten an einer Monarchie fest, die einst von Saxen-Coburg und Gotha hieß, bevor sie sich 1917 des Krieges mit Deutschland wegen in Windsor umbenannte. Sie lieben das Skurrile und warmes Bier, schenkten uns Monty Python, „Don’t mention the war“, die Beatles und all die anderen Heroen des Britpop der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ganz zu schweigen von Fish and Chips. Britische Pubs sind die besten Kneipen in ganz Europa, auch wenn es in Spanien weit mehr Bars gibt.

Und dann die Niederlande! Ein eigentlich sehr entspanntes Volk, das sich jüngst eine neue Regierung herbeigewählt hat – gemeinsam mit der Partij voor de Vrijheid des einst leidenschaftlich bekämpften Geert Wilders, Islamkritiker, Israelfreund und EU-Skeptiker. An der Regierungsbildung beteiligt war auch die noch junge Bauernpartei, BoerBurgerBeweging, die aus dem Kampf gegen Versuche der vorigen Regierung entstanden ist, Bauernhöfe und Tierbestand zu dezimieren. Gerade die Bauern fürchten Konkurrenz durch einen globalen Markt, auf dem Anbieter auftreten können, die niedrigere Löhne zahlen und weniger Rücksicht aufs „Tierwohl“ nehmen müssen.

Auch hier will man zurück zum „Eigenen“, das nur den Deutschen so suspekt ist, dass Politik und Medien einen Empörungsfeldzug gegen betrunkene junge Menschen inszeniert haben, die „döp dö dö döp“ sangen. Nur bei uns darf man nicht „Deutschland den Deutschen“ grölen; dass Frankreich den Franzosen gehören solle, würde niemand als anstößig empfinden. Aber dort ist man nicht weniger geschlagen durch Migration aus anderen, insbesondere juden- und freiheitsfeindlichen Kulturen.

„Europa muss sich aufs neue Europäisieren“, schreibt Tomasz Gabiś, polnischer Publizist und Übersetzer, im neuen „Tumult“. Die EU-Wahlen sind ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt weiter so.

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Kommentare ( 40 )

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WandererX1
3 Tage her

So wie Scholz kann sich auch nur jemand Altgewordenes aus weichen Alternativ- und Pazifismus- und Feminismus -Szene der 1978er Ära verhalten. Ich kann das gut beurteilen, weil nahezu gleich alt wie Scholz und jemand, der diese Milieus gut kennen lernte, zeitweise darin lebte und dabei zu scheiden lernte: brauchbar oder nicht. Dabei war mir meine Freiheit immer wichtiger als die Bindung. Scholz fesselte sich aber im Gegensatz zu mir über eine Juso- Mitgliedschaft, sodass er nie dieses Milieu verlassen hat (was auch ein großer Nachteil ist) – siehe sein Personal wie Faeser und Co, das er offensichtlich für mindestens halbwegs… Mehr

Freigeistiger
4 Tage her

Demografie-Experte Prof. Birg 1998: „Angesichts des Bevölkerungspotentials Asiens, Afrikas und Lateinamerikas im 21. Jahrhundert müßte man bei einer Öffnung der Grenzen davon ausgehen, daß nicht nur Deutschland als Nation verschwindet, sondern ganz Europa als Kulturraum. Doch darüber findet bei uns kein öffentlicher Diskurs statt.“ https://www.welt.de/print-welt/article625369/Die-Gefahr-ist-gross-dass-Europa-als-Kulturraum-verschwindet.html In Deutschland wurde nicht diskutiert, sondern mit Merkels Grenzöffung politisch gehandelt. Die kulturfremde Massenzuwanderung ist seither explodiert, die damit verbundenen Probleme ebenfalls, doch heute gilt jeder, der 1 und 1 zusammenzählt, als „rechts“. Mit anderen Worten: Die Vernunft wird diskreditiert. Nur noch Ideologie, Wunsch und Emotion sollen zählen. Das ändert freilich nichts an den Fakten… Mehr

William Munny
4 Tage her

Es erstaunt mich immer wieder wieso Medien naheliegende Einschätzungen auch später unter Berücksichtigung von Informationen nicht thematisieren. Beispiele? Scholz sein Gesichtsausdruck als er die Nachricht des Einmarsch von Russland verkündete. Der war nicht traurig sondern stolz das er das verkünden durfte. Beispiel Merkel. Die wollte nicht helfen. Die wollte einen Nimbus, einen prägenden Eindruck ihrer Kanzlerschaft. Alleinig der angesäuerte Satz, „wenn ich mich jetzt dafür entschuldigen muss dass ich helfe dann ist das nicht mehr mein Land“ spricht Bände. Mal abgesehen von der Entfernung der Deutschlandfahne. Dar war jemand eingeschnappt. Und jetzt driffte ich kurz in den sportlichen Bereich. Neuer.… Mehr

Juergen P. Schneider
4 Tage her

Der kleine Olaf ist der letzte Sozi-Kanzler, darüber dürfte es wohl kaum Meinungsverschiedenheiten geben. Da er das, was er machen soll, nicht kann, hat er sich auf dumme Sprüche und schnoddriges Abbügeln von Fragen verlegt. Er ist und bleibt die größte Null, die je in diese Funktion gewählt wurde. Nicht einmal die Hexe im Hosenanzug war dermaßen unverschämt. Wir müssen diesen Versager wohl bis September 2025 aushalten, was danach kommt wird wohl auch nicht viel besser. Vielleicht haben sich die deutschen Gewohnheitswähler diese lächerliche Figur redlich verdient. Die große Mehrheit der Untertanen wird auch nächstes Jahr das Weiter-so wählen und… Mehr

Sagen was ist
4 Tage her

Fast im Mittelpunkt Europas (des Kontinents) wirkt seit Jahrhunderten die
Blaupause der Bessermacher und Könner für die mehr als reformbedürftige EU

Wolfgang Koydl

  • Die Bessermacher
  • Die Besserkönner
Nibelung
4 Tage her

Franzosenliebe heißt heutzutage Nächstenliebe, wo man deren Schulden teilt und auch noch ihre Begierden Richtung Moskau unterstützt, wie schon einmal, als ganze deutsche Heeresteile mit Napoleon nach Osten gezogen sind um den Größenwahn eines einzelnen zu befriedigen, bis dann Blücher kam um dem ganzen ein Ende zu bereiten. Heute geschieht ähnliches auf Befehl der neuen Imperialisten jenseits des Atlantiks und wie dumm muß eigentlich die sogenannte deutsche Elite sein, sich ewig von anderen vor den Karren spannen zu lassen, wo man sogar noch den Umstürzler aus der Ukraine in Deutschlands heiliger Halle huldigt, als letztes Zeichen der Unterwerfung und das… Mehr

Sonny
4 Tage her

So sind die Deutschen aber nicht.
Sie laufen hinterher, sie ducken sich und ziehen den Kopf ein, sie befolgen Befehle und wenn alles den Bach runtergeht, zucken sie mit den Schultern und ertragen den Niedergang, weil: Gegen die „da oben“ kann man ja eh nix machen.
Ohne diesen Gessler-Hut wäre hier längst Schluß mit der Zerstörung.
Und weil dieser Hut wie festbetoniert auf dem Kopf sitzt, ist Deutschland in Europa auch nur noch Zahlmeister. Mehr nicht.
Die anderen Länder schütteln nicht nur den Kopf über Deutschland. Die lachen sich halbtot über so viel Idiotie.

Last edited 4 Tage her by Sonny
Epouvantail du Neckar
4 Tage her
Antworten an  Sonny

Ich hingegen konnte bei einem Gespräch mit dem Museumswärter des kleinen aber feinen Schlachten-und Rot-Kreuz-Museums in Solferino eher die Besorgniss über die nachlassende Kraft der „Lokomotive“ Germania feststellen. Der Mann war ein ausgezeichneter Kenner beider Ökonomien, Historiker sowieso.

elly
4 Tage her

Über Unterschiede im großen und im kleinen.“
die deutlich sichtbar sind sobald unser Kanzler neben anderen Personen steht, da muss er gar nicht „nö“ blöken.

Lucius de Geer
4 Tage her
Antworten an  elly

Nö. Alles wuchsmäßig dieselbe Liga: Scholz, Habeck, Pistorius, Barbock, Vonderleyen, Maas, Macron, Sunak, Meloni, Kristerson, Selenski usw. – merkwürdig, nicht?

HeRo
4 Tage her

Naivität pur… Wie war das mit Boris Johnson? Brexit, dann den Friedensvertrag RU-Ukr ausgehebelt – und von der Bildfläche verschwunden. Merkel – alles kaputtgemacht – von der BildFl. verschwunden. Macron: F16, Mirage und Truppen gegen Ru – waren seine letzte Amtshandlungen – jetzt ist auch er weg… Niemand ist greifbar (und schuld), wenn es zur Auseinandersetzung kommt. Und die kommt. Wahlen? Mal ins GG schauen: §115f…. BT-Wahlen sind im Kriegsfall ausgesetzt. Das ist ALLES fein säuberlich geplant. „Ermächtigungsgesetze“ kennen wir ja schon von den NationalSOZIALISTEN. Bei Corona stand 25 Mal „Ermächtigung“ in Merkels „Verfassung-ist-Egal“-Papier. Das nächste Ermächtigungsgesetz ist nur noch… Mehr

Epouvantail du Neckar
4 Tage her
Antworten an  HeRo

„Der WK III ist damit absolut sicher.“ Nun kommen Sie mal wieder runter, denn wer bräuchte nach einem WK III noch die ukrainischen Rohstoffe, die einmal abgesehen von den wertvollen landwirtschaftlichen Flächen, recht überschaubar sind?
Ansonten gebe ich Ihnen in Teilen recht.

what be must must be
4 Tage her

„Denn, wenn es so weiterläuft, …“ schreiben Sie, Frau Stephan. Da sind Sie schwer im Irrtum: das Ding ist schon durch – wir haben bereits 5 nach 12!