Von der Vernunft des Unvernünftigen – wenn Angst vernünftig ist

Angst kann vernünftig sein, nicht dumm, wie derzeit immer behauptet. Das zeigte eine Philosophin, die den gebührenfinanzierten Denker Gert Scobel ins Wanken brachte, der hübsch schlingern mußte.

Screenshot 3sat

Jüngst hatte ich bei TE unter dem Titel „Panik im System“ einige Gedanken über die Entwicklung von Revolutionen und den Sieg des Non-Faktischen in unserem Lande veröffentlicht. Im dritten Teil stand dabei die Auseinandersetzung mit der Vernichtung des Vernunft-Begriffs durch die Vertreter der sogenannten „Frankfurter Schule“ im Mittelpunkt.

Wie es der Zufall so will – wobei der Gläubige gern auch von einem göttlichen Willen ausgehen mag – landete ich nun beim unwillkürlichen Zappen auf 3Sat in einem Filmchen, welches in wohlfeilen Worten meine Beschreibung der Ersetzung des Faktischen der kantischen Vernunft durch die vorgebliche Wahrheit der Transformatorischen Revolution durch Horkheimer, Marcuse und Co. bestätigte. Als dieses Filmchen endete, stellte es sich als Einspieler einer wenig prominenten Talkshow mit dem zielführenden Titel „Scobel“ heraus. Scobel, das ist jener für TV-Nischenangebote zuständige Gert, der, vom Scheitel bis zur Stimme androgyn, mit der Sanftheit des Weltverstehers Philosophisches zum Besten zu geben sucht – weshalb ihn Wikipedia als „deutscher Journalist, Fernsehmoderator, Autor und Philosoph“ ausweist, was jedoch – ich werde darauf zurückkommen – von Scobel selbst schon als Falschbeschreibung aufgefasst werden muss.

Scobel hatte seine Plauderrunde mit drei weiteren, mir immer noch unbekannten Personen besetzt, von denen zwei (einmal männlich, einmal weiblich) ebenfalls als „Philosophen“ ausgewiesen wurden, während der Dritte, der allem Anschein nach zumindest noch einen Fuß auf dem Boden der Wirklichkeit hatte, Sozialwissenschaftler war.

Durch den Einspieler bedingt, philosophierte man nun also über Vernunft. Es lohnt nicht, sich in die Tiefe der Wirren hinein zu begeben, doch sollen einige der Kernthesen nicht unter den Tisch gefegt werden. Weitgehende Einigkeit herrschte darin, dass „Vernunft“ sich angeblich selbst diskreditiert habe, weil sie ausschließlich als ökonomische Vernunft Anwendung gefunden habe, welche wiederum zwangsläufig in Umweltzerstörung und Ausbeutung ende, weshalb sie eben in ihrem wahren Kern  unvernünftig sei.

Der anwesenden Philosophin, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, schwante offenbar tief in ihrem Freud‘schen Unterbewusstsein doch, dass diese Einengung von Vernunft recht unvernünftig ist. Und dieses eben nicht zuletzt deshalb, weil die Vernunft des wirklichen Philosophen Immanuel Kant genau eine solche Einschränkung nicht vorgenommen hatte, sondern Vernunft für den Königsberger die Grundlage dafür war, logisch geknüpfte Gedankennetze zum Erfassen des Weltganzen zu schaffen. Naheliegend, dass es auf dieser Grundlage überaus unvernünftig ist, Vernunft auf den Aspekt einer ökonomischen Vernunft der Gewinnmaximierung zu reduzieren und der klassischen Philosophie als Erkenntnisprozess auf Basis menschlicher Vernunft das Vernünftigsein abzusprechen.

„Angst ist vernünftig“

Jene Dame also sah sich veranlasst, „Vernunft“ auf ihren tatsächlichen, originären Grundgehalt als Existenzsicherung des Individuums zurück zu führen. Erkennend, dass es für das einzelne Lebewesen ebenso wie für jede soziale Gruppe überaus vernünftig ist, in allererster Linie den Selbsterhalt zu sichern (weshalb selbstverständlich auch Gewinnmaximierung individuell vernünftig sein kann ohne dabei von einem davon nicht partizipierenden Kollektiv als vernünftig akzeptiert zu werden), stellte sie scheinbar lapidar fest: „Auch Angst ist vernünftig.“

Das saß. Es saß nicht deshalb, weil es so überhaupt nicht philosophisch war – denn selbstverständlich ist es unvernünftig, ohne gedankliche Einbeziehung der Konsequenzen für sich selbst mutig zu sein – und der Feigling ist dieses letztlich immer nur der Vernünftige, der die Folgen seiner Handlungen weiterdenkt als der Mutige, der dem Feigling eben diese Eigenschaft vorwirft.

Doch es war nicht diese Lapidarität, die Scobel ein sichtbares Zusammenzucken über seine Züge gleiten ließ. Ihm, der zweifelsohne über eine im Rahmen seines ideologischen Phantasiebildes logische Denkstruktur verfügt, war unmittelbar bewusst, was diese Aussage – zu Ende gedacht – bedeuten musste. Denn wenn Angst als die abwartende, vielleicht auch ablehnende Zurückhaltung gegenüber dem Unbekannten, dem nicht einschätzbaren, als ein Grundmuster menschlichen Verhaltens per se und grundsätzlich im Sinne des Selbsterhalts vernünftig ist, dann käme ein fundamentales Argumentationskonstrukt des die öffentliche Diskussion dominierenden Bildungsproletariats krachend zu Einsturz. Weshalb Scobel blitzschnell schaltete, diese Gedankenkette ungeäußert abspulte und unvermittelt einen Nebenkriegsschauplatz eröffnete, auf dem sich alle Anwesenden dann wieder tummeln konnten, ohne den Ansatz der Dame weiterdenken zu müssen.

Von der Angst

Werfen wir deshalb noch einmal einen kurzen Blick auf „die Angst“, oder in ihrer etwas weniger ausgeprägten Form „die Furcht“, oder in ihrer schwächsten Form „die Befürchtung“.

Angst, ich sagte es bereits, ist ein natürlicher Abwehrmechanismus des Individuums oder des Sozialkollektivs gegen etwas, das eine Bedrohung für das Individuum oder das Kollektiv darstellen könnte. Die Abstufungen von Befürchtung bis Angst stellen dabei lediglich den Grad der wahrgenommenen Bedrohung dar: Angst, die im Extremfall zu Panik führen kann, beschreibt den Zustand der Uneinschätzbarkeit des akuten Unbekannten, mit dem der Betroffene konfrontiert wird. Sie ist, seitdem unsere Vorfahren zu Zeiten der Dinosaurier als Erdhöhlen-bewohnende Mammalia ihren Erderoberungsfeldzug starteten, der wichtigste Urinstinkt zur Überlebenssicherung. Ohne Angst wären diese Ratten-großen Tierchen sehr schnell von ihren Fressfeinden verspeist worden – und der Stammbaum der Plazentatiere wäre unbemerkt im Wurzelansatz verschwunden.

Unblutig und lautlos
Panik im System - Teil 3: Die Transformatorische Revolution als Weg in die Gegenwart
Angst ist als Urinstinkt etwas Unmittelbares. Sie erwächst aus der direkten Konfrontation mit der Gefahr. Um die Stufen der Angst am Beispiel zu verdeutlichen: Sie, lieber Leser, befinden sich aus welchem Grunde auch immer vor der Situation, einen ihnen unbekannten Urwald durchschreiten zu müssen. Das weckt in Ihnen Befürchtungen. Sie können nicht abschätzen, ob in diesem Urwald Tiere leben, die auf die unangenehme Idee kommen könnten, Sie als leichte Fressbeute zu erkennen. Mit dieser Befürchtung im Kopf treten sie ihren Weg an. Je tiefer Sie in den Urwald schreiten, je unübersichtlicher und wilder dieser wird, desto mehr wandelt sich Ihre Befürchtung zur Furcht. Diese Furcht vor dem Unbekannten dominiert nunmehr ihre Handlungen – Sie sichern in alle Richtungen und sind bemüht, möglichst unbemerkt den Wald zu durchschreiten. Plötzlich gewahren Sie im Dickicht vor sich Geräusche, die auf ein größeres Lebewesen hinzudeuten scheinen. Ihre Furcht wandelt sich zu Angst als dem Gefühl einer nunmehr tatsächlich unmittelbar bestehenden Bedrohung. Vermutlich werden sie schnell den Rückzug antreten in dem Versuch, die für Sie bedrohlich erscheinende Ursache der Angst hinter sich zu lassen. In diesem Moment geschieht es: Der Tiger springt aus seinem Versteck auf Sie zu. Ihre Angst wird zur Panik – Ihr Verhalten verliert jegliche bewusste Steuerung und Ihr Körper tut das, was ihm instinktiv die einzige Möglichkeit der Rettung zu sein scheint: In Panik rennen Sie weg und versuchen, der tödlichen Bedrohung doch noch zu entgehen. Einverstanden – in der geschilderten Situation dürfte Ihnen auch die Panik nicht mehr helfen – weshalb Sie vielleicht sogar sofort in Schockstarre verfallen und das Ende nun so blitzschnell über sie kommt, dass Sie es gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Was vernünftig ist

Nachdem wir nun diese Entwicklungsstufen der Angst durchgespielt haben, wird uns um so mehr bewusst sein, was jene Dame meinte, als sie Angst als „vernünftig“ bezeichnete.

Wenn aber Angst, als aus einer fast schon ausweglosen Situation geboren, vernünftig ist, dann ist auch Furcht vernünftig – und die Befürchtung gleichsam die Mutter aller Vernunft.

Was folgt daraus? Was folgerte Scobel daraus messerscharf? Die Antwort ist ganz einfach, und sie erfordert eine völlig andere Umgangsweise mit den vorgeblichen gesellschaftlichen Verwerfungen, mit denen wir derzeit ständig konfrontiert werden. Sie erklärt sogar, warum das, was die Matrix der Transformatorischen Revolution, weil vorgeblich uneingeschränkt unvernünftig, zum absoluten No-Go erklärt:

  • Es ist vernünftig, als Amerikaner Donald Trump zu wählen.
  • Es ist vernünftig, als Deutscher islamkritisch zu sein.
  • Es ist vernünftig, bei Pegida mitzulaufen.
  • Es ist vernünftig, die AfD zu wählen.

Es ist dieses jeweils vernünftig dann, wenn derartige Handlungen aus einer berechtigten Angst heraus entstehen, die nur in der jeweiligen Handlung einen existenzsichernden Ausweg erkennt. Es ist vernünftig dann, wenn dieses das Resultat einer auf Furcht basierenden, unbekannten Bedrohung ist, die fortlaufend als bestehend empfunden wird. Es ist selbst vernünftig dann, wenn nur die Befürchtung besteht, dass eine Bedrohung vorhanden sein könnte, solange diese Befürchtung nicht in der Sache nachvollziehbar ausgeräumt wird.

So war es für einen US-Amerikaner vernünftig, Trump zu wählen, wenn er sich durch das Clinton-Establishment abgehängt und unverstanden fühlt.

Es ist für den Deutschen vernünftig, islamkritisch zu sein, solange diese Ideologie einen Weltbeherrschungsanspruch vertritt und ihre archaischen Bräuche und Vorstellungen einer in ihren Traditionen gewachsenen Hochkultur aufzuzwingen versucht.

Es ist für den Dresdner oder Leipziger vernünftig, bei Pegida mitzulaufen, solange er in kulturfremden Zuwanderern eine Gefahr für sich und seine eigene Kultur erblickt und diese Gefahrenvermutung nicht ausgeräumt ist.

Es ist vernünftig, die AfD zu wählen, solange bestehende Befürchtungen der Wähler nicht durch andere Parteien ernsthaft aufgegriffen und diesen nachvollziehbar und in aller Ernsthaftigkeit entgegen gewirkt wird.

Was unvernünftig ist

All das schoss Scobel blitzartig durch den Kopf. Denn er begriff: Wenn Angst vernünftig ist, dann ist die Verteufelung von Angst unvernünftig. Dann ist es unvernünftig, die US-Trump-Wähler zu faschistoiden Idioten zu stempeln. Dann ist es unvernünftig, Islamkritik als rassistisch unter Strafandrohung stellen zu wollen. Dann ist es unvernünftig, die Pegida-Demonstranten als „Pack“ zu diffamieren. Dann ist es unvernünftig, AfD-Wähler pauschal  als dummdeutsche Rechte auszugrenzen.

Und wenn all das unvernünftig ist, dann ist all das, was das transformatorisch-revolutionäre Kartell unternimmt, um die Vernunft als unvernünftig zu bannen, selbst unvernünftig.

Dann wäre es vielmehr einzig vernünftig, die Befürchtungen, Fürchte und Ängste ernst zu nehmen und die Ursachen all dieser Ebenen von Angst zu beseitigen. Dann wäre es vernünftig, die ideologische Ausgrenzung der vorgeblich Unvernünftigen unmittelbar einzustellen und, statt den Keil weiter in die Gesellschaft zu treiben, gemeinsam einen Weg der Vernunft zu beschreiten, der die Ängste überwinden kann.

Das allerdings würde voraussetzen, dass Meinungsführer wie Scobel selbst wieder vernünftig werden – und die Unvernunft ihrer geistigen Vordenker erkennen. Das jedoch müsste das fest implantierte Weltbild der wahren Unvernunft fundamental erschüttern – denn die Vernunft wäre schlagartig nicht mehr bei denen, die sie wider die Wirklichkeit für sich beanspruchen, sondern bei jenen, die ihrem Instinkt der Angst als Vernunft des Selbsterhalts folgen. Der Unvernünftige würde zum Vernünftigen und der Vernünftige zum Unvernünftigen – und das wider die Vernunft konstruierte Phantasiebild der transformatorischen Revolutionäre bräche wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Von Narrativ und Gegennarrativ

Scobel hatte all dieses unmittelbar erkannt. Und weil im Phantasiebild der Matrix nicht sein kann, was nicht sein darf, startete er sein Ablenkungsmanöver, welches dann sofort den Beweis lieferte, dass die hier aufgezeigte Kette der Logik in seinem intelligenten Kopf die richtigen Tasten angeschlagen hatte. Scobel lenkte um auf den Begriff der Nation, und beschrieb diesen als wider die Vernunft gerichteten, irrationalen Narrativ. Scobels fest eingebaute Assoziationskette funktionierte perfekt: Von Angst zu Pegida zu AfD zu Nationalismus – welchen er als überzeugter Linker nicht differenziert zum Nationenbegriff.

Seine Gesprächspartnerin hingegen offenbarte deutlich weniger Scharfsinn. Hatte sie mit ihrem kurzen Satz zur Vernunft der Angst einen bedeutsamen Stein aus dem Fundament des transformatorischen Phantasiebildes herausgebrochen, so fiel sie sofort auf den Stützbalken, den Scobel einzuziehen suchte, herein. Rein instinktiv reagierte sie auf den Schlüsselbegriff „Nation“ wie der Pawlowsche Hund, gab ihre Zustimmung zum besten und verkündete, dass gegen dieses Narrativ nun ein „Gegennarrativ“ aufgestellt werden müsse. Scobel war glücklich, dass der Rettungsversuch seines kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Welterklärungsmodells so bereitwillig aufgenommen wurde. Seine Erleichterung war ihm anzumerken, als er nun umgehend mit einem überlangen, salbungsvollen Schlusswort, dessen Inhalt mir wegen seiner Bedeutungslosigkeit entfallen ist, das Ende dieser Sendung einläutete, die doch bei einer Runde wirklicher Philosophen das Ende von erträumten Weltbildern hätte einläuten müssen.

Verfangen in Märchenbildern

Damit wären wir nun eigentlich am Schluss – doch möchte ich mir für die Leser noch einen letzten, erklärenden Hinweis erlauben – denn es scheint geboten, wenn doch von „Narrativ“ und „Gegennarrativ“ die Rede ist, diese aktuellen Modewörter der Matrix kurz zu erläutern.

Narrativ steht für nichts anderes als Erzählung. Wird es im Zusammenhang mit den Gegnern der transformatorischen Revolutionäre angewandt, dürfen wir es getrost mit Märchen übersetzen. Weshalb die Scobel-Runde sich schnell darin einig war, dem von ihr als Ergebnis von Märchenerzählungen empfundenen Begriff der Nation durch ein schöneres, hübscheres Märchen ersetzen zu wollen, welches jedoch unerzählt blieb.

Nun bin ich zwangsläufig auch wieder bei dem Scobel-Wikipedia-Eintrag. Denn wenn für den Redakteur „Nation“ ein Begriff aus der Märchenwelt ist, dann ist natürlich ein „deutscher Philosoph“ nichts anderes als eine Märchengestalt, weil es etwas „Deutsches“ eben nur im Märchen gibt. Vielleicht aber auch reicht es, an dieser Stelle festzuhalten, dass die transformatorischen Revolutionäre, die ihr Narrativ einer non-faktischen, gegen die kantische Vernunft gerichteten Philosophie zur gedachten Wahrheit verklären, in der Wirklichkeit eben nichts anderes als Märchenerzähler sind. Womit wir dann zwangsläufig zu der Feststellung kommen, dass sich die Bürger der Bundesrepublik kollektiv in einer geträumten Märchenwelt bewegen. Das allerdings ist jenseits jeglichen Narrativs nicht wirklich eine neue Erkenntnis.

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