Ver.di und die Unaufrichtigkeit bei den Lohnforderungen im Öffentlichen Dienst

Die Gewerkschaft Ver.di bemüht im Tarifkonflikt des öffentlichen Dienstes die Corona-Moral der Pflege- und Erziehungsberufe. Zugleich bestreikt sie aber Kitas und Krankenhäuser. 

imago images / Christian Ditsch

Vor dem Klinikum in Gütersloh zogen am Dienstagmorgen warnstreikende Ver.di-Mitglieder auf. Auch in einigen anderen nordrhein-westfälischen Städten kam es zu Warnstreiks. In Rheinland-Pfalz und Niedersachsen kündigte die „Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft“ Ausstände an, aber auch im baden-württembergischen Freiburg sollen sich Mitarbeiter der Stadtverwaltung und von Kindergärten an Warnstreiks beteiligen. Schamlos drückt die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes auf die moralische Tränendrüse. In Gütersloh bemühte der lokale Ver.di-Funktionär das beliebte Motto: „Klatschen reicht nicht – wir wollen anständig bezahlt werden.“

Unbestritten ist, dass auf manchen Intensivstationen auch in Deutschland auf dem Höhepunkt der Frühjahrswelle der Pandemie Schwerstarbeit verrichtet werden musste. Unbestritten ist aber auch, dass in deutschen Kliniken insgesamt die Auslastung über Monate massiv sank, weil Betten für den Katastrophenfall Pandemie vorgehalten und unzählige Behandlungen aufgeschoben wurden. Außerdem scheuten Hunderttausende von Patienten den Gang zum Arzt oder auch in die Klinik. Nicht ohne Grund überwies der Bundesfinanzminister Milliardenbeträge an die Krankenkassen, damit diese den Kliniken die massiven Einnahmenverluste durch Unterauslastung ersetzen können.

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So gar nicht zur Ver.di-Mär von der Corona-Überlastung der Pflegeberufe passt die Tatsache, dass in vielen Kliniken in diesen Corona-Monaten die Arbeitszeitkonten leergeräumt wurden, weil Überstunden abgebaut werden konnten. Auch das Narrativ von den unterbezahlten Pflegeberufen lässt sich nicht unbedingt aufrecht erhalten, wenn man die Tariflöhne samt Zulagen im Vergleich mit einer Reihe anderer Berufe in- und außerhalb des öffentlichen Dienstes betrachtet. Ähnliches gilt übrigens auch für qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten. Umso unverständlicher ist es, dass Ver.di Warnstreiks auch in Kitas plant, die monatelang zum Leidwesen der Eltern geschlossen waren oder nur einen Notdienst aufrecht erhielten. Wenn die Gewerkschaft jetzt in einem Arbeitskampf die Kita-Türen verschließt, dann darf sie bei den arbeitenden Eltern kaum auf Sympathie zählen.

Überhaupt: Der öffentliche Dienst und die Corona-Pandemie. Alle Insider, die man fragt, berichten von einer massiv gesunkenen Produktivität der öffentlichen Verwaltungen, auch wenn diese ohnehin nur schwer zu ermitteln ist. In Berlin fluchen die Autohäuser über den Zulassungsstau, der durch die reduzierten Öffnungszeiten der Kfz-Zulassungsstellen ausgelöst wird. Baugesuche bleiben noch länger also ohnehin in der Bearbeitungsschlange liegen. Personalchefs beklagen deutschlandweit bei Teilen der Mitarbeiter eine Mentalität, die Leistung durch Bequemlichkeit ersetzt. Im Home-Office lebt sich’s für manche eben doch noch bequemer, als in Amtsstuben. Dass die Krankenstände im Öffentlichen Dienst immer höher sind als in der Privatwirtschaft, dürfte bekannt sein. Extremste Krankheitstage weist übrigens in der Berliner Verwaltung der Bereich des Ordnungsdienstes auf, der Knöllchen für das Falschparken verteilt. 70 (!) krankheitsbedingte Fehltage im vergangenen Jahr – zusätzlich zum regulären Jahresurlaub. Da sind die betreffenden Damen und Herren nur gut ein halbes Jahr bei vollen Jahresbezügen tätig.

Auch in der Privatwirtschaft ist die Produktivität gesunken. Wer etwa mit Versicherungen oder Banken kommuniziert, spürt seit Monaten eine deutlich längere Bearbeitungsdauer. Statt bei Mitarbeitern landet man in Telefon-Endlosschleifen. Doch im Unterschied zur Privatwirtschaft gab es bei Beschäftigten des Bundes, der Länder und der Kommunen so gut wie keine Kurzarbeit, die mit Beschäftigungseinbußen verbunden ist. Das Gehalt wurde regelmäßig in ungekürzter Höhe an die Beschäftigten überwiesen, die Bezüge an die Staatsbeamten ohnehin.

Als Friedrich Merz am Sonntagabend in der Internetsendung „Bild live“ mahnte: „Wir müssen zurück an die Arbeit.“, erntete er vor allem von Linken und Grünen heftige Kritik. Dabei beschrieb er nur die reale Gefahr, dass wir immer mehr Leute daran gewöhnen, ohne Arbeit leben zu können. Auch sein Hinweis, dass einfach zu viele Lehrer ohne ernsthafte Erkrankung auch nach der Wiederaufnahme des Schulbetriebs zuhause bleiben, die sich in den Monaten der kompletten Schulschließung über ungekürzte Bezüge freuen durften, ist so bitter wie richtig.

Eine undifferenzierte Tariferhöhung für 2,3 Millionen Beschäftigte durchsetzen zu wollen, wie es Ver.di versucht, ist in diesen Zeiten einfach unanständig. Denn gleichzeitig gibt es zahlreiche Branchen, in denen die Beschäftigten massive Lohneinbußen erleiden, wenn nicht gar ihren Arbeitsplatz verlieren. Etwas mehr Demut möchte man deshalb Ver.di und den Mitgliedern im privilegierten Öffentlichen Dienst wünschen.

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Kommentare ( 50 )

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Hannibal Murkle
20 Tage her

Während im ÖR ständig jemand gezeigt wird, der „Verständnis“ zeigt, woanders wird Tacheles geschrieben:

http://nordhessen-journal.de/2020/09/30/streiks-millionen-kaempfen-um-ihre-existenz-aber-ver-di-streikt-fuer-mehr-geld/

„… Als Einstiegsforderung der Arbeitgeber sollten mal minus 5% angeboten werden und eine einmalige Solidaritäszahlung von 250 Euro pro Nase. Coronabedingt …“

RA.Dobke
26 Tage her

AU ! Mensch, ich weiß nicht, wo ich es unterbringen kann, aber das Roland Tichy sich von einem Friederich Merz &Cie. oder diesen beiden „Politikerinnen unter Druck und von seiner Aufgabe in der Ludwig Erhard Stiftung verdrängen lassen will, ich fasse es nicht. Luwig Erhard, die Stiftung, Sie – alle, die wir für eine positive Gesellschaft stehen, namentlich den Wirtschafts- und Interessenausgleich im Sinne der klassischen SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT möchte ich aufrufen sich für eine Wiederwahl zu stellen. Die Ludwig Erhard Stiftung und die Verbesserung einer immer weiter zerbrechenden Sozialen Marktwirtschaft brauchen Köpfe wie Sie an solchen Schlüsselstellen! Dann lieber mit… Mehr

Britsch
26 Tage her

Absolut richtig was Oswald Metzger hier schreibt,
wobei ich ja öfters seine Einschätzumgen und Meinungen nicht teile

Berni Klein
26 Tage her

Bitte doch um Verständnis: die ganzen freigestellten Berufs-Gewerkschaftsbonzen müssen doch etwas tun für die Mitgliedsbeiträge.

RA.Dobke
26 Tage her
Antworten an  Berni Klein

Was soll das sein? Sarkasmus?

Schweigender Gast
26 Tage her

Ich teile die Meinung des Autors. Das Krankenhaus, in dem ich meinen Dienst verrichte, hatte im letzten halben Jahr ca. 50% Leerstand inklusive der Intensivstation, die täglich zum vereinbarten Zeitpunkt fleißig freie Corona-Betten meldete. Vor allem im ärztlichen Bereich wurden fast alle Überstunden abgebaut, im pflegerischen Bereich sehr viele Überstunden. Bis auf Ärzte und examinierte Pflegekräfte wurden bereits im Vorfeld der letzten Jahre allen anderen Berufsgruppen in Subunternehmen ausgegliedert: Reinigung, Transport, Technischer Dienst, Küche, Verwaltung, EDV, Pflegehelfer auf Stationen und im OP. Viele dieser ausgegliederten Mitarbeiter arbeiten zum Mindestlohn und auf Abruf ohne jegliche gewerkschaftliche Vertretung. Pflegehelfer werden auf den… Mehr

Marzo Matto
26 Tage her

Helmut Schmidt soll mal gesagt haben: „Für viele meiner Parteifreunde ist der Staat eine Kuh, die im Himmel gefüttert und auf Erden gemolken wird.“ Genau das ist die Denke, die hinter solchen Forderungen steht. Nur hat der Staat eine sehr gierige Melkmaschine, die an die immer geringere Zahl der Leistungswilligen und -fähigen angedockt ist. Und für diese Minderheit ist das schlicht Ausbeutung, also die Hölle. Gerade hier wird klar, dass eine Demokratie, die so definiert ist, dass die Mehrheit stets bestimmt, was Minderheiten zu leisten haben, in Unfreiheit und Unrecht münden muss.

K. Sander
26 Tage her

Das erinnert mich an zwei Interviews. Vor ungefähr 7 Jahren ist der Gewerkschaftschef der IG Metall in Rente gegangen und es gab ein Interview im Spiegel. Ein Jahr zuvor wurden nach Streiks schon die Einkommen in der industrie erhöht. Und als er in Rente war, ging es sofort wieder mit Streiks los. Da sagte er, dass das nicht möglich ist, weil das Geld überhaupt nicht existiert. Dann würden müssen mehr Leiharbeiter angeschafft werden. Ähnlich war es 2015 oder 2016 bei einem anderen Interview im Spiegel mit einem angestellten Lehrer aus Berlin. Der sagte, dass er monatlich 3500 Euro netto bekommt… Mehr

RA.Dobke
26 Tage her

Ich finde diese Scheingefechte für die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes grotesk bis lächerlich, sowohl was es die jetzigen Tarifverhandlungen angeht, als aber auch den Beamtensalär und letztlich auch die Abgeordnetenvergütungen. Ich hoffe jeder Leser weiß bereits, wovon ich rede. Die ** scheren sich einen Dreck darum, wie es mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft weitergehen soll. Alle außer ihnen sind wirtschaftlich schwer betroffen, mindestens aber arg in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet. Statt eines Solidaraktes verlangen sie mehr und belasten die „normale“ Zivilgesellschaft, die schließlich die Steuern für diese Bezahlungen aufbringen muß!

bkkopp
26 Tage her

An meinem Wohnort streiten die Personalvertretung am städtischen Krankenhaus seit Jahren, und neuerdings vehementer, für die Rückkehr in die Tarifbezahlung der Mitarbeiter. Die Mitarbeiter der an Sub- und Sub-sub-Unternehmen ausgelagerten Dienstleistungen rund um den KH-Betrieb sind dazu noch ein besonderes Kapitel. Dieses Beispiel soll demonstrieren, dass das bundesweite Bild von “ öffentlicher Dienst vertreten durch Verdi “ deutlich vielfältiger ist als der one-size-fit-all- Vorwurf des Autors. Der Kerngedanke, dass die in der Krise irgendwie Begünstigten, soweit sie es tatsächlich sind, nicht ausgerechnet in der Krise für Verbesserungen streiken sollten, erscheint richtig. Es ist aber auch richtig, dass in weiten Teilen… Mehr

RA.Dobke
26 Tage her
Antworten an  bkkopp

Das erscheint mir schlicht falsch! Im öffentlichen Dienst – egal wo – wurden keinerlei Bedarfsberechnungen für die Erforderlichkeit von Stellen erarbeitet und so kam es, dass personelle Unterbesetzungen entstanden. Der öffentliche Dienst wurde stellenmäßig kaputt gespart. Hinjtergrund: falsche Politik! Vielleicht die schwarze Null? Die Politiker sollten erröten!

horrex
26 Tage her

Bin ganz und gar einverstanden mit der Bezeichnug „unanständig“!!!
Und DOCH hat diese zweifellos Unanständigkeit a u c h(!) etwas Gutes: Sie beschleunigt die Abwärtsspirale auf der wir uns längst befinden. Siehe RTYs letzten Beitrag. –
– In DEM Sinne Gutes!!! –
Denn – so grausem es ist – wir müssen erst „unten durch“!!! –