Kernenergie? Ja. – Planwirtschaft? Nein!

Die Kernenergie erlebt eine internationale Renaissance. Wie lange wird Deutschland noch am Anti-Atomkurs festhalten? Im optimistischen Fall eines Wiedereinstiegs sollten wir jedoch mindestens eine Lehre aus der Geschichte ziehen: keine nukleare Planwirtschaft! Von André D. Thess

picture alliance / Xinhua News Agency | Wu Huiwo

Deutschland ist von der Realität umzingelt. Microsoft beauftragt Constellation Energy in einem 20-jährigen Stromabnahmevertrag, einen 1-Gigawatt-Block des Kernkraftwerks „Three Mile Island“ als „Crane Clean Energy Center“ wieder anzufahren. Das abgeschaltete 800-Megawatt-Kernkraftwerk „Palisades Nuclear Generating Station“ soll reaktiviert werden – unter anderem für KI. Start-ups wie Copenhagen Atomics oder TerraPower entwickeln neuartige Reaktoren. In China sind 37 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 43 Gigawatt im Bau. Die EU-Staaten Polen, Griechenland und Niederlande planen den Einstieg in die Kernenergie. Und die Einschläge kommen näher: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen – die seinerzeit für das deutsche Kernenergie-Aus stimmte – bezeichnet den Atomausstieg inzwischen als „strategischen Fehler“. Was tun?

Es mehren sich die Stimmen für ein Rückbaumoratorium stillgelegter Reaktoren. In einem CDU-Papier steht: „Ob ein Wiederanfahren der sechs zuletzt stillgelegten Reaktoren in Deutschland technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist, muss von der neuen Bundesregierung zeitnah zeitnah bewertet und entschieden werden.“ Bislang ohne Folge. Erzählungen über Wunderreaktoren wie „Dual-Fluid“ machen die Runde. Optimistische Naturen setzen gar auf Kernfusion als vermeintlich saubere Alternative zur „schmutzigen“ Kernspaltung.

Brauchen wir jetzt einen staatlich orchestrierten Wiedereinstieg in die Kernenergie? Sollen stillgelegte Kernreaktoren mit Steuergeld reaktiviert werden? Sollte der Staat mit dem Geld der Steuerzahler die Demonstration neuer Reaktortypen fördern? Oder darf es gar ein Atomstrom-Einspeisegesetz à la EEG sein?

Der Autor dieser Zeilen steht der Kernenergie grundsätzlich positiv gegenüber. Im Juli 2022 hat er sich an der Spitze von 20 Professoren mit der „Stuttgarter Erklärung“ gegen den Atomausstieg gewandt. Die Petition an den Bundestag erhielt knapp 60.000 Unterstützerstimmen.

Dennoch: Bei der Beantwortung obiger Fragen sollten wir aus der Geschichte der gescheiterten Energiewende lernen. Zwanzig Jahre Planwirtschaft mit Sonne und Wind haben Stromkunden und Steuerzahler in Deutschland rund 500 Milliarden Euro gekostet. Subventionen und Dirigismus haben Deutschlands Energieversorgung in einen kritischen Zustand gebracht. Es wäre naiv zu glauben, die Lösung des Energieproblems läge in noch mehr Staat. Selbst eingefleischte Kernenergiebefürworter sollten sich fragen, ob sie eine solare durch eine nukleare Planwirtschaft ersetzen wollen.

Eine bessere Strategie für die künftige Nutzung der Kernenergie in Deutschland könnte deshalb darin bestehen, die Rolle des Staates zurückzufahren. Dies würde als wichtigsten Schritt erfordern, das Atomgesetz in den Stand des Jahres 2002 zurückzuversetzen. Dann gäbe es kein Verbot der Stromerzeugung mit Kernkraftwerken, aber auch keine steuerfinanzierten Programme für den Wiedereinstieg. Würde etwa ein privater Investor ein Geschäftsmodell darin sehen, ein KI-Großrechenzentrum zusammen mit einem Gigawatt an Kernkraftkapazität zu bauen, könnte er das tun. Ebenso stünde es privaten Unternehmen frei, in Rückbau befindliche Kernkraftwerke zu übernehmen, wiederzuerrichten und zu betreiben. Der Staat könnte hierfür die Rahmenbedingungen setzen – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

In einem marktwirtschaftlichen Energiesystem wären öffentliche Debatten über die zu wählenden Reaktortypen ähnlich unergiebig wie eine öffentliche Erörterung, ob die nächste Generation des Airbus A350 mit Triebwerken von Rolls Royce oder General Electric ausgestattet werden sollte. Dennoch ist es für Aufklärungszwecke hilfreich, einen unvoreingenommenen Blick auf die künftige Rolle unterschiedlicher Reaktortypen zu werfen.

Das von Professor Bent Flyvbjerg aus Oxford entdeckte Eiserne Gesetz der Megaprojekte lautet: „Over budget, over time, over and over again.“ (Frei übersetzt: „Immer teurer, immer später, immer und immer wieder.“) Von Ausnahmen wie der Golden Gate Bridge abgesehen (sie wurde schneller und billiger gebaut, als geplant), bezeugen Elbphilharmonie und Energiewende die unerbittliche Wirkung von Fehlplanung und Missmanagement.

Gilt das Iron Law auch für Kernenergie? Werden die gepriesenen neuen Reaktoren die Golden Gate Bridge oder die Elbphilharmonie unter den Energietechnologien sein?

Von Eiskugel-Trittin bis Fukushima-Merkel
Kernkraft? Ja bitte! – Atom-Wiedereinstieg jetzt
Zur Systematisierung ordnen wir Kernreaktoren in drei Gruppen ein: Die in Betrieb befindlichen Druck- und Siedewasserreaktoren fassen wir in Kategorie A (Arbeitspferd) zusammen. Reaktoren, die an einzelnen Orten der Welt demonstriert oder betrieben worden sind, wie der Natriumgekühlte Brutreaktor und der Jülicher Kugelhaufenreaktor AVR, ordnen wir in die Kategorie D (Demonstrationsanlage) ein. Neue Typen wie Flüssigsalz-, Dual-Fluid- und Höchsttemperaturreaktoren bilden die Kategorie Z (Zukunftskonzepte). Welche Chancen und Kostenrisiken stecken in ihnen?

Für Energieversorgung und Reduktion von CO2-Emissionen kommen nach Einschätzung des Autors bis 2040 nur Reaktoren Kategorie A in Frage. Ihre technischen Risiken werden durch hohe Sicherheitsstandards minimiert – ähnlich wie in der zivilen Luftfahrt. Sofern Bau und Genehmigung nicht politisch gebremst werden, könnten sie die Golden Gate Bridge des Reaktorbaus werden.

Reaktoren der Kategorie D, ergänzt um Wiederaufbereitungsanlagen, könnten nach 2040 dazu beitragen, Brennstoffe effizienter zu nutzen, das Abfallproblem zu entschärfen und Hochtemperaturwärme für die Treibstoffsynthese bereitzustellen. Die finanziellen Risiken liegen höher als in Kategorie A.

Kategorie Z bietet die Chance einer hocheffizienten Brennstoffnutzung und einer Lösung des Abfallproblems. Doch hinsichtlich der Vorstellungen ihrer Befürworter über Zeitplan und Kosten ist Zurückhaltung angebracht. Die Entwicklung des Airbus A 380 für 12 Milliarden Euro ist im Vergleich zu Reaktoren der Kategorie Z geradezu ein Kinderspiel. So konnte beispielsweise – entgegen lautstarken öffentlichen Beteuerungen – bislang niemand nachvollziehbar darlegen, wie beim vielzitierten Dual-Fluid-Reaktor Materialprobleme bei Temperaturen über 1000°C dauerhaft für 40 Jahre Laufzeit gelöst werden sollen. Solange dieser Zustand anhält, muss er ehrlicherweise als die Elbphilharmonie unter den Kernreaktorkonzepten betrachtet werden – beeindruckende Chancen, gepaart mit unkalkulierbaren Kostenrisiken. Sofern dieser und andere Z-Reaktoren nicht durch Vorschusslorbeeren und Kommandowirtschaft auf Elbphilharmonie-Kurs geraten, könnten sie ab 2060 zur sicheren, preiswerten und umweltfreundlichen Energieversorgung beitragen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass ein Wiedereinstieg Deutschlands in die Kernenergie wünschenswert ist und wirtschaftlich sein könnte – jedoch nicht auf Basis einer nuklearen Planwirtschaft, sondern auf marktwirtschaftlicher Grundlage.

André D. Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Der Energiegipfel – Ausweg aus dem Klimakampf“.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 6 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

6 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
yeager
10 Minuten her

Leider übersieht der Artikel, dass Kernkraftwerke ohnehin von der Politik abhängig sind. Schon lange vor dem „Ausstieg“ wurde ja von den Grünen die Strategie verfolgt Kernkraftwerke mit immer mehr Auflagen in die Unwirtschaftlichkeit zu treiben und jede Genehmigung jeder Kernkraftanlage nach Kräften zu hintertreiben. D.h. ohne staatliche Zusicherung wird sich kein privater Betreiber auf das Risiko einlassen von Grüner Politik systematisch ruiniert zu werden, um dann nur noch als Beispiel zu dienen wie teuer KKW seien. Wäre es der CDU ernst mit einem Wiedereinstieg, dann müssten sie sofort jeglichen weiteren Rückbau bestehender Anlagen stoppen. Aber natürlich geht es auch diesmal… Mehr

HPs
17 Minuten her

Klare Worte von Herrn Thess,
klare Worte auch von hier

https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/atom-plaene-mit-neuartigen-reaktoren-fern-jeder-realitaet/

„… fern jeder Realität…“

Dundee
22 Minuten her

So ein Quatsch. Deutschland ist raus aus der Kernenergie. Wer soll die Kraftwerke bauen und betreiben? Die neuen Facharbeiter, die das Friseurhandwerk zu beherrschen sich schon nur einbilden? Außerdem wo sollen die gebaut weden? In Ba-Wü wo erst gestern 70% hell- und dunkelgrün wählten? Wann sollen die gebaut werden? Bis so ein Ding genehmigt wird vergehen mindestens 10 Jahre. Wenn dann tatsächlich angefangen wird zu bauen wird es nie fertig. Falls es doch irgendwann in ferner Zukunft fertig wird, ist das Netz kaputt und muß erst neu gebaut werden. Vergesst es! Deutschland ist fertig. Oder anders gesagt arm und sexy.… Mehr

Last edited 15 Minuten her by Dundee
Autour
53 Minuten her

Tja… ich sage ihnen wie lange Deutschland noch nein zur Kernkraft sagen kann und wird! So lange wie die Einheitspartei an der Macht ist!!!! Die CDU ist fester Bestandteil dieses Konglomerats und steht den Grüninnen in KEINER Weise nach, was die Ansicht über Ökogedöns und Energiewirtschaft angeht! Eher finanziert man den Polen den Tschechen und all den anderen Anrainerstaaten diese „Neuen“ KKWs .. bevor auch hier nur irgendwer von der Einheitspartei über eine Investition nachdenkt! Aber es ist eh egal!!! Der Stromverbrauch wird in Deutschland massiv sinken, da es ja gerade KOMPLETT deindustrialisiert wird, darum stellt sich acuh die Energiefrage… Mehr

Neuheide
1 Stunde her

Wer soll denn die zuvor zerstörten Atomkraftwerke wieder aufbauen?

Etwa die Stuttgart21 Bauexperten und deren Facharbeiter aus Nahost?

Deutschland hat absolut fertig…

Klaus D
1 Stunde her

Planwirtschaft? Nein!….ohne wird es aber nicht gehen das es für das private-kapital viel zu riskant ist und die renditen zu gering sind. Das kann man gut an Polen sehen das ja ein AKW bauen will*. Witzig ist das wir im grunde das mitbezahlen als nettozahler der EU denn ohne unser geld würde Polen als ewiger nettoempfänger gar nicht das geld (möglichkeit) dafür haben. *Polen ringt um Finanzierung für das geplante Atomkraftwerk……Deutlich schwieriger gestaltet sich jedoch die Finanzierung des Projekts. Die polnische Regierung plant, das Vorhaben mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen, benötigt dafür aber grünes Licht aus Brüssel. Die Europäische Kommission… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Klaus D