Nicht einmal die Bildung des Nachwuchses bekommt man in Berlin hin

Berliner Schulen bekommen bis zum Ende des Jahres kein Geld mehr. Die Bildungssenatorin informierte die Schulleiter in einem Rundschreiben darüber. Symptomatisch für Berlin: Viele Schulleiter erhielten das Schreiben erst am 19. Oktober, also einen Tag nach Beginn der Haushaltssperre vom 18. Oktober.

IMAGO / Rolf Zöllner

Berlin, was ist das überhaupt? Ein „failed state“ oder eine Nicht-Regierungs-Organisation NGO? Antwort: Berlin ist beides. NGO ist Berlin im Sinne des Wortes: Es wird nicht regiert, es sei denn, man hält so manches rot-grün-dunkelrot-ideologische Mimen von Politik und eine dazu passende Personalpolitik für Regierungshandeln.

Und ein „failed state“ ist Berlin allemal. Beispiele? Hier eine kleine Auswahl: Der Bau eines neuen Flughafens dauert vom Beginn des Raumordnungsverfahrens 1993 über den ersten Spatenstich 2007 bis zur nach wie vor holprigen Inbetriebnahme im Oktober 2020 fast drei Jahrzehnte. Zum Vergleich: Von 2015 bis 2020 bauten die Chinesen 43 neue Flughäfen. Aber weiter: Die S-Bahn funktioniert nicht, fährt gar nicht oder ist ständig verspätet. Die Hauptstadt ist auch auf den Straßen ein einziges Verkehrschaos. Die öffentlichen Gebäude der Stadt sind marode. Die EDV-Ausstattung der Berliner Behörden ist zum Teil zwanzig Jahre alt. Die Clan- und organisierte Kriminalität nimmt überhand. Die Gerichte sind maßlos unterbesetzt. Auf Behördentermine wartet der Bürger oft Monate. Und: Nicht einmal ordentliche Bundestags- und Landtagswahlen kriegt Berlin hin, wie der 26. September eindrucksvoll bewiesen hat. All dies wird freilich damit zugedeckt, dass Berlin das Image der Bundeshauptstadt vor sich hertragen kann.

Wird sich daran etwas ändern und wann? Nein, es wird sich nichts ändern, denn Berlin ist nicht einmal willens und in der Lage, den eigenen Nachwuchs, sprich: die eigenen Kinder und Jugendlichen, so zu bilden, dass sie eines Tages etwas für die Stadt tun können.

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Nicht einmal für das Nötigste reicht es. Soeben hat die SPD für Berlins Schulen eine Haushaltssperre verhängt. Denn es drohe eine „Lücke von bis zu 27 Millionen Euro“, so Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in einem Rundschreiben vom 18. Oktober an die Schulleiter – verschickt inmitten der Herbstferien. 27 Millionen? Eigentlich ein Klacks, möchte man meinen bei 994 Schulen in Berlin mit insgesamt 466.695 Schülern. Und doch: Es trifft jede Schule mit einer Sperre von rund 27.000 Euro. Das heißt, es könnte nicht einmal mehr Geld da sein für Kopierpapier, Klopapier – geschweige denn für neue PC-Hard- und Software. Und das in Zeiten, in denen „Corona“ womöglich eine weitere Digitalisierung des Unterrichts erforderlich macht. Symptomatisch: Nicht einmal diese Mitteilung an die Schulleiter klappte. Viele Schulleiter erhielten die Mail nur bruchstückhaft oder erst am 19. Oktober, also einen Tag nach Beginn der Haushaltssperre vom 18. Oktober.

Aber wenn es um Berlins Schulen geht, wundert einen nichts mehr. Wir kramen in jüngeren und älteren Statistiken und stellen fest: In so ziemlich allen Schulleistungstests nahm Berlin in den letzten 20 Jahren einen Platz unter den drei bis vier Kellerkindern auf den Tabellen des innerdeutschen Rankings ein – zumeist mit Bremen zusammen. Und zwar

  • beim IQB-Bildungstrend 2018 für 9. Klassen im Bereich „Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen“ am Ende der 10. Klasse (IQB = Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen);
  • im VERA-Test für 3. und 8. Klassen (VERA = Vergleichsarbeiten in der Schule);
  • im IGLU-Test für 4. Klassen (IGLU = Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung).
  • Als die Auswertung des PISA-Tests noch ehrlich war und nach Bundesländern ausgewertet wurde (zuletzt 2006), wechselte sich Berlin beim Tragen der „roten Laterne“ auch regelmäßig vor allem mit Bremen ab.
Noch ein paar Details
  • Zum Beispiel erreichten beim Test VERA 2015 Berliner Achtklass-Oberschüler mit einem Anteil von 39 Prozent und Berliner Achtklass-Gesamtschüler mit einem Anteil von 25 Prozent beim Schreiben nicht den Mindeststandard.
  • Die Abschlussprüfungen zum Erwerb des Mittleren Schulabschlusses nach der 10. Klasse befanden sich 2016 zum Teil auf dem Niveau der 8. oder der 7. Klasse, zum Teil sogar auf dem Niveau der Grundschule. Eine Mathe-Aufgabe beispielsweise lautete: „Drei Ziffern sind gegeben: 2, 3, 6. Welche ist die größte dreistellige Zahl, die aus diesen Ziffern gebildet werden kann?“
  • Oder nehmen wir aus der 2016er Mathematikprüfung für den mittleren Schulabschluss in Berlin und Brandenburg eine andere Teilaufgabe: „Im Filmpark Babelsberg wird in jedem Jahr die Anzahl der Besucher gezählt. Geben Sie ein Jahr an, in dem die Besucherzahl niedriger als 300.000 war.“ Flankiert wird die Aufgabenstellung von einem Säulendiagramm für die Jahre 2007 bis 2015. Der Prüfling musste nur die kürzeste Säule aussuchen und die darunter stehende Jahreszahl abschreiben. Er hat damit die „Allgemeine Kompetenz K3“ (Mathematisch Modellieren) nachgewiesen. Die FAZ vom 11. August 2016 schreibt dazu: Die Schulmathematik sei zur „reinen Vortäuschung des Rechnens geworden“.

Zugleich bleibt in Berlins Schulen nahezu niemand mehr sitzen. Die Sitzenbleiberquoten gehen gegen null, die Schüler werden einfach durchgeschoben, man will sie bald draußen haben. Aber: Man lügt sich damit in die Tasche, und man händigt den jungen Leuten Zeugnisse aus, die ungedeckte Schecks und für die „Abnehmer“ der jungen Leute (Berufsschulen, Hochschulen) ohne Wert sind.

Ob die jetzt sich erneut formierende R2G-Regierung daran etwas ändern wird? Wetten, dass nicht! Macht nix! Früher meinte ein Berliner „Regierender“ mal: „Berlin – arm, aber sexy!“. Heute müsste er hinzufügen: „Berlin – doof, aber sexy!“

Man scheint in Berlin gut damit zu leben, wie die Ergebnisse der Wahlen vom 26. September zeigen.



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Kommentare ( 98 )

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Manfred_Hbg
1 Monat her

Mhh, BERLIN, der Vorreiter und das beste Beispiel dafür, wie man aus „Made in Germany“ ein „Shithole-Countrie“ macht.

daldner
1 Monat her

Die grassierende Verblödung der Bevölkerung spielt doch denen in die Hände, die ihren Reibach machen wollen. Wer kauft und konsumiert denn sonst all den Müll, der angeboten wird? Wer wählt denn sonst die Unfähigen? Wer glaubt denn sonst, das, was die ÖR unters Volk jubeln?

Timur Andre
1 Monat her

Bestens, die einzige Ressource Deutschlands und wir verschwenden die Zukunft.
…..alle paar Jahrzehnte und der/die/das Deutsche gehen freiwilling und mit wehenden Fahnen in den Abgrund

Kristina
1 Monat her

Berlin ist nur der Vorgeschmack auf das, was kommt. In den anderen Bundesländern gibt es im Bildungsbereich auch starke Tendenzen in diese Richtung. Wenn man liest, was die besonders Woken alles so in die Lehrpläne aufnehmen wollen, bekommt man das Gruseln. Mathematik, Naturwissenschaften, sinnentnehmendes Lesen und korrektes Schreiben gelten in diesen Kreisen eh als uncool bis rassistisch. Aber offenbar haben die Deutschen in Abständen eine seltsame Lust am eigenen Niedergang. Innerhalb eines Jahrhunderts rannten sie einem absolutistischen Monarchen, dann einem grausamen Dikator, dann einer linken Diktatur nach. Was kommt jetzt? Der Ökosozialismus mit Vernichtung der Wirtschaftskraft?

step
1 Monat her

Zitat: „Die Sitzenbleiberquoten gehen gegen null, die Schüler werden einfach durchgeschoben“ Genau so sehen bei uns hier in Berlin dann auch die Bewerber für Lehrstellen aus: Können nicht rechnen, nicht schreiben und können mit ihren ca. 150 bis 200 Worte umfassenden Sprachschatz auch kaum reden. Wer einfach Additionsaufgaben lösen und seinen eigenen Namen fehlerfrei schreiben kann, bekommt die Hochschulreife hinterhergeworfen, die Abiturquote liegt bei 53 Prozent, die Bestehensquote der Abiturienten bei 96,7 Prozent.

kasimir
1 Monat her
Antworten an  step

@step: das kann ich auch bestätigen. Habe über Jahre in unserer Apotheke Pharmazie-Praktikanten betreut. Die waren meist im 2. oder 3. Semester ihres Studiums an der Uni. Da kam nicht viel. Und damit meine ich noch nicht mal das Fachliche… So einfache Voraussetzungen wie Rechtschreibung, Grammatik oder auch mal Prozentrechnung oder einen einfachen Dreisatz bekamen viele nicht mehr hin. Das war vor 20 Jahren noch ganz anders (ja, auch in Berlin!). Die Studenten hatten eine gute fachliche Bildung, der Wissenstand in Mathematik oder Chemie waren auf einem Niveau, auf das man aufbauen konnte. Oft haben sie nach ihrem Studium noch… Mehr

LadyGrilka55
1 Monat her

„Nicht einmal die Bildung des Nachwuchses bekommt man in Berlin hin“

Sind sie sicher, dass die dort die Bildung des Nachwuchses hinbekommen wollen? Man sollte bedenken, dass sich (ver)dumm(t)er Nachwuchs viel leichter in eine sozialistische Diktatur eingliedern und auch sonst viel leichter manipulieren lässt als ein gebildeter Nachwuchs.

kasimir
1 Monat her
Antworten an  LadyGrilka55

@LadyGrillka55: Da ich in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin, kann ich Ihnen versichern, daß die allgemeine Schulbildung dort auf einem exzellenten Stand war. Es wurde dort niemand einfach „durchgewunken“ und wer das Abitur im Osten mit der Note „1“ oder auch nur einer guten „2“ geschafft hat, hatte meist wirklich was drauf und dann im Anschluß auch keine grösseren Schwierigkeiten an der Uni…
Aber generell stimme ich Ihnen schon zu: Menschen, denen der Zugang zu Bildung verwehrt wird (aus welchen Gründen auch immer), lassen sich leicht lenken und manipulieren…man sieht es ja auch an der „Fridays For Future“-Bewegung…

daldner
1 Monat her
Antworten an  LadyGrilka55

Eben. Wokeness und Dummheit schließen sich nicht aus. Die richtige Haltung kriegt man auch mit ner 5 in Mathe hin… und Rechtschreibung ist „überschätzt“, wozu gibt es Piktogramme?

eifelerjong
1 Monat her
Antworten an  daldner

Dummheit ist DIE Voraussetzung für Wokeness.

Der-Michel
1 Monat her

Ich kann als Ergänzung zu den Worten von Herr Kraus noch die gestrige Sendung von Markus Lanz empfehlen. Da kam Michael Müller zu Wort. Sehens- und hörenswert.

Hieronymus Bosch
1 Monat her

Deutschland ist doch schon jetzt das Land der Ungebildeten! Oder wie sollte man sonst erklären, dass so viele bei der letzten Bundestagswahl die SPD gewählt haben? Ich hätte mir gewünscht, dass Giffey Bildungsministerin georden wäre! Dann hätte man keinem Schüler mehr zu sagen brauchen, dass er nicht abschreiben darf!

eriberi
1 Monat her

Es wäre auch interessant, die schlechten Ergebnisse der Schüler in Religionszugehörigkeit aufgeschlüsselt zu lesen. Es gibt einfach Kulturen, in denen ist Bildung haram.

daldner
1 Monat her
Antworten an  eriberi

Ja. Solange man den Satz „Gib mir Dein Handy, Du Opfer“ noch fehlerfrei herausbringt, ist alles gut.

TschuessDeutschland
1 Monat her

Berlin ist die Zukunft dieses Landes.
Euch viel Spaß damit.
Tschuess Deutschland.