Hymne auf Olympia. Wovon ich nicht genug kriegen kann.

Ich jedenfalls interessiere mich mehr für 110-Meter-Hürdensprinterinnen und Turmspringerinnen, woher sie auch kommen mögen, als für Schalke 05. Aber das ist schon wieder ein anderes, sehr individuelles Problem.

Servus Tichy, die Tagesthemen machen mit Flixbus auf. Früher nannten wir so etwas Saure-Gurken-Zeit, heute trauen wir dem Frieden nicht und schon gar nicht den ARD-Nachrichten. Ich lasse mich jetzt aber nicht irritieren. Es gibt Wichtigeres.

I.

Ja, die Nächte werden lang, was nichts mit dem Sonnenstand zu tun hat, sondern mit den Olympischen Spielen in Rio. Ich koste sie bis zur Neige aus: Bogenschießen, Rhythmische Sportgymnastik, Wildwasserkajak, Florettfechten, Beachvolleyball, Landhockey, nichts lasse ich aus und werde mir unerbittlich jeden einzelnen Cent der Fernsehgebühr amortisieren. Wer mag sich jetzt noch von Despoten und Terroristen aus der Ruhe bringen lassen? Der olympische Friede ist verkündet. Das dumme Zeug, das Frau Merkel, Herr Trump und seine Heiligkeit, der Papst zuverlässig absondern, ist verhallt. Alles, was noch zählt, wird in Sekunden, Zentimetern und Punkten gemessen. Und ausgedrückt in der Schönheit der Bewegung. Gerechter geht es nicht. Die Olympischen Spiele sind eine Utopie, die in der Wirklichkeit erprobt wird. Ein erquickender Tagtraum. Zwei Wochen Sommerfrische vor der Glotze.

II.

Für das bisschen Politik auf der Frühstückssemmel sorgt Thomas Bach. So wie er sollten rechtschaffene Politiker sein: Charakterstark, regelfest, furchtlos, transparent, konsequent. Ein wahrer Pate der olympischen Idee. In seinem Reich herrscht lupenreines Fairplay.

Man kann das am Doping-Problem sehr schön sehen. Bei olympischen Spielen, das ist bekannt, gehen Sportler an den Start, nicht etwa Nationen. Also können auch nicht Staaten, sondern nur einzelne Sportler für Doping verantwortlich gemacht und auch nur einzeln dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Das war auch schon so, als die DDR flächendeckendes Staatsdoping betrieb. Deshalb haben wir 1990 auch die DDR abgewickelt und nicht die einzelnen Olympiasieger aus der ehemaligen DDR. Natürlich war nicht das System schuld, sondern, wenn überhaupt jemand, dann einzelne Versager und Rechtsbrecher. Kollektive Individualisten sozusagen. Warum sollte für russische Sportler heute etwas anderes gelten? Abgesehen davon würde Null-Toleranz das olympische Geschäftsmodell zerstören (Einnahmen des IOC 5,6 Milliarden). Also bitte! Was soll das Moralgesülze investigativer ARD-Reporter?

III.

Man müsste das hohe Lied der Einzelfallgerechtigkeit nur endlich konsequent durchziehen. Abschaffung der Nationalmannschaften. Sie widersprechen der olympischen Idee. Warum kämpfen die besten Sportler nicht einfach nur für die Ehre ihres Sports und für den eigenen Ruhm (und dessen Vermarktung)? Warum marschieren sie noch immer hinter ihren Nationalfahnen her? Wozu Hymnen? Es genügt die eine Hymne auf Olympia. Ein Kölner Professor hat vorgeschlagen, jeder Olympiasieger solle sich sein Siegerlied selbst aussuchen dürfen. Auch eine hübsche Idee. Es würde nicht bloß für eine höhere musikalische Qualität der Darbietungen und für mehr Abwechslung sorgen. Ich zum Beispiel würde mir eine tolle Mozart-Stelle aussuchen. Cosi fan tutte! aus der gleichnamigen Oper. Aber ich habe mich im Schießwettbewerb auf den laufenden Keiler leider nicht qualifiziert. Überhaupt ist mir der „Medaillenspiegel“ scheißegal. Dass der deutsche Innenminister für die Zukunft ein Drittel mehr Edelmetall fordert, ist ein so lächerlicher wie teurer Anachronismus. Dass der russische Sportminister mehr Leuten ein Begriff ist als etwa der russische Verteidigungsminister, ist absurd. Disqualifizieren sollte man bei Olympischen Spielen die Politik, nicht Athleten. Meinetwegen sollen sie hinter der Nike-Fahne oder dem Adidas-Wimpel hereinspazieren, falls man überhaupt Fahnen braucht. Wir individualisieren auf anderen Gebieten ja auch. Terroristen etwa laufen bei uns neuerdings als Einzeltäter auf und nicht etwa hinter der grünen Flagge des Propheten oder der schwarzen des IS.

IV.

Hoffentlich sind die vielen Stunden Olympia im Gebührenfernsehen nicht die letzten ihrer Art. Wie man hört, verhandeln ARD und ZDF knallhart, wenn auch vielleicht vergeblich um die Rechte, obwohl sie für Fußball schon alles Geld rausgehauen haben.

Ich jedenfalls interessiere mich mehr für 110-Meter-Hürdensprinterinnen und Turmspringerinnen, woher sie auch kommen mögen, als für Schalke 05. Aber das ist schon wieder ein anderes, sehr individuelles Problem.

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