Ende der Debatte. Über die Realitätsverweigerung der CDU

Während Kramp-Karrenbauer schwadroniert, läuft eine Laufschrift über den Bildschirm. Laut OECD wird Frankreich Deutschland als Wirtschaftsmotor ablösen.

Die CDU versucht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Aber da, wo der Schopf sein soll, wächst nichts. Sie beschwört die starke Mitte – also die Leere in sich selbst.

I.

Es ist ein Parteitag der Verlogenheit. Verlogen, weil jeder Redner betonen muss, dass es nur um Sachfragen gehen darf. Doch immer, wenn das Wort Sachfrage ertönt, klingelt in allen Köpfen das Wort Personalfrage. Das Wort Sachfrage ist zum Synonym für Führungskrise geworden. Denn in Wahrheit ist die CDU führungslos. Also in Sachfragen entscheidungsunfähig.

II.

So ist es immer: Am Ende wird eine Sachfrage das Fass zum Überlaufen bringen und die Personalentscheidung unausweichlich machen. Dieses Fass kann im Augenblick nur nicht überlaufen, weil sein Boden morsch ist. Ein Loch ist im Eimer, wer stopft es? Hol Wasser …

III.

Merkels Rede ist von allen die schwächste. Sie sprudelt so mitreißend durch die Weltgeschichte wie ein toter Flussarm. Aber es spielt keine Rolle mehr. An einer Stelle verrät sie sich. Ursula von der Leyen hat sich gerade an Walter Hallstein erinnert, den ersten Präsidenten der EU, damals noch EWG. Merkel sagt ohne eine einzige relativierende Silbe, sie erinnere sich nur an die Hallstein-Doktrin (wer die DDR anerkennt, kann mit der Bundesrepublik keine diplomatischen Beziehungen unterhalten), die in der DDR als Provokation empfunden worden sei. Also auch von ihr.

IV.

AKK hält eine für ihre Verhältnisse große Rede. Sie trägt Kornblumenblau. Wie die Blume der Romantik. Wovon sie redet? Von der „großen, starken Volkspartei“ CDU. Es reiche nicht, der Reparaturbetrieb der Republik zu sein, sagt AKK. Ja, wer hat sie denn kaputt gemacht? Sie malt ein düsteres und ziemlich genaues Zukunftsbild. In zehn Jahren sind wir abgehängt, „wenn wir es nicht richtig machen. Es kann so, muss aber nicht so passieren.“ Während sie schwadroniert, läuft eine Laufschrift über den Bildschirm. Laut OECD wird Frankreich Deutschland als Wirtschaftsmotor ablösen.

V.

AKK lässt nichts aus, keinen einzigen der Bäume, deretwegen sie den Wald übersieht. Sie weiß, dass sie von dieser Partei nichts zu befürchten hat. Deshalb stellt sie am Ende die Machtfrage. Wenn Ihr meint, es geht nicht mit mir, lasst es uns heute beenden. Das ist noch nicht einmal kühn. Ihr Lieblingswort ist stolz. Vermutlich ist sie auch stolz auf acht Minuten Standing Ovations. Das genau ist es, was sie unter Streitkultur versteht. Es ist ein Geschlossenheitskult – der Parteitag wird zum Feldgottesdienst. Nur hat die Generalität vergessen, wo der Feind steht. Und der Glaube fehlt auch. Statt Glauben Autosuggestion.

VI.

Vor Merz spricht Spahn. Zufall? Er sagt: „Lasst uns streiten, dass es kracht“ – aber über Führung zu streiten ist verboten. Er sagt: „Die Partei muss wieder laufen lernen“ – aber davor huldigt er Merkel: „Du hast uns durch viele Krisen geführt.“ Stimmt ja. Bis auf ein Wort: „Du hast uns IN viele Krisen geführt.“ Aber Herr Spahn will Kanzler werden, da darf er eines nicht: Worte auf die Goldwaage legen.

VII.

Merz hat keine Chance. Seine einzige Chance wäre gewesen, das zu tun, was AKK nur mit wenigen Nebenbemerkungen getan hat: die Gegner zu attackieren. Dazu fehlt ihr die rhetorische Schärfe und vermutlich auch das nötige Maß an programmatischer Gegnerschaft zu Rotgrün. Merz hat beides. Aber ihm stehen nicht neunzig, sondern kaum mehr als neun Minuten zur Verfügung. Und die nutzt er überwiegend dazu, klar zu machen: Ich gehöre doch zu uns. Ich bin loyal. Bitte grenzt mich nicht aus. Er fügt hinzu: Wer gegen Ausgrenzung sei, dürfe auch die Werteunion nicht ausgrenzen. Wohl wahr. Aber der Satz ist Teil der allgemeinen Selbstbespiegelung. Merz bleibt allenfalls die Hoffnung, dass der Prozess der Neubesinnung erst am Anfang stehe. Erst in einem Jahr wird entschieden, wer die Partei in den Bundestagswahlkampf führt.

VIII.

Aber schon jetzt steht fest, dass die CDU sich selbst das vielleicht entscheidende Handicap zugefügt hat. Die Kanzlerpartei schickt jemanden ohne Amtsbonus ins Rennen, weil Merkel am Amt klebt, und die CDU es zulässt. Das hohe Risiko, am Ende mit einer grünen Kanzler*in dazustehen, hat sich die Union ganz allein zuzuschreiben.

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Kommentare ( 123 )

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123 Kommentare auf "Ende der Debatte. Über die Realitätsverweigerung der CDU"

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Merz hat Flasche leer, die anderen kühnen Kämpfer sind stromlinienförmig gebürstet, sonst gibt´s nichts mehr zu berichten. Weiter so!

“ … der Parteitag wird zum Feldgottesdienst …“

Touche´!

zu VIII
Das „Hojotoho“ der grünen Kampf-Walküre kündet bereits jetzt von gefallenen Helden und zwei entkernten Volksparteien auf der „Walstatt“ und von ihrer Ankunft im Bundeskanzleramt.

1984 wird wahr. Und wir sind mittendrin!

Aus Mangel an Zeit, Kompetenz, demokratischer Streitkultur, dafür aber Risikoscheu, wurde die Neubesinnung der Partei auf viel später vertagt….
Mehltau liegt auf der CDU sowie dem ganzen Land.

Die ganze Situation in Deutschland, projiziert auf diesen CDU Parteitag, erinnert mich an den Vergleich: der deutsche Steuerzahler lebt in einem großen Bordell und die „Z..,äh Führung, berät die Geschäftsbedingungen.

Am traurigsten ist allerdings das diese Krabbelgruppe auch noch gewählt wird. Sollten diese Totalversager allerdings bei der nächsten Bundestagswahl über 5% liegen, gibt es noch genügend Wähler die sich den Untergang Deutschland wünschen.

„Sache“, selbstverständlich. Sorry!

Ist doch beschlossenen sache, oder?

Und nirgendwo wird das drängende Thema ‚Migration‘ verbalisiert. Das scheint es per definitionem nicht mehr zu geben. Weder in der CDU/CSU, noch in der SPD. Und weil es dieses Thema offiziell nicht mehr gibt, laufen halt medial/politisch unbemerkt jedes Jahr weiterhin ca. 150.000 ungeprüfte Armutsflüchtlinge exkl. Familiennachzug und Nachkommen in das Land der besten Rundum-Versorgung ein (s. Zahlen des BAMF). Mich deucht, dass es durchaus Menschen gibt, die zwar nicht die AfD wählen, die aber dennoch ein Bewusstsein für ein sichtbar verändertes Straßenbild und irgendwie seltsam anmutende neue Verhaltensweisen entwickeln. Soll heißen: Solange das ‚heiße‘ Thema Migration einfach offiziell verdrängt… Mehr

Die meisten deutschen Michels wollens doch auch nicht mehr hören.
Die deutsche Märchenwelt will doch gar nicht gestört werden.

Eigentlich musste man es ja schon vorher wissen, aber bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Im Fall der CDU/CSU und ihrer „Werte-Union“ ist sie jetzt endgültig gestorben. So jämmerlich, wie sich dieser vermeintlich konservative Flügel in Zeiten der Flüchtlingskrise mit seiner Tolerierung der linksradikalen Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin präsentiert hat, so jämmerlich hat sie sich jetzt auf dem Parteitag der CDU gezeigt. Parallelen zur CSU mit Seehofer und Söder kommen da auf, die auch erstmal laut gebrüllt zum „Endspiel der Glaubwürdigkeit“ aufgerufen haben und dann jämmerlich vor ihrer Kanzlerin bei deren wirkungslosen Migrationspaket eingeknickt sind. Egal wie man zur AfD stehen… Mehr

Was bedeutet eigentlich dieses oft zu lesende Kürzel „AKK“? Alles kann kommen?

Gut insinuiert!