Angie trifft Maggie

Angela Merkel trifft auf Maggie Thatcher? Die Beiden trennt mehr als nur unwiderruflich verflossene Zeit. Aber aus dem Gespräch könnte man viel über Deutschland, Europa und Flüchtlinge lernen. Und alle Erkenntnis gipfelt im Schlussakkord.

Was sie sich beinahe zu sagen gehabt hätten. Was Europa mal wieder von Deutschland lernt. Aber besser von Großbritannien lernen sollte.

I.

Komischer Traum: Maggie Thatcher trifft Angie Merkel. Die zwei mächtigsten Frauen Europas seit Kaiserin Maria Theresia – und doch Wesen von verschiedenen Sternen. Die Eiserne Lady gilt als Hardcore-Nationalistin, die polymorphe Postdemokratin als überzeugte Europäerin. Wirklich?

II.

Ohne England wäre die EU nicht nur kleiner und ärmer. Mit England würde eine Denkkultur abgeschnitten, die in Deutschland und Frankreich nicht verwurzelt ist und niemals entwickelt war. Die Rede ist vom britischen Liberalismus. Er stellt das Individuum ins Zentrum. In Deutschland dagegen zählt das Kollektiv mehr als der Einzelne, und deshalb steht auch der Wert der Gleichheit vor dem der Freiheit, wie Umfragen immer wieder belegen. Die Aufklärung nahm zwei grundverschiedene Wege. In Deutschland siegte der National-Liberalismus; er paktierte mit der preußischen Militärdiktatur und führte von dort schnurstracks in die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs.

Bildschirmfoto 2015-09-06 um 14.08.14Gegen romantische Gefühlsstürme hat die kühle Luft britischer Rationalität keine Chance. In Deutschland wagt kaum jemand aufzumucken gegen die stille Wucht einer entpolitisierten Mehrheit. So geht der Konformismus einher mit jenem Populismus, der nicht an den Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft gedeiht. Schlimmer noch: Merkels Populismus der Mitte schürt, ungewollt und ungeplant, den Populismus an den Rändern. Links wie rechts. Of course. Auch Großbritannien ist nicht frei von Nationalismus. Der britische Nationalismus ist allerdings durchtränkt und gebrochen von der Tugend der Ironie. (Schönes Beispiel: Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann wurde jüngst nach seiner Darbietung von Rule Britannia in der Last Night of the Proms mit Damenhöschen beworfen). Bei uns ist das Teutonische ins Kostüm des Menschenfreunds geschlüpft. Aber auch der neudeutsche Gutmenschen-Nationalismus ist eine Spielart des Nationalismus.

III.

In deutschen Sonntagsreden ist Europa eine Wertegemeinschaft. Die britischen Pragmatiker können mit solchen Hauptwörtern weniger anfangen. Dafür haben sie ein besseres Gespür für den tatsächlichen Wert Europas. Sie wissen, wovon sie reden, verstehen mehr vom Wesen einer Einwanderungsgesellschaft als die Deutschen. In Berlin bekämpft die Regierung die Folgen ihres eigenen Wahns. Der europäische Geist Englands wird gerade stark strapaziert von der „germanischen Tugendprahlerei“ (The Times). Deutschland führt sich in Europa als moralischer Zuchtmeister auf. Am deutschen Wesen aber wird weder die Welt noch Europa genesen. Deutschland verletzt fundamentale Abkommen – Schengen, Dublin – und glaubt sich dabei noch im Recht. Weil Deutschland die Grenzen geöffnet hat, sind in England nun diejenigen in der Mehrheit, die den Ausstieg aus der EU wollen. Diese Gefahr beeindruckt offenbar die Kanzlerin kaum. Für Griechenlands Verbleib im Euro opfert sie fast alles. Britanniens Ausstieg würde sie mit traurigem Hundeblick bedauern. Nachdem sie ihn selbst provoziert hat. So erweisen sich Berlins Mustereuropäer in Wahrheit als musterhafte Europaverächter. Es ist letztlich nur den Linkspopulisten Griechenlands, die sich nicht zufällig mit den Rechtspopulisten verbündet haben, zu verdanken, dass in Deutschland überhaupt diskutiert wurde über eine Währungsgemeinschaft ohne Fundament. Und es wird den Briten zu verdanken sein, dass wir in Kürze über den Verfall der europäischen Einheit streiten.

IV.

Die Freiheitskultur kann hierzulande mit der Willkommenskultur nicht mithalten. Liberal: Bei uns noch immer denunziert als kalter, asozialer Besserverdienerliberalismus. Liberale haben in keiner Bundestagspartei viel zu melden. Es dominiert eine Rot-Grün-Melange. Schlammfarben unter der Woche, sonntags trägt man Kirchentagslila. Die Minderheit des liberalen Bürgertums findet sich, soweit sie nicht an die Reanimation der FDP glaubt, im wachsenden Lager der Nichtwähler. Wie liberal sind eigentlich die „Liberalen“. Auch diese Frage ist ungeklärt? Als Merkels Minnesänger sollten sie sich nicht noch einmal missbrauchen lassen. Es wird neuerdings viel darüber spekuliert, ob es nicht an der Zeit wäre, die Kreuther Vision des Franz Josef Strauß zu verwirklichen und mit der CSU einen bundesweiten Verein rechts von Merkel aufzumachen. Es ist keine Hoffnung für liberale Wähler. Das liberale Element ist in der CSU genauso verkümmert wie in der CDU. Liberale sind keine Populisten.

V.

Angie und Maggie. Nicht einmal im Traum haben sie sich etwas zu sagen. Maggie redet laut und deutlich, und es hört sich an, als spräche sie über Angie hinweg. Die Kanzlerin schweigt eisern. Lang dauert es nicht bis Maggie ihre Handtasche greift. Angie bleibt sitzen und macht dabei genau das Gesicht, das wir schon aus der Elefantenrunde mit Schröder kennen. Eine eigenartige Mischung aus Treuherzigkeit und Schadenfreude. Die Situation ist peinlich, nur nicht ihr. Schon an der Tür, dreht sich Maggie noch einmal um. „Sweet dreams, Darling“, zischt sie. Und dann ist vom Flur her Gelächter zu hören, das man zu Maggies Zeiten als sardonisch bezeichnet hätte. Das Wort ist im bildungsschwachen Menschenparadies Deutschland aber nicht mehr gebräuchlich. „Na dann e´m nich!“ sagt Angie zu sich selbst und richtet ihre Mundwinkel entschlossen auf.

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Kommentare ( 19 )

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