Amokläufer, Terroristen, Einzeltäter: Sinn und Unsinn der Unterscheidung

Woher kommt der unstillbare Drang vor allem der Medien, das Ungeheuere, Unerträgliche fein säuberlich zu sortieren? Was ist der Erkenntnisgewinn der Unterscheidung? Er dient der Beruhigung und der Beschönigung. Terror ist Terror.

Servus Tichy, erst haben wir gelernt, ein Amokläufer ist kein Terrorist. Wenn aber der Amokläufer ein Rassist ist, der einem Massenmörder nacheifert? Ja, das sinnlose Töten in München war ein Terroranschlag. Und das Blutbad im Zug? Kann der geistesgestörte Amokläufer von Ochsenfurt ein Terrorist gewesen sein? Oder ist es bloß irr, wenn geistesgestörte Asylsuchende im Land bleiben dürfen, weil sie geistesgestört sind? Irre sind Opfer, nicht Täter – ein zivilisatorischer Fortschritt, dass wir so denken. Ich will meine Neigung zum Sarkasmus zügeln. Aber ein paar Fragen müssen schon sein.

I.

Woher kommt der unstillbare Drang vor allem der Medien, das Ungeheuere, Unerträgliche fein säuberlich zu sortieren? Was ist der Erkenntnisgewinn der Unterscheidung? Er dient der Beruhigung und der Beschönigung. Denn ein Amoklauf kann mit einem Terroranschlag nicht in einen Topf geworfen werden. Oder etwa doch? Ein Amoklauf geschieht im Affekt. Einer dreht durch. Wir erleben aber kalt geplante Amokläufe. Auch ein Pilot, der beschließt, mit seinen Passagieren absichtlich gegen einen Berg zu fliegen, ist nach herrschender Logik kein Terrorist, vielleicht noch nicht einmal ein Amokläufer. Bloß ein armer Kerl, der einen erweiterten Suizidversuch unternimmt. Ich meine, er ist nicht nur ein gemeingefährlicher Irrer. Er ist auch ein Terrorist.

II.

Der neue Typ des blitzradikalisierten Einzelmörders, hinter dem keine Organisation steht, ist auch ein Terrorist, nicht bloß ein fehlgeleiteter, verwirrter, nicht intensiv genug betreuter, traumatisierter Flüchtling. Seine Psychose ist gefährlich. Ihn nur als Opfer zu sehen, wie es offenbar geschah, ist fahrlässig. Trotz aller psychischer Schäden ist dieser Mann ein Terrorist. Wie viele Gefährder seiner Art laufen noch frei herum, sind als gefährliche Islamisten gar nicht aufgefallen? Will man das Urteil naiven Helfern überlassen?

III.

Ich neige dazu, die erweiterte Religiosität islamistischer Terroristen für eine Geisteskrankheit zu halten. Ob Gewalt religiös motiviert ist oder nicht, macht im Ergebnis keinen Unterschied. Man wird mir jetzt vorwerfen, den Glauben der Mörder zu denunzieren. Aber ich bleibe dabei, weil ich die grundsätzliche Unterscheidung zwischen religiösem Wahn und politisch motiviertem Terror nicht akzeptieren kann. Der Wahnsinnige bedient sich des Terrors. Terror ist Wahnsinn.

IV.

Wir haben uns angewöhnt, die komplexe Tiefenwirkung von Glauben zu tolerieren und schreien erst auf, wenn Blut fließt. Wir akzeptieren, dass sich der Islam jeder Revision, ja jeder Diskussion verweigert. Politiker und Medien wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass der offene Diskurs notwendiger Teil der Prävention ist. Religion, die in alle Schichten des Bewusstseins dringt, ist nicht harmlos. Das strikte Trennen von Islam und Islamismus versimpelt das Problem, löst es aber nicht. Wir beschwichtigen, in dem wir von unserer Art zu glauben ausgehen. Gott kann doch nur auf der Seite der Moral stehen, glauben wir. Vielleicht bewirkt der Mord am Pfarrer in Rouen mehr als die blindwütigen Terroranschläge von Paris und Brüssel. Ein dem Islam brüderlich gesonnener Priester ist das gezielte Opfer. Solche Radikalität ist dem Islam eingeschrieben. Das ist so, obwohl die meisten Muslime friedlich leben. Dieser Gedanke aber ist dem Gutgäubigen unerträglich. Islamophob ist er dennoch nicht. Wir führen keinen Krieg gegen den Islam, labert die Kanzlerin. Das ist so selbstverständlich, dass man es nicht eigens sagen muss. Aber es muss endlich Schluss sein, mit unserer Naivität.

V.

Wir lassen uns nicht auseinander dividieren, unsere Werte nicht „zersetzen“, so die Kanzlerin. Ja, aber der Realität ins Auge zu sehen, darf doch nicht verboten sein. Die Kanzlerin hat sich auch in ihrer jüngsten Pressekonferenz strikt geweigert, dem Islam und den Muslimen eine besondere Verantwortung zuzuweisen. Sie „sollen ihren Beitrag leisten wie alle anderen.“ Mehr wollte nicht über ihre Lippen. Doch, doch, die Muslime müssen mehr tun als alle anderen. Wer denn sonst! Es ist der Islam, der Angst macht, und es sind Terroristen im Glaubenswahn, die sich auf Allah berufen. Gottlob melden sich nun immer mehr Muslime. Die einfachen, doch eindringlichen Worte von Tarek Mohamad werden tausendfach geteilt. Die Muslime sollten aufhören damit, anderen ihren Glauben aufzwingen zu wollen und sich statt dessen in die Gesellschaft einfügen. Punkt. Von den islamischen Verbänden ist ein so klarer Appell bisher nicht zu hören. Und der Staat lässt noch immer islamistische Moscheen und Organisationen auf deutschem Boden gewähren.

VI.

Ein Attentäter hat es im Unterschied zum gewöhnlichen Terroristen auf eine bestimmte Person abgesehen. Mancher Attentäter kann als „geistesgestört“ seiner Strafe entgehen. John Hinckley Jr. etwa, der 1986 auf Präsident Ronald Reagan schoss, weil er der Schauspielerin Jodie Foster imponieren wollte. Erst in dieser Woche kam er aus der geschlossenen Psychiatrie. Ein religiös motivierter Attentäter, der seinem lieben Gott imponieren will, würde wohl als voll verantwortlich für alles gelten, was er anrichtet. Ich lasse das kommentarlos so stehen.

Wir akzeptieren Attentäter nur, wenn sie Tyrannen morden. Der Tyrannenmord richtet sich gegen Machthaber mit blutigen Händen, auch wenn sie sich absurderweise auf den Volkswillen berufen – oder auf einen Gott. Ein Attentat verhindert Schlimmeres, rettet Menschenleben. Terror aber hilft nicht gegen Tyrannen, sondern nur dem Tyrannen selbst, seine Gewaltherrschaft zu rechtfertigen. Die Opfer sind unschuldig.

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