Was ist ein langes Arbeitsleben wert?

Bei der Reform der Altersversorgung in Deutschland ist nicht eine „vorzeitige“ Rente das Problem, sondern der verzögerte Beginn und die immer häufigeren Unterbrechungen der Berufstätigkeit.

IMAGO

Der Streit um eine Reform der Altersversorgung in Deutschland hat sich auf einen Punkt zugespitzt: Die Streichung des Rechts auf einen um zwei Jahre vorgezogenen, abzugsfreien Renteneintritt nach einem 45jährigen Arbeitsleben. Mehrere Landesregierungen drohen mit Ablehnung im Bundesrat. Doch die Bundesregierung will die Streichung unbedingt durchdrücken. Der Konflikt ist auf den Herbst vertagt, aber er wird unvermeidlich kommen. Und das ist gut so, denn es geht um eine richtungsweisende Entscheidung für das Land: Werden lange und kontinuierliche Arbeitsbiographien weiterhin honoriert, oder sind sie in der Arbeitswelt der Zukunft vielleicht ein realitäts- und lebensfremdes Ziel – also im Grunde ein Auslaufmodell? Doch in der gegenwärtigen Krise zeigt sich, wie sehr die Selbstbehauptung des Landes von dem hohen Wert abhängig ist, der einem langen und kontinuierlichen Arbeitsleben beigemessen wird?

Allerdings wollen diejenigen, die für eine Abschaffung der gegenwärtigen Regelung eintreten, von der besonderen Leistung, die ein 45jährigen Arbeitsleben heute darstellt, gar nicht sprechen. Sie sprechen von der „vorzeitigen Rente mit 63 Jahren“, als sei dies ein Geschenk, das leichtsinnig gewährt wurde, und dessen Streichung im Grunde längst überfällig ist. Dabei ist der Ausdruck „Rente mit 63 Jahren“ grob irreführend: Die Ermöglichung eines um 2 Jahre vorgezogenen Rentenbeginns nach 45 Beitragsjahren setzt die (im Namen des „demographischen Faktors“ eingeführte) schrittweise Erhöhung des regulären Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre nicht außer Kraft, sondern bezieht sich auf diese Erhöhung: Wer die Vorziehung des Rentenbeginns beantragt, erkennt auch für sich die Gültigkeit des erhöhten regulären Renteneintrittsalters an – nur von diesem erhöhten Eintrittsalter sollen die 2 Jahre abgezogen werden. Mit einfachen Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Was mit der Formel „65 minus 2 ist 63“ begann, ist heute bei „66,5 minus 2 ist 64,5“ angekommen. Und bald werden wir bei einem vorzeitigen Renteneintrittsalter „67 minus 2 ist 65“ angekommen sein. Es handelt sich also nicht um ein feststehendes Geschenk, das die allgemeinen Regeln der Rentenberechnung bricht, sondern nur um die Honorierung einer bestimmten Zeitdauer der Berufstätigkeit – nämlich um die Honorierung eines besonders langen Arbeitslebens ohne größere Unterbrechungen.

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Der Wert eines langen Arbeitslebens in der heutigen Zeit – Die politische Frage ist: Ist diese Honorierung legitim? Ist sie eventuell sogar angesichts der heutigen Probleme der Altersversorgung in Deutschland besonders geboten? Dass ist der Fall, wenn es bei den Beitragszahlern zur Rentenversicherung zunehmend einen späteren Beginn und zwischenzeitliche Unterbrechungen gibt. Wenn es also zunehmend Unterschreitungen der durchschnittlichen Beitragszeit der Rentenversicherten gibt. Dann ist ein früh beginnende und unterbrechungsfreie Berufsbiographie besonders wertvoll. Und die Zahl „45 Beitragsjahre“ ist keine Selbstverständlichkeit, sondern gerade in unserer Zeit eine honorierungswürdige Leistung. Und es wäre ein kompletter Widersinn, bei einer Reform der Altersvorsorge ausgerechnet die Haftung zu nehmen, die diese Leistung erbracht haben. Doch genau das geschieht im Reformpaket der Bundesregierung. Man will ausgerechnet die, die schon außergewöhnlich lange gearbeitet haben, zu einer noch längeren Arbeit zwingen. Deshalb ist der Zorn so groß. Und deshalb ist dieser Zorn ganz im Sinn einer auf Arbeit begründeten Altersversorgung.

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Wenn „Arbeit“ und „Leben“ sich zunehmen trennen – Das Hauptproblem der Altersversorgung in Deutschland ist heute nicht ein besonders frühes Ausscheiden am Ende des Arbeitslebens, sondern die Tendenz, dies Arbeitsleben immer später zu beginnen und auch vermehrt Auszeiten von der Arbeit zu nehmen. Hier geht es nicht um das demographische Problem zahlenmäßig ungleicher Generationen, sondern das Problem eines veränderten Arbeitsverhaltens. Wenn „Arbeit“ und „Leben“ zunehmend als zwei Welten empfunden werden, und wenn das „wahre Leben“ zunehmend außerhalb der Arbeit gesehen wird, löst sich das „Arbeitsleben“ als grundlegendes Merkmal der modernen Zivilisation auf. Das neue Merkmal heißt dann „Work-Life-Balance“: Wo Arbeit und Leben keinen inneren Zusammenhang mehr bilden, können sie nur noch in ein äußerliches „Gleichgewicht“ gebracht werden. Es ist klar, dass dann die Neigung stärker wird, den Beginn der Berufstätigkeit hinauszuzögern und auch zwischenzeitlich eine Auszeit „zum leben“ – verstanden als „nicht arbeiten“ – zu nehmen. Das führt zu einem Schrumpfen und zu einer wachsenden Unregelmäßigkeit der Beitragszahlungen in die Altersversorgung. Das ist nicht nur ein theoretischer Zusammenhang, sondern macht sich ganz praktisch in der Produktivität der Wirtschaftsbetriebe und in der Aufrechterhaltung der staatlichen Infrastrukturen bemerkbar: In Deutschland fehlen in vielen Berufen Beschäftigte, die früh ins Arbeitsleben eintreten und dort dauerhaft und verlässlich ihre Leistung erbringen. Auf der Grundlage einer fundamentalen Spaltung zwischen „Arbeit“ und „Leben“ kann sich keine moderne Nation auf Dauer behaupten. Und das betrifft auch die Altersversorgung. Eine Reform der Sozialsysteme, die der Entwertung der Arbeit nichts entgegensetzt, ist Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

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Wo „beitragsfreie Zeiten“ geduldet und sogar gefördert werden – Blicken wir also dorthin, wo in unserem Land „beitragsfreie Jahre“ geduldet werden, ohne dass dafür am Ende der Berufstätigkeit zusätzliche beitragspflichtige Jahre hinzugefügt werden.

1. Einen verzögerten Beginn der Berufsbiographie gibt es bei denjenigen, die lange Bildungsgänge haben, insbesondere an den Hochschulen. Ihre Zahl ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte stark gewachsen, sodass heute weit mehr als die Hälfte eines Jahrgangs eine Hochschulausbildung absolviert. Gewachsen ist auch die Zahl der Studienfach-Wechsler und der Studienabbrecher. Auch die Zahl derer, die nach einem erfolgreichen Abschluss zögern oder sich sogar weigern, eine entsprechende Berufstätigkeit aufzunehmen. Sie bekommen trotzdem für ihre Hochschulzeit Rentenpunkte. Man hat richtigerweise in den 1990er Jahren die für die Rente anrechenbare Studienzeit begrenzt, aber es bleibt eine Bevorzugung gegenüber denen, die „nur“ eine Facharbeiter-Lehre absolviert haben. Inzwischen beginnt die Berufstätigkeit eines erheblichen Teils der Akademiker nicht vor dem 30. Lebensjahr. Dennoch wird ihr Renteneintritt nicht etwa verzögert, bis sie auch 45 Arbeitsjahre als Beitragszahler zur Rentenkasse aufzuweisen haben. Es gilt als völlig normal, dass sie bei Erreichen des allgemein geltenden Renteneintrittsalters aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Das kann man durchaus einen „vorzeitigen“ Rentenantritt (ohne Abzüge) nennen. Dieser Vorzug wurde früher politisch damit begründet, dass die Zukunft unseres Landes von einer hohen und ständig zunehmenden Akademiker-Zahl abhinge. Heute ist ein solcher Vorzug mehr als fragwürdig, denn in vielen Branchen ist inzwischen nicht der Akademiker-Mangel, sondern der Facharbeiter-Mangel existenzbedrohend.

2. Nicht nur der verzögerte Beginn der Berufsbiographien, sondern auch die immer häufigeren Unterbrechungen müssen hier erwähnt werden. Insbesondere im Arbeitsleben der gehobenen Mittelschicht gibt es das Bedürfnis nach Unterbrechung oder Verkürzung der Arbeitszeit unter Berufung auf die „Work-Life-Balance“. Der Zuwachs der Akademiker ist zu einem erheblichen Teil nicht in den klassischen Berufen Ingenieur, Arzt, Lehrer, Architekt, etc. zu verzeichnen, sondern in „kulturellen“ Berufsfeldern im Kunst- und Medien-Betrieb. Dort sind unregelmäßige und befristete Arbeitsverhältnisse verbreitet, oft als Selbstständige. Minimale Arbeitszeiten und Einkünfte können (zum Beispiel über die staatlich bezuschusste Künstlersozialversicherung) zur Anrechnung als Beitragsjahre führen.

3. Ein ganz anderer, noch krasserer Fall ist mit der Altersversorgung der Beamten zu verzeichnen. Die Beamten-Pensionen sind im Verhältnis zum vorherigen Einkommen viel höher und die Krankenversicherung viel großzügiger. Aber für den Zugang zu dieser üppigen Altersversorgung werden nicht etwa mehrere Jahrzehnte der Berufstätigkeit im Beamtenverhältnis gebraucht, sondern es genügen oft weniger als 10 Jahre. Wenn es dabei nur um Tätigkeiten mit hohen Gefahren für Leib und Leben oder Aufgaben mit besonders hohen Ansprüchen an die Dienstreue ginge, wäre das gerechtfertigt. Aber das ist keineswegs bei der Mehrheit der Beamten der Fall. In Deutschland werden Berufstätigkeiten verbeamtet, die anderswo im Angestelltenverhältnis erledigt werden. Und hier gibt es ein bemerkenswertes Detail: „Im öffentlichen Dienst werden in Ostdeutschland viele Jobs, die in Westdeutschland Beamte innehaben, von Angestellten erledigt“ sagt Johannes Geyer, Rentenfachmann am DIW (zitiert in dem Artikel „Und plötzlich bröckelt der Rentenkompromiss“ von Julia Löhr in der FAZ vom 4.8.2026). Wenn also in einem Land ein ganz unverhältnismäßig großer Beamten-Sektor besteht, wird dadurch eine ganz eigene Welt der Altersversorgung installiert. Zwischen Beitragsjahren und Pensionsleistungen gelten dann viel günstigere Regeln – und diese „zweite Normalität“ scheint jetzt von jeglicher Reformanstrengung ausgenommen zu sein.

4. Und noch ein großer Bereich wirkt von außen in die gesetzliche Rentenversicherung hinein und kann erheblich zur Entwertung des Arbeitslebens beitragen: der Bereich, den man früher „Sozialhilfe“ genannt hat, dann „Hartz IV“, dann „Bürgergeld“ und heute „Grundsicherung“. Wenn die Leistungen, die hier gewährt werden, zu großzügig sind, und wenn die Bedingungen, die daran geknüpft sind, zu großzügig sind, wird das ganze Verhältnis von Arbeitsleben und Altersversorgung ausgehebelt. So sind die Leistungen, die heute unter dem Titel „Grundsicherung“ gewährt werden (und die sich kaum von den Leistungen des vorherigen „Bürgergelds“ unterscheiden) oft höher, als mancher Arbeiter nach einem langen Arbeitsleben bekommt, dass liegt unter anderem daran, dass neben den Lebensmitteln auch Wohnungskosten, Heizkosten, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel bezahlt werden. Und bei den Wohnungskosten werden die jeweils vorliegenden Wohnungsmieten und Heizungsrechnungen (und also auch direkt deren Erhöhungen) bezahlt. Kein Arbeitslohn und keine Rente kann so per Kostenerstattung funktionieren. So sind, insbesondere in den großen Städten, große Ungerechtigkeiten zwischen den Beziehern von Altersrenten auf Grundlage ihrer Beitragszahlungen und den Beziehern von „Grundsicherung“ entstanden. Eine „Rentenreform“, die ausgerechnet die Menschen im Lande, die ein besonders langes Arbeitsleben vorweisen können, zu zwei zusätzlichen Arbeitsjahren zwingen will, ist eine Schande.

Insgesamt muss man also feststellen, dass die Regierenden im Lande eine „große Reform“ der Altersversorgung veranstalten wollen, ohne der zunehmenden Arbeitsferne im Lande etwas entgegenzusetzen. Auf diese Baustelle möchten sie sich nicht begeben. Dazu fehlt ihnen offenbar sowohl die Weitsicht und als auch der Mut. Stattdessen wollen sie die lange Arbeitenden noch länger arbeiten lassen. Und da wollen sie jetzt „Entschlossenheit“ beweisen. Es ist ein regelrechter Eifer zu beobachten, diesen völlig verfehlten Punkt ihrer Reform mit höheren moralischen Weihen zu versehen. Sie reden sich um Kopf und Kragen.

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Die Mär von der Umverteilung „Jung zu Alt und Arm zu Reich“ – Am 3.8.2026 plädierte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in der „Rheinischen Post“ nachdrücklich für die Streichung der „vorzeitigen Rente“. Das Geld aus der so verlängerten Lebensarbeitszeit werde zur Finanzierung der Reform der Altersversorgung unbedingt gebraucht. Und Fratzschers Begründung ging noch weiter: Er behauptete, die aktuelle Regelung bedeute eine „Umverteilung von Jung zu Alt und auch von Arm zu Reich“. Demnach wären also diejenigen, die nach einem 45jährigen Arbeitsleben 2 Jahre früher in Rente gehen, gewissermaßen die Ausbeuter der Jungen und Armen. Das ist eine abenteuerliche Behauptung, die offensichtlich zu einer moralischen Diffamierung und Erpressung derer dient, die ihr Arbeitsleben früh begonnen und ohne große Unterbrechungen haben. Der aktuelle Rechtsanspruch der „Alten“ und „Reichen“ ist ja kein „Privileg“, sondern beruht auf einer besonderen Leistung. Mitnichten greifen sie in die Tasche der „Jungen“ und „Armen“. Den Gruppen, die heute ihre Arbeitsbiographie später beginnen und häufiger unterbrechen, steht es ja frei, es denen gleichzutun, die heute eine 45jährige Beitragszeit aufweisen können. Fratzscher kann nur deshalb von einer „Umverteilung“ von Jung zu Alt und von Arm zu Reich sprechen, weil er die zugrundeliegende Arbeitsleistung vollkommen ausblendet.

Und er ist nicht der einzige. Auch die von der Bundesregierung beauftragte Rentenkommission hat ausdrücklich verneint, dass „Aspekte der Lebensleistung“ einen abschlagsfreien vorzeitigen Rentenbeginn rechtfertigen können. Die Kommission begründet das damit, dass dann „vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer davon profitieren, Menschen mit niedrigeren Einkommen, weniger stabilen Erwerbsverläufen sowie Frauen dagegen nur selten“, wie Julia Löhr in dem oben zitierten Artikel in der FAZ vom 4.8.2026 berichtet. Löhr zitiert aus dem Kommissionsbericht: „Die Abschlagsfreiheit führt faktisch zu höheren Renten zu Lasten der Versichertengemeinschaft.“ Dies „faktisch“ verbirgt eine Manipulation der Fakten: Es ist nicht die Abschlagsfreiheit, die zu „zusätzlichen“ Lasten für die Versichertengemeinschaft führt, sondern eine überdurchschnittlich lange und kontinuierliche Arbeitsbiographie, die zum Vorteil der Versichertengemeinschaft war. Obendrein zeichnet die Darstellung, dass vor allem „Menschen mit niedrigen Einkommen“ die Benachteiligten wären, ein falsches Bild: Ein spät begonnenes und häufig unterbrochenes Berufsleben ist heute zu einem großen Teil in den gehobenen Mittelschichten anzutreffen. Solche Berufsbiographien sind kein Schicksal, sondern eine Wahl im Sinne der Work-Life-Balance.

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Wenn Facharbeiter auf einmal zu „Reichen“ werden – Umso weniger wird von denen gesprochen, die am häufigsten ein 45jähriges Arbeitsleben erreichen: von den Facharbeitern und Fachangestellten. Es gehört schon eine große manipulative Energie dazu, diese Schicht als „Reiche“ und „Privilegierte“ darzustellen. Aber so wird es versucht. In einem Gastbeitrag in der FAZ vom 7.8.2026 schreiben Axel Börsch-Supan (ein ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik) und Franz Ruland (1992-2005 Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger): „…alle, die für die Beibehaltung der Rente für besonders langjährig Versicherte eintreten, sollten einsehen, dass sie damit fordern, dass Versicherte mit den höchsten Renten weiterhin privilegiert werden auf Kosten der Solidargemeinschaft.“ Hier werden aus den Versicherten mit einem überdurchschnittlich langen Arbeitsleben kurzerhand „die Versicherten mit den höchsten Renten“ gemacht. Führende „Rentenexperten“ erwecken den Eindruck, hier ginge es um Privilegien für Menschen, die eh schon „die höchsten Renten“ hätten. In Wahrheit geht es um nicht mehr und nicht weniger als eine Berücksichtigung besonders langer Versicherungszeiten. Eine 45-jährige Versicherungszeit kommt zustande, wenn sie in jungem Alter begonnen wurde und ohne größere Unterbrechungen verlief. Die Lohnhöhe und die davon abhängige Rentenhöhe spielt dabei keine Rolle. Die Bedingung „45 Beitragsjahre“ gilt für alle Lohn- und Gehaltsniveaus. Und die Tatsache, dass hier – auf Grund des früheren Beginns – oft Menschen Berücksichtigung finden, die eine Facharbeiter-Lehre gemacht haben oder die ihr Berufsleben gar „nur“ als angelernte Arbeitskraft begonnen haben, zeigt die Dreistigkeit der Erzählung von den „Privilegierten“ mit den „höchsten Renten“. Hier wird nur mit dem gängigen Feindbild der „Reichen“ Stimmung gemacht.

Doch im Schlusssatz ihres Beitrags flutscht den Autoren doch noch ein Sätzchen heraus, das ihr eigentliches Anliegen verrät. Börsch-Supan und Franke schreiben: „Zu diesen Ungerechtigkeiten kommt der Widersinn, dass wir in Zeiten, in denen Facharbeiter dringend gesucht werden, diese für viel Geld vorzeitig in Rente gehen zu lassen, im Osten wie im Westen.“ Hier geht es also gar nicht um einen hehren Kampf gegen irgendwelche „reichen Rentner“, sondern um … die Facharbeiter. Sie werden „dringend gesucht“. Und deshalb müssen sie unbedingt zu einer weiteren Verlängerung ihres sowieso schon langen Arbeitslebens gezwungen werden. Man beachte die herrische Tonlage, mit dem hier über die Facharbeiter verfügt wird: „Wir lassen die Facharbeiter für viel Geld vorzeitig in Rente gehen“. Wir „lassen gehen“, schreiben die „Rentenexperten“. Und jetzt, so denken sie sich, lassen wir sie einfach nicht mehr gehen…

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Eine gespaltene Arbeitswelt – Der jetzige Angriff auf die vorzeitige, abzugsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren findet in einer Gesamtlage statt, in der in großen Bereichen der Arbeitswelt ein später Beginn und lange Unterbrechungen geduldet werden. Wo bleibt die Forderung, dass die so entstehenden Fehlzeiten am Ende der Berufsbiographie nachgearbeitet werden? Nein, man hält es offenbar für normal, dass im Zuge der Work-Life-Balance die Beitragszeiten zur Altersversorgung generell sinken. Es wird also mit zweierlei Maß gemessen: Die Einen – mit einem langen Arbeitsleben – sollen länger arbeiten, weil diese lange Zeit angeblich immer noch nicht reicht. Die Anderen – mit einem kürzeren Arbeitsleben – gelten als Vertreter einer jungen und zukunftsweisenden „neuen Arbeitskultur“, die viele Auszeiten und immer neue Selbstfindungs-Schleifen aufweist. Die „große Reform“ der Altersversorgung will den Einen mehr Arbeit auf, während sie von der Problematik der anderen nichts wissen will. So spaltet sie die Arbeitswelt. Und sie entwertet insgesamt die Bedeutung der Arbeit in diesem Land.

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Eine wichtige Entscheidung – Das Recht, nach einem 45jährigen Arbeitsleben abzugsfrei zwei Jahre früher in Rente zu gehen, mag angesichts der Probleme in Deutschland als ein kleines Detail erscheinen. Aber mit einem Angriff auf dies Recht ist der Wert der Arbeit betroffen. Und damit ist der Kern der deutschen Krise berührt. Wer den Wert der Arbeit verteidigen will, muss die aktuelle Gesetzeslage verteidigen. Die Bundesregierung hat ein großes Geschütz aufgefahren. Sie hat erklärt, dass die ganze Reform der Altersversorgung und überhaupt die Reformpolitik in Deutschland scheitert, wenn sie in diesem Punkt nachgibt. Darauf kann man mit guten Argumenten antworten: Wenn die Streichung durchgesetzt wird, nimmt die Reformpolitik eine zerstörerische Wende. Sie entwertet die besondere Leistung eines langen Arbeitslebens. Glaubt man im Ernst, die Altersversorgung könnte in einem Land stabilisiert werden, in dem die Suche nach der Work-Life-Balance auf dem Vormarsch ist? Glaubt man, dass eine Nation, in der es immer weniger lange und kontinuierliche Arbeitsbiographien gibt, besonders reformbereit ist? Nein, wenn die Bundesregierung ausgerechnet an diesem Punkt ihre Stärke beweisen will, zeigt sie in Wahrheit eine Realitätsferne, die das Land dort schwach macht, wo es stark ist.

Es ist wichtig, dass all diejenigen, die jetzt „Nein“ gesagt haben, auch im Herbst bei diesem „Nein“ bleiben.

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Kommentare ( 28 )

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verblichene Rose
6 Tage her

Wenn jemand 45 Jahre lang Beiträge eingezahlt hat, dann bedeutet das ja nicht nur, dass er lediglich Rentenpunkte sammelte. Es bedeutet auch, dass er 45 Jahre lang niemanden auf der Tasche lag und schon damit zum Gemeinwohl beigetragen hat! Ich warte also darauf, dass sich auch mal jemand von „jüngeren“ Leuten meldet, ohne sich über irgendwelche zukünftigen Lasten aufzuregen.

Mausi
6 Tage her

„auf Kosten der Solidargemeinschaft“: Als ob Rente irgendetwas mit Solidargemeinschaft zu tun hätte. Auf Kosten der Solidargemeinschaft handeln die Regierenden mit ihren Regeln. Indem sie viele völlig wertlose Studiegänge zugelassen haben. Indem sie es über Jahre versäumt zu haben, den Beginn der Rente langsam an das zunehmende Alter anzupassen. Indem sie private eigene, selbstbestimmte Altersvorsorge nicht fördern, indem sie die Rente nicht vor Jahrzehnten bereits vom Umlagesystem weggebracht haben. Und jetzt rufen sie „Haltet den Dieb“. Und das von Politikern, von denen wer jemals 45 Jahre außerhalb der Politik oder staatlich geförderter „NGO“s mit Bezahlung aus Steuergeldern zusammenbringt? Wer regulär… Mehr

Berlindiesel
6 Tage her

Peter Grimms Beitrag wird von der Generationen anerzogenen Fehlannahme bestimmt, indem wer die Rentner während seiner eigenen Berufslebensphase freigehalten hat, damit einen „Anspruch“ an die jungen Menschen seiner Altersrugephase erworbe habe, von denen freigehalten zu werden. Doch was haben die damit zu tun, dass Grimm 30, 40 Jahre vor ihrer Geburt Rentner freigehalten hat? An sich ist so etwas Humbug und grenzt an Raub. Dennoch setzt der Staat es mit Zwangsrentenbeiträgen durch. Damit aber zwangssozialisiert er aber die Versorgung alter Menschen und entkoppelt das Risiko von der Vorsorge. Denn für die eigene Altersversorgung ist es vollkommen unerheblich, was vor Eintritt… Mehr

Mausi
6 Tage her
Antworten an  Berlindiesel

Genau so sieht es aus: UnsereRegierenden konnten sehen, dass die Apfelbauern aussterben würden. Haben sie dafür gesorgt, dass sich jeder einen Apfelbaum pflanzen kann? Die Demographie – sprich das Ende der Neugeborenen – ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die Alterspyramide verändert sich seit dem Ende der Babyboomerjahre, also seit Ende der 1960er Jahre. Wieviele Jahrzehnte hatten also die Regierungen Zeit, dafür zu sorgen, dass Sie nur die eigenen Großeltern und Eltern unterstützen müssen? Wurde das Umlagesystem in dieser Zeit abgeschafft? Nein. Es wurde nicht mal langsam die Altersgrenze angehoben. Wurde die private Altersvorsorge gefördert? Nein, sie wird erstickt in… Mehr

Last edited 6 Tage her by Mausi
verblichene Rose
6 Tage her
Antworten an  Berlindiesel

Weil Sie sich alleine auch keinen Meter Straße leisten könnten? Womöglich auch noch mit Zebrastreifen…
Dass das Schneeballsystem namens Rente noch nie wirklich tragfähig war, liegt aber nicht an den fehlenden „Apfelbauern“, sondern weil es an sein Ende angekommen ist. Und vielleicht auch daran, dass nicht mehr alle aus den verschiedensten (Un-)Gründen mitmachen wollen.

kommissar hunter
6 Tage her

Also wenn Sie es fair machen wollten, müsste man sagen das man nach erreichen von 45 Rentenpunkte in Rente gehen kann. Da die Akademiker in der Regel später um einiges mehr verdienen, müssen die nicht 45 Jahre arbeiten, da sie mehr Rentenpunkte pr8 Jahr bekommen und natürlich auch viel mehr einzahlen. Für diejenige, die weniger verdienen, gibt es dann die Regelaltersgrenze, bzw. Grundrente. Wenn hier jemand der Meinung ist, man sollte doch den Akademikern die Rentenpunkte während der Ausbildung aberkennen, nur zu…. ihr werdet dann erleben das es in Deutschland plötzlich gar keine Ärzte, Ingenieure usw. gibt. Von denen will… Mehr

Karl Renschu
6 Tage her

Hätten die Boomer 2013 die AfD gewählt, könnten sie heute abschlagsfrei mit 62 in Rente.

Da sie heute als Konsequenz ihrer Wahlentscheidung 5 Millionen Kostgänger und eine Million Staatsbedienstete mehr als noch vor 15 Jahren durchfüttern müssen und sich neben der Energiewende einen Krieg im Osten gönnen, können sie auch bis 73 arbeiten. Bis zum nächsten Wahltag hab ich da kein Mitleid.

Hieronymus Bosch
6 Tage her

Früher gingen viele mit 14 Jahren – und nach zwei Kurzschuljahren – bereits in die Lehre, heute Aubdildung genannt! Darüber wird überhaupt nicht mehr berichtet und das wäre für diese Generation ja auch völlig undenkbar! Wenn Akademiker mit über 30 Jahren erst in das Berufsleben eintreten, können sie nicht mehr 45 Jahre arbeiten! Auf der anderen Seite sind Beamte weder von Kündigung noch von Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen! Sie feiern ein rühiges Berufsleben, mit vermehrten Elternzeiten, vor allem bei Lehrerinnen, und als Privatpatienten mit 70 Prozent Beihilfeanspruch. Über letzteres wurde hier noch gar nicht gesprochen! Das ist die eigentliche Zweiklassengesellschaft,… Mehr

Britsch
6 Tage her
Antworten an  Hieronymus Bosch

Wie das mit der Versorgung von Leuten in der Politik aussieht sollte nicht vergessen werden anzuführen

Schlaubauer
6 Tage her

Überall wo es um viel Geld geht, und vor allem dem Geld und gesparten der Bürger, sitzen die Fratschers in den Talkshows. Es ist einfach unerträglich wie das hier im ÖRR funktioniert oder besser im Großteil der Presse. Alles frei dem Motto was von den Altparteien stammen können: Die Bürger haben noch Geld! Nehmen wir es ihnen Weg!

Chevalier
6 Tage her

Es ist einfach nur ein Verschiebebahnhof. Wer gearbeitet und eingezahlt hat in die Rentenkassen, bekommt was aus diesem Topf (wenn vielleicht auch später). Wer nicht oder wenig gearbeitet hat, bekommt sein Leben, neben vielleicht einer kleinen Rente, aus dem Sozialhilfetopf finanziert (wenn auch weniger). Aber wer hat mehr vom Leben? Dieses Ungleichgewicht schafft Ungerechtigkeit, und den berechtigten Zorn derer, die sich ein Leben lang kaputt gemacht haben und zum Lohn dafür dann noch länger arbeiten sollen, damit der große Rest der Untätigen mit versorgt werden kann. Was den verzögerten Beginn anbelangt – Studierte müssen ohnehin länger arbeiten, da es für… Mehr

Claudia Meier
6 Tage her

Meckern kann jeder, ja ich weiß… fragen wir doch mal die Ki wie eine gestraffte Argumentation des Held´schen Textes für eine Diskussion ausehen kann. ChatGPT schreibt da als Argumentationslinie für eine Diskussionzur „mündlichen Wiedergabe in 60–90 Sekunden auf den Punkt gebracht: 45 Jahre Beitragszahlung sind keine „Rente mit 63“, sondern die Anerkennung eines außergewöhnlich langen Arbeitslebens. Das reguläre Rentenalter wird dadurch nicht abgeschafft – es geht lediglich um zwei Jahre Vorziehen nach Erreichen von 45 Beitragsjahren. Heute beginnen viele Menschen später zu arbeiten und unterbrechen ihre Erwerbsbiografie häufiger. Dadurch werden 45 Beitragsjahre zunehmend zu einer besonderen Leistung. Wer bereits 45… Mehr

OJ
6 Tage her

Gratulation, Sie sind Millionär, theoretisch.
Zwar gestreckt auf 45 zähe Arbeitsjahre und bevor der Staat sich mit Steuern und Abgaben fast die Hälfte Ihrer 2,05 Millionen Euro brutto einverleibt.
Doch von den verbleibenden 1,13 Millionen Euro Netto-Kaufkraft lässt es sich fantastisch träumen, während man inflationsbedingt trockenes Brot kaut.
Sie besitzen theoretisch ein siebenstelliges Vermögen, ein Privileg, das Ihnen beim Blick auf die Mietwohnung und die Mini-Rente Freudentränen in die Augen treibt.
Wer braucht schon Champagner in Monaco wenn er den Status eines „Lebenszeit-Millionärs“ beim wühlen im Müllcontainer zelebrieren darf❗