Unternehmen statt unterlassen

Jedes Mal, wenn wir durch die Medien von den gewaltigen Fehlern erfahren, die in großen und größten Unternehmen gemacht werden, vergegenwärtige ich mir die wirtschaftlichen Erfolge in Deutschland und anderswo und frage mich: Welche schwindelnden Ergebnisse hätten wir erst ohne diese Fehler?

Nüchtern betrachtet ist es mit der Politik und dem gesellschaftlichen Zusammenleben in unseren kulturellen Breiten nicht anders. Bei aller Kritik, an der ich selbst gern mitwirke, steuern wir doch im internationalen Maßstab in ruhigem Gewässer – jedenfalls die Mehrheit und jedenfalls noch. Stellen wir uns einmal vor, unsere Gesellschaft und Politik wären ohne ihre deutlichen Defizite. Das gäbe ja geradezu paradiesische Zustände. Warum sind die Ergebnisse in allen Bereichen trotz so vieler Fehler vergleichsweise gut?

Weil alle Einrichtungen davon leben, dass es Menschen gibt, die im richtigen Zeitpunkt das Nötige unternehmen. Das ist in der Wirtschaft genau so wahr wie in Gesellschaft und Politik. Die Menschen, die ich meine, stehen selten an der Spitze der Hierarchien. Wir finden sie weiter drinnen in den Organisationen, weiter „unten“. An ihnen gehen die zyklisch wechselnden Management-Lehren und Verwaltungsvorschriften ebenso vorbei wie der Wechsel von Aufbau- und Ablauforganisationen und von „Vor-Gesetzten“. Sie tun das Nötige, wenn es klemmt oder brenzlich wird, umso sicherer und zuverlässiger.

Vor allem kennt ihre DNA die notorischen Eigenschaften und Verhaltensweisen von Chefs, Managern, Politikern und anderen Mandarinen überhaupt nicht: unterlassen und aufschieben. Die Menschen, die ich meine, habe ich überall kennengelernt und tue es immer wieder. Ihre DNA kennt nur eines: unternehmen. Jetzt, sofort, angemessen und entschieden. Unterlassen kommt für sie nicht infrage. Davon hält sie auch keine falsche Regel ab und keine falsche Anweisung. Auf das falsche Kommando antworten sie Jawohl und tun das Richtige. Sie fühlen sich für ihre Firma und ihre Organisation sowie deren Menschen so verantwortlich, als wären sie selbst Unternehmer oder Chef. Selbst in kleinen und mittleren Betrieben ist ihre Rolle entscheidend: aber viele Eigentümer-Unternehmer wissen das auch und geben ihnen deshalb selbst gern viel Spielraum. Kein Wunder, dass diese Menschen ihrer Einrichtung ein Leben lang dienen – oft über die sogenannte Altersgrenze hinaus.
Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser beteuerte Ende 2014: „Ich jedenfalls werde unser Haus wie ein Eigentümer-Unternehmer führen …“. Wie sagt noch mal Beckenbauer? „Schaun mer mal, dann sehn mer scho.“

Der gemeinsinnige Charakter dieser Menschen wird in unseren Tagen zunehmend auf noch härtere Proben gestellt. Denn die teilweise Abrüstung der Kontrollen in Staat und Gesellschaft in den ersten 20 Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schlägt seit 2010 nicht nur wieder, sondern vermehrt in die Richtung Kontrollgesellschaft um. Berichten die Medien über eine neue politische Forderung, handelt es sich unter Garantie um eine nach mehr Regulierung, mehr Kontrolle: in Gesellschaft und Wirtschaft.

Zur neuen Mindestlohn-Verwaltung schrieb die Stuttgarter Zeitung: „Da in einem Unternehmen auch Überstunden und Bereitschaftsdienste anfallen, reicht es nicht aus, die Nachweispflichten auf die Beschäftigten mit den niedrigsten Einkommen zu beschränken. In neun Branchen sollen auch die Arbeitszeiten von Mitarbeitern erfasst werden, die mehr als das Doppelte des Mindestlohns erhalten. Die Unterlagen sind dann zwei Jahre aufzubewahren. Das ist grotesk.“

Der bayrische Unternehmer Albert Duin fragt auf Facebook: Wie soll ich das machen, meine Leute kriegen seit vielen Jahren Festgehälter? Bei ihm wie bei vielen anderen Firmen kann gar niemand vor Unterbezahlung geschützt werden.

Buchhaltungsunterlagen vom Kontoauszug bis zur Tankrechnung müssen gegen Brand und Feuchtigkeit gesichert aufbewahrt werden. Wer das digital macht, muss auch den Rechner mit veralteter Software dazu stellen. Während die Briten mit sechs Jahren Aufbewahrung zufrieden sind, verlangt der deutsche Fiskus zehn Jahre. Die gewaltigen Kosten für die systematische Ablage und Archivierung vor allem auch für Klein- und Mittelbetriebe sind völlig unproduktiv und fehlen für Investitionen.

Eine Trendwende zu viel Platz fürs Unternehmerische in allen Lebensbereichen vom Kindes- bis ins Pflegealter ist nicht in Sicht. Aber die Menschen, die ich meine, wird es immer geben. Auf sie zähle ich, bis die Kontrollgesellschaft genug Leuten auf den Senkel geht.

 

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