Entlasst die Kinder in die Freiheit ihrer Verantwortung

Die Dressur fürs spätere Leben beginnt beim Spielzeug – in unseren Tagen für die künftige Rolle des folgsamen Konsumenten.

Haben Sie einmal das Spielzeug angeschaut, welches Kinder heutzutage zu Weihnachten geschenkt kriegen? Das Gemeinsame bei aller scheinbaren Bandbreite ist unübersehbar: der Phantasie keine Chance. Die vorprogrammierte technische Bedienung solchen Spielzeugs lässt für das Spielerische keinen Raum. Phantasie ist nicht gefragt, sondern anwenden, nachspielen – kurzum Vorgegebenem folgen – folgen vor allem. Die Dressur fürs spätere Leben beginnt beim Spielzeug – in unseren Tagen für die künftige Rolle des folgsamen Konsumenten.

Ein Darth Vader – „Lebendgröße“ schlappe 1,22 Meter: „Beide Arme bewegen sich, wenn er redet“ preist der Verkaufstext an, „Sein Kopf dreht sich in realistischen Bewegungen“, er hat ein „Leuchtendes Lichtschwert“, „Original Stimme, Musik & SFX“ – und das „Multilingual“, ja und drei Batterien und 24 Monate Garantie. Aber: „Achtung! Nicht geeignet für Kinder unter 3 Jahren.“

Je nach dem, wie groß der Mini ist, wird Darth Vader zur Begegnung auf Augenhöhe oder der Dreikäsehoch muss zur dunklen Macht aufblicken. Sobald die Kleinen dann ihr Notebook kriegen, sind die Folgeprodukte Computerspiele, Playstations, auch dort dann anwenden, in die Masse der Anwender eingliedern. Die Konsumkette läuft. Individualität? Was ist das?

Mütter und Väter – je einkommensstärker desto mehr – sind rundum damit beschäftigt, jene Zeit, die ihren Kindern nach der Schule bleibt, detailliert durchzuorganisieren: mehrere Sportarten und Musikinstrumente, Gesang – am liebsten etwas, wo die Kinder bis zur öffentlichkeitsträchtigen Spitze als Stars getrimmt werden können. Über das jeweils neueste iPhone besteht stündliche Rückmelde-Pflicht und ständige Erreichbarkeit. Die Kinder müssen vor den Gefahren des Lebens geschützt und die Kontrollsucht der Eltern befriedigt werden.

Was dabei rauskommt, ist dreierlei: Ängstliche, übervorsichtige, misstrauische Kinder und eine feige Generation: Kinder, die alles kriegen und für nichts verantwortlich sind. Gewiss, einzelne tricksen ihre Alten aus und entwickeln daraus mit Gleichgesinnten in ihrer Clique eine eigene Disziplin. Aber insgesamt wird eine Innovations- und Freiheits-feindliche Jugend herangezogen. Selbst unsichere Eltern geben ihre Unsicherheit an die Kinder weiter, erziehen sie zu Nimmersatten ohne Benehmen, Anstand und Verantwortung. Jonny Controlletys züchten neue Controlletys. Konsequenterweise gilt für die Berufswahl: sichere Jobs für den Nachwuchs, am besten im öffentlichen Dienst – in der Wirtschaft, wenn es denn schon sein muss, dort, wo nie gespart wird, bei den Controllern.

Das zweite: Dieser Nachwuchs passt nahtlos in den Nanny-Staat, der keine Bürger mehr kennt, sondern nur noch Sozialfälle. Er fügt sich nahtlos in Gesellschaften ein, in denen die Privilegien der Arbeitsplatzbesitzer und der politisch gewollten Produzenten gesichert und gegen alles Neue abgeschottet werden. Die Gewerkschaften der Arbeit und die Gewerkschaften des Kapitals schützen die drinnen und lassen die draußen nicht rein. Wer über 60 ist, kann sich auf den Wartestand zum Sterben vorbereiten, bei immer weniger Rente und immer mehr Aufstockungs-Bedarf – angewiesen auf die Gnade der Sozialämter und Krankenkassen (auch der privaten). Für Frauen, die nach dem Kinder-Großziehen und/oder Elternpflege wieder in den Beruf einsteigen wollen, ist über 50 Schluss. Doch diese Männer und Frauen sind Politikern und Gewerkschaftern egal – Medien übrigens auch.

Daraus ergibt sich drittens zwangsläufig, dass unsere Eliten hinter der Kulisse einer prächtig laufenden Konjunktur, die sich in erster Linie aus dem billigen, zinslosen Geld speist (aus dem schwachen Euro und nun auch noch dem sinkenden Ölpreis), das Krankheitsbild nicht erkennen: Die deutsche Gesellschaft leidet noch mehr als andere unter akuter Innovationsschwäche – und zwar wirtschaftlich, geistig und politisch.

Schon im Kindergarten und dann in der Schule war ich ein begeistertes Schlüsselkind. Wenn sich die Schicht-Arbeitszeiten meiner Eltern deckten, war das Glück am größten. In der Häuserzeile meiner Arbeitersiedlung (österreichisch: Gemeindebau) gab es um die 50 Kinder – plus minus fünf Jahre älter und jünger als ich. Wir haben uns gegenseitig „erzogen“. Draußen auf der staubigen Straße, im nahen Wald und den Flussauen war unsere Abenteuerwelt. Unsere Konflikte regelten wir untereinander – nicht zimperlich. Die Eltern kriegten davon nichts mit. Für blaue Augen, aufgeschürfte Knie und sonstige Blessuren hatten wir immer eine Ausrede. Bandenkriege gehörten zum Alltag, Fische aus den Bächen mit den Händen fangen. Fing uns einmal ein Gendarm, gab’s eine – mehr symbolische – Watschn (Ohrfeige) und das war’s. Nie hätte der Ordnungshüter uns bei unseren Eltern angeschwärzt oder gar Meldung gemacht. Erwischte uns der Bauer beim Kirschen stehlen, dienten wir sie bei der nächsten Heuernte ab – privatrechtlich sozusagen. Und dort wurden wir mit bäuerlichem Essen und Trinken köstlich bewirtet.

Solche Zeiten werden wir nicht wiederkriegen. Aber den Kindern müssen Freiheit und Verantwortung zurückgegeben werden, von Eltern, Bildungssystem, Gesellschaft und Politik: Weil sonst nicht nur die Kinder den Spaß an der Freude versäumen, sondern unsere Gesellschaften noch unfreier, noch geistloser, noch feiger und Innovations-unfähiger werden.

Gegen diese Herausforderung verblassen alle anderen Probleme, die wir haben – oder stellen sich als Folgen dieses Freiheitsverlustes heraus, unter dem wir schon viel zu lange leiden: Vor allem auch in einer weiter zunehmenden Politik der Entpolitisierung.

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