Paris, ein Möbelwagen und die nackte Kanone

Es lohnt sich, Spitzenpolitikern der Opposition bei der Arbeit zuzusehen. Da wird das ganze Elend unübersehbar.

Ein Massenmord mit Weltgeltungsdrang wie jüngst in Paris liefert im Nachklapp stets auch ein bizarres mediales Schaustück des politischen Kasperltheaters: Das Spielchen beim Aufsagen sattsam bekannter Mitgefühlsplattheiten zwischen Barmherzigkeit und Attacke ist mittlerweile derart durchchoreografiert, die wie medial-optimierte Handpuppen Auftretenden namens Angie und Francois sind sich ihrer Sache so sicher, dass Überraschungen mit sichtbarem Entlarvungsfaktor nur noch selten zu finden sind: Sehr glatt und routiniert arbeitet die Medienmaschine und hat rundgeschliffen. Muß das sein? Umso grotesker wirkte das, was der TV-Sender Phoenix Samstag früh um Punkt 11 Uhr zu bieten hatte:

Moderator Friedhelm Fatzke (sein richtiger Name ist mir grad scheißegal) kündigt um kurz vor voll mit sichtlicher Unrast eine Live-Schalte an zu Dietmar Bartsch, denn dieser wolle anlässlich des Pariser Massenmords jetzt auch mal was sagen. Ui, Dietmar Bartsch sagt was? Na, da müssen wir aber wirklich sofort live hinschalten! Ich bin mir ganz sicher, dass ein paar Trostworte des Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei den Hinterbliebenen in Frankreich viel Kraft und neuen Lebensmut schenken werden. 10.59h. Bartsch wartet. Das läuft doch jetzt eh so wie immer überall, oder? Hä? Ne, ne, aha, Dietmar weiß offenbar nicht, dass grade live gesendet wird! Der denkt, er spricht seine Worte fürs Band, für so einen N24-Endlosschleifen-O-Ton. Ach, SO läuft das also, wenn diese Dinger aufgenommen werden, interessant! Bartsch zieht ein Merkel-Gesicht, und los geht’s: „Böse, böse, schlimm, schlimm, wir sind alle ganz bestürzt und …“ Plötzlich fährt ein Möbelwagen durch die Szenerie. Und zack sind alle wieder im Normalmodus. „Na, das machen wir besser gleich nochmal, oder?“ Klar, is‘ doch kein Problem, der Text scheint zu sitzen. Am Ende verabschiedet man sich beinahe beschwingt voneinander mit einem lieblichen „Dankeschön!“ Das erinnert mich irgendwie an eine Szene aus dem Film „Die nackte Kanone“: Lieutenant Frank Drebin versichert – den Tränen nah – der Gattin eines im Sterben liegenden Polizei-Freundes „Wir werden das verantwortliche Schwein finden, das verspreche ich dir, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“ Flugs blickt er zur Seite und sagt einem Kollegen: „So, und nun lass uns ’n Häppchen essen gehen!“ (Ab Minute 4:05 hier)

Natürlich kann ich Politikern und Pressekollegen ihre Professionalität grundsätzlich nicht vorwerfen, wohl aber stören mich diese krassen Emotionsbrüche, das (sogar in derlei Extremen nicht fallen wollende) Inszenierungsgebaren, das beharrliche „business as usual“. Und eins muss man Dietmar B. ohnehin lassen: es lohnt sich, seine Worte eingehender zu betrachten, denn im Gegensatz zu dem grenzdebilen Pipifax aus Politbüro und Gauck-Behörde hat sich hier jemand offenbar richtig Gedanken gemacht. Der linke Dietmar zieht eine Verbindung von Allah A. in Paris zu Anders B. in Norwegen, um darauf sein eigenes Weltbild balancieren zu lassen. Was für ein Halunke, dieser Linke! Er stellt die Attentate also nicht in eine Reihe mit Charlie Hebdo, nicht mit Madrid, London, New York …, was natürlich einzig sinnvoll und logisch gewesen wäre, nein, er lässt Anders Breivik wieder mitspielen in seinem Kasperltheater, um (hinterfotzig bis zum geht nicht mehr) zu zeigen, dass das ja alles nix mit dem Islam zu tun hat, sondern böse Menschen überall auf der Bühne lauern. Und weiter geht’s: Nein, dass wir endlich mal unsere freiheits-gefährdende Alle-Sind-Gleich-Verlogenheit mit dem aktuellen Stand abgleichen sollten, und dass Einwanderung (auch) Gefahren birgt, DAS ist für die Linken kein Thema. Sorge bereitet bloß, dass (es kann einem Polit-Kasper eben niemals abgedroschen genug sein) jetzt „Wasser auf die Mühlen der Rechten“ gegossen wird. Am besten ist, man sieht solch eine TV-Posse zufällig auf der Kabine eines AIDA-Schiffes – dort liegen die Kotztüten immer griffbereit in der Schublade.

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