DER SPIEGEL Nr. 49 – „Strategen des Terrors!“

Ein neues Thema drängt in den Vordergrund - der Zusammenhalt Europas, weil im Osten wie im Westen nicht mehr richtig gewählt wird. DER SPIEGEL bleibt da konventionell, benennt nicht was nicht sein darf.

Am Thema „IS“ kommt man in dieser Woche nicht vorbei. Aber muss man das menschen-, kultur- und religionsverachtende Selbstverständnis dieser Terroristen durch einen Titel „adeln“? Das ist das bekannte Dilemma der Titel-Entscheidung – populär oder wichtig? Dabei hat DER SPIEGEL viele Details aus Frankreich, Belgien und Brüssel zusammengetragen, nimmt Einordnungen vor, wirft aber auch viele Fragen auf, die sich nicht beantworten lassen. Lesenswert ist das Gespräch von Mathieu von Rohr und Raniah Salloum mit dem Journalisten David Thomson, der seit 2012 regelmäßig Interviews mit französischen Kämpfern beim „IS“ und bei al-Qaida über ihre Motive, ihren Glauben, ihre Zukunftspläne und über das Leben in Syrien führt.

War da was mit Klima?

Der SPIEGEL ist in dieser Woche wegen einer anderen Geschichte eine empfehlenswerte Lektüre: Phantastisch und der bessere Titel wäre nach meiner Meinung der Beitrag „Alles wird gut“ von Axel Bojanowski, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Guido Mingels und Samiha Shafy über den am Montag startenden Weltklimagipfel in Paris gewesen. Ein derart anschaulicher und tiefer Blick hinter die Kulissen des Polit-Getriebes wird dem Leser nur selten vermittelt. Drei Schlüsselpersonen, die französische Sonderbotschafterin Laurence Tubiana, der deutsche Delegationschef Karsten Sach, und Sayni Nafo, der aus Mali stammende Sprecher der afrikanischen UNO-Mitgliedsstaaten und gleichzeitig Vertreter der G77, der Entwicklungsländer, sind der rote Faden durch den Beitrag. Als Leser bekommt man eine Ahnung davon, wie sie mit unendlicher Kleinarbeit etwas unmöglich Scheinendes zuwege brachten. Wenn der SPIEGEL recht behält, tun sich die Mächtigen dieser Welt, angeführt von der UNO, jetzt endlich gegen die Klimakatastrophe zusammen. Aber das Thema Terror verdrängt eben Langfristthemen.

Gleichfalls lesenswert ist der Beitrag „Unter Geiern“ der Redakteure Dinah Deckstein und Konstantin von Hammerstein darüber, wie Siemens-Chef Joe Kaeser die Münchner Technologieschmiede zukunftsfähig machen will. DER SPIEGEL springt in die Lücke der aktuellen Wirtschaftsberichterstattung über wichtige Unternehmen, die die klein gewordene Konkurrenz aus Düsseldorf geöffnet hat.

Wird da was mit Europa?

Interessant, lehrreich und keineswegs abschreckend portraitiert Julia Amalia Heyer in „Madame Unverzagt“ Marine Le Pen und den Front National (FN). Der Leser erfährt, dass die beliebte Politikerin einen Kreis von hochkarätigen jungen Beratern angeheuert hat, die den FN auf Kurs halten und der Chefin die Mehrheit bei den Präsidentschaftswahlen verschaffen sollen. Allen voran der HEC- und Ena-Absolvent Florian Philippot, der bereits Stabschef des sehr linken Innenministers Jean-Pierre Chevènement war. Es wird zunehmend einsam um Deutschland, seit im Osten Polen und möglicherweise im Westen in Frankreich Parteien und Politiker machtvoll auftreten, die sich vom bisherigen Europa-Kurs abwenden. Aber sich damit auseinanderzusetzen ist noch zu früh für den SPIEGEL, der bei diesem Thema noch festhält, was die Regierungslinie gebietet. Der Wunsch nach dem Weiter-So bleibt damit leider Redaktionslinie. Aber was tun, wenn die Nachbarn nicht mehr so wollen? Das wäre sicherlich das große Thema für ein fürwahr politisches Magazin.

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