Merkel: Brexit kein Grund garstig zu sein

Im Umgang mit dem Brexit mischen sich die Suche nach neuen Koalition in der EU mit den Vorgefechten zur Aufstellung für die nächste Bundestagswahl. Stellen wir uns darauf ein, dass nichts bleibt, wie es war. Und dass zunächst ist gut so. Sonntagszeitungen, für Sie gelesen von Roland Tichy und Fritz Goergen.

„Brexit, so what eigentlich?“ Angenehm kühl und sachlich kommt die BamS zum Brexit daher. Es ist so gar nicht das sonst medial verbreitete Entsetzen, im Gegenteil: Chefredakteurin Marion Horn plädiert dafür, ruhig und freundlich mit den Briten umzugehen: „Eine Katastrophe wird das erst, wenn wir Europäer uns jetzt wie eine rachsüchtige verlassene Ehefrau benehmen, so in dem Stil: Du willst mich nicht mehr? Dann nimm sofort Deine Sachen und verschwinde. Und die Kinder siehst du auch nie wieder“.

Freundschaft geht ja nicht sofort zu Ende – und auf das zornige Getue der Berufseuropäer eine Wahrheit von Horn: „Unsere Politiker fühlen gar nicht, dass wir Europäer längst so etwas wie eine Familie geworden sind. Wenn wir das nicht sehen, dann war das ganze Gerede von Europa immer eine Lüge“. Hier ist vermutlich Merkel nicht so schlecht, die ähnlich argumentiert: Jetzt nicht garstig werden. Die Frage ist: Wie bleibt GB in der Familie.

BamS volle Kanne gut

In der Zeitung folgt ein umfangreicher Teil mit vielen Fragen und den schon möglichen Antworten zum Brexit; ein Kompendium des Jetzt-Wissen-Wollens. So einfach und kompliziert ist Zeitung: Einfach Antworten auf viele komplizierte Fragen finden und zwar in kürzester Zeit – unaufgeregt und vielfältig. Lerne, dass England-Fahrten gerade billiger geworden sind wegen des Gewichtsverlusts des Pfunds, Und dass der drohende Handelskrieg kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung frustrierter Europa-Politiker ist. Herrlich das Foto von David Cameron und seinem Gegenspieler Boris Johnson als geschniegelte Schüler in Eaton; Großbritanniens Politik ist eben auch Klassenkeile in der Upperclass.

Diesmal spielen die Wochenend-Zeitungen generell ihre Stärke aus: Redaktionsschluss am Samstag. Da können die vorverlegten Magazin wie SPIEGEL und FOCUS nicht mithalten. Sie sind notgedrungen temperamentlos (SPIEGEL) bis alt (Focus)

Ein FAS-Aufsatz lohnt unbedingt

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am SONNTAG ein unbedingt lesenswerter Aufsatz von Rainer Hank. Zunächst arbeitet er die Wut der gehobenen Stände und ihrer Schreiber über den Brexit heraus, „wenn Linke so reden, dann offenbaren sie, was ihnen Demokratie, Volkssouveränität und die `kleinen Leute` wert sind. In Wahrheit sind die Intellektuellen vor allem beleidigt, dass die Weltgeschichte sich nicht nach ihren ach so klugen Entwürfen richtet.“ Junge, Junge, er kommt zum selben Ergebnis wie Marion Horn mit dem Ehe-Gleichnis, aber darauf musst du erst mal kommen.

Hank nimmt dazu einen gaaanz langen Anlauf, genau bei den „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ des Basler Historikers Jacob Burckhardt von 1868, der die Existenz jedes vermeintlich unabänderlichen Weltplans verwarf, den später Marx und die Europapolitiker für sich als historisches Gesetz in Anspruch nehmen. Danach ist es Hochmut, wenn über die überalterte Landbevölkerung als lästige Blockade des europäischen Einigungswerks hergezogen wird. Es folgt eine feinsinnige Zergliederung dessen, was gemeinhin als „Populistisch“ abgetan wird, die unterschiedlichen Positionen innerhalb des „Leave-Lagers“, die sich auch bei den kontinentaleuropäischen Rechten wiederfinden: Vulgär bei Marin le Pen, gescheit beim puren Wirtschaftsliberalismus der Truppe um Bernd Lucke, gewinnend beim charismatischen Niederländer Geert Wilders: klassischer Liberalismus mit krass anti-islamischen Sprüchen, aber ohne jeglichen Antisemitismus und Antiamerikanismus.

SPIEGEL und FOCUS Nr. 26
Brexit – SPIEGEL und FOCUS fallen bei der Reifeprüfung durch
Wenn aber die Mitte Europas so in Bewegung ist, und die Frage nach einer Zollunion auch nicht mehr über Wohlstand und Demokratie entscheidet – wohin dann mit dem europäischen Einigungsplan? Es sind die wichtigen Fragen.

Aber in der FAS ist die Vernunft nach Büchern gegliedert. So klug Hank in der Wirtschaft, so dumpf-dümpelnd Volker Zastrow in der Politik, der alle Europa-Kritiker verdammt: Irgendetwas falsch gemacht in Brüssel? Nitschewo, der Fehler liegt bei den Kritikern, und nur bei denen.

Das Ausdünnen des Blattes merkt man daran, dass es längst nicht mehr genügend Zeitungsteile („Bücher“) für die Ressorts gibt; der Geldteil verschwindet hinter dem Sport, Technik & Motor hinter Ferienwohnungen; aus so viel Zerstörungswillen natürlicher Ordnungen muss man erst mal kommen. Aber knappe Kasse offenbart knappen Gestaltungswillen – oder eben klugen.

WamS: gute Informations- und Meinungs-Palette

Mit Reportagen über die 66-jährige Brexit-Befürwortertin aus ihrem tiefgrünen-esoterisch-vegetarischen Ökodorf und die 69-jährige jüdische Brexit-Gegnerin macht die WamS pars prot toto deutlich, dass die Klischees nicht stimmen. Mit Stimmen zur Frage wie weiter zeigt das Blatt, nach vorne Weisendes kommt aus anderen Ländern – von Guy Verhofstadt bis Sebastian Kurz. Die SPD sucht ihr Heil in mehr Intervention, dass passt zu den üblichen Verdächtigen in Brüssel: more of the same.

Mit „Verschobene SCHEIDUNG“ hat Robin Alexander in der WeLT AM SONNTAG ein Stück geschrieben, das über den Tag hinaus hält. Er erinnert daran, dass Merkel gegen Juncker als Kommissionpräsident war. (Das erinnert einmal mehr daran, dass Merkel in der Regel ihre richtigen Ideen fallen lässt und die falschen durchsetzt.) Dass David Cameron, Boris Johnson und andere in London sich mit dem Austritts-Procedere Zeit lassen wollen, passe Merkel gut, sagt Alexander:

„Sie möchte sich den Aufschub zunutze machen. Sowohl in der Euro- als auch in der Flüchtlingskrise hatte sich Deutschland Zeit erkauft, um die Probleme zu lösen. Nun, in der Brexit-Krise, schenkt ihr Cameron mit seiner Wackelpartie diese Zeit. Gut für Berlin – schnelle Lösungen, die Brüssel anstrebt, wären nicht in Deutschlands Sinne.“

Merkel plant nach Alexanders Informationen „einen europapolitischen Balanceakt: Die Briten sollen auch ohne Mitgliedschaft die Vorteile der EU weiter nutzen können, um nicht weitere Nationen zum Ausstieg zu motivieren. Außerdem brauche man London als Partner in Nato, UN und überhaupt. Eine Entfremdung müsse daher
vermieden werden.“
„Keine Frage, der Brexit ist mehr als die Gelbe Karte für die selbstgerechten Europa-Spieler, ob sie nun in Brüssel sitzen oder in Paris oder Berlin. Ob sie nun aufwachen, wird darüber entscheiden, ob aus dem Ausscheiden des Vereinigten Königreiches aus dem europäischen Bund nun ein allgemeiner Exitus wird, ein Zerbröseln der großartigen Idee durch ihre lausige Umsetzung.“ Kommentiert Stefan Aust.
Im Umgang mit dem Brexit mischen sich die Suche nach neuen Koalition in der EU mit den Vorgefechten zur Aufstellung für die nächste Bundestagswahl. Stellen wir uns darauf ein, dass nichts bleibt, wie es war. Und dass zunächst ist gut so.
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