Südamerika erhielt aus Europa vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Auch das seit mehr als zwei Jahrzehnten verhandelte und nun vom EU-Parlament vorerst sistierte Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten hat daran wenig geändert. Ist Venezuela der Game-Changer?
Javier Milei, im Dezember 2023 als argentinischer Präsident vereidigt, baut mit großem Eifer sein Land zu einem liberalen Musterstaat um. Dabei erhält Argentinien Unterstützung durch die USA, ohne die das Land seine über Jahrzehnte angehäufte Schuldenlast nicht bewältigen könnte. Mileis Reformfuror könnte sogar zu einer Dollarisierung des Landes führen. Argentinien wäre nach El Salvador, Panama und Ecuador das vierte Land Lateinamerikas, das diesen Weg ginge.
Seit US-Präsident Trump am 3. Januar den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in einer spektakulären Militäraktion gefangen nehmen ließ, steht indes Venezuela im Fokus weltweiter Aufmerksamkeit. Während einige dies als Triumph sehen, betrachten andere die Aktion als Verletzung des Völkerrechts. Um die gegenwärtigen Ereignisse und Herausforderungen besser zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Geschichte des Landes.
Wie Venezuela zum Petrostaat wurde
Die Transformation Venezuelas zu einem Petrostaat begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung von Erdöl. Als Meilenstein gilt die Entdeckung der Barroso-II-Quelle im Maracaibo-Becken im Jahr 1922, in deren Folge über 100 ausländische Unternehmen in der Ölproduktion aktiv wurden. Bereits zum Ende des Jahrzehnts war Venezuela nach den USA das Land mit der zweithöchsten Ölförderung, und das Land wurde zunehmend abhängig vom Erdölexport.
Infolge des Förderbooms zog Venezuela ausländisches Kapital an, was zu einer Aufwertung des Bolivars führte, die die Importe verbilligte. In der Folge wurden Arbeit und Kapital aus anderen Wirtschaftssektoren wie der Landwirtschaft und der Fertigung abgezogen, was zu einem Niedergang dieser Sektoren und einer hohen Arbeitslosigkeit führte. Gleichzeitig wurde die Staatskasse zunehmend vom Export des Rohstoffs abhängig und somit auch von der Entwicklung der globalen Preise.
In den 1970ern erlebte Venezuela deshalb erneut einen Boom, als die OPEC im Zuge des Jom-Kippur-Kriegs ein Ölembargo verhängte, durch das sich der Ölpreis vervierfachte und dem Land so zusätzliche Milliarden Dollar einbrachte. Dadurch wurde Venezuela zum Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika.
In der Folge wurde es für viele Emigranten aus anderen südamerikanischen Ländern attraktiv. So siedelte sich beispielsweise die Familie meiner Frau Ende der 1960er dort an. Das politische Klima in Uruguay, ihrem Herkunftsland, war zu dieser Zeit sehr unruhig, da die marxistisch-leninistische Stadtguerilla (Tupamaros) die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Das Geld, das durch den Ölboom ins Land floss, landete bei einer privilegierten Elite, während die Unterschicht abgehängt blieb. Im Jahr 1968 rief Präsident Jorge Pacheco den Ausnahmezustand aus; 1972 schließlich wurden die Bürgerrechte außer Kraft gesetzt. Am 27. Juni 1973 putschte das Militär.
Das Geld, das durch den Ölboom ins Land floss, landete allerdings bei einer kleinen privilegierten Elite, während die Unterschicht abgehängt blieb und vom Gesundheits- und Bildungswesen abgeschnitten war. Bereits die Mittelschicht hatte sowohl zur Wirtschaftselite als auch zur verarmten Unterschicht einen extremen Statusabstand. Die Reichen des Landes konnten sich jeden Luxus leisten und verfügten über Immobilien und Konten im Ausland, während das Prekariat teilweise völlig verarmte.
Aufgrund von Korruption, Misswirtschaft der Eliten und inkompetenter Regierungen wurden die sozialen Probleme in der demokratischen Phase des Landes ab 1958 trotz Haushaltsüberschüssen nur unzureichend angegangen, und die Regierung investierte die verfügbaren Mittel zudem nicht in die Infrastruktur.
Vor diesem Hintergrund wurde das Land als lupenreiner Petrostaat durch den stark gesunkenen Ölpreis im Jahr 1983 hart getroffen. Die Nachfrage nach Rohöl war unter anderem aufgrund neuer Produzenten wie Großbritannien stark gesunken. Dem konnte das Land wenig entgegensetzen, da es keine anderen Wirtschaftszweige gab, die die sinkenden Erdöleinnahmen hätten kompensieren können. Dies führte gemeinsam mit den immer höher werdenden Auslandsschulden zu einer anhaltenden Wirtschaftskrise.
Exodus aus zerrüttetem Staat
So war es beinahe zwangsläufig, dass Hugo Chávez nach zwei gescheiterten Putschversuchen im Jahr 1998 völlig legal zum Präsidenten gewählt wurde. Der Exodus der Venezolaner hatte jedoch bereits vor Chávez begonnen. In den 1980ern hatte sich die Sicherheitslage in Caracas bereits so zugespitzt, dass die Familie meiner Frau selbst kürzeste Strecken nur noch mit dem Auto zurücklegte. Innerhalb der folgenden Dekade wanderte fast die gesamte Jahrgangsstufe meiner Frau vom Colegio Alemán Humboldt aus.
Die von Chávez durchgeführte Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Institutionen und der staatlichen Unternehmen sowie sich häufende Enteignungen privater Unternehmen trugen dazu wesentlich bei. Besonders einschneidend waren die Entlassungen bei der staatlichen venezolanischen Petróleos de Venezuela (PDVSA) nach Streikaktivitäten im Jahr 2002: Damals wurde knapp die Hälfte der Belegschaft (18.000 Mitarbeiter), die meisten davon hoch qualifiziert, entlassen.
Von diesem Schlag hat sich das Unternehmen nie erholt. Die Regional Inter-Agency Coordination Platform for Refugees and Migrants from Venezuela schätzt, dass bis November 2025 insgesamt 6,91 Millionen Menschen das Land mit seinen aktuell knapp 29 Millionen Einwohnern verlassen haben. Die Hauptausreiseländer waren Peru und Kolumbien. Aber auch nach Argentinien wanderten knapp 170.000 Venezolaner aus. Knapp 800.000 venezolanische Einwanderer leben in den Vereinigten Staaten.
Tatsächlich verbesserte sich die Lebenssituation vieler Menschen aus den unteren Schichten unter Hugo Chávez. Bis 2011 sank die Armutsquote auf 29,5 Prozent, während die Wirtschaft kräftig wuchs. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung verbesserte sich, zudem verdreifachten sich die Sozialausgaben pro Kopf. Das erklärt die Popularität Chávez’ in den unteren Schichten der Gesellschaft. Allerdings wurden nur noch geringe Mittel in die Wirtschaft investiert und die Korruption nicht bekämpft. Dadurch wurde der Grundstein für den beispiellosen Niedergang des Landes gelegt.
Das Land wurde von Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro vollständig ruiniert. Zwischen 2014 und 2020 schrumpfte die venezolanische Wirtschaft jedes Jahr – nach Angaben des Internationalen Währungsfonds kumuliert um 75 Prozent. Dieser Niedergang war auch Folge des Ölpreisverfalls, der von 2014 bis 2016 von 100 US-Dollar auf gerade einmal 30 Dollar sank. Zwar wuchs die Wirtschaft in den folgenden Jahren wieder, doch die Armutsquote beträgt derzeit 80 Prozent.
Das Land lebt hauptsächlich von Ölexporten sowie von Überweisungen der im Exil lebenden Staatsbürger. Allerdings produziert das Land derzeit nur etwa 840.000 Barrel (159 Liter) pro Tag. 1997 waren es 3,5 Millionen, 2005 immerhin noch 2,5 Millionen. Mit einer Punktzahl von 10 von 100 rangiert das Land beim Korruptionsindex auf dem drittletzten Platz. Nur Somalia und der Südsudan können das übertreffen.
Schwieriges Aufräumen
Es wird also alles andere als leicht für die Amerikaner werden, die Situation des Landes zu verbessern. Schließlich besteht nach wie vor die Abhängigkeit vom Öl. Bei einem aktuellen Preisniveau von 60 bis 70 US-Dollar pro Fass ist ein wirtschaftlich sinnvoller Abbau der Bestände allerdings kaum möglich. Der Großteil der venezolanischen Ölreserven ist nämlich so zähflüssig wie fester Honig. Um es durch eine Pipeline zu transportieren, muss es mit teuren Verdünnungsmitteln wie Naphtha gemischt werden. Allein dadurch steigen die Kosten um etwa 15 Dollar pro Barrel. Selbst wenn es auf einen Tanker gelangt, gehört es immer noch zu den Rohölen, die sich am schwersten in Produkte verwandeln lassen.
Der Vorstandsvorsitzende von ExxonMobil, Darren Woods, hat Präsident Trump vor diesem Hintergrund bereits mitgeteilt, dass Venezuela aus seiner Sicht derzeit „nicht investierbar“ sei. Damit schloss er sich den Warnungen führender Vertreter der Ölindustrie und von Analysten an, die bereits zuvor ausgesprochen worden waren.
Haben die Amerikaner all dies bedacht? Die Angaben zu ihren Zielen waren widersprüchlich. Zunächst hieß es, die Amerikaner würden die Regierungsgeschäfte übernehmen, später hieß es, dass die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez geschäftsführend die Führung des Landes übernehmen werde. Es ist alles andere als ein kalkulierter Regimewechsel.
Viele Befürworter der Intervention der US-Amerikaner sind enttäuscht, dass nicht die Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado die Regierung übernahm. Trump bescheinigte ihr zwar, sie sei „nett“, stellte aber im gleichen Atemzug fest, sie genieße im Land aber keinen „Respekt“. In einer geheimen Einschätzung war die CIA zuvor zu dem Schluss gekommen, dass hochrangige Maduro-Getreue am besten geeignet wären, um die Stabilität Venezuelas zu wahren.
Das ist eine gewagte These, denn hätte Machado unter regulären Bedingungen an den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024 teilnehmen können, wäre ihr der Sieg sicher gewesen. Maduro ließ sie jedoch nicht zu und fälschte die Wahl anschließend.
Delcy Rodríguez, die bisherige Vizepräsidentin, ist natürlich vollständig von Washington abhängig. Bereits nach wenigen Tagen hat sie das Kabinett umgebildet und dabei den mächtigen und berüchtigten Industrieminister Alex Saab entlassen. Dieser war in die Kritik geraten, da er als Strohmann des entmachteten Maduro galt.
Trumps Vorgehen passt sehr gut zur neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die am 5. Dezember des vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Sie wurde von Interessengruppen beeinflusst, die eine Eindämmung Chinas und Russlands für prioritär halten. Demzufolge müsse die westliche Hemisphäre politisch, wirtschaftlich, kommerziell und militärisch von den USA kontrolliert werden.
Wiederbelebung der Monroe-Doktrin
Dabei handelt es sich um eine Wiederbelebung der Monroe-Doktrin aus dem Jahr 1823, die festlegte, dass europäische Mächte nicht in Lateinamerika intervenieren sollten. In den vergangenen Jahrzehnten hat Washington diese Doktrin vernachlässigt, nun wird sie durch Trump wiederbelebt.
Das neue Spiel der Muskeln korrespondiert mit dem sogenannten Mar-a-Lago-Abkommen. In diesem wurde ebenfalls gefordert, die von den USA den Verbündeten bereitgestellte militärische Stärke für wirtschaftliche Zugeständnisse zu nutzen. Der Vorgang um Venezuela unterstreicht nun, dass Washington unter Trump alles andere als ein monolithischer Meinungsblock ist. Trump lässt sich von unterschiedlichen Beraterkreisen beeinflussen, trifft seine Entscheidungen dann aber, indem er seinem Instinkt folgt. Dabei trifft er, wie im Fall Venezuelas, riskante Entscheidungen, agiert dann jedoch kontrolliert und mit Bedacht.
Viel diskutiert wurde die Frage, ob die Festnahme Maduros dem internationalen Recht entspricht. Trump hat gewichtige Gründe genannt, und die große Mehrheit der Venezolaner sowohl im Inland als auch in der Emigration halten angesichts des katastrophalen Zustands des Landes und der Hilflosigkeit der UN den US-Zugriff moralisch für gerechtfertigt.
Der Fall Maduro ist so oder so ein harter Schlag für alle, die noch an den Sozialismus glauben. Trump hat Mexiko, Kolumbien und Kuba bereits gewarnt. China und Russland scheinen konsterniert. Dies sollte auch der EU angesichts der Bedrohungen von Bürgerrechten und Wirtschaftsfreiheit zu denken geben. Man darf also gespannt sein, wie es in Venezuela weitergeht.

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