Suqaylabiyah ist eine alte christliche Stadt Syriens. Kurz vor Palmsonntag wird sie und ihre Einwohner schwer von bewaffneten Islamisten angegriffen, Häuser und Läden werden verwüstet. Während Christen in Syrien wieder um ihr Überleben fürchten müssen, will Merz Ahmed al-Scharaa am Montag in Berlin empfangen.
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Omar Albam
Suqaylabiyah ist nicht irgendeine syrische Provinzstadt, sondern einer der traditionsreichsten christlichen Orte im Bezirk Hama. Der Ort geht auf die Nähe zur antiken Seleukidenstadt Seleucia ad Belum zurück, die moderne Stadt entstand im 19. Jahrhundert und wurde von griechisch-orthodoxen Christen geprägt, die sich dort dauerhaft ansiedelten. Bis heute gilt Suqaylabiyah als mehrheitlich griechisch-orthodoxe Stadt und damit als sichtbarer Rest jenes alten christlichen Syrien, das seit Jahren zwischen Krieg, Islamismus und staatlichem Zerfall aufgerieben wird. Genau deshalb ist der jüngste Angriff mehr als ein lokaler Gewaltausbruch: Getroffen wurde nicht bloß Eigentum, getroffen wurde ein historisch gewachsenes Zentrum christlichen Lebens.
In der Nacht zum Samstag griffen bewaffnete Islamisten christliche Häuser, Geschäfte und Fahrzeuge in Suqaylabiyah an. AP berichtet von einem groß angelegten Angriff auf christliches Eigentum und ordnet ihn in eine breitere Welle von Übergriffen gegen Minderheiten in Syrien seit dem Machtwechsel Ende 2024 ein. Selbst in der weichgespülten Agentursprache bleibt der Kern unübersehbar: Eine christliche Stadt wurde kurz vor Palmsonntag Ziel schwerer sektiererischer Gewalt.
Die Iraqi Christian Foundation formulierte es auf X deutlich schärfer und präziser: „Am Vorabend von Palmsonntag und der Karwoche greifen bewaffnete Islamisten in der alten christlichen Stadt Suqaylabiyah in Syrien christliche Geschäfte, Wohnhäuser und Kirchen an. Die mit Al-Qaida/IS verbündete syrische Regierung befürwortet diese Angriffe, die, wie vorhergesagt, eine katastrophale Lage für Syriens Christen und andere Minderheiten verursacht haben. Christen im Nahen Osten sind derzeit vom Heiligen Land über den Libanon und Syrien bis in den Irak Angriffen ausgesetzt. Gott stehe allen bei.“
AP schreibt von einer breiteren Serie von Angriffen auf Christen, Alawiten und Drusen, von wachsender Angst unter Minderheiten und von Zweifeln, ob die neue Führung in Damaskus islamistische Fraktionen überhaupt zügeln kann oder will. Bei der Vergangenheit von al-Scharaa/Jolani, IS-Schlächter, der sich darin gefallen hat mit den abgetrennten Köpfen seiner Opfer für Fotos zu posieren, steht jedenfalls nicht im Verdacht, seine Anhänger bei diesen monatelangen Säuberungen christlicher Bevölkerungsgruppen in Syrien realiter zurückzuhalten. Reuters hat für 2025 eine Kette von Massakern an Alawiten dokumentiert, die in das Umfeld der neuen syrischen Machthaber reicht. Genau deshalb ist die Ausrede vom bloßen eskalierenden Streit zwischen zwei Männern, den einige linke Medien heranziehen, um den jüngsten Angriff auf Christen in Suqaylabiyah zu vernebeln, so unfassbar verlogen. Weitere Berichte beschreiben, dass eine Gruppe junger Muslime in Suqaylabiyah versucht habe, christliche Mädchen zu vergewaltigen. Die Männer der Stadt haben sich erfolgreich gewehrt und die Muslime in die Flucht geschlagen – die im Anschluss mit einem von der Regierung unterstützten Mob zurückkehrten, Häuser plünderten und das Feuer eröffneten. Christliche Männer seien festgenommen worden und sollen hingerichtet werden.
Düzen Tekkal schreibt auf X: „Pogrom-Stimmung in der syrischen Provinz Hama gegen Christen in Syrien und stundenlange Gewalt gegen Zivilisten und lokale Geschäfte, aber Bundeskanzler FriedrichMerz empfängt ausgerechnet jetzt den syrischen Interimspräsidenten Al Jolani auf dem roten Teppich in Deutschland? Islamisten sind also nur ein Problem, wenn es gerade ins Bild passt? Was für ein Verrat an Minderheiten und Menschlichkeit!“
Der Besuch Jolanis in Berlin ist offiziell angekündigt. Die Bundesregierung teilte am 27. März mit, dass Bundeskanzler Friedrich Merz Ahmed al Scharaa am 30. März im Kanzleramt empfängt, mit anschließender gemeinsamer Pressekonferenz. Während in Syrien Christen wieder erfahren, was es heißt, einer schutzlosen Minderheit anzugehören, rollt Berlin dem Mann aus Damaskus das protokollarische Tuch aus.
Journalistin Liv von Bötticher schreibt auf X: „Die aktuellen Bilder aus Syrien sind in der Tat erschütternd. Sollte der Bundeskanzler das morgen nicht ansprechen und scharf verurteilen, ist das nichts anderes als ein Verrat der christlichen Werte.“ Manaf Hassan formuliert es ebenfalls: „Über Nacht haben IS- und Al-Qaida-nahe Terroristen aus den Reihen des syrischen Machthabers Jolani in Syrien Pogrome gegen Christen verübt. Christen wurden angegriffen, ihre Läden und Wohnungen geplündert. Ziel ist es, die Christen zu vertreiben und zu enteignen.
Am Montag kommt Jolani auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz nach Deutschland. Das muss man sich einmal vorstellen: Der Bundeskanzler und Fraktionsvorsitzende der sogenannten Christlich Demokratischen Union lädt einen Mann ein, der Christen und andere Minderheiten ermorden, foltern, einsperren, enteignen und vergewaltigen lässt und selbst viele Jahre direkt beteiligt war.“
Eine alte christliche Stadt wird im Vorfeld der Karwoche angegriffen. Internationale Medien berichten über Verwüstungen in christlichen Häusern, Läden und Fahrzeugen. Menschenrechtler warnen seit Monaten vor Gewalt gegen Minderheiten unter der neuen syrischen Führung. Und ausgerechnet in diesem Moment sucht Berlin nicht Distanz, sondern große politische Bühne. Währenddessen haben wir zigtausende von Al Schaaras Sympathisanten im Land, die den syrischen Machtwechsel auf den Straßen und Plätzen aller deutschen Großstädte frenetisch gefeiert haben.

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