Papst kritisiert mangelnde Meinungsfreiheit im Westen

Leo XIV. zeigt, dass er sich in keine politische Schublade einordnen lässt. Mit seiner letzten Ansprache tritt er jedoch vor allem den Orwellschen Meinungswächtern auf die Füße. Das war eine Attacke mit Ansage.

picture alliance / Hans Lucas | Catholic Press Photo

Der Papst segnet einen Eisblock. Als Leo XIV. das „Klima-Ritual“ vollzog, da war für Linke wie Rechte klar: Dieser Papst muss woke sein. Die Bereitschaft, den neuen Pontifex nicht entlang der schwarz-weißen Linien politisch einzuordnen, fällt insbesondere Kommentatoren schwer, die katholisch „unmusikalisch“ sind. Aber selbst innerhalb des katholischen Lagers hat man sich daran gewöhnt, seine Welt überschaubar halten zu wollen.

Dass Leo XIV. sich weder auf Klima noch Flüchtlinge reduzieren lässt, hat der US-Pontifex dabei immer wieder gezeigt. Bei der ersten Generalaudienz im Mai machte er gegenüber Journalisten klar, dass zahlreiche Medien ideologisiert seien. Journalisten hätten sich dagegen – sinngemäß – am Guten und Wahren zu orientieren. Seine Haltung fundierte er mit der Auslegung des Heiligen Augustinus. Die Welt ist schlecht – aber durch unser Denken und unsere Taten formen wir die Welt.

Das hätte schon damals aufmerksam machen müssen – insbesondere, da Leo seine Medienkritik, die eindeutig gegen die eher linke Berichterstattung gerichtet war, nur wenige Tage nach der Wahl äußerte. Schon aus seiner Zeit als General-Prior der Augustiner (2001 bis 2013) stammt ein Video, in dem Robert Prevost durchaus suggerierte, dass viele Medien mit ihrer Berichterstattung die Menschen von der biblischen Botschaft trennten.

Auf der anderen Seite hat Leo katholische Influencer ermutigt, auf Social-Media-Plattformen wie X zu bleiben, um dort als Zeugen den katholischen Glauben zu verteidigen und zu verbreiten. Auch das hätte eigentlich Zeichen sein müssen, dass Leo in der Frage der Berichterstattung die Möglichkeit „neuer Medien“ in der Form von Bürgerjournalismus und unabhängigen Meinungsmachern begrüßt. Logischer Umkehrschluss: Der neue Pontifex kennt die linke Schlagseite der etablierten Medien.

Die Neujahrsansprache ist daher keine Wende. Sie ist eher die logische Konsequenz bisheriger Äußerungen und stilistischer Wahl des vierzehnten leoninischen Papstes. Viele Beobachter machen es sich zu einfach, wenn sie den Augustiner lediglich auf politische Äußerungen reduzieren. Leo ist weder ein Anti-Trump-Papst noch ein Franziskus II. und schon gar nicht woke. Auch linke Medien hatten bis zum Freitag ein beträchtliches Interesse daran, den Petrus-Nachfolger für sich zu vereinnahmen und dementsprechend zu berichten, indem sie Versatzstücke verwendeten, um eine Fortsetzung des Bergoglio-Pontifikats zu suggerieren.

Umso stärker scheint nun der Kontrast zu sein – wenn man nicht nur Leos vorherige Äußerungen zu Medien ignoriert, sowie die vielen kleinen Änderungen, die er leise eingeführt hat. Das beginnt beim liturgischen Stil, der deutlich an Benedikt anknüpft. Das setzt sich fort mit dem (Wieder-)Einzug in die Vatikanischen Gemächer und der Visite in der Sommerresidenz Castel Gandolfo – Orte, die Franziskus verwaisen ließ. Nach den chaotischen Bergoglio-Jahren führt der Papst wieder regelmäßige Kardinalskonsistorien, bei denen die Purpurträger sich austauschen und das Kirchenoberhaupt informieren. Dabei ging es letztens – zum Leidwesen der Bergoglianer – weniger um politisch-progressive Themen, denn die Evangelisierung. Inhaltlich hob Prevost neben seinem direkten Vorgänger auch Ratzinger hervor.

Leo ist ein sozialer Papst mit theologisch-intellektuellem Unterbau; er ist aber vor allem ein komplett unabhängiger und neuer Papst, der seine eigene Agenda hat. Dafür steht auch sein Name, der auf keinen seiner direkten Vorgänger rekurriert. Leo XIII. war der Vater der Katholischen Soziallehre und zugleich in der Theologie konservativ. Dass sich Rechte und Linke an ihm reiben würden, wurde bereits früh prognostiziert – weil er sich nicht mit der Politik gemein machen wird. Die Zeit des UN-Papsttums ist vorbei.

Insofern können folgende Äußerungen nur diejenigen verwundern, die sich bisher nicht mit Leo beschäftigt haben:

„In unseren Tagen wird die Bedeutung von Wörtern immer fluider und die Konzepte, die sie repräsentieren, immer mehrdeutiger. Die Sprache ist nicht mehr das bevorzugte Mittel der Menschen, um sich kennenzulernen und sich zu begegnen, sondern wird in den Windungen der semantischen Mehrdeutigkeit immer mehr zu einer Waffe, mit der man Gegner täuschen oder aber treffen und beleidigen kann. Wir müssen dafür sorgen, dass Worte wieder unzweideutig klare und deutliche Wirklichkeiten ausdrücken. Nur so kann ein authentischer Dialog ohne Missverständnisse wiederaufgenommen werden. Dies muss in unseren Häusern und auf unseren Plätzen, in der Politik, in den Medien und in den sozialen Netzwerken sowie im Kontext der internationalen Beziehungen und des Multilateralismus geschehen, damit dieser wieder die erforderliche Kraft erlangt, um seine Rolle als Vermittler und Schlichter zu erfüllen, die zur Konfliktverhütung notwendig ist, und niemand versucht ist, andere mit Gewalt zu unterdrücken, sei sie verbal, physisch oder militärisch.“

Leo legt den Finger in die Wunde. Die Krankheit des Westens besteht in einer babylonischen Sprachverwirrung, die die Menschen selbst herbeigeführt haben. Die Sprache ist zur Waffe geworden. Der Marktplatz der Ideen, Multilateralismus und Völkerverständigung funktionieren nicht mehr. Wer in den Sozialen Medien unterwegs ist, versteht sofort, was der Pontifex meint: Dort geht es nicht um Austausch, sondern darum, die Debatte zu gewinnen und seinen Gegner zu blamieren. Der Diskurs ist vergiftet. Leo setzt sich als Friedenspapst auch für die verbale Abrüstung ein.

So weit, so gut, könnte man sagen – denn die Vergiftung des Diskurses wird ja in unseren Breiten nur einem politischen Lager zugeschrieben. Im Zweifel meint der Pontifex – so könnte nun ein ideologisch geschulter Journalist von exakt jenem Begriffsverwirrerschlag „einordnen“ – eben Orbán, Meloni, Weidel und Putin. Aber Leo hat offenbar ein Interesse daran, dass er in diesem Punkt klar verstanden wird:

„Es muss auch angemerkt werden, dass das Paradox dieser Entkräftung des Wortes oft im Namen der Meinungsfreiheit selbst befördert wird. Bei genauerer Betrachtung gilt jedoch das Gegenteil: Die Rede- und Meinungsfreiheit wird gerade durch die Gewissheit der Sprache und die Tatsache garantiert, dass jeder Begriff in der Wahrheit wurzelt. Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.“

Leo nimmt also explizit den linken Vorwurf auf, die Meinungsfreiheit sei das eigentliche Übel – und entkräftet diesen damit, dass die Gegner der Meinungsfreiheit die Übeltäter sind. Der Pontifex macht die Stoßrichtung auch durch den Gebrauch einer „inklusiven Sprache“ deutlich, die ideologisch non-konforme Menschen ausschließt.

Doch auch im weiteren Verlauf der Ansprache wird klar, dass Leo eine gefährliche Entwicklung im Westen wahrnimmt. Denn mit der Meinungsfreiheit verbunden ist die Gewissensfreiheit. Explizit spricht der Papst von der „Verweigerung des Militärdienstes im Namen der Gewaltfreiheit oder die Ablehnung von Praktiken wie Abtreibung oder Euthanasie durch Ärzte und medizinisches Personal“. Implizit fielen darunter auch Fälle wie der von Päivi Räsänen, die wegen ihrer LGBTQ-Kritik nun zum dritten Mal vor einem finnischen Gericht steht, weil sie aus der Bibel zitierte.

Leo zählt solche Fälle zur Kategorie einer subtilen Christenverfolgung. Was aber noch viel wichtiger ist: Leo hat auch die gefährliche Eskalation der Christenverfolgung in der Welt mit deutlichen Worten verurteilt. Auffällig ist dabei auch Nigeria, wo er die Verfolgung von Gläubigen auch wegen religiöser Gründe erklärte. Das ist deswegen wichtig, weil im November zahlreiche Medien behauptet hatten, nigerianische Christen würden lediglich Opfer von Verteilungskämpfen, von „sozialen Konflikten“ oder eines Bauern-Nomaden-Gegensatzes. Die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) hatte dazu sieben Punkte veröffentlicht, dass sehr wohl eine religiöse Christenverfolgung durch islamistische Fulani-Milizen stattfände. De facto gibt der Pontifex dieser Darstellung nun Recht.

In einer weiteren zentralen Stelle sagt der Papst nichts weniger, als dass zahlreiche Ideologen ihren gesunden Menschenverstand verloren haben, und durch die Überbetonung ihrer eigenen, „neuen Rechte“ die eigentlichen Menschenrechte bedrohen:

„Die von mir dargelegten Überlegungen lassen vermuten, dass es im gegenwärtigen Kontext zu einem regelrechten „Kurzschluss“ der Menschenrechte kommt. Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet. Dies geschieht dann, wenn jedes einzelne Recht selbstreferenziell wird und insbesondere dann, wenn es seine Verbindung mit der Wirklichkeit der Dinge, mit deren Natur und mit der Wahrheit verliert.“

Anders als beim Populisten Bergoglio stehen den Überlegungen Prevosts eine weite Auslegung von Augustinus’ De Civitate Dei voran. Es ginge zu weit, diese hier komplett auszuführen. Nur so viel: Leo argumentiert mit einem theologisch geschlossenen Bild. Seine politischen Positionen sind keine Anbiederung, auch kein Ringen um Relevanz, sondern entspringen einem frommen Gottesbild. Franziskus wusste sehr genau, wie er die linksliberalen Medien für sich begeistern konnte, etwa durch sein „schlichtes“ oder „demütiges“ Auftreten und populistische Schlagworte. Leo ist in dieser Hinsicht deutlich „benediktinischer“, als viele annehmen wollten.

Dazu gehört auch eine differenziertere Sichtweise auf zahlreiche polarisierende Themen. Ja, auch Leo wird weiterhin bei der Migration keine rechte Position vertreten. Implizit hat er jedoch das Recht der Staaten betont, gegen Menschenhandel und Illegalität vorzugehen, wenn sie nicht zum Vorwand werden, um „die Würde von Migranten und Flüchtlingen zu verletzen“. Ebenso hat er für Venezuela betont, den Willen des Volkes zu respektieren und sich für den Schutz von Menschen- und Bürgerrechten einzusetzen – was man sowohl gegen Trump als auch gegen Maduro interpretieren kann.

Man mag sich nun fragen: Warum erst jetzt? Die Antwort ist einfach. Das Jahr 2025 war ein Heiliges Jahr und das Todesjahr von Franziskus. Für Leo war es daher wichtig, zuerst den Betrieb in geordneten Bahnen fortzuführen. Es ist Tradition, dass der Papst die Vertrauensleute seines Vorgängers nicht entlässt, sondern wiederernennt. Der Austausch findet erst später statt. Ähnlich ist es bei der Positionierung. In der Katholischen Kirche schlägt der Takt langsamer als in der Politik. 2026 ist dagegen das Jahr, in dem Prevost seine eigenen Akzente setzen wird. Für kirchliche Verhältnisse hat er in diesem Punkt wenig Zeit verloren.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 12 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

12 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Mathias Rudek
4 Stunden her

„Gottseidank“, der Vatikan tickt in der Staffel-Übergabe langsamer, um Ordnung zu schaffen und sich zu sortieren. Und das was ich jetzt von Leo XIV höre läßt mich aufatmen.

Jerry
4 Stunden her

Welt TV hat es sinngemäß lediglich so interpretiert:
„Der Papst kritisiert seinen Landsmann Donald Trump“.
Der Rest wurde wohl irgendwie ausgeblendet….

Britsch
4 Stunden her

Ich denke das zeugt auch von einem gewissen Realitätssinn.
Diejenigen, welche die Meinungsfreiheit einschränken unterstützen auch dadurch die Islamisierung

maps
5 Stunden her

Kommt nur 10 Jahre zu spät und ausser in den USA wird es eh ignoriert!

imapact
6 Stunden her

Man wird sehen, ob und was der Papst gegen die Entwicklung beispielsweise in Deutschland tun kann, wo die katholische Kirche dabei ist, zur linksversifften EKD 2.0 zu werden. Also eine reine Vorfeldorganisation der Grünen, die von noch reichlichen Kirchensteuereinnahmen gemästet wird.

Harry Charles
6 Stunden her

GEORGE ORWELL ZERSTÖRT LINKE MYTHEN Er ist eine wichtige literarische Bezugsgröße und nicht nur bekannt für seine „1984“ – Dystopie. Seiner Biografie ist einerseits zu entnehmen, dass er im spanischen Bürgerkrieg auf „republikanischer “ (also linker, wenn man so will) Seite gekämpft hat, andererseits kritisiert er den Kommunismus (der für viele immer noch völlig zu Unrecht als „menschenfreundliche“ Ideologie gilt) vor allem in „Animal Farm“ heftig. In diesem Roman in Form einer Fabel beschreibt er, wie der Kommunismus sich allmählich zu einer wesentlich schlimmeren Schreckensherrschaft entwickelt, als die, die er vorgibt, abschütteln zu wollen: die Schweine übernehmen die Macht (darf… Mehr

moselbaer
6 Stunden her

Jetzt bin ich mal auf die Reaktion der katholischen Amtskirche in Deutschland gespannt. Und natürlich auf die Reaktion von CDU und CSU. Vielleicht erinnern die sich dann daran, dass das „C“ in ihrem Namen nicht für Censur steht…

Guzzi_Cali_2
6 Stunden her

Ich bin alles andere als gläubig, aber wenn dieser Papst so im Sinne der Bürger agiert, hat er meinen größten Respekt. Ich fürchte nur, daß er von den Linksradikalen damit automatisch in die „rechte Ecke“ gedrängt und damit zum Feind gebrandmarkt wird. Feind der linken, ideologisch Verblendeten zu sein, kann lebensgefährlich sein, wie man am Attentat auf Charlie Kirk und dem versuchten Attentat auf Donald Trump sehen konnte. Sie werden es nicht dabei belassen, es versucht zu haben. Es wird Zeit, die gesamten Sozialisten-Kohorten nebst ihrer NGOs und der bekanntermaßen grünlinken Journaille unter Beobachtung zu stellen.

Schwermetaller
6 Stunden her

Er ist humanistisch gebildet. Kennt Platon (und andere). Er ist US-Amerikaner. Land of the free, home of the brave – weil man humanistisch gebildet ist, Platon (und andere) kennt und die richtigen Schlüsse aus diesen Lehren zu ziehen vermochte und aktuell scheinbar auch wieder zu ziehen vermag, während sich die dunklen Wolken des bösen und bösartigen Sozialismus dort langsam wieder lichten. Der fröhlich-freundliche Geist der Freiheit beginnt wieder sein wundervoll-liebliches Antlitz zu zeigen. Egal, wer was wie nicht kann, festzuhalten für den zu Schland Verdammten bleibt die Erkenntnis, daß Schland und die Schlandler das eben nicht können und in ihrer… Mehr

Dellson
6 Stunden her

Man darf halt nie die Rechnung ohne den Joker machen!
Wie weiland hierzulande getitelt wurde: „Wir sind Papst!“ wurde es mit dieser Einlassung wohl nun auch klar. Der aktuelle Papst ist ein Amerikaner!
Und wenn auch nur noch ein kleiner Rest in seiner Sozialisation vorhanden sein sollte, so zählt wohl sein Verständnis für “ unsere Demokratie“ nicht zu seiner Auffassung von gelebter Demokratie. Der Klerus hierzulande sollte sich schnellstmöglich wie erwartet davon distanzieren oder weiter unter sich Vulven malen!
Matthäus 23,28: „So auch ihr: Äußerlich scheint ihr Menschen gegenüber gerecht zu sein, aber innerlich seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.“