Wenn Olympia zur Frontlinie von Protest und Sicherheitsstaat wird

Die ganze Welt feierte eine gelungene Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Cortina und Mailand. Apertura und Alta Moda können die Italiener. Ein feines Spektakel – doch abseits der Pisten mobilisiert der linke Mob, hinter den Kulissen wird Politik betrieben.

Wie die ARD aus einem Kaff an der deutsch-französischen Grenze die Partnerstadt von Tolkiens Mordor macht.

Il Resto del Carlino, eine der ältesten italienischen Tageszeitungen mit Sitz in Bologna, setzte den Ton bereits vor wenigen Tagen etwas anders – und zwar durchaus nicht sportlich-idyllisch. Während Kameras auf Pisten, Kurven und Medaillen gerichtet sind, befindet sich Italien längst in einem Ausnahmezustand, der weit über die Logik eines Wintersportfestes hinausgeht. Die Olympischen Spiele von Milano–Cortina sind ein globales Schaufenster – und zugleich eine Frontlinie. Für Machtpolitik, für gesellschaftliche Konflikte, für den Zustand des Westens.

Während sich die Sportwelt an Zeiten, Schwüngen und Podien erfreut, hat sich der große Sportpalast zur Bühne geopolitischer und innerer Auseinandersetzungen entwickelt. In Italien wird gerade nicht nur ein Sportereignis organisiert, sondern ein politisches Spektakel: mit massiver Präsenz von Sicherheitskräften, wohl auch mit Streitkräften im Innern, mit technologischer Überwachung, mit Projektionen von Stärke – und mit ausländischen Agenten.

Wie das katholisch-konservative Blatt Avvenire und der Corriere della Sera berichten, steht das Land unter Hochspannung. Mailand und Cortina sind Gastgeber, aber auch Hochsicherheitszonen. Olympische Spiele sind kein positiver Ausnahmezustand mehr, sondern kontrollierter Ernstfall.

Diplomatische Spiele: Meloni, Vance und die Choreografie der Macht

Noch bevor der erste Athlet startet, richtet sich der Blick auf die politischen Tribünen. Italien empfängt 51 Staats- und Regierungschefs. Giorgia Meloni nutzt diesen Moment konsequent. „Werte, die Europa und die Vereinigten Staaten zusammenhalten“, sagt sie – und meint damit den Westen als politisches Projekt. Der Auftritt von J. D. Vance, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, ist präzise inszeniert: die US-Flagge an der Präfektur von Mailand, ein Konvoi aus über zwanzig Fahrzeugen, fast drei Stunden Gespräche, ein Arbeitsessen mit Risotto, das länger dauerte als geplant. Mit am Tisch natürlich: Außenminister Antonio Tajani und US-Außenminister Marco Rubio.

Die Themenliste zeigt, worum es wirklich geht: Iran, Venezuela, Energieversorgung, strategische Mineralien, sichere Lieferketten. Sport ist hier Kulisse. Vance’ Büro spricht später von der „großen Solidität der bilateralen Beziehungen“. Meloni von einem transatlantischen Wertefundament, das Europa und Amerika zusammenhalte.

Auffällig bleibt die Abwesenheit von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Seine Distanz zur neuen US-Linie zuletzt in der Gaza-Frage und anderen geopolitischen Symbolen, ist ein mal lauter, mal stiller Kontrapunkt.

Parallel dazu spricht Giorgia Meloni mit Polens Präsident Karol Nawrocki über die Ukraine, Verteidigungskooperation und Abschreckung. Mit dem Emir von Katar, Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani, geht es um Gaza, Libyen und die Frage, wie Stabilisierung nach dem Krieg aussehen kann. Präsident Sergio Mattarella und Papst Leo XIV. erinnern an die olympische Waffenruhe – Worte, die groß klingen, während draußen vor den Toren Mailands und anderswo die Lage längst kippt.

Sicherheitsstaat: 6.000 Beamte, rote Zonen und totale Kontrolle

Mailand, Cortina d’Ampezzo und die umliegende Alpenregion stehen unter einer Sicherheitsarchitektur, die kaum noch Raum für olympische Romantik lässt. Mehr als 6.000 Einsatzkräfte von Polizei, Carabinieri und Guardia di Finanza sind zwischen dem 6. und 22. Februar im Einsatz. Dazu kommen Nachrichtendienste, Cyber-Einheiten und militärische Unterstützung.

Die Städte sind in „Zone rosse“, rote Zonen, eingeteilt: gekennzeichnete Bereiche mit strengen Zutrittsregeln, Ausweiskontrollen und Aufenthaltsbeschränkungen. Über Teilen Mailands gilt ein Flugverbot für Drohnen und Privatmaschinen. Protestaktionen gelten als fest eingeplant, soziale Netzwerke werden nach Mobilisierungsaufrufen und Gewaltfantasien durchforstet.

Die Botschaft der Behörden ist eindeutig: Sicherheit ist kein Luxus, sondern Staatsraison. Nicht nur Athleten und VIPs sollen geschützt werden, sondern das internationale Bild Italiens. Das Land will zeigen, dass es ein Großereignis abwickeln kann – auch unter maximalem politischem und gesellschaftlichem Druck.

Doch dieser Druck entlädt sich. Sabotageakte an Bahnstrecken in Bologna und Pesaro legen den Verkehr lahm. Kabel werden durchtrennt, Züge gestrichen, Tausende Reisende stranden. Ermittler prüfen anarchistische Spuren, Parallelen zu den Sabotagen rund um Paris 2024 sind offensichtlich. „Bekenntnisse“ fehlen (bisher) – der Effekt ist dennoch maximal. Italiens Sicherheitsbeamte sind zwar gut gebrieft, arbeiten aber am Limit.

Protest, ICE und die Straße als Gegenbühne

Was als europäisches Sportfest begann, wird schnell zum politischen Brennpunkt. Im Zentrum der Proteste steht die Präsenz von Beamten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE. Die USA wollen, so berichten italienische Medien, ICE-Agenten zur Absicherung ihrer Delegation einsetzen – zur Unterstützung des diplomatischen Sicherheitsdienstes, nicht als klassische Polizeitruppe.

Doch ICE ist ein Reizwort. In den Vereinigten Staaten ist die Behörde wegen harter Einsätze, Abschiebungen und tödlicher Zwischenfälle in den Medien. Das wirkt in Italien wie ein Brandbeschleuniger. Minnesota wird in Mailand fortgesetzt. Linke Parteien, NGOs und Autonome mobilisieren. Der grüne Bürgermeister von Mailand, Beppe Sala, nennt ICE eine „Miliz, die tötet“ – und erklärt sie in seiner Stadt für unerwünscht. Das wirkt nicht gerade freundlich oder deeskalierend.

Rund 3.000 Demonstranten ziehen durch Mailand, begleitet von internationalen Medien. Am Corvetto eskaliert die Lage: Rauchbomben, Böller, Angriffe auf Polizeiketten, der Versuch, auf die Autobahn vorzudringen. Die Polizei antwortet mit Tränengas und Wasserwerfern. Mehrere Festnahmen. Bilder, die um die Welt gehen.

Außenminister Tajani spricht von der extremen Linken, die Sicherheitskräfte attackiere. Verteidigungsminister Crosetto klagt über Beamte, die doppelt angegriffen würden – von Gewalttätern und von jenen, die den Staat delegitimieren. Giorgia Meloni und Matteo Salvini formulieren unisono scharf: „Nemici dell’Italia“. Feinde Italiens seien jene, die mit Sabotage und Gewalt das internationale Ansehen des Landes beschädigten.

Und während all das geschieht, ringt der Sport um Aufmerksamkeit. Sofia Goggia gewinnt Bronze – ein weiterer Beweis ihrer Ausnahmeklasse. Doch das Bild, das bleibt, ist der schwere Sturz von Lindsey Vonn: der Schrei, die Stille, der Hubschrauber, die unterbrochene Abfahrt. Triumph und Tragödie liegen bei diesen Spielen erschreckend nah beieinander. Italien wird seinen Sicherheitsstaat ausbauen – alles längst geplant.

Milano–Cortina zeigt, was Olympische Spiele im Jahr 2026 sind: kein unpolitisches Fest mehr, sondern ein Brennglas mehr denn je. Für westliche Machtprojektion. Für linken Protest. Für ein Italien, das im Zentrum steht – bewundert, beobachtet, angegriffen. Die Flamme brennt. Aber sie brennt im Sturm.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 3 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

3 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Logiker
5 Minuten her

Man kann ja mehr denn je über die Sinnhaftigkeit und Olympiatauglichkeit gewisser Sportarten und Wettbewerbserfindungen bei diesen Olympischen Spielen diskutieren (sollte man m.E. sogar) – aber eins steht fest: Politik hat dort nichts zu suchen. Obwohl immer wieder und teils erfolgreich (z.B. Sanktionen gegen Russland und belorus) versucht oder durchgesetzt. Was aber auffällt, dass es die woke Gemeinde ist, die sich über gewisse Dinge echauffiert. Inklusive des ÖRR. O-Ton: „Die deutschen Nordisch-Kombiniererinnen dürfen an Olympia nicht teilnehmen, weil sie Frauen sind.“ Was wollen uns die Ideologen damit sagen ? Diese Sportart steht gar nicht auf dem Programm. Vielleicht hat man… Mehr

ralf12
24 Minuten her

„Papst Leo XIV. erinnern an die olympische Waffenruhe“ Wie kommt er darauf? Weshalb soll es die geben? Russland ist ausgeschlossen bzw. darf nur unter neutraler Flagge teilnehmen. Was für Trauerspiel. „was Olympische Spiele im Jahr 2026 sind: kein unpolitisches Fest mehr“ Das ist schon Jahre davor kein unpolitisches Sportfest mehr. Genaugenommen war es noch nie unpolitisch. Darum ist der Satz, den ich erst für einen Fehler hielt: „Was als (west) europäisches Sportfest begann….“ Korrekt. Man muß nur noch (west)europäisch durch US geführte Länder ersetzen, dann stimmt es. Die Welt kommt für Olympia nicht mehr in Frage. Am Besten dieses Spektakel… Mehr

Peter Pascht
41 Minuten her

„Die Themenliste zeigt, worum es wirklich geht“ um „Denn sie wissen nicht was sie tun“ – die Menschen und Journalisten Sie Reduzieren diese Welt auf ihr klägliches Unwissen, die Realität zu Narativen des Unwissens. Es gibt keinen Grund für Elogen an Trump und Hass gegen den Westen – lehrt die Geschichte. Trump ist auf einem skrupellosen geopolitischen Egotrip. Denn, waren alle seine Vorgänger so viel dümmer als er, wie er glaubt? – muss man fragen. Auch im Gaza palästinenser Komplex, geht es nicht um einen ethnischen Konflikt, sondern um einen Religionskrieg. Moderne DNA Analysen zeigen, Palästinenser und Israelis sind zu… Mehr