Nur der Westen steht geschlossen gegen Putin, aber nicht der Rest der Welt

Die europäische und Nato-Geschlossenheit trügt. Einige wichtige Staaten halten sich mit Kritik an Russland sehr zurück. Darunter nicht nur die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Eine besondere Vermittler-Rolle spielt Israel.

IMAGO / NurPhoto
Abstimmung in der Uno-Generalversammlung über eine Resolution gegen Russlands Angriff auf die Ukraine, 2. März 2022
Seit dem Überfall von Putins Russland auf die Ukraine ist oft die Rede davon, dass er sich sowohl über die Wehrhaftigkeit der Ukrainer als auch die Geschlossenheit der internationalen Reaktionen gegen ihn geirrt habe. Letzteres gilt allerdings nur für den klassischen Westen. Der steht tatsächlich geschlossen da, nicht nur mit der Nato und den anderen westlich gesinnten Verbündeten der USA. Auch die klassischen neutralen Staaten in Europa, Schweden, Schweiz, Österreich und Finnland beteiligen sich an den Sanktionen gegen Putins Russland.

Doch außerhalb der westlichen Länder (zu denen man auch Südkorea und Japan zählen kann) ist die Ablehnung gegen die russische Aggression alles andere als geschlossen, wie die jüngste Abstimmung in der UNO-Vollversammlung zeigte. Dort wurde die Resolution gegen Russland zwar mit einer großen Mehrheit angenommen, bei nur fünf Gegenstimmen (Russland, Weißrussland, Syrien, Nordkorea, Eritrea). Allerdings kommen die Enthaltungen beziehungsweise Nichtteilnahmen an der Abstimmung ausgerechnet von den bevölkerungsreichsten und bedeutendsten nichtwestlichen Staaten.

Darunter vor allem die Milliarden-Staaten China und Indien, aber auch das größte muslimische Land Pakistan. Und nicht zuletzt ausgerechnet die einzige funktionierende Demokratie des Nahen Ostens: Israel. Insofern scheint das Ergebnis von 141 von 195 Stimmen eindeutiger, als es ist, und Russlands Isolation ist jenseits Europas und des Westens keineswegs vollkommen. Vor allem die Rolle Chinas dürfte entschieden sein. Fraglich ist, ob Putin den Pekinger Machthaber Xi bei seinem letzten Besuch über sein Angriffsvorhaben informierte. Noch laviert Peking. Womöglich macht man dort seine weitere Haltung vom Kriegsverlauf abhängig.

Einerseits dürfte Peking weniger moralische Bedenken gegen Putins Invasion und deren Rechtfertigung haben, da China selbst den Anspruch erhebt, das de facto unabhängige Taiwan unter Umständen gewaltsam einzunehmen. Andererseits dürfte für China die Aussicht, bei einem zu engen Schulterschluss mit Moskau selbst zum Ziel westlicher Sanktionen zu werden, wenig verlockend sein. Russland ist als Absatzmarkt und Handelspartner deutlich weniger attraktiv als Westeuropa und die USA.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat sich für eine Vermittlung Chinas im Konflikt um die Ukraine ausgesprochen. „Es gibt keine Alternative. Wir (Europäer) können nicht die Vermittler sein, das ist klar (…) Und es können auch nicht die USA sein. Wer sonst? Es muss China sein, ich vertraue darauf“, sagte Borrell im Interview der spanischen Zeitung El Mundo.

Auch unter jenen Ländern, die der Resolution zustimmten, ist mit Brasilien das bedeutendste Land Lateinamerikas sehr verhalten in seiner Kritik gegen Russland. Dessen UNO-Botschafter hatte es vor der Abstimmung in einer Stellungnahme vermieden, Russland als Aggressor zu bezeichnen. Präsident Jair Bolsonaro hat die Neutralität seines Landes hervorgehoben und dabei erwähnt, dass man von russischen Düngemittellieferungen abhängig sei.

TE-Autor Tomas Spahn hat vermutliche Beweggründe für einige der Länder, die sich der Verurteilung Russlands verweigerten, hier zusammengetragen:

Ein Sonderfall ist auch die Haltung Israels zu Russland. Ähnlich wie Brasilien hat Israel zwar der Resolution zugestimmt, sich aber bislang mit kritischen Äußerungen gegen Russland zurückgehalten – und liefert nur humanitäre Hilfe, aber keine militärische für die Ukraine.

Israel betätigt sich bereits aktiv vermittelnd. Premierminister Naftali Bennet war Presseberichten zufolge am heutigen Samstag in Moskau zu Gesprächen mit Wladimir Putin und sprach anschließend mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj und Bundeskanzler Scholz.

Hintergrund ist die Sicherheitskoordination, die Israel mit Russland in Syrien seit dessen Intervention 2015 pflegt. Nur im Einverständnis mit Russland glaubt man, den Iran aus Syrien heraushalten zu können. Wie TE-Autor Godel Rosenberg, der selbst in Israel lebt, schreibt: „Russland ist ein Nachbar Israels – eine Aussage, die Landkartenkundige leicht irritieren mag. Dennoch stimmt die Feststellung. Denn an der israelischen Nordgrenze zu Syrien steht seit Jahren russisches Militär. Moskau unterstützt seit einer Dekade den Despoten in Damaskus, Baschar Al-Assad, und hat gleichzeitig Absprachen mit Israel.“

 

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Kommentare ( 51 )

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alter weisser Mann
6 Monate her

Die Geschlossenheit des Westens dauert bis zur Verteilung der Beute, Einflusssphären, Rohstoffe und zur Kostentragung.
Ansonsten ist es auch keine so großartige Geschlossenheit „gegen Putin“, laut zu tönen und trotz einiger Maßnahmen ganz nach Bedarf weiter Geschäfte zu machen z.B. mit Öl und Gas.

Hegauhenne
6 Monate her

„Nur der Westen steht gschlossen gegen Putin“
Global gesehen, ist dieser Einmarsch in die Ukraine eben nur ein kleines, eher lokales Ereignis, wie es viele andere ständig gibt.
Die Welt dreht sich weiter, am anderen Ende zuckt man mit den Schultern.
Warum dazu Stellung beziehen?
„Der Westen“ ist eben nicht der Nabel der Welt.
Die betroffenen Ukrainer tun mir wirklich leid, aber das Land mit seiner frech fordernden, überdrehten Politikerkaste hat sich ob seiner Wichtigkeit total verannt.

jukkad7133
6 Monate her

Nicht alle Staaten lassen sich von den USA diktieren, was sie zu denken, wie sie handeln haben.Wenn man sich die Geschichte der NATO seit 1945 anschaut, sind die europäischen Staaten aus Sicht der USA lediglich Lakaien (bzw. die Bauern auf dem Schachbrett) und die europäischen Staaten bestätigen das in jeder Hinsicht. Der Begriff Lakai ist nicht ganz zutreffend, denn die Schäden die die USA überall anrichten, haben die Europäer bzw. die Anderen zu bezahlen.

Konradin
6 Monate her

Die Zurückhaltung Israels (kein westliches Land – aber Japan und Südkorea schon??) in der Verurteilung dieses völkerrechtswidrigen Angriffskrieges mit all dem unfassbaren Leid, dass wir tagtäglich sehen ist mir bereits seit Tagen mehr als befremdlich. „Hintergrund ist die Sicherheitskoordination, die Israel mit Russland in Syrien seit dessen Intervention 2015 pflegt. Nur im Einverständnis mit Russland glaubt man, den Iran aus Syrien heraushalten zu können.“ Dass aus der Begründung herauszuinterpretierende Verständnis des im Artikel genannten Autors mit Israel erscheint dabei umso erstaunlicher, als dieser Autor den Angriff Russlands auf die Ukraine in seinen hier veröffentlichen Artikeln (und auch im TV wie… Mehr

Weiss
6 Monate her
Antworten an  Konradin

Wenn man jüdische Kinder in der Ukraine retten möchte, halte ich es schon für wichtig, dass alle Gesprächskanäle Israels zu Putin und Rußland weiter offen gehalten werden.

Momentan sind allein 400.000 Zivilisten in Mariupol eingeschlossen. Mich beunruhigt das alles schon ungemein.

Jedes Leben ist wertvoll !

Zivile Gebiete in Charkov werden anscheinend beschossen ? Zumindest habe ich es so von einer Zeugin im israelischen TV mitbekommen.

Ich persönlich sehe es schon auch vor G-tt als Pflicht Israels, jüdische Menschen aus der Ukraine zu evakuieren.

Last edited 6 Monate her by Weiss
Kassandra
6 Monate her
Antworten an  Konradin

Israel hat den Mossad mit weit besseren Informationen und Hintergrundwissen als jede Truppe auf deutschem Boden. Auch bei uns hat man noch 2014 lange nicht alles geglaubt, was uns politisch-medial durch die MSM vorgesetzt wurde und General Kujat zeigte sich im Eingangsstatement bei Illner ähnlich abwägend und vorsichtig hinsichtlich von Meldungen wie Precht, der damals noch eine gewisse „Brandstifterrhetorik“ unzensiert im ÖR sogar beim damaligen Bundespräsidenten anzuprangern wagte. Illner am 4. September 2014 „Ukraine: Scharfe Kritik v. Richard David Precht + Harald Kujat an NATO, Gauck und andere“: https://www.youtube.com/watch?v=E-_j_Bu-eUY Jetzt ist nichts besser – und der BP spaltender als jener,… Mehr

Weiss
6 Monate her

Für Israel ging es bei dem Besuch des israelischen PM Bennett bei Präsident Putin m.E. auch um die Rettung von Menschenleben:

Bennett meets with Putin, Kremlin says sanctions could put Iran nuclear deal at risk – http://www.israelhayom.com

Hier habe ich einen aktuellen Bericht des israelischen Fernsehens in englischer Sprache über die Rettung eines jüdischen Waisenhauses in der Ukraine.

Die jüdischen Kinder mußten gerettet werden:

Jewish orphanage in Ukraine evacuated amid invasion – YouTube

F. Hoffmann
6 Monate her

China kauft natürlich gerne billig Rohstoffe von Putin und will sich ja irgendwann Taiwan einverleiben, hat also die gleiche Gesinnung wie Putin. Andererseits gibt es da noch das chinesische Seidenstraßen-Projekt, aufgrund dessen die Chinesen schon eifrig in Europa engagiert sind. Und sie wollen natürlich weltweit noch weiter Fuß fassen. Da käme es schlecht, wenn man es für gut heißen würde, dass Atomriesen nach Gusto mit schwächeren Ländern umspringen können. Andererseits könnten sie Putin durch engere Anbindung an China zum Juniorpartner machen. Auf Augenhöhe wäre eine solche Partnerschaft nicht, da China auch über Atomwaffen (und mehr Menschen) verfügt, nicht weniger skrupellos… Mehr

jukkad7133
6 Monate her
Antworten an  F. Hoffmann

Sieht irgendwie nach einer gewissen Strategie / gemeinsamen Interessen aus, und man merkt daran, dass West-/Europa in der Welt-Politik heute schon fast abgemeldet ist.
China hat beschlossen 2035 Technologie-/Weltmarkführer zu sein. Der Warenstrom über die Seidenstrasse wird mehr und mehr nur noch unidirektional laufen (Ost->West), da ja Hightech-Industrie nunmal in Asien zu finden ist.
Russland ist für China, auch wenn nur als Junior-Partner, ein wichtiger Verbündeter. Zwei große Länder mit Atomwaffen in Kombination mit Resourcen + Hightech. Die Perspektiven die sich daraus ergeben, springen einem fast ins Auge.

F. Hoffmann
6 Monate her
Antworten an  jukkad7133

Wenn China mit Putin zu eng kungelt, könnte dies das Ende der Seidenstraße bedeuten. Was China angeht, so führen die Chinesen ihre Welteroberungspläne wesentlich diskreter und intelligenter aus als ein Putin (Leseempfehlung: Die lautlose Eroberung).

Marie
6 Monate her

im Prinzip haben sie recht.
Nur mit den Zahlen der Toten, die jedes Jahr höher zu werden
scheinen, außer es handelt sich um deutsche Opfer natürlich,
bin ich sehr vorsichtig.

Dozoern
6 Monate her

„Borel vertraut auf die Mittlerrolle Chinas.“ Wo lebt der Mann? Auf dem Mond? China wird dem Westen den Gefallen nicht tun, seine Konflikte aufzuräumen. Israel könnte diese Rolle übernehmen und sein MP ist ja schon dabei, die Kontakte zu knüpfen. Noch ist es etwas zu früh für Vermittlung. Die Russen werden erst eindeutigere Verhältnisse schaffen wollen. Aber dann …

CIVIS
6 Monate her

Eingangszitat: > „Nur der Westen steht geschlossen gegen Putin, aber nicht der Rest der Welt“ < Na und, …dann wendet sich Putin mit seinen politischen und wirtschaftlichen Anliegen eben an diesen zitierten Rest der Welt. Und der Westen merkt vor lauter moralisierender Erhabenheit, überbordender Solidarität und Weltoffenheit, und dazu in grenzenloser Dekadenz versinkend gar nicht, wie er (dieser Westen) auf allen möglichen Gebieten, von Kultur über Wirtschaft bis hin zum Finanzwesen etc., von genau diesem Rest der Welt zurück-, alleingelassen und abgehängt wird (sh. China, Indien, Indonesien etc.) Insbesondere Europa, mit Deutschland (wie immer) an der Spitze, sitzt auf sehr… Mehr

R.Baehr
6 Monate her

Länder boykottieren, von denen man abhängig ist, scheint die große Klugheit unserer Tage zu sein. Koste es was es wolle, scheint bei manchen wie ich bereits gelesen habe, das Motto der Stunde zu sein. Vielleicht hätte sich Deutschland schon vor langer Zeit zum neutralen Staat erklären sollen, 1. wäre die Wiedervereinigung viell. schon viel länger vorher möglich gewesen, und 2. hätte man sich aus dem Vasallenverhältnis zur USA schon längst lösen sollen, anstatt immer noch denen ihre Verfügungsmasse zu sein. Der größte Kriegstreiber und Profiteur sind gewisse Schichten in den USA, daran hat sich seit Vietnam nichts geändert. Und das… Mehr

F. Hoffmann
6 Monate her
Antworten an  R.Baehr

Egal wie man zu den Amerikanern steht. Menschen aus aller Welt versuchen, auch illegal, in die USA zu kommen, da sie sich dort ein besseres Leben versprechen. Russland scheint solche Probleme mit Migrantenströmen eher nicht zu haben. Obwohl sich, wenn man hier manche Kommentare liest, lange Schlangen an den russischen Grenzen bilden müßten, um in Putins Reich der Freiheit, des Friedens und des Wohlstands zu gelangen.

Memphrite
6 Monate her
Antworten an  F. Hoffmann

Die Menschen gehen primär dort hin wo es wirtschaftlich besser ist. Das gilt auch für Russland. Russland hat eine starke einwanderung aus den ehemaligen UDSSR Republiken (Bauarbeiter etc.) was auch zu gewissen Spannung in den großen Städten wie Moskau führt.
Alle diese Menschen würden wiederum gerne nach Deutschland einwandern da es dort „noch“ wirtschaftlich besser ist.
Und viele Deutsche wollen weg aus Deutschland und z.B. in die Schweiz weil es dort wirtschaftlich noch besser ist.7
Würde Brasilien irgendwann besser dahstehen als die USA , würde alle nach Brasilien einwandern wollen.

H. Hoffmeister
6 Monate her
Antworten an  F. Hoffmann

Genau das stösst mir auch immer auf, wenn ich die vielen „Neutralen“ oder „Putinversteher“ höre. An Russlands Grenzen staut sich nicht die halbe Welt, scheint demnach nicht soweit her zu sein mit dem russischen Pull-Faktor. Eher haben die Finnen jetzt Kapazitätsprobleme bei der Ausserlandschaffung von ausreisewilligen russischen Bürgern.