Giorgia Meloni sucht den Schulterschluss – und ringt um Kontrolle

Europa glaubte den Irak längst hinter sich gelassen zu haben. Doch dort stehen noch Soldaten. Auch aus Italien. Ein Drohnenangriff bei Erbil zwingt Rom nun zum Nachdenken über einen Rückzug aus einem vergessenen Krieg.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Die Explosion kam kurz nach Mitternacht, berichter die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano. Erst sei es nur ein dumpfer Knall über dem Flughafen von Erbil gewesen, dann jedoch gefolgt von den grellen Linien der Flugabwehrgeschosse, die in den Himmel schossen. Wenige Minuten später stand fest: Ein Drohnenangriff hatte den Bereich der internationalen Militärbasis getroffen – dort, wo auch das italienische Kontingent stationiert ist. In der Tat, viele wissen es in Europa kaum, aber Soldaten sind noch im Irak. Die italienische Regierung und auch einige Medien berichten aber immer wieder von ihren Streitkräften und Friedenstruppen vor Ort.

Es gab keine Verletzten. Doch politisch war der Einschlag deutlich hörbar – bis nach Rom. Denn der Angriff auf die Basis in der kurdischen Hauptstadt des Nordirak löste nicht nur militärische Alarmketten aus, sondern auch ein kommunikatives Chaos innerhalb der italienischen Regierung. Und plötzlich stand Premierministerin Giorgia Meloni vor einer heiklen Entscheidung: Bleiben oder gehen? Die Tendenz scheint inzwischen klar. Italien bereitet den vollständigen Abzug seines Kontingents aus Erbil vor.

Kommunikationspanne in Rom

Der erste politische Kurzschluss entstand nicht im Irak – sondern im italienischen Fernsehen. Die Nachricht über den Angriff wurde nicht von der Regierung verkündet, sondern live in einer Talkshow. Dort berichtete Oppositionspolitiker Angelo Bonelli, Vorsitzender von Alleanza Verdi e Sinistra, der linksgrünen Allianz, über eine Nachricht, die er kurz zuvor anscheinend vom Verteidigungsminister erhalten habe.

Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Denn zu diesem Zeitpunkt wussten mehrere Vertreter der Regierungskoalition offenbar noch nichts von dem Angriff. Während in Erbil die Sirenen heulten, herrschte in Rom zunächst etwas Verwirrung. Erst danach begann die nächtliche Krisendiplomatie. Meloni telefonierte mit Verteidigungsminister Guido Crosetto, Außenminister Antonio Tajani, sowie mit den Spitzen der Geheimdienste. Ziel der Gespräche: Lageeinschätzung und politische Entscheidung.

Der Angriff auf Camp Singara

Getroffen wurde die Basis Camp Singara, nahe dem Flughafen von Erbil, wo italienische Soldaten im Rahmen der internationalen Mission „Prima Parthica“ (benannt nach einer Legion des Römischen Reichs, gegen die Parther) stationiert sind. Der Angriff erfolgte mit einer Drohne, die extrem niedrig flog – eine Taktik, die inzwischen aus dem Krieg in der Ukraine bekannt ist, wie einige internationale Militär-Experten und Beobachter ausgemacht haben. Moderne Varianten iranischer Shahed-Drohnen können Radarsysteme umgehen, indem sie in Bodennähe und hoher Geschwindigkeit anfliegen. Genau so scheint es auch in Erbil geschehen zu sein.

Die Drohne traf ein Gebäude innerhalb der Basis – „ironischerweise“ das Restaurant „Il Fortino“, die kleine Festung, eine kleine Pizzeria für die Soldaten. Mehrere Fahrzeuge wurden dabei beschädigt. Die Soldaten selbst, befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den Bunkern. „Wir waren rechtzeitig im Schutzraum“, bestätigte der Kommandeur des italienischen Kontingents, Oberst Stefano Pizzotti.
Der Alarm war bereits vier Stunden zuvor ausgelöst worden.

Noch 141 Soldaten – bald keine mehr

In Erbil sind derzeit noch 141 italienische Soldaten stationiert. Noch vor wenigen Monaten waren es rund 300. Der Abzug hatte bereits begonnen – allerdings aus organisatorischen Gründen. Etwa hundert Soldaten waren schon nach Italien zurückgekehrt, weitere vierzig wurden nach Jordanien verlegt. Nun könnte der Rest folgen. Der vollständige Rückzug wird allerdings kompliziert: Der Luftraum über Teilen des Irak ist wegen der militärischen Spannungen derzeit eingeschränkt oder geschlossen.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Die entscheidende Frage lautet: Wer hat geschossen? Offiziell werden pro-iranische Milizen im Irak verantwortlich gemacht. Diese Gruppen stehen ideologisch und teilweise operativ in Verbindung mit den iranischen Revolutionsgarden.

Interessant ist jedoch ein Detail: Nach Einschätzung lokaler kurdischer Sicherheitsdienste stammt ein Großteil der jüngsten Angriffe nicht direkt aus Iran, sondern von schiitischen Milizen im Irak selbst. Mehr als 300 Drohnen und Raketen sollen seit Ende Februar im Raum Kurdistan abgefeuert worden sein. Zwei Drittel davon vermutlich von lokalen Milizen.

Das Paradoxe daran: Viele dieser Gruppen kämpften nach dem Sturz Saddam Husseins an der Seite der USA gegen den sogenannten „Islamischen Staat“, auch als ISIS und „Daesh“ bekannt. Heute richten sie ihre Waffen gegen dieselben Partner.

Italien zwischen den Fronten

Italien ist in Erbil nicht als Kampftruppe präsent. Die Soldaten bilden kurdische Peschmerga aus und unterstützen die internationale Anti-IS-Koalition. Doch in einer eskalierenden regionalen Krise verschwimmen solche Unterschiede schnell.

Die amerikanischen Luftschläge gegen iranische Ziele haben die gesamte Region destabilisiert. Milizen greifen amerikanische Einrichtungen an – und damit automatisch auch die Basen ihrer Verbündeten. Italien gerät so unfreiwillig zwischen die Fronten.

Melonis politisches Manöver

Parallel zur militärischen Lage verschärft sich die politische. Meloni suchte deshalb überraschend den Kontakt zur Opposition. Am Morgen schlug sie zunächst einen gemeinsamen politischen „Tisch“ zur Abstimmung über die Nahostkrise vor. Der Vorschlag wurde kühl aufgenommen. Als wäre die Politik, gerade jetzt, ein weiteres Schlachtfeld für die Opposition.

Am Nachmittag dann, griff die Premierministerin zum Telefon. Sie rief nacheinander die wichtigsten Oppositionsführer an: Elly Schlein, von den italienischen Sozialdemokraten, Giuseppe Conte (Ex Premier und Leader der Fünf Sterne), Nicola Fratoianni, Angelo Bonelli, Riccardo Magi und Matteo Renzi (jetzt Senator), von weiteren kleineren Bewegungen.

Die Botschaft, war klar: Die Regierung werde sie regelmäßig über die Entwicklung informieren. Ein ungewöhnlicher Schritt – und ein Zeichen dafür, wie heikel die Lage geworden ist. Währenddessen wurden die Sicherheitsmaßnahmen auf amerikanischen Militärbasen in Italien verstärkt.

Innenminister Matteo Piantedosi bestätigte vor dem parlamentarischen Geheimdienstgremium Copasir, dass zusätzliche Kräfte eingesetzt wurden. Die Sorge gilt möglichen Anschlägen durch radikale Gruppen oder Einzelakteure. Besonders im Blick stehen Netzwerke aus pro-palästinensischen und antiisraelischen Aktivisten, die sich zunehmend über digitale Kanäle organisieren.

Der lange Schatten von Hormus

Hinzu kommt ein strategischer Streitpunkt innerhalb Europas. Mehrere Staaten diskutieren eine militärische Mission zum Schutz von Handelsschiffen in der Straße von Hormus. Meloni lehnt dies bislang ab. Der Grund ist klar: Eine militärische Eskorte könnte von Teheran als direkte Kriegshandlung interpretiert werden.

Damit würde Europa tiefer in den Konflikt hineingezogen. Italien bündelt nun seine Kräfte, und plant Gruppenverschiebungen. Die italienische Militärmission im Irak begann 2003 – im Gefolge der amerikanischen Invasion gegen Saddam Hussein. Über zwei Jahrzehnte später scheint sie leise zu enden. Nicht mit einem großen politischen Beschluss, sondern mit einem schrittweisen Rückzug. Ohne große Ankündigung. Ohne Fahnenzeremonie.

Und ausgelöst durch eine Drohne, die in der Nacht über Erbil auftauchte.

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