Hat das iranische Volk eine Zukunft in Freiheit?

Der Iran steht nicht vor einer weiteren Protestwelle, sondern vor einer Existenzkrise. Währungskollaps, Inflation und Repression haben ein Volk an den Rand gedrängt. Aus Brotprotesten wird offen der Ruf nach Freiheit – und nach dem Ende der Mullah-Herrschaft.

screenshot/ Open Source Intel x

Die Frage nach der Zukunft des Iran ist längst keine rein geopolitische mehr. Sie ist eine existenzielle Frage nach Freiheit, Würde und politischer Selbstbestimmung eines Volkes, das seit Jahrzehnten zwischen religiöser Bevormundung, wirtschaftlicher Stagnation und internationaler Isolation lebt. Immer wieder ist der Iran zum Schauplatz von Protesten geworden, immer wieder wurden diese niedergeschlagen, relativiert oder in der westlichen Wahrnehmung auf kurzfristige Krisen reduziert.

Doch die aktuellen Entwicklungen deuten auf eine tiefere, strukturelle Erschütterung hin. Sie sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Erschöpfung – und zugleich eines politischen Erwachens. Die gegenwärtige Protestwelle ist daher nicht nur Reaktion auf ökonomische Not, sondern Symptom eines umfassenden Vertrauensverlustes in das bestehende System der Islamischen Republik.

Aktuelle Lage im Iran

Seit Ende Dezember 2025 erlebt die Islamische Republik Iran eine neue Welle von Protesten, die als die intensivsten seit mehreren Jahren gelten. In zahlreichen Städten – darunter Teheran, Isfahan, Schiras und Mashhad – gehen Tausende Menschen auf die Straße, nachdem der iranische Rial auf ein historisches Tief gefallen ist. Innerhalb weniger Tage verlor die Landeswährung massiv an Wert, was einen drastischen Kaufkraftverlust für breite Teile der Bevölkerung zur Folge hatte. Die Inflation zieht weiter an, insbesondere die Preise für Lebensmittel und Alltagsgüter steigen spürbar und verschärfen die soziale Lage.

Die unmittelbaren Auslöser der Proteste sind wirtschaftlicher Natur. Der rapide Verfall des Rial gegenüber dem US-Dollar, zweistellige Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln sowie eine insgesamt fragile wirtschaftliche Situation prägen den Alltag vieler Iraner. Hohe Inflation, sinkende Staatsreserven und ein stagnierender Öl- und Energiesektor verschärfen die Lage zusätzlich. In Teheran schlossen zahlreiche Händler, insbesondere im historischen Großen Basar, ihre Geschäfte aus Protest und riefen zu weiteren Aktionen auf. Diese wirtschaftlich motivierten Demonstrationen wandelten sich rasch zu politischen Protesten, in denen offen die herrschende Führung und das theokratische System kritisiert wurden.

Wirtschaftliche Probleme und soziales Klima

Die Inflationsrate liegt offiziell bei über 55 Prozent im Jahresvergleich, während die realen Lebenshaltungskosten noch deutlich stärker steigen. Preise für Grundnahrungsmittel, Medikamente und Energie haben sich in den vergangenen Monaten drastisch erhöht. Für viele Haushalte bedeutet dies einen permanenten Ausnahmezustand. Die Kombination aus Währungsverfall, anhaltender Inflation und wachsender Arbeitslosigkeit hat zu einer spürbaren sozialen Erschöpfung geführt.

Hinzu kommen strukturelle Probleme, die seit Jahren ungelöst bleiben: massive Korruption, ineffiziente staatliche Wirtschaftsplanung und fehlgeleitete Ressourcenallokation. Wasser- und Energieengpässe haben sich in mehreren Regionen bereits zu eigenständigen Protestursachen entwickelt. Marode Infrastruktur, Umweltprobleme und eine zunehmend perspektivlose junge Generation verstärken das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, das keine Zukunft mehr bietet.

Politische Dimension der Proteste

Obwohl viele Demonstrationen mit wirtschaftlichen Forderungen begannen, haben sie zunehmend eine klare politische Dimension angenommen. In zahlreichen Städten sind Slogans gegen die Führungsstrukturen der Islamischen Republik zu hören, verbunden mit Forderungen nach grundlegenden Veränderungen des politischen Systems. Diese Unzufriedenheit speist sich aus jahrzehntelangen Spannungen zwischen der Bevölkerung und einem Machtapparat, der seit der Revolution von 1979 auf religiöser Legitimation und politischer Repression basiert.

Offizielle Stellen, darunter auch der Präsident, betonten öffentlich, man nehme die wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung ernst und sei zu Gesprächen bereit. Gleichzeitig bleibt das politische System von tiefem Misstrauen geprägt. Die angekündigte Dialogbereitschaft steht im Widerspruch zu einem Sicherheitsapparat, der weiterhin auf Kontrolle, Einschüchterung und Einschränkung politischer Opposition setzt. Berichte über den Einsatz von Basij-Milizen und Revolutionsgarden, Tränengas und gewaltsame Auflösung von Demonstrationen unterstreichen diesen Widerspruch.

Internationale Faktoren

Die innenpolitische Krise des Iran ist eng mit regionalen und internationalen Spannungen verknüpft. Die aggressive Außenpolitik des Regimes, insbesondere gegenüber Israel und dem Westen, verschärft die internationale Isolation und wirkt sich unmittelbar auf die wirtschaftliche Lage aus. Sanktionen, eingeschränkte Handelsbeziehungen und blockierte diplomatische Kanäle belasten die ohnehin fragile Wirtschaft zusätzlich.

Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklungen mit wachsender Sorge. Neben der wirtschaftlichen Notlage der Bevölkerung stehen insbesondere die anhaltende politische Repression, systematische Menschenrechtsverletzungen sowie Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Fokus internationaler Berichte.

Ausblick

Auffällig an den aktuellen Protesten ist ihre zunehmende politische Klarheit. Viele Demonstranten fordern offen den Sturz der Mullahs. Immer häufiger ist dabei auch der Name Reza Schah II., des im Exil lebenden Sohnes des letzten Schahs, zu hören. Diese Bezugnahme ist weniger als monarchistische Nostalgie zu verstehen, sondern vielmehr als Symbol für Säkularität, nationale Selbstbestimmung und einen Staat jenseits religiöser Herrschaft.

Dass wirtschaftliche Proteste im Iran regelmäßig in politische Forderungen nach einem Regimewechsel münden, ist nicht neu. Neu ist jedoch der internationale Kontext, in dem sich diese Bewegung entfaltet. Die aggressive Rhetorik des Regimes, das offen einen umfassenden Konflikt mit dem Westen, den USA und Israel in Kauf nimmt, verstärkt die innere Destabilisierung erheblich. Außenpolitische Eskalation und innenpolitische Repression wirken dabei wie kommunizierende Röhren: Je größer die internationale Isolation, desto höher der wirtschaftliche Druck – und desto größer die gesellschaftliche Unruhe.

Ob das iranische Volk die ersehnte Freiheit erreichen wird, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Das Regime verfügt weiterhin über einen loyalen Sicherheitsapparat, über Repressionsmechanismen und über Erfahrung im Niederschlagen von Protestbewegungen. Gleichzeitig aber ist die gesellschaftliche Basis der Islamischen Republik brüchiger denn je. Die junge Generation ist weitgehend entideologisiert, gut vernetzt und zunehmend unwillig, religiöse Legitimation als politische Autorität zu akzeptieren.

Die Zukunft des Iran entscheidet sich daher weniger an der Frage, ob es Proteste gibt, sondern daran, ob sie dauerhaft politische Substanz, internationale Aufmerksamkeit und innere Geschlossenheit entwickeln können. Freiheit ist im Iran keine abstrakte Idee mehr – sie ist eine konkrete Erwartung geworden. Ob sie sich erfüllt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob das Regime weiterhin allein auf Eskalation und Gewalt setzt oder ob es an der eigenen Starrheit zerbricht.

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Kommentare ( 21 )

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Thomas
7 Minuten her

Westlich denkende Iraner/Perser gehören ganz überwiegend zu den unproblematischen Einwandern.
Iran heisst Land der Arier.
Europäer und Perser haben den selben Ursprung.

Donostia
14 Minuten her

Hebt diesen Text gut auf. In ein bis zwei Jahren müsst Ihr nur ein paar Wörter austauschen und schon habt Ihr einen passenden Text für Deutschland. Tausche folgende Wörter
Iran für Deutschland
Teheran für Berlin
Mullah-Herrschaft für Unsere Demokratie Herrschaft
religiöse Bevormundung für Klimahysterie

Laurenz
17 Minuten her

Sie, Frau Amirseghdi, sind so 83 oder 84 aus dem Iran abgehauen, weil Ihre soziale Schicht den Machtkampf nach der Revolution 1979 verlor. Der Hauptgrund allen Übels war die Gier der Briten & Amis, die wegen ein paar ÖL-Centavos 1953 den Israelfreundlichen Ministerpräsidenten Mossadegh wegputschten & den Schah installierten. Die Schiiten waren eben, wie bei Sozialisten üblich, am besten organisiert. Wenn man Volker Pispers folgt (stimmt nicht immer was der von sich gibt), gingen die Demonstranten gegen den Schah 1979 einfach nicht weg, auch wenn die Armee schoß. Dasselbe Prinzip wäre auch jetzt wieder vonnöten. Es ist doch völlig in… Mehr

Last edited 16 Minuten her by Laurenz
ralf12
37 Minuten her

Ein schwieriges Thema. Wenn ich mich recht erinnere, gab es vor Jahren ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran. Der Iran beendet die Entwicklung einer eigenen Atombombe und die USA beenden ihre Sanktionen. Das lief eine Weile gut, dann haben die USA aus anderen Gründen die Sanktionen wieder verschärft. Als Iran darauf seine Arbeit an der Atombombe wieder aufnahm, war das Geschrei im Wertewesten (oft verwechelt mit dem Begriff „Die internationale Gemeinschaft“, die es so überhaupt nicht gibt) groß. Der Iran soll sich gefälligst an Verträge halten, auch wenn es die USA nicht mehr tun. Regelbasierte Ordnung halt. Auch… Mehr

Haba Orwell
49 Minuten her

Böses Medium gestern: „Die proeuropäische Jugendbewegung der 50er als Astroturf des US-Geheimdienstes“ > „… Vorgebliche Graswurzelbewegungen, hinter denen in Wirklichkeit Gelder aus dem Westen stecken, gibt es nicht erst seit den Farbrevolutionen und dem Maidan. In den 50er Jahren wurde auf diese Weise die europäische Einigung betrieben …“ Ich las bereits früher woanders die Theorie von der EUdSSR als ein Projekt der US-Geheimdienste. Sogar oft. > „… Was wie ein spontanes Aufbegehren der europäischen Jugend für eine gemeinsame Zukunft aussah, war ebenso wenig spontan, wie heute die Straßenklebeaktionen der Letzten Generation, die Demonstrationen der sogenannten „Zivilgesellschaft“ oder auch die Blockaden… Mehr

GermanMichel
58 Minuten her

Und wieder wird der rosa Elefant im Raum nicht erwähnt: die USA.

Genau wie bei Kuba, Venezuela etc sind es auch massive US Sanktionen die das Land in die Knie zwingen.

Besonders sympathisch sind all diese Regime ja nicht, aber das ist nicht ihr Verbrechen. Pro-Russland und nicht Pro-USA ist ihr Verbrechen.

Wäre mal interessant zu sehen wenn ein geostrategisch wichtiges sozialistisches Land zum US Verbündeten wird, und entsprechend von den USA belohnt wird. Kann Sozialismus ohne heftige US Sanktionen eventuell für manche Länder funktionieren?

Haba Orwell
34 Minuten her
Antworten an  GermanMichel

> Wäre mal interessant zu sehen wenn ein geostrategisch wichtiges sozialistisches Land zum US Verbündeten wird, und entsprechend von den USA belohnt wird.

Ist denn Syrien mit dem „Smart Guy“ AlJolani marktwirtschaftlicher und freiheitlicher als der Iran? Der neue beste Freund von Trump und Von Der ließ vor einigen Wochen auf Demos schießen – darüber berichtete Böses Medium, aber TE irgendwie nicht. Oder habe ich was verpasst?

Last edited 32 Minuten her by Haba Orwell
Felix Dingo
1 Stunde her

Was passiert denn, wenn das jetzige Regime gestürzt worden ist?
Viele werden sich ins Ausland absetzen.
Ihr Ziel wird womöglich Europa, äh, Deutschland sein.
Das heißt dann: nochmal eine Million illegaler Migranten im Bürgergeld.
Und die sind mit Sicherheit fundamentalistische Islamofaschisten.
Wollen wir das?

Last edited 1 Stunde her by Felix Dingo
Elmar
1 Stunde her

Die wichtigsten Unterstützer der Mullahs sitzen im Wertewesten. Den Mullahs wird von sehr vielen Iranern zugutegehalten, dass sie das Land mit der massiven Aufrüstung vor „Befreiungsaktionen“ nach Art von Bush und Obama, mit Mord, Totschlag und heillosem Chaos auf der Tagesordnung bewahrt haben. Zudem hat sich das Land vor kurzem gegenüber dem Kriegstreiber Netanjahu als überaus wehrhaft erwiesen. So etwas wirft man nicht einfach achtlos weg.

Guzzi_Cali_2
15 Minuten her
Antworten an  Elmar

Der Bundes-Uhu hat ja dem Mullah-Regime zum Jubiläum gratuliert. Wenn DER irgend jemand ehrt, dann kann ich sicher sein, daß DAS garantiert nicht mein Freund sein kann. Immerhin hat der Bundes-Uhu ja in der Vergangenheit für linksradikale Publikationen gearbeitet. Ich resümiere also: Was der Bundes-Uhu gut findet, finde ich per se NICHT gut.

Reinhard Schroeter
1 Stunde her

Welche Freiheit meint der Autor und welche Freiheit wollen die Iraner ? Nachdem sie den Schah verjagt haben und frei , nach unseren Vorstellungen hätten sein können, holten sie sich die Mullahs zurück um nach deren Vorstellungen zu leben. Wie wollen sie nach den Mullahs leben ? Grundsätzlich stehen die Iraner, wie jedes andere Volk auch, nicht unter Vormundschaft, werden gute Gründe gehabt haben, es ohne den Schah und mit den Mullahs zu probieren. Wer nicht unter Vormundschaft steht, der ist damit auch voll verantwortlich für sein eigenes Leben. Man ist in Persien weder klüger noch dümmer als anderswo und… Mehr

Antaam
1 Stunde her

Freiheit ist ein relativer Begriff. Die Menschen, die nach den Koran leben, haben – im westlichen Sinne – auch keine Freiheit, aber glauben, dass nur der Koran ihnen Freiheit gibt. Wir wissen nicht, WAS die Iraner unter Freiheit wirklich verstehen. Die Demonstrationen gibt es vor allem, weil die Iraner durch die Inflation und durch die hohen Lebenshaltungskosten bzw. der Verteuerung der Lebensmittel nicht mehr über die Runden kommen. Verwehre dem Volk das Brot und man hat die schönsten Demos am Hals. Politisch werden die Demos vor allem wegen der Studenten. „Sie ist eine existenzielle Frage nach Freiheit, Würde und politischer… Mehr

Haba Orwell
10 Minuten her
Antworten an  Antaam

> Übrigens unterstützt Israel VOR ORT die Demos.

Nach dem Krieg im letzten Sommer nicht gerade eine Empfehlung für die Iraner.

> und für Muslime gilt nun einmal der Koran mit den Hadithen und anderen Schriften und den Fatwas für das tägliche Leben und zwar ohne Kompromisse, da dort Gottes Word unveränderlich geschrieben steht.

Dazu gehören zum Beispiel die gleichen zehn Gebote wie im Christentum – das Alte Testament wurde genauso übernommen. Ob man diese Gebote als eine Einschränkung der Freiheit bemängeln kann?