Gemeinsame Sicherheit von Israel, Europa und moderatem Islam

Nach seiner Überdehnung droht dem Westen die Selbstauflösung. Unsere Selbstbehauptung erfordert vor allem Selbstbegrenzung. Ein Beitrag von Heinz Theisen in drei Teilen. Teil 3: Die Trennung von Kulturkreisen ist einem Kampf der Kulturen und dem Kampf der Weltmächte vorzuziehen.

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Kulturen sind als Werteordnungen im Gegensatz zu natürlichen Merkmalen wie Hautfarbe und Genen veränderbar und daher ist ihre Unterscheidung nicht rassistisch, sondern eine Aufforderung zum Lernen aus dem Vergleich.

Israel ist es mit Hilfe der USA gelungen, von den Friedensverträgen mit Jordanien und Ägypten bis hin zum Abraham-Abkommen immer mehr arabische Staaten von den Vorzügen ziviler Kooperation zu überzeugen. Das arabische Interesse an Kooperation mit Israel lässt sich allen religiösen Eiferern zum Trotz durch ökonomische Vorteile legitimieren. Das Abraham-Abkommen könnte den Kampf der Kulturen in einen Kampf um die Zivilisation transformieren. Im Nahen Osten und in Europa handelt es sich um nicht weniger als um einen Kampf von Weltkulturen um die Minima einer gemeinsamen Zivilisation.

Teil 2: Global und Local Player
Grenzen der EU und der Nato: Zurück zum Westen
Die zivilisatorischen Annäherungen des Westens an die arabische Welt zeigen Auswege. Die von Religionen gespeisten Werteordnungen der Kulturen könnten auf den Ebenen technisch-ökonomischer Projekte zusammenfinden. Meerwasserentsalzung, Begrünung von Wüsten, Handel und Tourismus sind wichtiger als Heilige Kriege.

Die säkulare Logik einer Trennung von Religion und Politik ermöglicht die Leistungsfähigkeit einer modernen Gesellschaft und hat dementsprechend zu Fortschritten in der Bewirtschaftung der bis dahin verwüsteten Landschaften, zum Aufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft und eines leistungsfähigen Bildungs- und medizinischen Systems in Israel geführt.

Auch die Palästinenser lassen sich entlang ihrer Teilhabewünsche an den Erfolgen der Zivilisation differenzieren. Das Westjordanland ist gepalten nach denjenigen, die mit Israel Geschäfte machen und denjenigen, die einen Endsieg anstreben. Die annähernd zwei Millionen Palästinenser in Israel sind angesichts der Vorteile des zivilen Lebens weitgehend loyal. Nach der Beseitigung der Hamas müssten die Bewohner des Gaza-Streifens durch Teilhabe und Hilfestellungen zum Frieden verlockt werden, etwa durch einen neuen Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt.

Israel: Frontstaat zwischen säkularer Welt und religiösem Totalitarismus

Israel ist gewissermaßen der Frontstaat im Ringen zwischen der säkularen Welt und dem religiösen Totalitarismus. Sollte Israel überrannt werden, so wird Europa, wie nach dem Fall Konstantinopels, noch stärker ins Visier geraten. Die deutsche und israelische Staatsräson fallen im Kampf gegen den Islamismus zusammen. Im Kampf gegen Antisemitismus findet sich eine der wenigen Ansätze, in denen sich Linke und Rechte einig sind. Israels unmittelbare Zukunft liegt in einem kontrollfähigeren Grenzschutz – und selbiges gilt schon mittelfristig für Europa.

Mit dem Kampf gegen Russland signalisiert der Westen, dass ihm Autoritarismus als gefährlicher gilt als der religiös motivierte Totalitarismus. Dies ist ein Irrweg. Autoritäre Regime verweigern zwar die Ausdifferenzierung der politischen Akteure, lassen aber wirtschaftlichen und anderen zivilen Freiheiten ihren Lauf. Während sie mit uns Geschäfte machen, will der Totalitarismus uns besiegen.

Im Rahmen einer gemeinsamen Strategie bräuchten Israeli und Europäer möglichst viele Verbündete auch unter den autoritär regierten arabischen Staaten und mehr noch, auch mit den autoritären Weltmächten Russland und China. Wie sich die Nato im Kalten Krieg mit den kleineren Übeln autoritärer Mächte – wie der damals laizistischen Türkei – gegen das totalitäre Sowjetsystem, so müsste sich die Nato heute mit autoritären Mächten gegen das größtmögliche Übel des Islamismus verbünden. Gegenüber dem religiösen Totalitarismus ist statt einer Beschwichtigungspolitik Eindämmung erforderlich.

Koexistenz und Konnektivität

Teil 1: Die Grenzen des Westens
Überdehnung nach außen und Polarisierung nach innen
Hätte der Westen nach 1991 eine Sicherheitspartnerschaft mit Russland aufgebaut, wäre ein nördlicher Machtblock entstanden, der sowohl China als auch islamistische Bewegungen hätte eindämmen können. Stattdessen setzte der Westen auf die Marginalisierung, manche sogar auf den Zerfall Russlands.

Mit dem Ausbleiben einer multipolaren Neuordnung zwischen den Weltmächten wächst das Chaos zwischen den mittleren und kleineren Mächten. „Wer mit jedem verbündet ist, ist mit niemanden verbündet.“ Diese Erfahrung machte Armenien, welches sich seit 2018 zu Lasten der alten Partnerschaft mit Russland dem Westen zugewandt hatte und dann 2023 gegenüber dem Angriff des Nato-Partners Aserbaidschan allein stand.

Im Nahen Osten zeigt sich, dass das Fehlen jeder Ordnung schlimmer ist als eine unterdrückerische Hegemonialmacht. Ein politischer Zerfall Russlands würde eine Vielzahl von neuen Mächten im Eurasischen Raum hervorrufen und das Vordringen Chinas nach Sibirien erleichtern.

Für eine Neuordnung nach dem Ukraine-Krieg bieten sich die Vorschläge an, die Henry Kissinger schon 2014 unterbreitet hatte. Kissinger erinnert an die im Gefolge des Wiener Kongresses 1815 entworfene Machtbalance in Europa. In Bezug auf die Ukraine sprach er von „Finnlandisierung“, ein Begriff, der zu Unrecht oft negativ konnotiert wird. Sie hat Finnland den Frieden und der Sowjetunion die Gesichtswahrung ermöglicht. Der kulturellen Integration Finnlands in den Westen hat sie nicht geschadet.

Denkbar ist ein dauerhafter, sich selbst verstärkender Waffenstillstand. Nord- und Südkorea haben seit 1954 nie einen Friedensvertrag unterzeichnet. Formal gesehen befinden sie sich im Kriegszustand, aber die koreanische Halbinsel ist seither friedlich. Ebenso haben die Türkei und Griechenland nie ein Friedensabkommen für Zypern geschlossen.

Trennung von Kulturkreisen statt Kampf der Kulturen und der Weltmächte

Selbst nach dem Kriegsausbruch gab es noch die Möglichkeit, die West-Ukraine militärisch für neutral zu erklären, den Donbass – wie auch im Minsker Abkommen vorgesehen – mit umfangreichen Autonomierechten auszustatten und die Krim ohne völkerrechtliche Anerkennung faktisch Russland zu überlassen. Eine differenzierte Form der Neutralität hätte der Ukraine den Weg in die EU, aber nicht in die Nato eröffnet.

Deutschlands und Europas Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg verdanken sich in erheblichem Maße der Einfügung in die sich selbst behauptenden, aber auch selbstbegrenzenden Strukturen des Kalten Krieges. Die Welt hat den Kalten Krieg nur überlebt, weil sich die Mächte zu jener Zeit an ihre Einflusssphären hielten und sich auch dann nicht eingemischt haben, als in Ostberlin, Ungarn und Prag die Panzer rollten. Hätten sie sich eingemischt, hätte es spätere Entwicklungen hin zur Freiheitlichkeit Osteuropas nicht mehr geben können.

Die Trennung von Kulturkreisen ist einem Kampf der Kulturen und dem Kampf der Weltmächte vorzuziehen. Sie entspricht nicht den globalen Idealen von der Einheit der Welt oder auch nur eines eurasischen Europas. Sie bringt uns keinen „gerechten Frieden“, sondern oft nur einen Waffenstillstand, aus dem vielleicht eine neue Ordnung hervorgehen wird. Es handelt sich um das kleinere Übel im Sinne der Realpolitik.

Auf der Grundlage von Selbstdefinition, Abgrenzung und Eindämmung könnte der Westen vom Paradigma seiner Universalität zum Paradigma einer Koexistenz von Kulturen und Mächten übergehen. Durch eine Neutralisierung der politischen und kulturellen Beziehungen in einer somit multipolaren Weltordnung würde die Kooperation in Wissenschaft, Technik und Ökonomie erleichtert.


Heinz Theisen ist Professor für Politikwissenschaft. Zuletzt erschien von ihm: 

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Kommentare ( 16 )

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W aus der Diaspora
15 Tage her

Sie werfen die gesamten Länder des Nahen Ostens in einen Topf. Das ist in meinen Augen ein großer Fehler. Zwar ist es richtig, dass dort überall als Religion der Islam existiert, aber in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Und, Kultur ist nicht nur Religion. Da sind beispielsweise die Länder Saudi-Arabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), die alle relativ reich sind und deren Bürger im Großen und Ganzen recht gut leben, solange sie sich an die Gesetze des Islam halten, zumindest nach außen. Und dann gibt es aber auch den Iran, deren Bürger arm sind und wohl bei dem Regime auch arm bleiben… Mehr

Haba Orwell
16 Tage her

Wenn hier so viel vom Osten die Rede ist – ein östliches Medium bringt heute einen Artikel, laut dem in Buntschland gerade mal 25,2% der Ukro-Zuwanderer arbeiten. In den anderen Ländern: Dänemark 78%, Tschechien 66%, Polen 65%, Schweden 56%, Niederlande 50%.
Was macht die Ampel falsch und wie lange können wir uns das leisten? (Der Artikel vergleicht die Leistungen in verschiedenen Ländern, die in Buntschland am üppigsten ausfallen. Bebildert wird er mit einem Foto einer Frau samt Sohn in Düsseldorf, beide in gelb-blaue Fahnen umhüllt – scheint die größte Berufskompetenz zu sein.)

Farbauti
16 Tage her

Mir fehlt das Machbare, mehr Pragmatismus wäre vonnöten. Mit der Trennung von Kulturkreisen kann man direkt im eigenen Land beginnen und ich meine nicht „unseren“ abgrenzen zum islamischen Kulturkreis. Wir haben doch selbst soviele innenpolitische Probleme und dümmliche Differenzierung, das es mir schwerfällt beim Westen noch von Weltkultur zu reden. Zumindest Deutschland bietet das Bild einer Abwrackung und die Abwrackprämie erhält die USA und die eingewanderte fremde Kultur. Innergesellschaftlich sind wir gar nicht in der Lage uns von ausländischen Kulturkreisen abzugrenzen, ganz abgesehen von den machtpolitischen Möglichkeiten, die gegen Null gehen. Die kriegspolitische und gesellschaftspolitische Manipulation ist zu weit fortgeschritten.… Mehr

joly
16 Tage her

Sorry – aber hier wird mit der breiten Malerrolle versucht einen Dürer-Hasen zu optimieren/restaurieren. Es werden zu viele Begriffe, die eigentlich sehr differenzierungsfähig und – nötig sind quasi plakativ gegeneinander gestellt und überrollt. Nehmen wir den Begriff Kultur. Ein wichtiger Teil der Kultur ist die Religion. Der Islam ist nicht differenzierbar, denn er ist das Wort Gottes. Keine andere Religion ist diesbezüglich vergleichbar. Somit kann nur differenziert werden zwischen strenggläubigen Muslime und verwestlichten Muslime. Das sind Muslime mit einer westlichen Teilsozialisierung. Sie können nur im Westen dauerhaft überleben oder in einem schwachen bzw. islamisch-schwachem Staat. Ägypten war dies unter Nasser.… Mehr

fatherted
16 Tage her

Wo auf dieser Welt gibt es einen „moderaten Islam“….evtl. gibt es moderate Muslime (mir sind keine bekannt) aber einen moderaten Islam? Wo denn?

Mausi
16 Tage her

Trennung der Kulturkreise ein interessantes Mittel. Und das gab es schon! Auch für ein politisches System. Der Eiserne Vorhang war in diesem Sinn ein erfolgreiches Mittel. Als erfolgreiche Mittel würde ich auch die Diktaturen im Nahen Osten bezeichnen.
Eine erneute Trennung bedeutet Verzicht auf gerade entfesselte Machtmittel. Ob es Trennung noch einmal geben wird? Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube nicht daran.

Last edited 16 Tage her by Mausi
Leander
16 Tage her

In der Theorie sind die Betrachtungen von Hr. Theisen alle richtig. Volle Zustimmung, besonders zu den Aussagen zum Israelkomplex! Hr. Theisen berücksichtigt aber, aus meiner Sicht, in einem etwas verkrampften Sidestep zum „nichtkulturellen“ Konflikt Ukraine/Russland eine Realität nicht: nämlich den Wahn einer Einzelperson, Putin, als autokratischer Machhaber, die Gebietsgrenzen der Sowjetunion wiederherstellen zu wollen. Es ist wahrscheinlich richtig, dass die USA im Rahmen ihrer globalpolitischen Strategie Russland klein halten wollen. Trotzdem betreibt auch Putin sein persönliches Spiel. Mein Problem ist aber eher, dass man als Westeuropäer in der heutigen Zeit selbstverschuldet und unkorrigierbar zwischen Mühlsteinen liegt.

Haba Orwell
16 Tage her

> Im Rahmen einer gemeinsamen Strategie bräuchten Israeli und Europäer möglichst viele Verbündete auch unter den autoritär regierten arabischen Staaten und mehr noch, auch mit den autoritären Weltmächten Russland und China.

Derzeit liefert Deutschland ungefähr die Hälfte der Militärhilfe der gesamten „EU“ im Stellvertreterkrieg gegen Russland – einige deutschsprachige Kriegshetzer sind gut bekannt. Eine offene Debatte zum Thema ist weiterhin nicht möglich.

Gleichzeitig geht ohne preiswerte Energieträger aus Russland die deutsche Wirtschaft den Bach runter. Die -0,4% Rezession sind nur der Anfang, die Industrie rennt weg.

Leander
15 Tage her
Antworten an  Haba Orwell

Lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Das Russengas ist der kleinste Faktor in der Abwirtschaftung Deutschlands durch die Grünen.

Haba Orwell
16 Tage her

> Mit dem Kampf gegen Russland signalisiert der Westen, dass ihm Autoritarismus als gefährlicher gilt als der religiös motivierte Totalitarismus.

Es geht einzig um russische Rohstoffe und globale Macht – heutiges Westeuropa ist zunehmend nicht nur autoritär, sondern sogar totalitär. Man braucht nur zu schauen, wie Ungarn und Orban mit Wirtschaftskrieg gedroht wurde, wenn er der Ausplünderung für einen korrupten Failed State nicht zustimmt. Was haben solche Methoden mit Demokratie zu tun?

Die totalitäre Hysterie der Corona-Zeit sollte man ebensowenig vergessen. Das war nur eine Generalprobe für noch mehr Klimahysterie, nicht minder totalitär.

giesemann
16 Tage her

„Wir werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns.“ – it`s the demography, stupid. Ganz moderat gesagt.