Mehrere Wochen schwerer Unruhen durch Schüler und migrantische Gruppen und Antifas haben die Franzosen überzeugt, dass Marine Le Pen es besser machen kann als Macron. Hinzu kommt die Teuerung, die etablierte Parteien destabilisiert. Vor allem zeigt die stabile Führung Le Pens, dass die Franzosen noch nicht verschwinden wollen.
picture alliance / SIPA | Alain ROBERT
Marine Le Pen liegt in den Umfragen zu den französischen Präsidentschaftswahlen vorn, und das deutlicher als je zuvor. Im ersten Wahlgang würde sie zwischen 35 und 37 Prozent der Stimmen gewinnen, mit deutlichem Abstand zu ihren Verfolgern. Im zweiten Wahlgang würde dieser Abstand sogar noch wachsen. Sie würde damit ebenso den Linken Mélenchon wie den mittigen Édouard Philippe deutlich schlagen, wie das Magazin Valeurs actuelles berichtet. Mélenchon läge nur bei 18 Prozent im ersten Wahlgang, Philippe bei 13 und der frisch gekürte und prompt als zu maßvoll mehlierte Kandidat der Linken, Raphaël Glucksmann, bei nur zehn Prozent. Der Konservative Bruno Retailleau folgt mit sieben Prozent, danach der Mini-Macron Gabriel Attal mit fünf Prozent.
Selbst bei weniger Gegenkandidatin sähe das Ergebnis ähnlich aus. In dem Fall könnte ein macronistischer Kandidat auf den zweiten Platz vorstoßen. Aber der erste würde weiter unbestritten Le Pen gehören. Was aber beinahe noch wichtiger ist als der Sieg nach Prozenten in solchen Umfragen, ist die positive Einschätzung, die die Franzosen mit Marine Le Pen verbinden. Denn sie zeigt an, dass die Kandidatin inzwischen mehrheitsfähig ist. Die Schweigespirale ist gebrochen. 51 Prozent der Befragten glauben, Le Pen wäre eine gute Präsidentin – ganze sechs Prozentpunkte mehr als noch im Juli. 54 Prozent sprechen ihr Kompetenz zu, und sogar 66 Prozent trauen ihr Autorität im Amt zu.
Vor allem der Sechs-Punkte-Sprung seit dem Juli, in nur drei Monaten, lässt tief blicken. Die Unruhen an französischen Schulen und auf den Straßen der größeren Städte gehen weiter, haben sich sogar ins Nachbarland Belgien ausgebreitet. Sie sind der sichtbare Beweis des Scheiterns der Politik der alten Eliten, die Frankreich – mit Eric Zemmour – auf eine Art sterben, es verschwinden ließ. Die Franzosen wollen aber nicht verschwinden. Das zeigt die neue Umfrage.
Daneben mobilisieren auch die steigenden Lebenshaltungskosten vor allem Mélenchon- und Le-Pen-Unterstützer, wie eine weitere Umfrage für den Figaro zeigt.
Sonst wieder kein guter Tag für Frankreich
Es war daneben kein glücklicher Tag für Frankreich: Ein traditionsreicher Markt in Paris brannte ab – über die Ursachen hört man nichts Belastbares. Mehrere Supermarktketten wurden von einem Cyberangriff getroffen, massenhaft wurden Kühltruhen ausgeschaltet, frische und tiefgefrorene Produkte verdarben. Und in Aubagne unweit von Marseille schoss ein Schüler auf einen Schuldirektor und eine Lehrerin. Beide wurden verletzt, wenn auch nicht lebensgefährlich. Doch der Schock an der Schule sitzt tief, egal ob man es Amoklauf oder einen kalkulierten Anschlag nennt. Man kann sagen, was man will, aber die Behauptung, dieser Vorfall habe nichts mit den Unruhen der letzten Tage zu tun, trägt nicht weit.


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