Finnland: Rätselhafte GPS-Störungen nach dem Washington-Besuch des Präsidenten

Finnland verbindet eine lange und komplizierte Geschichte mit dem großen Nachbarn Russland. Noch heute gilt Präsident Sauli Niinistö als einer der besten Kenner Putins. Seit dem Washington-Besuch des Präsidenten ist ein Großteil des finnischen Flugverkehrs durch gestörte GPS-Signale lahmgelegt. Eine Warnung des Kremls?

IMAGO / Frank Sorge

Seit vergangenem Dienstag berichten Flugzeuge von GPS-Störungen an der finnischen Ostgrenze. Am Mittwoch kamen Störungen rund um die russische Exklave Kaliningrad hinzu, am Donnerstag weitere Unterbrechungen an der finnisch-norwegischen Grenze. Das meldet die schwedischsprachige Zeitung Hufvudstadsbladet.

Die Störungen betreffen aber keineswegs nur die unmittelbare Grenzregion, sondern wirken sich auf weite Landesteile aus. Flüge zwischen Helsinki und Savonlinna im Osten des Landes gelten derzeit als undurchführbar und wurden bis mindestens Anfang der Woche gestrichen. Auch auf Flügen zwischen Mikkeli und Kuopio, der größten Stadt Ostfinnlands, wurde Alarm wegen GPS-Störungen ausgelöst. Außerdem führt der Großteil der europäischen Flüge von Finnair über Kaliningrad.

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Vorausgegangen war der Besuch des finnischen Präsidenten Sauli Niinistö in den Vereinigten Staaten. Die genaue Ursache des Phänomens bleibt dabei unklar. Auch dass Russland dahinter steckt, können Experten nicht mit Sicherheit sagen. Vermutet wird aber, dass nur ein Staat für Störungen dieses Ausmaßes verantwortlich sein könne. Premierministerin Sanna Marin sagte laut der britischen Tagezeitung The Guardian: „Wenn [die Störungen] durch fremde Einflussnahme verursacht würden, dann würde das sicher öffentlich gesagt werden.“

Das letzte Mal gab es ähnliche Störungen in Finnland im Herbst 2018, als eine Nato-Übung stattfand. Damals betrafen die Störungen auch das nördliche Norwegen und Finnisch-Lappland. Als Auslöser konnten damals russische Truppen auf der Halbinsel Kola ausgemacht werden.

Biden und Niinistö sprachen von gemeinsamer „Abschreckung“

GPS-Signale können auf zwei Wegen gestört werden: durch das sogenannte Jamming und das Spoofing, wobei entweder ungültige oder falsche Positionsdaten erzeugt werden. Russland war schon früher durch GPS-Spoofing aufgefallen. Angeblich bleibt das Fliegen aber auch bei einem GPS-Ausfall sicher, es gebe vorgeschriebene Vorgehensweisen auch für diesen Fall, sagte der Direktor der finnischen Transportagentur Traficom.

Im Kopf von Wladimir Putin
Das Global Positioning System (GPS) wurde ursprünglich vom US-Verteidigungsministerium entwickelt und wird weiterhin von der US-Regierung betrieben und kontrolliert. Durch die geringe Signalstärke ist es – zumindest in kleineren Arealen – leicht durch zusätzliche Signale zu unterdrücken. Angeblich kann aber die US-Regierung das Signal verzerren oder auch abschalten.

Mit Präsident Biden hatte Niinistö unter anderem über die Stärkung der bilateralen Beziehungen und die „Sicherung der Verteidigung und Abschreckung in Nordeuropa“ gesprochen. Man kann das als Reaktion auf zweierlei verstehen: Zum einen hatte Russland noch vor dem Angriff auf die Ukraine festgestellt, dass Finnland und Schweden keinesfalls Mitglieder der Nato werden dürften. Inzwischen hat der Überfall auf die Ukraine die Sicherheitsbedenken der nordischen Nachbarn aktualisiert. Dieser Tage hat der Kreml diese Warnung erneuert, im Falle eines Beitritts werde Russland „Vergeltungsmaßnahmen ergreifen“. Die Gesprächsnotiz des Weißen Hauses balanciert auf diesem Grat, wenn sie zwar von einer irgendwie gemeinsamen „Abschreckung“ in Nordeuropa spricht, dabei aber auf bilaterale Wege verweist.

Am Freitag gab es ein Telefongespräch zwischen Präsident Sauli Niinistö und Wladimir Putin, in dem es angeblich ausschließlich um den Ukraine-Krieg ging. Man kann sich aber denken, was Niinistö seinem Amtskollegen außerdem gesagt haben dürfte. Und selbst wenn die GPS-Störungen nicht angesprochen wurden, so bildeten sie wohl den Hintergrund des Anrufes.

Niinistö: „Zuerst dachte ich, dass die Ukraine nur der Köder ist“

Niinistö gilt als ein intimer Kenner Putins. Vor einem Monat – zwei Wochen vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine – erzählte der finnische Präsident dem Spiegel seine Version der letzten Monate, die vielleicht einmal als Wendepunkt in die Geschichte eingehen werden. Interessant ist daran: Die ursprüngliche Wende bestand eigentlich in einer Annäherung der USA an Russland, welches der neuen Regierung Biden nicht mehr als Hauptgegner zu gelten schien. An diese Stelle war China gerückt. Hat genau diese Aufmerksamkeitsverschiebung den Russen die Möglichkeit gegeben, den Feldzug gegen das Nachbarland vorzubereiten?

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Irgendwann veränderte Putin sich „nicht in seiner Art, sondern in seinem Verhalten“, war „plötzlich sehr, sehr entschlossen“. Niinistö glaubt, dass der Staatschef eine Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollte. Danach kam die unannehmbare russische Forderung nach dem Nato-Rückbau auf den Stand von 1997 (ohne die osteuropäischen Verbündeten), die Putin damals nicht näher erklärt hat. Niinistö erzählt schließlich von einem Tagebucheintrag aus dem Dezember: „Zuerst dachte ich, dass die Ukraine für den Kreml nur der Köder ist, und die Forderungen gegenüber den Vereinigten Staaten und der Nato sind die eigentliche Beute. Aber vielleicht will Russland schließlich auch den Köder essen. Inzwischen glaube ich, dass es vielleicht mehr mit der Ukraine zu tun hat.“

Niinistö meinte zuletzt, dass Russland auch bereit sei, „hohe Preise für das zu bezahlen, was es für wichtig hält“. Diese Worte könnten auch Finnland einmal betreffen. Das Land hat sich dabei durchaus für eine kriegerische Auseinandersetzung gerüstet: Es verfügt über 300.000 Reservisten und laut Niinistö über eine der stärksten Artillerien in Europa.

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Kommentare ( 24 )

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pbmuenchen
6 Monate her

5g ist vermutlich für diese Störungen verantwortlich. Was man so hört und was auch zu vermuten ist, ist dieser neue Frequenzbereich unserer Gesundheit nicht zuträglich. Im Schatten von Corona wurden auch bei uns überall 5g-Antennen installiert und in Betrieb genommen.

Andy Malinski
6 Monate her
Antworten an  pbmuenchen

Weil irgendetwas auch „mit Funk“ betrieben wird und evtl. der Gesundheit nicht zuträglich sein soll, hat es noch lange nicht zwingend etwas mit GPS zu tun!

pbmuenchen
6 Monate her
Antworten an  Andy Malinski

In den USA wurde 5g in der Nähe von Flughäfen abgeschaltet, da dieses die Navigation gestört hat. https://www.fliegerrevue.aero/news-aktuelles/luftfahrt-zivil/unsicherheit-im-flugverkehr-wegen-5g-netz

pbmuenchen
6 Monate her
Antworten an  Andy Malinski
Helmut Kogelberger
6 Monate her
Antworten an  pbmuenchen

Ursache war, daß man für 5G ein Frequenzband freigegeben hatte, das zu nahe an jenem der Flugsicherungseinrichtungen lag.

ComputerMann
6 Monate her

Störsender für GPS sind nicht besonders schwer zu bauen, weil die Satelliten sehr weit entfernt sind (20000km) und zudem nur mit Sonnenenergie betrieben werden.

Da reicht dann ein relativ kleiner Sender in einem hoch fliegenden Flugzeug aus, um GPS wirksam zu stören.

Hans Meier
6 Monate her

Google (bzw CIA) betreibt in Kotka/Finnland ein „europåisches datensammel centrum“.keiner weiss was da vorgeht.kotka ist sehr nahe an der russ grenze.alle meine bemühungen mehr zu erfahren oder zu informieren werden rigoros via internetzensur vereitelt.die operieren da ohne von der öffentlichkeit gross wahrgenommen zu werden.

Rosenkohl
6 Monate her

Oder war der Grund für die GPS-Störung bereits der Sonnenwind, von dem wir in den kommenden zwei Wochen noch stärkere Störungen und Nordlichter erwarten?
vergl.: „A relatively weak C-class solar flare blasted from the earth-facing side of the Sun on Thursday last week. While Dr Tony Phillips of spaceweather.com stated that these flares are usually unremarkable, this one lasted for nearly 12 hours“, https://www.express.co.uk/news/science/1579515/Solar-storm-warning-direct-impact-predicted-Aurora-latest

Matthias J
6 Monate her

Natürlich kann man ohne GPS fliegen. Nach den alten regeln. ILS, VOR, DME NDB und so. Batürlich ist GPS bequemer. Eigentlich könnten die Piloten während des Fluges ne Rund e schlafen. Sogar die Landungen würden sogar automatisch gehen. Aber da traut sich noch keine Staat die Freigabe. Bei einem Unfall oder Terrorakt würde es mit Klagen hageln. Die Russen haben was ähnliches wie GPS. Nennt sich Glonass. Allerdings ging ihnen das geld aus. Das Problme beim GPS ist, dass es umsonst ist. Das amerikanische Militär ist an keine Verträge gebunden und könnte jederzeit das System sperren. Die Idee gibt es… Mehr

Andy Malinski
6 Monate her
Antworten an  Matthias J

… und die Chinesen (Beidou).

Olaf W1
6 Monate her

Wenn ich sowas schon wieder lese…. Das GPS-Signal kann tatsächlich gestört werden – aber nur lokal ganz stark begrenzt mit einem Jammer. Das ist aber nur in direkter Nähe zum zu störenden Responder möglich, da man das Signal von 4 Satelliten verzerren/stören müsste. Eine ganze Region mit sollen Störsignalen blind zunmachen, würde auch andere Sender wie UKW/MW, DAB+ oder normale Funkwellen wie WLAN und auch Richtfunk beeinträchtigten. Das tut es offensichtlich aber nicht, womit eine Angriff mittels Störsender (kladsisch bis HAARP) ausgeschlossen werden kann. Damit bleibt nur ein selektiver Ausfall, eine Manipulation der Amerikaner (die haben die exklusiven Zugänge zu… Mehr

jopa
6 Monate her
Antworten an  Olaf W1

Na ja? Gps sendet mit Frequenzen über 1 GHz, UKW sendet bei ca 100MHz, MW unter und knapp über 1 MHz, WLAn hat Reichweiten von wenigen Meters. Wenn also ein GHz-Störsender hier wirken will braucht er sehr viel Leistung, weil Ukw auf Frequenzmodulation beruht unsd Störsender mit gleicher oder mehr Leistung empfangen werden müssen, MW so weit weg ist und GHz Sörungen von den Empfängerfiltern unterdrückt werden. Und wenn Wlan nahe der Erde weiträumig gestört werden soll, muß der Sender sehr hoch stehen, wg der Ausbreitung. Fazit: ich kann GPS stören, ohne das andere Funkdienste zwangsläufig beeinflußt werden, wenn ich… Mehr

Helmut Kogelberger
6 Monate her
Antworten an  Olaf W1

Interessante Idee, daß die Amerikaner für Finnland ihre „Selective Availability“, also eine Anzeigeungenauigkeit eingeschaltet haben, um die offensichtliche Fehlerhaftigkeit der Positionsbestimmung durch NAVSTAR als fiesen russischen Cyberangriff zu brandmarken.
Bliebe die Frage, ob bord- und bodengestützte GPS Empfänger und Kontrolleinrichtungen die Anwendung von SA erkennen können.

Gabriele Kremmel
6 Monate her

Es wurden auch Satellitenstörungen gemeldet, die Telefone und Internet deutscher Teilnehmer lahmlegen. Diese begannen laut Auskunft der Provider ebenfalls mit dem Beginn der Kriegshandlungen in der Ukraine.

DerElfer
6 Monate her

Angeblich ist Bayraktar in der Ukraine erfolgreich. D.h. da stört Russland nicht, aber dafür das unbeteiligte Finnland? Also irgendjemand will uns hier einen (russ.) Bären aufbinden …

Ernst-Fr. Siebert
6 Monate her

Flüge von Finnair über Kaliningrad“ Wann nennen wir Moskau Moskwa, Warschau Warszawa, Krakau Kraków, Prag Praha, Kiew Київ …?Oder doch wieder Königsberg Königsberg, die Stadt Kants?

Albert Pflueger
6 Monate her
Antworten an  Ernst-Fr. Siebert

Warum sollten wir das tun, wenn wir über eigene Namen verfügen?

Lars Baecker
6 Monate her

Russische Drohgeste, fremde false-flag-Aktion? Wer weiß denn in Kriegszeiten auch nur irgendetwas ganz sicher, außer, dass Menschen ums Leben kommen? Ich tendiere mehr und mehr dazu, gar nichts mehr für so bare Münze zu nehmen, um mir davon eine Meinung bilden zu können. Man wird von Staat und Medien so dermaßen manipuliert (zumindest versuchen selbige es), dass es wehtut.
Und da ich ohnehin keinen Einfluss auf das Kriegsgeschehen habe, ist es mir mittlerweile auch egal, über was dahinhehend berichtet oder spekuliert wird. Interessant ist ohnehin zumeist das, worüber nicht berichtet wird.

Last edited 6 Monate her by Lars Baecker