Erdogan an die Taliban: Das »Land des Bruders« darf nicht erobert werden

Erdogan war auf Zypern die Besetzung des Landes vor 47 Jahren feiern, als er auch einige Sätze zum Einsatz türkischer Truppen in Afghanistan sagte, die Aufschluss über seinen islamischen Machtwillen geben. Nichts anderes bedeutete der Zypern-Besuch für das östliche Mittelmeer. Der Poker um Einflusszonen geht weiter.

picture alliance / AA | Ercin Erturk

Der türkische Staatspräsident und Möchtegern-Kalif Recep T. Erdogan hat sich direkt an die Taliban gewandt, deren Vormarsch er kritisiert. Das entspreche nicht dem Vorgehen von Muslimen gegenüber Muslimen. Daneben widerspricht Erdogan aber auch den Meldungen, nach denen die Taliban den Abzug der türkischen Truppen aus Afghanistan gefordert hätten. Er spricht von »eigenen Äußerungen« der Taliban in dieser Frage. Sie kännten sehr wohl die Position der Türkei in dieser Frage – also, was die Präsenz des türkischen Militärs in Kabul angeht.

Die türkische Regierung habe »einige Pläne« in Afghanistan und werde ihren Weg dementsprechend fortsetzen. Um das zu erreichen, strebt Erdogan auch direkte Gespräche mit den Taliban an, die sowohl das türkische Außenministerium als auch er persönlich führen will. Die Besetzung des überwiegend muslimischen Afghanistan durch die ultra-islamischen Taliban sei nicht richtig, so Erdogan weiter. Das »Land des Bruders« dürfe nicht kriegerisch eingenommen werden, und die Türkei habe die Taliban diesbezüglich gewarnt. Damit hat der Muslimbruder Erdogan offenbar auch die radikalen Islamschüler Afghanistans, die Taliban, die sich einst mit pakistanischer und saudischer Hilfe an die Macht putschten, zu seinen »Brüdern« erklärt.

Außerdem sagte Erdogan: »Wenn die Taliban mit den Vereinigten Staaten verhandeln konnten, dann sollte es ihnen viel leichter fallen, Gespräche mit der Türkei zu führen. Denn die Türkei hat nichts an ihrem Glauben auszusetzen.« Erdogan hegt offenbar die Hoffnung, leichter einen Konsens mit den Taliban zu finden, als es den USA möglich war. Er sieht oder inszeniert die Türkei auch hier als regionale Ordnungsmacht. Daneben verweist er auf die Gespräche der Doha-Runde und die Unterstützung durch die USA. Nicht unbedeutend war auch der Ort dieser Aussagen: Erdogan war zu Besuch in den türkisch besetzten Gebieten Zyperns.

Auf Zypern erinnerte Erdogan an den 47. Jahrestag der Besetzung Nord-Zyperns durch die türkische Armee, den er als »Feiertag der islamischen Welt« bezeichnete. Ersin Tatar, der »Präsident« der »Türkischen Republik Nord-Zypern« (die nur von der Türkei als Staat anerkannt wird), dankte auch den Vertretern Aserbaidschans, die von »derselben Nation« abstammten, für ihr Kommen. Bei dieser Gelegenheit bemühte Erdogan sich, den Graben zu kemalistischen Politikern wie dem Ex-Ministerpräsidenten Ecevit zuzuschütten, obwohl natürlich auch der Besuch einer Moschee mit einer weiteren Rede auf seinem Programm stand.

Zwei säkular-türkische Parteien haben den Erdogan-Besuch boykottiert und wurden von Ersin Tatar sogleich als Verräter bezeichnet und der Zusammenarbeit mit der griechisch-zypriotischen Seite beschuldigt. Der Sozialist Bülent Ecevit hatte 1974 türkische Truppen nach Zypern geschickt, um einen Teil der Insel für die türkische Minderheit zu vereinnahmen. Die 162.000 griechischen Einwohner des nordöstlichen Inselteils wurden vertrieben. Bis heute sind türkische Truppen dort stationiert.

Die Türkei fordert heute eine »Zwei-Staaten-Lösung« für Zypern und versucht so, die unrechtmäßige Besetzung des Nordteils zu verewigen. In Varosia, einem Stadtteil des besetzten Famagusta, der bisher gemäß UN-Statut als militärische Zone brachlag, wurden kurz vor dem Erdogan-Besuch griechische Straßenschilder und andere Aufschriften entfernt, darunter der Schriftzug »Griechisches Gymnasium« an einem klassizistischen Bau. Nun sollen griechische Zyprioten dorthin zurückgelockt werden, indem man ihnen die Rückgabe ihres Eigentums anbietet. Die griechische Regierung der Insel warnt vor solches Spielchen der türkischen Seite.

Unterdessen weitet die türkische Marine ihren Aktionsradius im Mittelmeer in provokativer Manier aus. So wurde Mitte Juli ein zypriotisches Schiff der Küstenwache von einem türkischen Schiff aggressiv angegangen, als es die zypriotischen Seegrenzen sicherte. Das Geschehen könnte mit der Ausweitung der türkischen Search-and-Rescue-Operationen zusammenhängen, die sich auf ein Gebiet bezieht, das etwa der imaginären »Blauen Heimat« der türkischen Führung entspricht, mithin weit in griechische und zyprische Gewässer eingreift. Nur eine Woche später erschienen zwei türkische Fregatten vor Kreta, als drei Handelsschiffe (eines davon unter maltesischer Flagge) dort schiffbrüchige Migranten einsammelten und teilten den Kapitänen mit, dass sie sich im türkischen Seenotrettungsgebiet befänden. Die Handelsschiffe ignorierten die türkische Ansage.

Am nächsten Tag meldete die griechische Küstenwache die Rettung von 36 der 45 Ausländer, die angeblich aus Syrien stammen. Was auch dieser Vorfall zeigt: Jede Bemühung zum Schutz der Seegrenzen lässt die Migranten auf andere Wege sinnen. Wenn Zypern seine Seegrenzen schließt, werden riskante Fahrten zum weit entfernten Kreta unternommen. Als Griechenland dasselbe in der Ägäis tat, wollten die Migranten bis nach Italien durchfahren. Gibt es dann noch einen Akteur, der nach eigenen Regeln spielt, wird der Schutz der EU-Außengrenzen zum Spielball in einem diplomatischen Poker.

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Kommentare ( 15 )

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luxlimbus
1 Monat her

Wer es bisher noch nicht gewusst haben will – Erdogans Bruder ist der Islam-Faschismus, Bruder-Taliban eben!
Die westliche Aufklärung ist dazu verdammt eine High-Tech Erfindung eines elitären Kreises von Menschen zu bleiben, dessen entfesselte, inspirierende Kräfte gerade gut genug waren, den ihm entgegenstehenden menschlichen Unrat wieder zurück in die dominierenden Positionen zu bringen.

Soeren Haeberle
1 Monat her

Erdogan an die Taliban: Das »Land des Bruders« darf nicht erobert werden.
Ist auch gar nicht nötig!
Als Erinnerung an die Zensoren!:
Erdogan weiß wie „Ummah“ geht:

„Habt fünf Kinder, nicht drei. Ihr seid Europas Zukunft.“
„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind“
Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Sonny
1 Monat her

Erdogan ist einer der schlimmsten, wenn nicht sogar der schlimmste Diktator in Europa. Und der Rest von Europa schaut einfach zu oder macht Geschäfte mit ihm. Im Grunde hat sich in der Welt überhaupt nichts geändert.

Wilhelm Roepke
1 Monat her

Wenn die Nato die Türkei nicht bald hinauswirft, kann sie sich gleich selbst auflösen. Solche Leute passen nicht in das Bündnis. Ich würde dem türkischen Volk eine Frist setzen: entweder Erdogan und seine Partei sind bis 1 Jahr nach der nächsten regulären Wahl durch westlichere Kräfte abgelöst oder die Mitgliedschaft in der Nato ist Geschichte.

EinBuerger
2 Monate her

Die Taliban werden Erdogan aus Afghanistan werfen. Nur weil er Muslim ist, darf er trotzdem Afghanistan nicht beherrschen. Ansonsten versucht Erdogan eine regionale Großmacht zu sein. Aber der Türkei fehlt dafür vermutlich das Geld. Es sei denn sie hat einen großzügigen Geldgeber, z.B. irgendeinen Golfstaat.
Sehr gute Chance sehe ich für Erdogan bei den Muslimen auf dem Balkan, den Bosniern und den Albanern. Die waren und sind natürliche Verbündete der Osmanen/heutigen Türken.

WeltbegaffenderRumReisender
1 Monat her
Antworten an  EinBuerger

„…sind natürliche Verbündete der Osmanen/heutigen Türken.“ Wohl nicht ganz „natürliche Verbündete“. Albanien und Bosnien (beide ehemals christlich) wurden durch Angriffskriege seitens der Osmanen im Mittelalter islamisiert. In Bosnien gab’s in dieser Zeit zudem eine weltflüchtige christl. Sekte, die sog. „Bogomilen“, „die von Gott geliebten“, vielleicht vergleichbar mit den Katharern „die Reinen“ in West-Europa. Die Bogomilen in Bosnien sind zumeist freiwillig zum Islam konvertiert; die anderen zum Islam übergetretenen in Bosnien waren oft Angehörige der sog. unteren Volksschichten, kamen sie so zu wirtschaftl. und gesellschaftl. Vorteilen. Die Türkei sieht sich heute als Schutzmacht von Albanien, als Schutz vor Griechenland und eben… Mehr

Last edited 1 Monat her by WeltbegaffenderRumReisender
Nibelung
2 Monate her

Ist doch merkwürdig wie die US-Regierung sich von einem nationalistischen Hardliner in der Türkei an der Nase kitzeln läßt und da kommt man automatisch auf Hitler zurück, der sie auch über viele Jahre nervlich strapaziert hat und genau wie der Regierende aus Anatolien wurde auch er mit vielen Dingen unterstützt, bis er es dann übertrieben hat und sie bis zum Schluß noch widerwillig in den Krieg eingetreten sind um ihn beiseite zu schaffen. Die Gründe dafür können vielseitig sein, vermutlich will man Rußland dort das Feld nicht überlassen und deshalb genießt er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gewisse Narrenfreiheit, mal ganz… Mehr

Fritz Wunderlich
2 Monate her

Damit hat der Muslimbruder Erdogan auch die …..Taliban ……. zu seinen »Brüdern« erklärt.Wen wundert das? Er hat doch auch die ISIS Kämpfer unterstützt und trat damit in die Fußstapfen unserer heiß geliebten Führer der Wertegemeinschaft und unserer saudischen Waffenbrüder. Warum hier herumkritisiert wird, verstehe ich nicht.Sonst wird doch keiner der US Präsidenten oder Saudifreunde hier zur Sanktion ausgerufen. Das wäre ja was ganz Neues.

Ralf Poehling
2 Monate her

Salamitaktik in voller Ausprägung.

jens uwe
2 Monate her

Die Türkei, hat nichts an ihnem Glauben auszusetzen.
Steinigung und Beschneidungen, Sharia und Aberglauben, Menschenrechte und Demokratie.
Das Natomitglied Türkei.

Schwabenwilli
2 Monate her

Was Erdogan will ist so offensichtlich wie primitiv. Er will der der Gröfaz der islamischen Welt werden und die Türkei das Zentrum des Islam. Die Golfstaaten wie Bahrein, UAE, Saudi Arabien (Katar?) wissen schon lange das sie, wenn es nach Erdogan geht, abgelöst werden sollen. Die Türken sind in diesen Ländern nicht umsonst so beliebt wie ein Furunkel am A…… Und dann ist da noch die schiitische Welt. Und das sich die Afghanen und wenn es weiter nach Erdogan geht, die Pakistani unter die „brüderliche Fuchtel“ der Türken begeben. Da kann ich nur lachen. Es ist aber ganz gut das… Mehr